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World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany 世界陳小旺太極拳德會

Editorial 2014

Meine Güte, ich erinnere mich noch daran, als ich ein kleiner aufmüpfiger Jugendlicher war, wie ich dem alles entscheidenden Jahr 1984 entgegenfieberte, um zu sehen, ob George Orwell mit seiner Angstvision recht behalten sollte. Doch was dann in meinem Leben passierte, war etwas völlig anderes: Ich entdeckte Taijiquan, was und das erinnere ich noch ganz genau, seit meiner allerersten Trainingsstunde mein Leben komplett auf den Kopf stellte: Ich wusste, das war es. Ich wollte nichts anderes mehr machen. Ich hörte auf zu rauchen, hörte auf zu trinken, versuchte ein guter Mensch zu werden und trainierte, trainierte, trainierte. Schon bald gewann ich eine Europameisterschaft und mir wurde klar, ich musste nach China, wenn ich das hier wirklich lernen wollte. Denn nach drei Jahren bereits eine Europameisterschaft gewonnen zu haben, konnte nur heißen, dass nicht ich gut war, sondern dass wir alle keine Ahnung von dem hatten, was wir taten. Es folgten die Jahre im Osten und dann der Verbandsaufbau im Westen. Und ein geteiltes Leben: Auf der einen Seite der zurückgezogene Einsiedler, der sich von einem Retreat zum anderen schwang und auf der anderen Seite der aufgeklärte Verbandsleiter, der realpolitisch versuchte, alles bestmöglich in die Wege zu leiten. Oft ein schwieriger Spagat und ich musste entdecken, dass es manchmal durchaus nicht einfach war, unseren Mitgliedern Lehrer und Verbandsleiter gleichzeitig zu sein. Denn je erfolgreicher und größer der Verband wurde, umso mehr Probleme traten auch auf und es war nicht immer möglich, Beschlüsse umzusetzen, die das Gefallen aller traf. Aber ich lernte auch, dass es eine tolle Herausforderung war und ist, zu versuchen die Weisheiten aus dem Training real in der Wirklichkeit umzusetzen. Problemen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie zu lösen. Nicht andere zu kritisieren, sondern selbst zu versuchen, wirklich etwas Gutes auf die Beine zu stellen. Das Daodejing beschreibt es wie kein zweites Buch: Die Kunst die innerlich erworbene Weisheit im Äußeren umzusetzen. Das klingt sehr romantisch und schön, doch wir alle wissen, wie schwer das ist. Ob nun Verbandsleiter, Mutter, Berufstätiger, Arbeitsloser oder was auch immer - wir alle stehen täglich in dem Spannungsfeld zwischen Ideal und realer Umsetzung. Aber das Wichtigste, was ich lernte war: Mein Taijiquan war immer mit dabei. In Zeiten der totalen Stille, im Rausch des All-Eins-Gefühls genauso wie in Zeiten großer Hektik wie z.B. gerade jetzt, kurz vor Redaktionsschluss des neuen Chen Magazins bei gleichzeitiger Druckabgabe meines neuesten Buches, einem weiteren eBook und alles inmitten einer laufenden Seminarreihe.
So auch die Form. Oft tiefgreifend und berührend, wo man das Gefühl hat in tiefster Umarmung mit der Schöpfung Weihnachten zu feiern und dann wieder in völliger Hektik mal eben zwischendurch eine Kurzform, bevor die Arbeit weitergeht. Taijiquan wird so auch zur Messlatte. In Stille will man nichts anderes mehr machen, in der Hektik zwingt man sich zumindest zu eben dieser einen Form, während der man vor Ungeduld fast zerplatzen möchte, geht es doch gleich am Schreibtisch weiter. Hier in der Form spätestens merken wir, wie es um uns bestellt ist. Gnadenlos. Hier können wir unser Durcheinander nicht mehr verstecken, wie im turbulenten Alltag. Doch eines ist immer da: das Lachen im Hintergrund, dass sich wie ein kleines Kind freut, wenn es beobachtet, ob die Hektik es geschafft hat, einen hinfortzureißen oder ob ich mitten in ihr stehend Balance halten konnte. Die Freude, durch das Taijiquan einen Pol gefunden zu haben, der mir immer als guter Freund mit seinen guten Ratschlägen und seiner heilsamen Aufmerksamkeit zur Seite steht. Die Tage mögen ruhig oder überladen sein - das Taijiquan steht geduldig da und wartet auf mich. Es ist jederzeit da, mich wieder auf das einzig Wesentliche zu besinnen: unser Sein und die Schöpfung in der wir leben. Sie sofort wieder zu erspüren und den Tag zu einem Geschenk werden zu lassen. So sieht mich die Welt nicht nur zurückgezogen auf meinem Trainingsplatz, sondern auch an Flughäfen, Bahnhöfen, Warteschlangen aller Art sowie in jeder Arbeitspause meine Formen laufen - durch das Taijiquan gibt es keine Wartezeiten mehr, durch das Taijiquan wird eine Pause wirklich zur Erholung. Denn statt nach einer langen Konferenz in der Pause weiterzuquatschen, kehrt nun Stille ein. Statt nach langem Sitzen dies in der Cafeteria fortzusetzen, setzt nun Bewegung ein. Ob zentraler Mittelpunkt des Tages oder als Ausgleich: Immer führen die Bewegungen des Taijiquan in Richtung der eigenen Mitte, in den Ruhepol meiner selbst. Von dort aus kommt die Kraft, es mit dem anderen immer wieder zu versuchen, Probleme immer wieder in Angriff zu nehmen, hier schöpfe ich Energie. Ob im Retreat oder im hektischten Alltag, ob Yilu oder Paochui: Taijiquan ist mein Freund, der treuer ist, als ich selbst je sein könnte. Danke!

Die besten Wünsche für Euch und Euren Taiji-Alltag in einem hoffentlich sehr ruhigen, zentriert-freudigen, aktionsreichen und sicher manchmal auch hektischen Jahr 2014.
Euer Jan Silberstorff