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Editorial 2003

Viele von Euch haben sicherlich meine Kolumnen im Taiji-Qigong-Journal verfolgt und haben festgestellt: Ruhe, Stille, Spiritualität. Es geht immer wieder um diese Inhalte. Auch mein letztes Editorial war bereits hierauf ausgerichtet.
Spiritualität war schon immer ein wichtiger Bestandteil des Taijiquan und unserer Arbeit.
Und jetzt, nach fast 10 Jahren (!) der Aufbauarbeit der WCTAG und des klassischen Chenstils nach Chen Xiaowang, dürfen wir auch als Organisation langsam zur Ruhe kommen. Alles wichtige ist getan, um den Menschen in unserem Land Zugang zu unserem Medium der ganzheitlichen Entwicklung zu ermöglichen. Das Ausbildungssystem steht und ist in all seinen Stufen besetzt. Wir sind im ganzen Land vertreten und sind an allen öffentlichen Stellen anerkannt. Wir haben unsere Arbeit veröffentlicht und auch eine weitere wichtige Aufgabe ist erfüllt worden: Taijiquan in Deutschland u.a. auch wieder als Kampfkunst zu etablieren.
Kurz: Die Aufbauarbeit ist getan, jetzt können wir zur Ruhe kommen und uns einer Sache voll und ganz widmen: Der Praxis.
Und was passiert, wenn alles getan ist, wenn Ruhe im Land einkehrt und für alles und alle gesorgt ist: `Spirituelles Erwachen´. Nur in Zeiten des Friedens und ausreichender Versorgung kann Spiritualität großflächig reifen.
Erst aus der Ruhe kommen wir zur Stille und erst in der Stille öffnet sich für uns der Raum.
Klassisch: Die große Bewegung ist nicht besser als die kleine. Die kleine Bewegung ist nicht besser als die Nichtbewegung. Aus der Nichtbewegung entsteht wahre Bewegung.
Was unseren Verband angeht: Die großen Bewegungen sind getan, wir arbeiten jetzt an den Feinheiten. Wir kommen zu dem Zustand, wo wir einfach nur noch weitermachen müssen. Wo wir vertiefen können. Wo wir einen Zustand von Selbstverständlichkeit, von Natürlichkeit erreichen können. Es öffnet sich der Raum für Wahrhaftigkeit.
In erster Linie für das Individuum, aber auch für unseren Verband als Organisation. Auch hier wollen wir reifen und unsere Erfahrungen nutzen, besser für Euch da sein zu können.
Doch der Verband ist nur die äußere Haut, ein Medium in einer kommunikativen Welt. Wichtig ist, was darunter passiert - in uns selbst. Gerade für uns selbst ist dieses innere Reifen, dass, worauf alles abzielt. Jeder Weg, jede solcher Übungsformen mündet schließlich und endlich in ein und derselben Sache: Die Bewegung des Lebens zu harmonisieren. Darüber zur Stille zu gelangen und in eine neue Dimension eintreten: In die Ganzheit. Dort, wo alles in einem einzigen Punkt zusammenfließt, wo nichts mehr getrennt ist.
Wo wir an die Quelle zurückgekehrt sind.

Ich wünsche allen Mitgliedern und Freunden, diese Möglichkeit für sich persönlich annehmen zu können und will gleich konkret Unterstützung anbieten:

  • in all unseren vielen Wochenkursen unserer Kursleiter, Lehrer und Ausbilder
  • auf den örtlichen Lehrgängen der Lehrer
  • auf den vielen übergeordneten Seminaren von Gerhard, mir und dem Großmeister

und wer wirklich intensiv in die Stille gehen möchte und das mit uns Ausbildern tun möchte:

  • unser ganzjähriger `Tempelpark´
  • Gerhards Korea Reise `In die Stille´
  • der Lehrgang `Taiji, Stille und Spiritualität´ von mir

sowie zum Kennenlernen daoistischer Traditionen, wie auch Chenjiagou:

In diesem Sinne alles Liebe und viel Raum für Entwicklung wünscht Euch,

Euer Jan Silberstorff

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Ein Einsiedler, ein Westler und ein Motorradfahrer

Es war ein langer staubiger Feldweg, der mich vom daoistischen Tempel Louguantai weiter in die Berge führte. Die Sonne stand hoch am Himmel. 37 Grad, wie an jenem Tag, sind hier in der Shaanxi Provinz im Sommer keine Seltenheit. Der Louguantai-Tempel liegt am Fuße des Qin Ling Gebirges und gilt der Überlieferung nach als der Ort, an dem `Laotse´ sein `Dao De Jing´ hinterlassen haben soll. Nachdem ich einige Tage im Kloster verbracht hatte, zog es mich hinaus in die endlosen Felder und Höhen, die hier, abseits der großen Städte, mitten in der VR China, so reichlich vorhanden waren. In der Ferne konnte ich eine buddhistische Pagode ausmachen, soweit wollte ich gehen. Den Erzählungen nach, soll dort im 7. Jahrhundert die christliche Sekte der Niestorien bereits eine Kirche errichtet haben. Es ist sehr einfach hier auf dem Land, ähnlich, wie ich es aus Chenjiagou schon von damals her kannte. Sehr schlicht, aber sehr ruhig. Kleine Gehöfte, kaum Bauernhöfe zu nennen, schlichen langsam an mir vorbei. Eine einfache Dorfschule und sogar eine kleine Wushu-Schule kreuzten meinen Weg. Alles lediglich Lehmhütten. Der Boden drinnen wie draußen war einfach nur die Erde. Erhöhte Platten in den Innenräumen dienten als Betten; dort wo von draußen der Lehm schwarz gerußt war, wußte man im Inneren die Küche. Erinnerungen an meine ersten Chinareisen Ende der 80er Jahre kamen mir in den Sinn, als ich selbst noch so wie hier wohnen durfte. Kein Wasser außerhalb des Dorfbrunnens, immer verschwitzt, doch: Still war es hier. Ich sah keine besonders glücklichen Menschen, aber auch keine unglücklichen. Die Alten saßen auf kleinen Schemeln vor den Türen, sahen den Kindern beim Spielen zu. Das Kleinste drei, die Älteste über 80. Alle erstarrten kurz, als sie mich sahen, strahlten aber sofort über das gesamte Gesicht, als ich auf Chinesisch grüßte. Es wurde mir Tee gebracht, ich sollte mich setzen. Aber ich wollte weiter, ich liebe es, mitten auf dem Land durch die Felder zu wandern.
Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass die Pagode doch weiter war, als ich vermutet hatte. Ich überlegte umzukehren, da näherte sich, gefolgt von einer großen Staubwolke, eines dieser kleinen Motorräder, wie sie auf dem Land teilweise üblich sind. Das erste scheinbare Geräusch seit ich auf diesem Weg bin. Der Fahrer bot sich mir an, mich ein Stück mitzunehmen. Er fragte genau so wenig wie ich, wo wer von uns hin will. Es gibt ohnehin nur diesen einen Weg.
Als wir an der Pagode ankamen, bat ich ihn anzuhalten. Kein Mensch war zu sehen. Eine buddhistische Pagode, mitten im Nichts, umringt von Maisfeldern und kleinen Höfen. Daneben wieder eine Lehmhütte. Der Vorhang der vor dem Eingang wurde zurückgeworfen, ein alter buddhistischer Mönch in voller Robe stand plötzlich vor mir. Er sprach mich an. Aufgrund seines sehr ländlichen Dialekts fiel mir zunächst nur auf, das ihm fast alle Zähne fehlten. Dann, langsam gewöhnte ich mich an seine Worte und verstand, dass ich die Räucherkerzen anzünden sollte, die er in den Händen hielt. Wir gingen in seine dunkle Lehmhütte. Ein kleines Bett, viel Gerümpel und ein kleiner Altar mit einem Buddha-Bild. Ich entzündete die Kerzen und erwies meinen Respekt. Er schlug dazu eine kleine Glocke.
Der Motorradfahrer erzählte mir, dass dies der einzige Mönch hier sei. Er sei der einzige Schüler einer erst kürzlich mit 116 Jahren verstorbenen Nonne, die ebenfalls seit ihrem elften Lebensjahr hier auf die Pagode aufpasste. Auch sie sei jahrzehntelang alleine hier gewesen, bis in den letzten 30 Jahren ihres Lebens dieser Mönch als ihr Schüler hierblieb. Ich schaute mich um. Keine goldenen Reliquien, keine großen Tempel, keine Postkartenverkäufer. Nur diese Lehmhütte, eine Pagode und dieser alte Mann. Als ich nach seiner Lehrerin fragte, holte er einen kleinen Glasrahmen heraus. Ich versuchte ihn irgendwie ins Licht zu halten, aber auch dann konnte ich noch immer nichts darin erkennen. Selbst überrascht, holte der Mönch ein Tuch und wischt eine milimeter dicke Staubschicht ab. Das Foto einer sehr alten Nonne erschien.
Eine kleine Spende ist üblich, doch ich hatte nur einen 50 Yuan-Schein. 5 Yuan sind die Regel. Nachdem er einige Minuten in seinem Gewand und in einigen Marmeladengläsern, unter einem Heft und hinter den Räucherstäbchen kramte, fördert er etwa 10 Yuan in rund 40 kleinen Scheinen als Wechselgeld heraus. Mehr habe er nicht. Ich bedankte mich mehrfach, deutete ihm aber an, wenn dem nun einmal so sei, solle er bitte das ganze Geld behalten, es sei o.k.. Er kramte noch eine Weile und als ich meine Bitte dann zum vierten Mal wiederholte, willigte er ein. Wir gingen wieder nach draußen und verabschiedeten uns. Ich musste zurück in den Louguantai.
Nachts lag ich noch eine Weile wach, der Mönch ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Am nächsten Morgen trug es mich noch einmal zu ihm hin, ich wollte mich verabschieden, meine Reise ging weiter. Diesmal schaffte ich die Strecke zu Fuß. Wieder trat mir der Mönch entgegen, sonst war niemand zu sehen. Strahlend sagte er zu mir, der Motorradfahrer sei morgens schon da gewesen. Er hätte den Schein wechseln können und er, der Mönch, hätte ihm die 30 Yuan für mich mitgegeben, ganz so, wie ich es dem Fahrer beauftragt hätte. Erstaunt gucke ich ihn an und sagte, dass ich nichts dergleichen zu dem Fahrer gesagt hätte und kein Geld zurück wollte.
"Du hast nichts zu ihm gesagt?" fragte mich der Mönch. "Nichts" antwortete ich ihm.
Wortlos blickten wir beide über die unendlichen Maisfelder bis hin zu der in der Ferne verlaufenden Gebirgskette. Die Sonne brannte wie am Vortag. Nach einer Weile ging er zurück in seine Lehmhütte, und ich flog einen Tag später wieder zurück nach Deutschland.

 

Ein Einsiedler, ein Westler und ein Motorradfahrer. Zwei verbundene Herzen und eine Tasche voller Geld...

Jan Silberstorff


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Sich aus allem das Beste nehmen....

Ein Interview mit dem buddhistischen Lama Ole Nydahl, geführt von Claudia Mohr und Jan Silberstorff

Was sollte man beachten, wenn man eine asiatische Kultur in den Westen bringt?

Jeder sollte versuchen, das Beste überall zu nehmen. Wir haben unvergleichliche Dinge im Westen wie Durchsichtigkeit, soziale Vorstellung, Demokratie. Also, den großen äußeren Rahmen nicht aufgeben, auch wenn man sich einer fremden Kultur nähert oder Dinge davon zu sich nimmt, sollte man nie vergessen, was man selbst an Vorteilen und Reichtümern mit hat.
Auf der anderen Seite hat uns das nach „außen gehen“ und organisieren versäumen lassen, was es an inneren Möglichkeiten gibt, was der Mensch mit sich selbst machen kann. Wir haben so viel mit der Gesellschaft, der Umwelt gemacht, sodass wir einfach den eigenen schlafenden, inneren Riesen vergessen haben, was wir selbst an Kräften in uns haben. Und da ist es ja so, das Asien großartig von uns lernt, auf vielen Ebenen schaffen es einige von ihnen tatsächlich demokratisch zu werden. Und auf genau der selben Weise ist bei uns ein riesiges Interesse entstanden um den ganzen inneren Raum des Menschen, dessen Möglichkeiten zu verwirklichen.
Bei uns in der Religion kommen Erfahrungsreligionen rein, Religionen wo man eigentlich keine Dogmen vorgesetzt bekommt. Man bekommt verschiedene Mittel, verwendet sie, dadurch wächst das Vertrauen, sodass am Ende ein völliges Erfahren kommt, von dem worauf man zielt. Und bei euch auch, mit eurer erstklassigen Körperkultur, Nutzung der Möglichkeiten von Körper und Geist. Da ist es das Selbe, die Leute kommen mit Freude zu euch, weil sie plötzlich entdecken, was der Körper alles tun kann, was er alles an Fähigkeiten in sich hat. Da ist es so, das man nicht das Baby mit dem Badewasser rausschmeißt, sondern das man das trockene Baby bekommt. Man bekommt das, was man haben will, aber zur selben Zeit nichts verliert, von dem was man selbst hat.
Also, ein zusammen kommen von Ost und West, was jeder in sich selbst schaffen muss. Mit eurer Hilfe als Lehrende, mit meiner Hilfe als Lama sollen wir die Leute dahin bringen, dass sie nicht mehr von dem Eigenen wegschmeißen als nötig ist, während sie das meist Mögliche vom Neuen sich vereinleiben.

Denkst du es ist möglich, durch eine starke Körper-Geist-Schulung wie Taijiquan Erleuchtung zu erfahren?

Ich denke, man kann jenseits vom Persönlichen gehen und dadurch das erreichen, was wir meistens Befreiung nennen, das der Körper ein nützlicher Diener ist und nicht ein schwieriger Herr und man über sich selbst, die eigene Vorstellung von einem begrenzten „Ich“ hinausgehen kann, das heißt Befreiung. Das ist eine hohe Ebene. Die weitere Ebene der Erleuchtung, da braucht man Belehrungen direkt zum Wesen des Geistes selbst und Übertragungen und ich weiß nicht, ob ihr die habt. Aber unter allen Umständen haben sich die Kampfkünste in taoistisch, buddhistisch Kulturen entwickelt...bei den buddhistischen wenigstens, gab es dann diese letztendlichen Belehrungen und das man beides verwendet, Körper und Geist zugleich, ist was sehr Gutes.

 



Persönliches Portrait von Ole Nydahl:

Kindheit..

Wunderbar, besten Eltern der Welt, ich erinnere mich noch an die Zeit vor der Befreiung, mein Vater war im Widerstand. Ich erinnere mich an die ganzen spannenden Augenblicke, wenn die Polizei kam, die Wohnung durchwühlt haben, den Daddy nicht gefunden haben usw. Vor allem sehr, sehr humanistisch. Ich hab niemals die Farbe der Tapete zu Hause kennen gelernt, denn es waren Bücher überall.
Mein Vater hat nach dem zweiten Weltkrieg fünfzig Deutschbücher geschrieben, weil er gesagt hat, die Leute sind da, wir müssen uns verstehen, wir müssen mit ihnen reden können und die Dänen, die heute ein grammatikalisch gutes Deutsch sprechen haben vielleicht über den Büchern meines Vaters geschwitzt und ihn sicher gehasst.
Wunderbare Mutter auch, konnte nicht besser sein, toller Bruder auch, Björn, kräftiger Mann, hat die Hälfte der Bäume Südschwedens umgekippt. Auch Buddhist, macht auch mit, ist z. Z. in Wien, hat bisschen zu viele Unfälle gehabt, hat leichte epileptische Richtung bekommen, aber bekommt sehr gute Arzneien und das wird alles gut.
Selbst jetzt 61 Jahre alt, zum 60 jährigen Geburtstag von meinen Schülern einen sehr, sehr lang gehegten Wunsch erfüllt, haben mir den Fallschirmspringer-Schein gegeben. So springe ich jetzt in dem Raum. Das war sehr wunderbar. Bin ein heiliger Mann, hab nichts, aber habe Zugang zu allem.
Eigentlich ein sehr glückliches Leben.


Erste sexuelle Erfahrung...

Oh spät, spät, spät, spät, spät....
Ich hatte mehr nasse Träume, wie es heißt, bevor ich zum erstenmal eine Frau unter mir hatte. Geschah eigentliche erst als ich Soldat wurde. Ich denke, ich war so wild, so rau, sodass alle Damen, die ein bisschen denken konnten, die hielten sich von mir fern. Ich war sehr, sehr wild in meiner Jugend, mein Bruder auch; aus der Schule rausgeflogen, fast aus der Uni raus, zu viele Schlägereien, viel zu viel Krach in den 60 er Jahren. Erste Frau, also richtig gehabt, erst als Soldat, wunderschön... mit 19. Was soll man sagen, hinterher, aber nicht nachgelassen.

Erste spirituelle Erfahrung, der Weg dahin...

Als Kind hatte ich ganz viele Träume von Männern in roten Röcken und Bergen, und ich war immer am kämpfen, um diese Herrn in Röcken zu schützen. Das hatte ich schon während der deutschen Besatzung, also in 43-44, hatte ich diese Träume. Das wurde aber nicht als spirituell erlebt.
Dann stand ich mal im Harz irgendwo, mit einem eisernen Geländer drum rum, das war noch zur Gymnasium Zeit, wo ich deutsch lernte. Meine Eltern haben mich runter geschickt, um Deutsch zu lernen und ich wollte wissen, ob das hier wirklich alles einen Sinn hat. Dann hat der Blitz in den Metallring reingeschlagen, einmal rumgedreht und weg. Ich verstand nicht ganz was geschah, aber das hatte offenbar irgendeinen Sinn.
Und dann hinterher halt die Drogen. Ich hab es tatsächlich geschafft, die ganzen psychedelischen Drogen zu nehmen, bevor sie verboten wurden. Stellt euch das mal vor, so früh war ich dabei. 66 das erste LSD, sehr sauberes, erstklassiges LSD genommen, viele Erfahrungen damit gehabt. Da hat die Polizei erst ein paar Jahre später entdeckt, dass es so was gäbe, und dann haben sie es verboten. Es war Spaß, in der Avantgarde immer auf des Messers schneide zu sein, die ganze Zeit. Das waren große Erfahrungen. Den Körper verlassen, sich selbst von wo anders zu sehen. Ist schon eine Erfahrung.
Leider muss ich aber von diesem Schnellweg abraten, denn die ganzen Leute, mit denen ich damals genommen hab, 30 Leute, die waren echt toll. Wir sind zusammen auf den Dächern Kopenhagens rumgeklettert, mitten in der Nacht, völlig auf Trip, wildeste Sachen gemacht und die sind alle tot. Ich weiß nicht warum, aber meine Frau Hanna und ich haben das irgendwie geschafft, sind durch gekommen und vielleicht drei, vier ,fünf Andere, aber alle anderen sind weg. Es ist wohl leider so, das Drogen kein Glück bringen können, die können nur das Glück bringen in sehr kurzer Zeit, was man sonst über sehr lange Zeit gehabt hätte und irgendwann ist das Konto leer und man bekommt rote Briefe aus der Bank, schwierige Sachen kommen aus dem Speicherbewusstsein raus, gibt keinen Überschuss mehr, plötzlich ist man pleite und unglücklich oder braucht die Arznei oder ist halb verrückt oder irgendwas. Ich muß leider die Drogen abraten, die einzige Droge die ich kenn, die wirklich gut ist, sind die schönen Mitglieder des entgegen gesetzten Geschlechts. Eine gute Droge.

`68 mit meiner Frau rausgefahren, nach der Heirat auf Honeymoon nach Nepal. Da haben wir dann zu ersten Mal diese tibetischen Flüchtlinge gesehen und das war so, als würde ich sie richtig kennen und Hanna auch. Wir hatten beide dieses Gefühl und sie sind sofort zu uns gekommen, die riechen Schwingungen in sehr hohem Maße, die waren immer bei uns und immer nah an uns. Sie wollten natürlich auch was, das waren arme Flüchtlinge, aber die Verbindung war stark.
Dann sind wir Lopön Tsechu, unserem Lama begegnet, der immer noch zu uns reist, eben bei uns war, bald wieder zu uns kommt, viele Stupas, viele Belehrungen und Kurse gibt in Europa, 84 jetzt. Unschlagbar der Alte, in bester Form.
Im Winter 69 sind wir dann dem Karmapa begegnet und das ist der erste wiedergeborene Lama Tibets. Das war unglaublich, seine Hände auf unseren Köpfen, wir haben nur Licht gesehen, er wurde größer wie der ganze Himmel und golden, golden gestrahlt. Wir kamen dann raus hinterher und wir hingen da, wir hielten uns an einem Gitter fest, guckten ihn nur an und er saß da, hat die Leute gesegnet, die vorbeikamen. Das war sehr erstaunlich, sehr wild. Da haben wir echt unsere Herzen vergeben, in dem Augenblick.
Wir waren aber nicht die leichtesten Schüler, wir wussten es immer noch besser. Das hat einige Zeit gedauert, bis die Lernzeit so richtig anfangen konnte, bis wir entdeckt haben, dass wir vielleicht nicht alles besser wußten und dann Raum fürs Lernen und fürs weiterkommen zu haben. Dann blieben wir über 3 Jahre dort, haben dann die Lama Vorschule gemacht, verschiedene besondere Sachen gelernt, bewußtes sterben und Leute während Traum und Tiefschlaf Bewusstsein usw. und Geist steuern während der Träume. All diese unterschiedlichen Sachen haben wir da gelernt.
Und dann Herbst `72 zurückgeschickt nach Dänemark um zu lehren, nicht formal, aber es wurde gesagt, wenn eure Freunde sich interessieren, dann könnt ihr schon, schau ob eure Leute davon was haben wollen. Wir kamen zurück und hatten überhaupt keine pädagogische Ausbildung, nur eine Menge Meditation und mussten dann irgendwie sehen, wie man das so reinfließen lassen konnten. Die meisten Fehler haben wir in Skandinavien gemacht. Dann fingen wir an, Hamburg kam ganz früh schon; 73 früh oder 72 ganz, ganz spät, hatten wir schon eine kleine Gruppe, aber so eine gemischt spirituelle Gruppe. Wenn Guru „ such a banana“ kam, dann haben sie den genommen und wenn Swami „Durcheinander“ kam haben sie den genommen, wer auch kam, dann haben sie alles eingeladen. Natürlich hatten sie Köpfe wie Melonen und Herzen wie Haselnüsse hinterher. Zu viel verschiedenes Zeug für den Denkapparat und keine Erfahrung. Das dauerte einige Zeit, bis die Leute allgemein verstanden, das alles gut sein kann, aber man kann es nicht mischen. Dann fing es auch an, jetzt ist Hamburg traumhaft, haben fast 100 Zentren im deutschsprachigen Raum, alles Leute wie hier, Spaßleute, gute Leute, Freunde, Idealisten. Gute Bande überall. 400 Zentren um die Welt, das ist viel.

Frauen und Erleuchtung

Beste Möglichkeit. Beste Möglichkeit. Am Anfang des Weges hat die Frau die bessere Möglichkeit, sie hat die bessere Rolle in der Gesellschaft, mehr geben, weniger nehmend, weniger aggressiv, mehr entspannt, mehr warm, mehr rund usw. Und die Frauen haben auch den Vorteil, das fast alle Lehrenden bis jetzt Männer sind, das heißt man verliebt sich schnell in den Lehrer, dann hat man alle Antennen raus und dann kann man ganz, ganz schnell lernen, während die Männer immer prüfen, taugt der was, ist er ein ausgestopftes Hemd, hat er was, kann er was usw.. Das müssen Männer immer bei einander, deswegen kommen Männer langsamer rein und die Männerrollen sind auch härter und Konkurrenz ähnlicher, nach außen wenigstens. Aber am Ende haben die Männer es leichter, weil die immer Kinder, Jungs bleiben innen drin und in einem Augenblick schmeißen sie dann alle Klötze durch die Gegend und bumm, dann sind sie jenseits, während Frauen oft ganz feine Anhaftungen haben am Ende, die bei ihnen schwierig sind.
Deswegen bin ich auch so froh, dass fast alle meine Schüler Paare sind, denn das ist so gut, dann zieht die Frau den Mann am Anfang und der Mann springt mit der Frau am Ende in den Raum und beide haben Vorteile. Ich bin sehr froh über die Paarbeziehungen, die wir haben. Wir haben sehr, sehr schöne Paare, gut arbeitende Paare bei uns.
Je höher man in Buddhas Lehre geht, je wichtiger wird die Frau. Auf Mönch -Nonnen- Ebene, Theravada- Ebene, da ist sie eine Gefahr für den Mann, für seine Selbstständigkeit usw. Auch bei den Nonnen wird der Mann so gesehen als wildes Tier mit Haaren, vielen Armen und Beinen überall, die sie nicht in Ruhe lassen wollen. Also, auf der Ebene von Mönch und Nonne, auf der unteren Ebene-Theravada- der äußeren Gelübde zum eigenen Vorteil oder zur eigenen Befreiung, da ist es schon so, dass die Männer schwieriges über die Frauen hören und Frauen schwieriges über die Männer, damit sie halt Mönch und Nonnen bleiben.
Aber wenn man weiter hoch kommt, auf die Ebene des großen Weges, wo es nicht um das äußere, sondern um Mitgefühl und Weisheit und innerer Entfaltung geht, da sagt man, der Mann ist die Methode, die Frau die Weisheit. Diese beiden, Mittel und Weisheit gehören zusammen. Mittel ohne Weisheit macht Fehler, Weisheit ohne Mittel tut nichts, also das muss zusammen.
Und auf der aller höchsten Ebene des Diamantweges, da ist es dann halt so, dass man sagt, die Frau ist der Raum, der Mann ist die Freude. Die Frau wird durch Lotusblüte versinnbildlicht, der Mann durch den Diamant. Und Lotusblüte, die nichts hält und Diamant, der für keinen strahlt, wäre schade, also die beiden zusammen bringen. Auch im Mahaanutaryoga-Tantra, das worüber es nichts gibt, da sieht man nur vereinigte Formen, da gibt es keine einzelnen Formen, nur männliche und weibliche Formen, Gesicht zu Gesicht und in sitzender oder stehender Vereinigung. Nur diese vereinigten Buddha-Formen sind von der allerhöchsten, völlig erleuchteten Ebene, weil sie beides zusammen bringen, männliches und weibliches. Das gilt fürs Innere und Geheime, das gilt nicht fürs Äußere, also der Unisexlook ist buddhistisch daneben, dass man die Leute erst entkleiden muss, bevor man sehen kann ob Männchen oder Weibchen vor einem steht. Das ist nicht das Ziel. Also, die äußeren männlichen oder weiblichen Charakteristika oder Merkmale die gehören schon dazu. Aber innerlich und geheim, das man da die beiden Sachen vereinigt und als voller Mensch da ist.

Wer sehr, sehr gut meditieren kann, kann mit Partner oder Partnerin meditieren, aber das ist nicht leicht. Das ist das Letzte, wenn man schon nackt im Schnee sitzen kann, durch tiefes Atmen alles um sich schmelzen kann, dann kommen die Vereinigungseinweihungen und die sind nicht leicht. Da muss man vier Arten von Freude spüren, die durch den Körper runter gehen, man muss die Freude halten können, männliches und weibliches mischen und dann die vier Freuden wieder hochziehen und über den Körper verbreiten. Das ist keine leichte Sache, dass ist sehr, sehr schwierig. Hanna und ich haben die Belehrungen, aber ich weiß nicht, welche anderen weißen Leute die haben. Ich hab sie bis jetzt nur ganz, ganz teilweise an ganz, ganz wenige Leute weitergegeben. Denn wenn man das verkehrt macht, sitzt man hinterher und schüttelt, wenn man nicht schütteln will. Das sind große Energien und man soll da keine Fehler machen.
Es steht in keiner Verbindung zu dem, was man hier im Westen unter Tantra versteht, das ist alles Hindu-Tantra. Das hier kannst du nur machen, wenn du dich und deine Partnerin als völlig durchsichtige Lichtenergieformen wahrnehmen kannst, mit inneren Energiebahnen im Körper. Wenn du die runter halten, weibliches und männliches vermischen und dann beides hochziehen und überall verbreiten kannst, oder es kreisen lassen kannst. Das ist Tantra. Aber das ist sehr schwierig und du musst ein riesiges Kraftfeld um dich mit anderen Buddha-Formen aufbauen, wenn es ganz richtig sein soll. Das ist nicht leicht.
Es ist nicht nur viele Damen spannend geliebt oder so was ähnliches oder viele Herren spannend umarmt oder so was. Das ist es nicht. Das ist schon eine wirkliche Disziplin, aber die kann auch sehr große Ergebnisse bringen, weil eben dadurch alle Energien in die inneren Bahnen im Körper kommen und dadurch sehr starke Erfahrungen gemacht werden können, also wirklich von dem zeitlosen Raum des Geistes.

Tod......


Das ist eine meiner besten Übungen.
Ich lehre Pova, Buddhistische Übungen, die sind sehr wirksam. Da lernt man tatsächlich, das Bewusstsein Hochzuschleudern. Ich habe es bis jetzt über 50.000 Menschen auf der Welt gelehrt. Dabei lernt man, den Buddha des grenzlosen Lichtes sich oberhalb des Kopfes vorzustellen und dann das Bewusstsein hoch zuschleudern bis tatsächlich eine kleine Wunde, ein kleiner Riss, ungefähr 8 Finger hinter der ursprünglichen Haarlinie entsteht und die Leute haben wirklich das Gefühl, sie sind draußen. Das ist sehr nützlich, ob die Leute sich bewusst sind oder nicht, die Vorstellung vom Tod, von etwas ungeklärtem, das bindet schon Energien, das engt einen schon riesig ein und wenn man das erst weiß, ich hab das erlebt, das war so toll, dann hat man eine menge Schwierigkeiten weg.
Die Leute haben wirklich gut Erfahrungen damit gemacht. Wir haben bisschen psychologische Grenzfälle gehabt und da ist wohl einer unter 1000, die kommen mit Wackelkontakt rein, lernen zu sterben und gehen mit Wackelkontakt wieder raus und das denke ich, ist auch in Ordnung. Das „sterben lernen“ wird von so hohem Nutzen sein später. Es ist komisch, das kaum Aidsleute oder Krebsleute kommen. Ich weiß nicht warum, wir lassen es immer raus, hört mal, das wär vielleicht ein Angebot, ihr wisst, ihr werdet sterben, die anderen träumen immer noch, das wird nicht geschehen, aber ihr wisst es, kommt lernt, aber es kommen kaum welche. Hilfe ist schon da.
So Tod , ich will nicht sagen ich freu mich, ich denke in einigen Jahren, wo der Körper schwieriger wird, da werd ich anfangen, mich langsam zu freuen. Zur selben Zeit, da werd ich auch jeden Tropfen Energie aus diesem Körper bringen, den er gibt. Ich werd hoffentlich nicht wegen einer kleinen Sache, einem dummen kleinen Einzelteil diese Welt verlassen, ich hoffe einen total Zusammenbruch, bisschen spannender.


Das Interview ist wörtlich wieder gegeben, es wurden keine grammatikalischen oder inhaltlichen Korrekturen vorgenommen, um den speziellen Charakter zu erhalten. Es ist der Beginn einer Reihe von Interviews mit bekannten Persönlichkeiten aus dem spirituellen Bereich. Für den Inhalt übernimmt die Redaktion/das Interviewerteam keine Verantwortung, noch spiegelt es deren Ansichten wieder oder nicht.

Der Däne Ole Nydahl ist Lama der buddhistischen Karma Kagyü Schule und wurde auf seiner Hochzeitsreise zusammen mit seiner Frau Hanna im Himalaja die ersten westlichen Schüler des 16. Gyalwa Karmapa. Nach Jahren des Studiums der buddhistischen Lehren und Meditationspraxis beauftragte der 16. Karmapa sie, die Diamantweg-Belehrungen der westlichen Welt zugänglich zu machen. In seinem Namen gründete Lama Ole Nydahl seit 1972 über 300 Zentren des Diamantwegs rund um die Welt.

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Chen Xiaowang - ein Großmeister auf Reisen

Seit Jahren begleite ich meinen Großmeister auf vielen seiner Reisen quer über den Globus. Es fällt schwer, sich über diese Aktivität eine reale Vorstellung zu machen. Wohnhaft in Australien, reist GM Chen Xiaowang 10 Monate des Jahres in über 20 Länder dieser Erde. Mit dazu gehören: USA, Argentinien, Brasilien, Chile, Rußland, England, Italien, Holland, Tschechoslowakei, Deutschland und China. In jedem Land bereist er in der Regel zwischen zwei und vier Städte. Im Durchschnitt alle zwei Wochen ein anderes Land, jede Woche eine andere Stadt. Die Reiseroute ist kreuz und quer, jede Menge Jetlag und Intercontinentalflüge sind mit im Reisegepäck. Und wer jetzt glaubt, er würde sich die übrigen zwei Monate "zuhause" in einem Vorort von Sydney ausruhen hat weit gefehlt. Hier fallen ihm Schüler wie ich auf den Wecker, die er dann privat weiter ausbildet. Die Arbeitsleistung ist enorm. Entweder fliegen oder Unterrichten. Einen freien Tag gibt es kaum. Dies vor einer Kulisse die vom Zuckerhut, den roten Platz über die Strände Californiens, bis auf den Hamburger Rathausmarkt führt.
Es ist schön, ihn in immer wieder anderen Ländern zu begegnen. Immer andere Städte, andere Kulturen, anderes Klima und doch: Steht man dann mit ihm in der Turnhalle ist plötzlich weltweit alles gleich: Dieselben Formen, dieselben Fragen, viel Ruhe und Zeit, alle sind begeistert. Es existiert eine riesige weltweite Taiji-Gemeinde rund um die Aktivitäten des Großmeisters. Kontakte entstehen, Freundschaften werden geschlossen. So viele verschiedene Länder, doch die Mentalität der Taiji-Enthusiasten ist weltweit gleich. Kurzum: Man fühlt sich überall wie zuhause.
Sein Großvater, Chen Fake, hat den Chenstil in Peking bekannt gemacht, sein Onkel Chen Zhaokui in ganz China und er jetzt auf der ganzen Welt. Drei Generationen, ein Jahrhundert: der Chenstil feiert seinen Siegeszug bis in den letzten Winkel dieser Erde. Ich bin tief beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der Großmeister dieses enorme Arbeitspensum auf sich nimmt.
Ob es ihm Spaß macht? "bu zhi dao, mei you wen" - "Keine Ahnung, ich habe mir diese Frage nie gestellt" ist die Antwort. Es sei seine Aufgabe, eine Tradition, die über einen großen Familien-Clan über Jahrhunderte zurückreicht, weiterzuführen. In der heutigen Zeit bedeutet dies die weltweite Verbreitung. Und auch die nächste Generation formiert sich schon:
Sein Sohn Yingjun trainiert täglich bis zu 10 Stunden. Kein Telefon klingelt, kein Freund kommt vorbei, kein Buch ist aufgeschlagen. "Keine Zeit, ich muss trainieren" heißt es von ihm. Warum? frage ich und man erwartet vielleicht eine Antwort, wie: Ich will später Unterricht geben, oder, ich will einmal ein berühmter Meister werden. Nein, die Antwort ist sehr schlicht:
"Ich will Taijiquan lernen. So gut, wie ich es kann."

Ich stehe da und spüre einen Gedanken immer wieder sehr deutlich:
Wie froh ich bin, in einer solchen Familie lernen zu dürfen...

Jan Silberstorff

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3 Tage Doppelsäbel mit Großmeister Chen Xiaowang

Aus ganz Europa reisten die Lernwilligen an, um zum ersten Mal auf diesem Kontinent die Doppelsäbelform von Großmeister Chen Xiaowang zu lernen. Eine große Herausforderung, zwei Hände, zwei Waffen und ein Bewußtsein. 35 Figuren sollten in 3 Tagen zu meistern sein, doch als der Großmeister elegant und geschmeidig die ersten Bewegungen vorführte, wurde klar, daß uns diese Form einiges abverlangen würde. Die permanente Konzentration trieb uns manche Schweißperle auf die Stirn, besonders als der Großmeister einen nach dem anderen die erlernten Figuren unter den Blicken aller anderen vorführen ließ, um jeden Einzelnen genau zu korrigieren. Die Zeit verging wie im Flug bei den vielen Drehungen, Richtungswechseln und Sprüngen, so dass am Ende des zweiten Tages viele Figuren noch nicht gelernt waren, der Großmeister uns jedoch versicherte, das wir es schaffen würden. Und so war es auch. Am Morgen des dritten Tages zeigte er uns den gesamten Rest auf einmal und durch kontinuierliches Wiederholen hatten am Ende alle die neue Form "in der Tasche". Und so wandelte sich die Anstrengung langsam in Spaß, so mit zwei Säbeln durch die Gegend zu wirbeln, als wären wir selber Akteure wie aus Tiger und Dragon. Gott sei dank, das der Großmeister im Vorfeld schon das Video der Form fertiggestellt hatte, damit, falls wir in den Drehungen die Orientierung verlieren sollten, schnell wieder in die richtige Richtung laufen können.

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The 3rd Danish Open Tai Chi Chuan Championships

Am 13.10.2001 fanden in Dänemark die dritten offenen dänischen Meisterschaften statt. Veranstalter war Shifu Torben Rif, Schüler von Dan Docherty und Vertreter des von seinem Lehrer benannten "Wudang - Taiji". Die Veranstaltung diente als Vorbereitung für die im nächsten Jahr stattfindenden Europameisterschaften. Die Teilnehmer kamen aus Dänemark, Schweden, Norwegen, England, Österreich, Ungarn und Deutschland.
Vor dem Veranstaltungsort, eine Halle in Vejle wurden die Teilnehmer nach Herkunftsland aufgeteilt, entrichteten die Gebühren und konnten ihre Starts korrigieren, bzw. ergänzen.
Dann wurde gewogen und T-Shirts mit dem Aufdruck der Veranstaltung verteilt. Auch einen Terminplan sowie ein Namensschild für jeden Teilnehmer in dem genau der Ablauf des Turniers niedergeschrieben war, wurde ausgegeben. Dieser Zeitplan wurde eingehalten, es kam, dank der hervorragenden Organisation im Vorfeld,
zu keiner Verzögerung. Vor dem Turnierstart kamen alle Teilnehmer zusammen, um sich die Regeln erklären zu lassen. Hier ein paar Auszüge:
- Alle Formen sind in einem Zeitrahmen von 4 Minuten (nach dem Gong noch 10 Sek. Zeit) zu beenden, für jede weiteren 10 Sek. 1 Punktabzug, für Abläufe unter 4 min. gab es keine Abzüge.
- Fester Stand Tuishou: Kampfzeit 2 x 1 min, dabei Beinwechsel. Die Füße durften nicht bewegen werden.
- Bewegte Beinarbeit Tuishou: Kampfzeit 2min, Kampffläche 4 x 4 m, es durfte gegriffen werden, auch in die Beine. Gelenkhebel waren erlaubt, keine Fingerhebel.
Durch die letzte Regel kam es, dass viele Teilnehmer diverse Gelenke verbanden und während der Kämpfe viele Schmerzensschreie zu hören waren, (vor allem bei der bewegten Beinarbeit) die sich am Ende als Prellungen oder Verstauchungen herausstellten.
Auch viele T-Shirts fielen dem wilden Gerangel zum Opfer, so dass die zuvor ausgeteilten Hemden sofort zum Einsatz kamen. Sehr interessant war die Variante des Restricted Step Tuishou. Beide Kontrahenten setzen die vorderen Füße in einen Kreis von fünfzig Zentimeter Durchmesser. Der vordere Fuß mußte im Kreis bleiben, durfte nicht abgehoben werden. Das hintere Bein hingegen konnte bewegt werden. Eine Mischung aus dingbu (fester Stand) und huobu (bewegte Beinarbeit).
Die Formenklassen waren sehr vielseitig. Es wurde primär nach Erfahrungsgrad unterschieden (Junioren, Anfänger, Fortgeschrittene und Offene), Waffenklassen (Schwert, Säbel, Speer) Taiji- und weitere "innere" Stile.
Die Formen wurden von drei Richtern bewertet. Es wurde Wudangstil, Yang- und
Chenstil, Taijidao und Xingyiquan vorgeführt. Bei den Waffen, abgesehen von den oben genannten, zeigte ein Teilnehmer eine Doppelmesserform.

Die Ergebnisse für die WCTAG:


Ralf Anlauf: 1.Platz Open Mens Internal Hand Forms
1.Platz Open Mens Tai Chi Hand Forms
2.Platz Fix Step Tuishou -74 kg

Bastian Willig: 1.Platz Intermediate Internal Weapon Forms
3.Platz Moving Step Tuishou -90k

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Dragon Culture 2001

Am 22. / 23.09.01 luden Meisterin Lin Qiu Ping
und ihr Ehemann Li Yan Long zum diesjährigen Dragonculture
Turnier in Braunschweig ein. Am Samstag liefen die Formenwettkämpfe aller Kategorien, wie z.B. modernes Wushu, Nordsäbel, Südfaust, Taijihand- und Taijiwaffenformen. Eröffnet wurde das Turnier mit dem Löwentanz. Aus ganz Europas kamen die Meister mit ihren Schülern. Unter anderem erschienen die Meister Andreas Garski, Frank Greinacher, Earl Blijd, Meister Fei, David Török, Gerhard Milbrat und viele mehr. Jan Silberstorff konnte aufgrund einer Lehrerprüfung in Hamburg leider nicht anwesend sein.
Die Abendgala fand in der Braunschweiger Stadthalle statt.
Begonnen wurde mit einem Drachentanz im Dunklen, nur mit Schwarzlicht ausgeleuchtet, der ausschließlich von Kindern vorgeführt wurde. Dann gab es alle möglichen Varianten von chinesischem Gong Fu zu sehen: Von Qi Gong über Wushu, Kung Fu, Taiji bis hin zur Kalligraphie. Für die WCTAG traten Ausbilder Gerhard Milbrat und Kursleiter Bernard Haarmeyer mit ihren Schülern auf und boten dem Publikum einen Einblick in die Vielfalt des Taijiquan.
Am Sonntag wurde in den Klassen Sanshou Vollkontakt, Sanshou Semikontakt und Tuishou Dingbu nach den üblichen Regeln gekämpft, wobei es überall die meisten Punkte dafür gab, den Gegner aus dem Ring zu befördern.

Die WCTAG (und TDAE) Teilnehmer erhielten folgende Platzierungen:

Bernard Haarmeyer: 1.Platz -82 kg (Push-Hands)
Ralf Anlauf: 2.Platz -82 kg (Push-Hands)
1.Platz -74 kg (Push-Hands)
Bastian Willig: 1.Platz -90 kg (Push-Hands)
3.Platz Handform (bis 3 Jahre)
1. Platz Schwertform (bis 3 Jahre)
Philip Kronenberger 2. Platz -74 kg (Push-Hands)
Roger Schönberger 3. Platz -74 kg (Push-Hands)
Mechthild Snethlage: 2. Platz Frauen (Push-Hands)
Angela Brockmann: 1. Platz Frauen (Push-Hands)
Thomas Huber 1. Platz -66 kg (Push-Hands)

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Kurz über die Budo-Gala 2000 Auch dieses Jahr, am 18.3., traten das WCTAG- und das TaijiDao-Showteam auf der Budo-Gala in der Dortmunder Westfalenhalle auf. Neben vielen anderen großartigen Musikvorführungen, wie spektakuläre, superhohe Sprungkicks verschiedener Taekwondo-Vereine (klasse Showeffekt), beeindruckende Genauigkeit der japanischen Schwertkunst, lockere Birembaomusik zum artistischen, brasilianischen Capoeira (vorgeführt von teilweise rassigen Brasilianern, die danach auf der Aftershowpartie natürlich bei den Frauen so einige Pluspunkte hatten...), sowie sehr gute Showeinlagen aus dem WingTsung, Esdo, Karate, u.s.w.

Es gab sogar noch eine Vorführung aus den inneren Kampfkünsten des modernen Taijiquan, vorgeführt von der sechsfachen Goldmedailliengewinnerin Lin Qiuping und dem ehemaligen chinesischen Nationalteam-Mitglied, Li Yanlong. Ein wenig traurig ging es auch zu, denn Jean Freanette trat mit seiner, seit Entstehung der Budo-Gala berühmten und von allen geliebten "Supersynkron-zur-Musik-wahnsinns-Kickeinlage-und-das-in-dem-Alter-Karate-Show", der "Staying Alive" das letzte Mal auf, wofür er dann auch ein ca. 5-10 minütiges Abschieds-Standing-Ovation bekam.

Wir waren dieses Mal die Ersten auf dem Programm und nach spontanem Kurzausdenken von "Kampfkunstshowinszenierungsmeister" Shen Xijing, 3-4 Tage vor der Show, und nach einem leicht missglückten Probelauf auf dem Galaabend in der Markthalle in Hamburg (Sorry - ist das überhaupt jemandem aufgefallen?...), klappte es dann auf der Budo-Gala wie am Schnürchen und der Applaus dafür setzte sogar einige Zeit vor Ende unserer Darbietung ein.

Kurz: Wieder ein voller Erfolg!
Ralf Anlauf
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Martial Arts - Philosophie in Action

Am 14.03.00 fand zum dritten mal die "Martial Arts - Philosophie in Action" in der Hamburger Markthalle statt. Veranstalter waren die WCTAG, Jan Silberstorff und TLAG , Heiko Klisch. Um 19กก Uhr wurden die Portale geöffnet und die 800 kampfkunstbegeisterten Besucher strömten in die ausverkaufte Markthalle. Das Publikum war bunt gemischt und es kamen Männer und Frauen unterschiedlichster Altersklassen zusammen, davon auch viele selbst aktive Kampfkünstler.

Um 20กก Uhr ging es los, die Lichter im Publikumssahl erloschen und die Spots wurden eingeschaltet. Ein nicht professionelles aber dafür umso mehr sympatisches Moderatorenteam begrüßte uns. 15 verschiedene Showteams ebenso vieler verschiedener Kampfkünste wurden uns angekündigt. Eröffnet wurde der Abend mit chinesischer Live Musik von Frau Limona. Sie ist eine der renomiertesten Musikerinnen klassischer chinesischer Instrumente in Europa.
Die erste Kampfkunstdarbietung kam vom Mitveranstalter Heiko Klisch und seinem Team. Sehr schön anzusehen waren Formen die in Schattenbildern dargestellt wurden. Es folgten die Dance Maniacs, die noch einige Male ihre Tanzkünste und ihr Rythmusgefühl zeigen sollten. Dann folgte eine Wing Chun-Vorführung des Lok Yiu Systems unter der Leitung von Heiko Schwennesen.
Jan Silberstorff zeigte hinter einer malerischen Traumwelt aus Rauch und Naturmusik, wie gefühlvoll und schön Taijiquan sein kann. Escrima, die Kampfkunst der Philipinen wurde sehr eindrucksvoll von Bernd Schubert dargestellt. Besonders interessant war hier die Umsetzung altertümlicher Waffen, wie z.B. Klingen, Speere oder Langstöcke. Sein Sohn, der 5 jährige Tjarki zeigte unter grossem Applaus, dass auch nach unten hin keinem Alter Grenzen gesetzt sind. Dann kam eine Demo von Gerhard Milbrat und seinen Schülern im traditionellen Chung Xing Mei Hua.Tang Lang Kungfu.
Sehr deutlich waren die Einzeltechniken der Formen in Umsetzung zu sehen. Auch das bei Mehrfachangriffen der Einsatz von Waffen mehr als nur hilfreich sein kann, wird dem ein oder anderem zu denken gegeben haben. Einer der Höhepunkte dem Applaus nach zu messen war das Showteam der WCTAG. 3 Minuten prallgefüllte Chentaijiquan-Darbietung, der es an Vollständigkeit und Action an nichts fehlte. Aber auch die Kalarippayat-Vorführung von Steffen Geisler und seinem Team war sehr viel mehr als eindrucksvoll.

Nicht nur die klirrenden Waffen, nein, gerade das Zusammenspiel von Yoga und Kampftechniken beeindruckte. Nach der Pause wurde von Meister Shen Xijing, der extra aus China eingeflogen wurde, eine Demonstration seines neuen Systems, dem Taiji Dao geboten. Lothar Darijes präsentierte zusammen mit seinen Schülern Aikido. Hochkonzentrierte Stille erfüllte den Raum, und zeigte, dass manchmal weniger mehr sein kann. Gerade ohne Musik kann eine Vorführung ins Schwarze treffen. Das Dacascos Kung Fu Show Team zeigte in einer 15 min. Show sein Können. Ganz besonders traten hier die formschönen Bewegungen von Martina Baumgardt hervor, die als einzige Frau bei diesem Auftritt mit dabei war. Nach einer wunderschönen Partnervorführung der Taiji-Ballform, kam zum Finale noch einmal der sogenannte "chinesische Block".

Meister Zhang Wanfu vom Tanglang Kungfu und Meister Shen Xijing zeigten Ausschnitte ihrer hohen Kunst. Für einen gelungen Ausklang sorgte einer der beiden Moderatoren, in dem er mit seinem Partner seiner eigentlichen Profession nachkam: dem Feuerschlucken! Riesige Flammen heizten dem sowieso schon heißgewordenen Publikum noch einmal so richtig ein. Ein wunderschöner, vielfältiger Abend, den es ab Mitte des Jahres sogar als Video zu haben geben soll.

Vielen Dank an die Veranstalter und alle Aktiven und Helfer, die so etwas möglich gemacht haben!!!!
Anya Kurka
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China / Taiji-Reise

Autor :Bernd Schwer aus GEO - Saison Nr. 03/98

Der Schüler, sagt ein chinesisches Sprichwort, der nicht versucht, seinen Meister zu übertreffen - was taugt der schon! Deshalb sind Chinesen die fleißigsten Schüler der Welt. Sie üben und üben, bis alles perfekt sitzt. Dann üben sie weiter. Man ist niemals so gut, wie man sein könnte.

Als erstes müssen sie den Meister im Frühaufstehen übertreffen. Kurz nach sechs, wenn über den Zinnen der Stadtmauer von Xi'an die Sonne als käsegelbe Scheibe hochsteigt, steht er bereits im Park. Reckt und streckt sich, läßt sich zum Spagat nieder, steht minutenlang auf einem Bein wie ein Flamingo, bewegungslos und stoisch. Dann begrüßt er lächelnd seine Schüler, die nach und nach eintrudeln.

Er mag um die fünfzig sein, hat dichtes, graumeliertes Haar, ist schlank und kräftig. Sein weißer Seidenanzug schimmert, als er das Morgentraining eröffnet. Zuerst tut er nichts. Er steht da und schließt die Augen. Dann hebt er Hände und Arme, geschmeidig und fließend, wie schwerelos. Federleicht wirkt er und doch stämmig und stabil. Er zeigt eine lange Folge von Drehungen, mit leichtfüßige Schritten. Er öffnet und schließt die Arme, deutet Faust- und Fußstäße an - und zu jeder Bewegung und jedem Gewichtswechsel dreht und kugelt sich sein Bauch. Dazu lächelt der Meister.

Zwischen den Bäumen ist ein Transparent aufgespannt, ein Werbeplakat mit aufgeklebten Zeitungsausrissen. Taijiquan Darauf steht, daß er Taijiquan (sprich: Taidschishwän, kurz Taiji) und QiGong lehrt. Alles weitere können wir nicht entziffern, würden aber jede Wette halten, daß sein Angebot Gesundheit und ein langes Leben verspricht.

Vorausgesetzt natürlich, man übt beharrlich, fleißig und regelmäßig. Jeder Taiji-Schüler kennt das Gleichnis vom Papier. Taiji zu üben, das ist, als würde man jeden Tag ein Blatt Papier auf einen Stapel legen. Der Anfänger hat nur ein Häuflein. Lange scheint der Stapel nicht zu wachsen, die Fortschritte, die man herbeisehnt, erscheinen einem papierdünn. Irgendwann jedoch, nach vielen Jahren des täglichen übens, wird der Stapel zu einem Berg angewachsen sein.

Ein Stück weiter üben die Freunde der chinesischen oder Peking-Oper. Ein alter Mann mit kahlem Schädel sitzt auf einem Stein und streicht eine Fiedel. Vor ihm steht ein dünner, hoch aufgeschossener Sänger, den Mund aufgerissen, eine Hand am Ohr. Ab und an erhascht unser Westlergehör so etwas wie eine Melodielinie, ein kleines Stück Harmonie. Der Rest ist reine Dissonanz. Der Fiedler ist entzückt. Seine Lider sind halb gesenkt, er streicht und lauscht, ganz in sich versunken, nickt oder zieht die Brauen hoch und nimmt nichts wahr außer seiner Musik.

Nicht einmal wir fallen ihm auf. Wir fallen sonst immer und überall auf, erst recht morgens im Park, beim Versuch, eine Stunde Taijiquan zu üben. Xi'an ist zwar eine Millionenstadt, aber 20 Langnasen sind immer noch eine Attraktion. Kein Chinese, der sich die Wesen auf dem Westen nicht gern betrachtet. Zwanzig Turbanträger, die den Kudamm runtergehen - da würden sich die Leute doch auch umdrehen kommentiert Jan Silberstorff lakonisch.

Jan ist unser Taiji-Lehrer. Zwei Dutzend Male schon hat er China bereist und somit Erfahrung darin, eine Attraktion zu sein. Sein gelb-blonder Haarschopf leuchtet weithin, damit fällt er bei Asiaten auf wie ein Albino unter Massai. Wenn er sie dann in fließendem Chinesisch nach dem Weg fragt, ist die Attraktion perfekt: eine blonde Langnasen, die richtig chinesich sprechen kann!

Nun führt Jan Silberstoff zwanzig seiner deutschen Taiji-Schüler durch China. Eine Reise, die, wie er sagt, helfen soll, das Taijiquan, das wir bei ihm lernen , besser zu verstehen. Denn wer Taijiquan versteht, hat den Schlüssel zur chinesischen Kultur in der Hand.

Daß uns Xi'an dabei als erste Station dient, ist alles andere als Zufall oder Beliebigkeit. Xi'an, sagt Jan Silberstorff, erschien ihm als die chinesischste alle chinesischen Großstädte, viel weniger westlich geprägt als etwa Shanghai oder Peking. Wen wundert's: Xi'an war schon eine Großstadt, als es Shanghai oder Peking noch gar nicht gab.

Im achten Jahrhundert hieß die Stadt Chang'an (Ewiger Friede) und war, mit ein bis zwei Millionen Einwohnern, die damals wahrscheinlich größte der Welt. Fast 2000 Jahre lang residierten Kaiserdynastien in Xi'an und Umgebung. Xi'an war der östliche Ausgangspunkt der Seidenstraße, die Metropole Ostasiens und Einfallstor für Menschen, Ideen, Kulturen, Religionen. Ganz in der Nähe wird seit 20 Jahren die gigantische Terrakottarmee ausgegraben, 7000 Tonkrieger, plus ein ganzer Hofstaat - Grabanlagen, mit denen chinesische Kaiser, die sich Sähne des Himmels nannten, zum erstenmal demonstrierten, daß ihre imperialen Ansprüche auch im Jenseits zu gelten hätten.

Heute ist Xi'an auch nicht gerade ein Nest. China boomt nicht nur im Süden. Es wird gebaut: Hochhäuser, Geschäftszentren, Wohnblocks, Siedlungen, Ladenzeilen. überall blickt man in die Innereien aufgerissener Altbauten; die Schwerlaster rollen in Konvoistärke an, um den Schutt fortzuschaffen.

Es ist Sommer in Xi'an, das heißt, es ist heiß. über 30 Grad am Tag, nicht viel weniger in der Nacht. Das Leben flüchtet auf die Straße. Vor offenen Werkstätten dösen Greise in Liegestühlen, während ihre Enkel Fahrradrahmen schweißen, Motoren reparieren, Reifen flicken. Nebenan leimen Arbeiter Büromäbel zusammen. Gegenüber werden Bilder gerahmt, Pferde beschlagen, Täpfe geschmiedet; mittendrin ein Billard-Salon mit einem Dutzend Tischen unter improvisierten Sonnenschirmen. Der ambulante Schlachter schiebt eine Art fahrbaren Kleiderständer vor sich, an den er das Fleisch in großen Brocken gehängt hat; als Hackklotz dient ihm sein Fahrradanhänger.

Dazwischen steigen die Dämpfe und Dünste der Garküchen und Grillroste auf, wabert die Hitze aus den aufgeschnittenen, zu Öfen umgebauten Fässern, die mit gepreßten Briketts befeuert werden, und in deren Deckel ein Wok steckt. Es wird gehackt und geschnitten, gekocht, gebraten und gedünstet, gegrillt, gebacken und gedämpft. Tischlein und Stühlchen sind auf den breiten Trottoirs aufgestellt, so klein und niedlich wie bei uns Kindergartenmöbel.

Was dem Koch fehlt, holt er sich bei einem Sprung auf den Markt. Händler haben Fische auf Zeitungspapier ausgelegt, silbern heben sich die glänzenden Leiber vom schwarzen Straßenstaub ab. Tomaten, Melonen und kinderkopfgroße, violette Zwiebeln sind zu Pyramiden geschichtet. Berge von Bananen werden direkt vom Anhänger des Fahrrads weg unters Volk gebracht, dazu Schmalzkringel und Dampfbrötchen, Lauchzwiebeln und Knoblauch, Salat und Weintrauben. Mancher Bauern läßt sich bei seiner Ware häuslich nieder. Tagsüber drapiert er seine Früchte auf der Plane, nachts schläft er darunter - bis alles verkauft ist und er, den Erlös in der Tasche, zur Familie zurückradeln kann.

Wir decken uns mit ein wenig Proviant ein. Ein Besuch im taoistischen Kloser Louguantai steht auf dem Programm. Das liegt etwa 60 Kilometer südwestlich von Xi'an, gar nicht so weit. Aber, warnt Jan, wir sind in China. Wenn wir 25 Kilometer in der Stunde schaffen, kommen wir gut voran.

Der Busfahrer bahnt sich seinen Weg über die Landstraße, indem er alle drei Sekunden wütend hupt. Verkehr in China funktioniert ganz einfach: Der Stärkere hat Vorfahrt. Schwere Lastwagen pflügen in gleichbleibendem Tempo über die Fahrbahn, immer in der Mitte und die Hupe im Dauerton, und vor ihnen spritzt alles zur Seite: Autos, Jeeps, Fahrräder, Rikschas, auch unser kleiner Bus. Nur die großen Audis mit den verhangenen Fenstern, in denen Polizei- und Militäroffiziere sich kutschieren lassen, nehmen es mit den Herrschern der Landstraße auf.

Lougantuai liegt, wie alle heiligen Stätten Asiens, in den Bergen - oben ist man dem Himmel einfach näher. Nach drei Stunden Fahrt durch topfebene Maisfelder schlängelt sich die Straße einen Hügel hinauf, und wir sind da, am Observatorium in der mehrstöckigen Hütte - dem Ort, wo auch Laotse gelebt und gepredigt hat, an der ältesten taoistischen Stätte Chinas.

Ein junger Mönch serviert Tee, und Ren Farong, der Abt, gibt Auskunft: Natürlich, die Mönche, rund 50 Männer und ein Dutzend Frauen, haben sich einer rigorosen Disiplin zu unterwerfen. Der strenge Tagesablauf gestattet höchstens drei Stunden Schlaf pro Nacht, aber erholen, sagt der Abt lächelnd, könne sich der Mensch, wenn er es erst einmal gewohnt sei, auch im Sitzen, bei der Meditation. Die Mönche arbeiten im Garten, in der Küche und auf dem Gelände, studieren die alten Texte und üben auch Taiji und QiGong, allerdings ohne Kampftraining. Meditieren und üben. Jeden Tag ein Blatt Papier hinzufügen.

Nehmen Sie jeden auf, der eintreten will? Ren Farong läßt sich die Frage übersetzen. Wer es aushält, darf bleiben.

Und was bedeutet bitte für ihn dieses Zeichen? fragt jemand und deutet auf die Stirnwand des Raums. Dort hängt, was wir als Yin-Yang-Symbol kennen: eine Darstellung des Kreises, dessen Fläche aus zwei tropfenförmigen Mustern in schwarz und weiß besteht. Im schwarzen Tropfen ist ein weißer Punkt enthalten, im weißen ein schwarzer.

Dies sagt Ren Farong, stellt das Prinzip dar, nach dem alles aufgebaut ist: das Leben, die Natur, die Welt.

So stellt der Taoist sich das große kosmische Gleichgewicht vor: Wo Licht ist (Yang), muß auch Schatten (Yin) sein. Nichts Männliches (Yang) existiert ohne Weibliches (Yin). Berg und Tal, Stein und Wasser, Wachsen und Absterben, aktiv und passiv, Geben und Bewahren - nichts, was sich nicht in der Polarität von Yang und Yin beschreiben ließe. Oder mit Laotse: Das große Yin ist königlich still; das große Yang ist rastlos tätig. ... Wenn sich beide begegnen und verschmelzen, entstehen alle Dinge.

Der Taoismus ist eine Philosphie des ewigen Kreislaufs, des Ausgleichs und der Relativität aller Dinge. Seit zweitausend Jahren haben Taoisten auf dieser Grundlage Wissenschaften und Künste entwickelt oder sie befruchtet. Immer wieder haben sie ihre Erkenntnisse und Lehren von den Bergen in die Städte und Dörfer getragen - der Taoismus ist neben Konfuzianismus und Buddhismus eine der großen Quellen chinesischer Kultur.

Ein Stück davon erleben wir in einer Klinik für traditionelle Medizin. Sie liegt im alten Moslem-Viertel von Xi'an, einem Gewirr von Gassen und Gäßchen, Höfen und Hinterhöfen. In dieser Klinik empfängt uns Meister Li Zhi Chang, Mitte dreißig, rundlich und immer fröhlich.

Erste Überraschung: Es gibt hier weder gekachelte Räume noch Doktoren in weißen Kitteln. Die Klinik ist nur ein verwinkeltes Gebäude mit Außentreppen und staubblinden Fenstern. Im Erdgeschoß wird Akupunktur unterrichtet, und in einem großen Allzweckraum im ersten Stock wird geheilt und geübt.

Meister Li hat bei einem Taoisten eine Ausbildung in traditioneller Medizin absolviert. Er lehrt und heilt mit Qi Gong, was man als Arbeit mit dem Qi oder Qi-übung übersetzen kann. Der Mensch heißt es in einer Lehrschrift aus dem vierten Jahrhundert vor Christus, lebt inmitten von qi und qi erfüllt den Menschen. ...Alles bedarf des qi, um zu leben. Wer das qi zu führen weiß, nährt im Innern seinen Körper und wehrt nach außen schädigende Einflüsse ab.

Li Zhi Chang ist nicht der einzige Arzt hier. Seine Kollegen empfangen Patienten. Nicht, daß sie sich in ein Sprechzimmer zurückziehen würden. Arzt und Patient suchen sich eine freie Ecke, setzen sich einander gegenüber, und los geht's. Der Arzt hält einem Kranken die Hand vor den Bauch. Oder über die Stirn. Manche bleiben zehn Minuten, andere eine Stunde. Manche scheinen tief zu schlafen, andere gehen umher. Neben einer alten Dame mit ausgetretenen Schuhen sitzt ein junger Geschäftsmann mit Handy.

Es geht zu wie im Bienenstock zur Hauptblütezeit. Von Kur- oder Erholungsatmosphäre keine Spur. ähnlich wie im Park an der Mauer: Taiji, das doch eigentlich zur Ruhe führen soll, wird in der summenden Betriebsamkeit des Morgentrainings geübt. Doch was wie ein Widerspruch aussieht, ist nur ein oberflächlicher Gegensatz. Wie sagte doch Laotse: Wer sich von äußerer Unruhe beeinflussen läßt, wie soll der innere Ruhe finden?

Vom Taiji kennen wir diese Haltung bereits: Wer andere kennt, mag klug sein, aber nur, wer sich selbst kennt, ist weise. So auch in der Medizin: Der Arzt bringt nicht Heilung und Gesundheit wie ein Halbgott, er ist eher ein Berater. Er kennt die Wege, dennoch ist er nur der Wegweise, gehen muß jeder sie selber. Die eigene Kraft entwickeln und auf sie bauen statt das Heil von anderen, der Gesellschaft oder wem auch immer zu erwarten - ein Stück taoistisches Erbe, das tief in der chinesischen Psyche verankert ist.

Deshalb haben sie auch ihre großes Marmeladenglas dabei. Am Bahnhof von Xi'an stehen die Reisenden in langen Schlangen nach Fahrkarten an, und die meisten haben ein verschraubtes Marmeladenglas mit einer hellbraunen Flüssigkeit bei sich - ihre persänliche Teemischung, von ihrem Arzt zusammengestellt. Heißes Wasser zum Aufgießen bekommt man unterwegs überall. Den Aufguß trinkt man in kleinen Portionen gegen Infektionen und Erkältungen, wenn man unter vielen Menschen ist.

Und wenn es so eng wird wie im Hard Sleeper, der chinesischen Ausgabe des Liegewagens. Es ist nicht so hart, wie es klingt. Es gibt Matrazen (dünn, aber immerhin) und Decken (auch dünn), eine Klimaanlage (fast amerikanisch kalt) und eben heißes Wasser in Thermoskannen. Am Bahnhof kann man getrocknete Nudelsuppe kaufen - die chinesische Fünf-Minuten-Terrine. Deshalb reisen Chinesen niemals ohne Trinkbecher und Marmeladenglas.

Der Nachtzug bringt uns nach Zhengshou. Morgens halb vier tappen wir durch einen menschenleeren, auf Hochglanz polierten Bahnhof. Wer nicht mit einem Zug ankommt, muß nachts draußen bleiben, und drinnen gähnen leer die Wartesäle. Auf den Außentreppen wären wir fast über die hingekauerten Gestalten gestolpert. Auf dem Bahnhofsplatz schlafen sie unter Lieferwagen, in Häuserecken, an Bauzäunen. Das kalte Flackern von Neonreklamen und einer tennisplatzgroßen Videoleinwand hebt sie für Augenblicke aus der Dunkelheit.

Im Morgengrauen überquert der Bus den Gelben Fluß. Die Brücke ist sechs Kilometer lang. Die meisten in der Gruppe sind unruhig wie junge Pferde: Wir nähern uns der Heimat des Taiji. Jan greift im Bus zum Mikrophon: Welche Version wollt Ihr hören - die Legende oder die Wahrheit?

Es gibt eine Mythologie des Taiji. Sie ist - ähnlich wie bei Shaolin und seiner Kung-Fu-Tradition - voller unbesiegbarer Helden, Wundertaten und Qi-Zaubereien. Das Kino bedient sich reichlich aus diesem Fundus aus überlieferungen, Märchen und Legenden, in denen Kämpfer auftreten, die Gewehrkugeln ausweichen können, und Meister, die praktisch Tote zum Leben erwecken.

Einerseits ist Chenjiagou nur ein Dorf inmitten von Mais- und Erdnußfeldern, mit Bauernfamilien, einer asphaltierten Straße mit zwei Kaufläden. frei laufenden Schweinen und halbnackte Kindern. Die Alten tragen noch Mao-Look und rauchen dünne, halbmeterlange Pfeifen. Andererseit bedeutet Chenjiagou : Ort der Chen-Familie. Die Chens waren Landadlige, ein Clan aus Kriegern und Großbauern, der einige berühmte Generale und Beamte hervorgebracht hat. Wie unter Adligen üblich, galt auch bei den Chens das Sprichwort aus dem klassischen Chinesisch: Ein echter Gentleman soll in der Literatur und der Kampfkunst gleichermaßen versiert sein.

Versiert, das waren sie. Das Chen-Taijiquan, das wir heute praktizieren, ist hier geschaffen worden. Auch Yang Luchan lernte und übte in Chenjiagou - der Mann, der später nach Peking zog, den Yang-Stil entwickelte (der heute am meisten verbreitet ist) und ihn unter anderem am Kaiserhof unterrichtete.

Wahrheit oder Legende gefällig? Man erzählt, Yang Luchan habe als Diener heimlich Chen Chang Xing, seinem Meister, beim üben zugeschaut, und sei dabei, als er vor Begeisterung applaudierte, vom Baum gefallen. Daraufhin habe der Meister ihn als Schüler angenommen. In Wahrheit hat er sich wahrscheinlich so geschickt angestellt, daß die Chen-Meister ihn neben ihren Söhnen mit unterrichteten. Aber was ist schon ein Meister ohne Legende?

Es ist heiß in Chenjiagou, so heiß, daß auch der dünne Schatten, den die Laubbäume werfen, keine Kühlung verschafft. Wir üben Taiji, lernen eine neue Form bei Shen Xixing, dem Shifu (großer Bruder = Lehrer) von Jan Silberstorff und Vertreter der 20. Chen-Generation. Der Schweiß fließt in Strömen. Wer mal gedacht hat, Taiji sei ausschließlich sanft, langsam und entspannend, wird spätestens hier eines besseren belehrt.

Warum tun wir das? Fragte einmal ein Schüler. Der Meister sagte: Warum tanzen Mädchen mit Taschentüchern in der Hand? Man kann über Taiji nur begrenzt reden. Um es zu erfahren, muß man es ausüben.

Später fand der Schüler heraus, daß es zwei Antworten auf seine Frage gibt. Die realistische lautet: Wer regelmäßig Taiji übt, wird die Geschmeidigkeit eines Kindes, die Gesundheit eines Holzfällers und die Gelassenheit eines Weisen erwerben.

Und die taoistische Antwort gab Professor Cheng Man-ch'ing, ein großer Meister des Yang-Stils: Wenn du endlich zu einer gewissen Einsicht gelangt bist und verstehst, worum es im Leben geht, dann bleibt dir noch etwas Gesundheit, um es zu genießen.

Also üben wir weiter. Und fügen jeden Tag ein Blatt hinzu.

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