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Eine Reise zur Quelle der Chenfamilie


Als mich mein Lehrer 2010 ansprach mit nach China zu reisen, dachte ich im ersten Augenblick: „Ich, der gerade seine Ausbildung begonnen hatte - zwischen all den vielen Taiji Experten?!“

War das schon jetzt der richtige Zeitpunkt für mich?

Nachdem ich mich genauer mit der Reise beschäftigte, wurde mir schnell bewusst, welchen einmaligen, sogar „historischen“ Anlass diese Reise bot!
Wir starteten am 24.März mit Jan und ca. dreißig weiteren WCTAG Mitgliedern in Frankfurt. Schon die Begrüßung war sehr herzlich und die Anreise nach Peking verging wie „im Flug“. Es wartete auf uns ein sehr kontrastreiches und abwechslungsreiches Programm und vor allem drei Wochen Taiji! In Peking angekommen mussten wir alle unsere Müdigkeit überwinden, überquerten den Platz des himmlischen Friedens und „kämpften“ uns durch die verbotene Stadt. Die enormen Menschenansammlungen und diese unvorstellbaren Weiten dieser „Kaiserstadt“ gaben mir einen Vorgeschmack auf die Größe dieses Landes. Abends besuchte ich noch mit meinem Zimmerkameraden Michael aus Berlin einen einheimischen Markt. Wir staunten über die herrlichen Obst und Gemüsestände - insbesondere, wie Fisch und Fleisch präsentiert wurden. Die 1000 jährigen Eier wollten wir dann aber jedoch nicht probieren ;-). Unsere erste Nacht in China verbrachten wir in einem sehr schönen und modernen Hotel. Ich lief noch einige Male auf dem hoteleigenen Parkplatz die Form und kam ein wenig zur Ruhe. Was für ein erster Tag!
Am nächsten Tag besuchten wir „die Mauer“- unglaublich wie dieses Weltwunder von Menschen gebaut werden konnte. Ich blieb immer mal wieder „stehen“ und machte mir bewusst: „Du bist jetzt hier“! Unsere müden Füße wurden anschließend im Beijing TCM Center mit einer Fuss-Reflex-Zonen-Massage verwöhnt und auch das ein oder andere „Leiden“ wurde auf Wunsch gleich mitbehandelt.
Abends begaben wir uns in „Klassenfahrtmanier“ in den Nachtzug nach Luoyang mit dem Ziel Chenjiagou. Mit viel guter Laune bewältigten wir in sechser Schlafabteils die erste große Entfernung auf der Schiene. Nach ein paar Stunden Schlaf, gings dann im Bus endlich nach Chenjiagou, dem historischen Ursprungsort des Taijiquan in der Provinz Henan. Im Dorf angekommen wurden wir gleich von Chen Ziqiang, dem Leiter der Schule begrüßt.

Wir hatten es geschafft – wir waren „angekommen“!


Es folgten sieben unvergessene Tage, in denen wir alle das Training bei Großmeister Chen Xiaowang und Jan genießen konnten. Wir trafen nun auch auf die brasilianische Gruppe und auf weitere Schüler der WCTA wie z.B. aus den USA. Es ist ein schönes Gefühl ein Teil dieser großen „Familie“ zu sein.
Die Bedingungen in der Schule waren sehr einfach. So konnte ich mich genau auf das konzentrieren, warum ich hier war - Taiji üben!
Da bewunderte ich meinen Zimmerkameraden Michael, der jeden Tag mindestens ein bis zwei Stunden vor mir aufstand und meditierte. Meine Regenerationsphasen waren da doch etwas länger.
Am morgen vor dem gemeinsamen Frühstück versorgten wir uns immer bei einem älteren Herrn, der auf der Hauptstraße seine Waren anbot. Jedes mal schauten wir in ein fröhliches und zufriedenes Gesicht, wenn wir seinen Stand besuchten. Wir genossen seine aromatischen Mangos und freuten uns besonders, mit welcher Ruhe und Freude er uns eine Ananas zubereitete. Bevor unser Training bei Chen Xiaowang startete, konnten wir jeden morgen die Kinder bestaunen, die schon mit großem Fleiß draußen trainierten.
Sogar die Kleinsten waren mit dabei, wie z.B. ein 5-jähriger, der die Paochui lief. Das Training insgesamt war einfach nur Klasse. Ich habe in diesen Tagen viel dazu gelernt. Gerade deshalb, weil jeder ansprechbar war und mit Rat und Tat zur Seite stand. In der Trainingshalle, die mit ca. 95 Teilnehmern aus rund 10 Ländern gut gefüllt war, konnte ich mich gut orientieren und Anschluss halten, da mir noch einige Teile der Laojia Yilu fehlten. Auch die Trainingseinheiten außerhalb des offiziellen Unterrichts, insbesondere mit den Berlinern Christoph, Angela und Michael haben mich weiter in der Form gefestigt.
Jan gab uns in den folgenden Tagen weitere Einblicke in die Geschichte Chenjiagous und deren berühmten Meister des Chenstils. Es war für mich immer wieder beeindruckend, welchen Wissensschatz er bei sich trug und uns daran teilhaben lies. Besonders interessant fand ich seine Führung durch Chenjiagou, Besichtigung der Tempelanlagen und sein Bericht um die Schlacht am „Graben“ von Chenjiagou.
Auch die abendliche Vorführung des Chenjiagou Showteams mit Einlagen von Jan und Gerhard, sowie zur Krönung mit den Großmeistern Chen Yu, Chen Xiaoxing und vor allem Chen Xiaowang waren großartig! Die anstehenden Prüfungen zur Abnahme der Duan Graduierung der chinesischen Regierung (IWuF), die speziell zu diesem Anlass aus Peking anreiste, versetzte dem einen oder anderen einen besonderen Motivationsschub. Es wurde zum Teil bis zum Einbruch der Dunkelheit trainiert. Am Tag der Prüfung zahlte sich der Trainingseinsatz aus und alle Teilnehmer konnten sich über die guten Duan-Ergebnisse freuen.
Zwei besondere Momente durfte ich erleben, als am 29. März unser Verband als Danksagung an Chen Xiaowang die erste nichtchinesische Steinstele in der Geschichte Chenjiagous einweihte. Ein wirklich bewegender Augenblick und zugleich historischer Tag in der Verbandsgeschichte. Für mich persönlich war ein weiterer Höhepunkt die Zeremonie zur Aufnahme in die 20. Generation, bei der meine beiden Lehrer Sonja und Robert Waag die Ernennungsurkunde überreicht bekamen!
Leider hieß es am nächsten Morgen Abschied nehmen!
Wir setzten unsere Reise in Richtung Shaolin fort. Die Klosteranlagen sind dort sehr schön, jedoch hat der Tourismus hier schon seine Spuren hinterlassen. Nachmittags besichtigten wir die Longmen Grotten, einer der größten buddhistischen Grotten Chinas. Anschließend folgte eine Zugfahrt nach Huashan. Ich dachte bei dieser Tagesfahrt an einen kleinen Zug, Einheimische die ihre Hühner in Käfigen transportieren u.s.w.. Was uns dort jedoch erwartete war eher galaktisch. Ein Bahnhof so groß wie ein Flughafen und eine Hochgeschwindigkeitstrasse auf der wir mit über 300 kmh unseren Zielort schnell erreichten.
In Huashan erinnere ich mich besonders gern an die von Jan angeleitete Sitzmeditation. Hier, in dem privaten und touristisch unzugänglichen Jade Quelle Kloster so richtig die Stille genießen. Es folgten interessante Vorträge zum Daodejing und viel gutes Training, dass mich zum Teil an meine körperlichen Grenzen brachte. In dem Zusammenhang muss ich heute noch an die Figur: „Der golden Hahn steht auf einem Bein“ denken, mit der Jan uns besonders herausforderte und die lange Standzeit meine „Flügel“ immer müder werden ließ ;-).

Das für mich landschaftlich schönste Erlebnis war die Tour im Huashan Gebirge. Mystischer Nebel lag beim Aufstieg am Berg und am Nachmittag wurden wir mit herrlichem Sonnenschein und grandiosem Ausblick belohnt. Die Luft hier oben in über 2000 m war wunderbar und die doch sehr stark beanspruchten Atemwege konnten sich ein wenig erholen.

In dieser tollen Gruppe von Gleichgesinnten zu reisen war ein wirkliches Geschenk. Man kümmerte sich herzlich um den Nächsten und als wir erfuhren, dass Astrid Geburtstag hatte, entschieden wir uns kurzer Hand ein kleines Feuerwerk vor dem Hotel zu zünden und mit einer Salve von lauten Schüssen ihr alles Gute für das kommende Lebensjahr zu wünschen.
Das nächste Weltwunder wartete bereits. Wir besuchten die Terrakotta Armee. Eine unglaubliche Dimension die sich dort präsentierte. Wir erfuhren, dass auch deutsches Know- How im Einsatz war, um in einem speziellen Verfahren die vielen Krieger freizulegen.
Anschließend ging es weiter nach Xian. Eine sehr schöne Stadt mit Stadtmauer und einem einzigartigen Künstlerviertel. Abends tauchten wir in die bunten Straßen der Altstadt ein und genossen die herrlichen Angebote der mobilen Garküchen. Am nächsten morgen starteten wir nach Louguantai um dort Ren Farong zu treffen. Ren Farong gilt offiziell als der wichtigste daoistische Großmeister der VR China. Es war ein besonderes Treffen und eine schöne Atmosphäre in der wir seinen Ausführungen lauschten. In der wunderschönen Tempelanlage bekamen wir von Jan eine Standkorrektur und durften „stehen“ und genießen!
Es folgte der letzte Tag in Xian an dem wir uns am frühen morgen in einer parkähnlichen Anlage trafen um gemeinsam zu trainieren. Es war erstaunlich, wie viele ältere Chinesen bereits fleißig ihre Form liefen. Wir bekamen sogar nach unserer ersten Trainingseinheit, in der wir die Form und Anwendungen übten Beifall und zum Ende des Aufenthaltes wollte sich ein Einheimischer mit einer Anwendung bei Jan versuchen. Sie standen sich beide gegenüber und Jan forderte ihn auf es zu probieren. Anfänglich schien er entschlossen – doch dann wandte er sich plötzlich ab. Respekt! Der Kampf war schon vorbei, bevor er überhaupt angefangen hatte!
Die Reise neigte sich jetzt leider dem Ende. Unseren Abschiedstag verbrachten wir in der Millionen Metropole Shanghai. Vom Bund aus, der Uferpromenade, bestaunten wir die atemberaubende Skyline. Ein wirklich schöner Abschluss war dann die gemeinsame Hafenrundfahrt auf der wir noch einmal auf die letzten drei Wochen zufrieden zurück blicken konnten.

In Deutschland wieder angekommen bemerkte ich, wie diese Reise wertvolle „Spuren“ bei mir hinterlassen hat.

  • Danke Robert und Sonja, dass ihr mir die „ersten Schritte“ beigebracht habt 
  • Danke Christoph und Michael für die zusätzlichen Trainingseinheiten 
  • Danke Reiner für die atemberaubende Foto-CD 
  • Danke Jan für den tollen Unterricht und die perfekte Leitung der Reise 
  • Danke Chen Xiaowang für dieses wunderbare System

Ja – es war für mich genau der richtige Augenblick für diese „Reise“ !!!

Karsten Fritz