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Viele von Euch haben sicherlich meine Kolumnen
im Taiji-Qigong-Journal verfolgt und haben festgestellt: Ruhe, Stille,
Spiritualität. Es geht immer wieder um diese Inhalte. Auch mein
letztes Editorial war bereits hierauf ausgerichtet. Ich wünsche allen Mitgliedern und Freunden, diese Möglichkeit für sich persönlich annehmen zu können und will gleich konkret Unterstützung anbieten:
und wer wirklich intensiv in die Stille gehen möchte und das mit uns Ausbildern tun möchte:
sowie zum Kennenlernen daoistischer Traditionen, wie auch Chenjiagou: In diesem Sinne alles Liebe und viel Raum für Entwicklung wünscht Euch,
Euer Jan Silberstorff Ein Einsiedler, ein Westler und ein Motorradfahrer Es war ein langer staubiger Feldweg, der mich vom
daoistischen Tempel Louguantai weiter in die Berge führte. Die
Sonne stand hoch am Himmel. 37 Grad, wie an jenem Tag, sind hier in
der Shaanxi Provinz im Sommer keine Seltenheit. Der Louguantai-Tempel
liegt am Fuße des Qin Ling Gebirges und gilt der Überlieferung
nach als der Ort, an dem `Laotse´ sein `Dao De Jing´ hinterlassen
haben soll. Nachdem ich einige Tage im Kloster verbracht hatte, zog
es mich hinaus in die endlosen Felder und Höhen, die hier, abseits
der großen Städte, mitten in der VR China, so reichlich vorhanden
waren. In der Ferne konnte ich eine buddhistische Pagode ausmachen,
soweit wollte ich gehen. Den Erzählungen nach, soll dort im 7.
Jahrhundert die christliche Sekte der Niestorien bereits eine Kirche
errichtet haben. Es ist sehr einfach hier auf dem Land, ähnlich,
wie ich es aus Chenjiagou schon von damals her kannte. Sehr schlicht,
aber sehr ruhig. Kleine Gehöfte, kaum Bauernhöfe zu nennen,
schlichen langsam an mir vorbei. Eine einfache Dorfschule und sogar
eine kleine Wushu-Schule kreuzten meinen Weg. Alles lediglich
Ein Einsiedler, ein Westler und ein Motorradfahrer. Zwei verbundene Herzen und eine Tasche voller Geld... Jan Silberstorff
Sich aus allem das Beste nehmen.... Ein Interview mit dem buddhistischen Lama Ole Nydahl, geführt von Claudia Mohr und Jan Silberstorff Was sollte man beachten, wenn man eine asiatische Kultur in den Westen bringt? Jeder sollte versuchen, das Beste überall
zu nehmen. Wir haben unvergleichliche Dinge im Westen wie Durchsichtigkeit,
soziale Vorstellung, Demokratie. Also, den großen äußeren
Rahmen nicht aufgeben, auch wenn man sich einer fremden Kultur nähert
oder Dinge davon zu sich nimmt, sollte man nie vergessen, was man selbst
an Vorteilen und Reichtümern mit hat. Denkst du es ist möglich, durch eine starke Körper-Geist-Schulung wie Taijiquan Erleuchtung zu erfahren? Ich denke, man kann jenseits vom Persönlichen gehen und dadurch das erreichen, was wir meistens Befreiung nennen, das der Körper ein nützlicher Diener ist und nicht ein schwieriger Herr und man über sich selbst, die eigene Vorstellung von einem begrenzten „Ich“ hinausgehen kann, das heißt Befreiung. Das ist eine hohe Ebene. Die weitere Ebene der Erleuchtung, da braucht man Belehrungen direkt zum Wesen des Geistes selbst und Übertragungen und ich weiß nicht, ob ihr die habt. Aber unter allen Umständen haben sich die Kampfkünste in taoistisch, buddhistisch Kulturen entwickelt...bei den buddhistischen wenigstens, gab es dann diese letztendlichen Belehrungen und das man beides verwendet, Körper und Geist zugleich, ist was sehr Gutes.
Wunderbar, besten Eltern der Welt, ich erinnere
mich noch an die Zeit vor der Befreiung, mein Vater war im Widerstand.
Ich erinnere mich an die ganzen spannenden Augenblicke, wenn die Polizei
kam, die Wohnung durchwühlt haben, den Daddy nicht gefunden haben
usw. Vor allem sehr, sehr humanistisch. Ich hab niemals die Farbe der
Tapete zu Hause kennen gelernt, denn es waren Bücher überall.
Oh spät, spät, spät, spät,
spät.... Erste spirituelle Erfahrung, der Weg dahin... Als Kind hatte ich ganz viele Träume von Männern
in roten Röcken und Bergen, und ich war immer am kämpfen,
um diese Herrn in Röcken zu schützen. Das hatte ich schon
während der deutschen Besatzung, also in 43-44, hatte ich diese
Träume. Das wurde aber nicht als spirituell erlebt. `68 mit meiner Frau rausgefahren, nach der Heirat
auf Honeymoon nach Nepal. Da haben wir dann zu ersten Mal diese tibetischen
Flüchtlinge gesehen und das war so, als würde ich sie richtig
kennen und Hanna auch. Wir hatten beide dieses Gefühl und sie sind
sofort zu uns gekommen, die riechen Schwingungen in sehr hohem Maße,
die waren immer bei uns und immer nah an uns. Sie wollten natürlich
auch was, das waren arme Flüchtlinge, aber die Verbindung war stark. Frauen und Erleuchtung Beste Möglichkeit. Beste Möglichkeit.
Am Anfang des Weges hat die Frau die bessere Möglichkeit, sie hat
die bessere Rolle in der Gesellschaft, mehr geben, weniger nehmend,
weniger aggressiv, mehr entspannt, mehr warm, mehr rund usw. Und die
Frauen haben auch den Vorteil, das fast alle Lehrenden bis jetzt Männer
sind, das heißt man verliebt sich schnell in den Lehrer, dann
hat man alle Antennen raus und dann kann man ganz, ganz schnell lernen,
während die Männer immer prüfen, taugt der was, ist er
ein ausgestopftes Hemd, hat er was, kann er was usw.. Das müssen
Männer immer bei einander, deswegen kommen Männer langsamer
rein und die Männerrollen sind auch härter und Konkurrenz
ähnlicher, nach außen wenigstens. Aber am Ende haben die
Männer es leichter, weil die immer Kinder, Jungs bleiben innen
drin und in einem Augenblick schmeißen sie dann alle Klötze
durch die Gegend und bumm, dann sind sie jenseits, während Frauen
oft ganz feine Anhaftungen haben am Ende, die bei ihnen schwierig sind.
Wer sehr, sehr gut meditieren kann, kann mit Partner
oder Partnerin meditieren, aber das ist nicht leicht. Das ist das Letzte,
wenn man schon nackt im Schnee sitzen kann, durch tiefes Atmen alles
um sich schmelzen kann, dann kommen die Vereinigungseinweihungen und
die sind nicht leicht. Da muss man vier Arten von Freude spüren,
die durch den Körper runter gehen, man muss die Freude halten können,
männliches und weibliches mischen und dann die vier Freuden wieder
hochziehen und über den Körper verbreiten. Das ist keine leichte
Sache, dass ist sehr, sehr schwierig. Hanna und ich haben die Belehrungen,
aber ich weiß nicht, welche anderen weißen Leute die haben.
Ich hab sie bis jetzt nur ganz, ganz teilweise an ganz, ganz wenige
Leute weitergegeben. Denn wenn man das verkehrt macht, sitzt man hinterher
und schüttelt, wenn man nicht schütteln will. Das sind große
Energien und man soll da keine Fehler machen. Tod......
Chen Xiaowang - ein Großmeister auf Reisen Seit Jahren begleite ich meinen Großmeister
auf vielen seiner Reisen quer über den Globus. Es fällt schwer,
sich über diese Aktivität eine reale Vorstellung zu machen.
Wohnhaft in Australien, reist GM Chen Xiaowang 10 Monate des Jahres
in über 20 Länder dieser Erde. Mit dazu gehören: USA,
Argentinien, Brasilien, Chile, Rußland, England, Italien, Holland,
Tschechoslowakei, Deutschland und China. In jedem Land bereist er in
der Regel zwischen zwei und vier Städte. Im Durchschnitt alle zwei
Wochen ein anderes Land, jede Woche eine andere Stadt. Die Reiseroute
ist kreuz und quer, jede Menge Jetlag und Intercontinentalflüge
sind mit im Reisegepäck. Und wer jetzt glaubt, er würde sich
die übrigen zwei Monate "zuhause" in einem Vorort von
Sydney ausruhen hat weit gefehlt. Hier fallen ihm Schüler wie ich
auf den Wecker, die er dann privat weiter ausbildet. Die Arbeitsleistung
ist enorm. Entweder fliegen oder Unterrichten. Einen freien Tag gibt
es kaum. Dies vor einer Kulisse die vom Zuckerhut, den roten Platz über
die Strände Californiens, bis auf den Hamburger Rathausmarkt führt. Ich stehe da und spüre einen Gedanken immer
wieder sehr deutlich: Jan Silberstorff
3 Tage Doppelsäbel mit Großmeister Chen Xiaowang Aus ganz Europa reisten die Lernwilligen an, um zum ersten Mal auf diesem Kontinent die Doppelsäbelform von Großmeister Chen Xiaowang zu lernen. Eine große Herausforderung, zwei Hände, zwei Waffen und ein Bewußtsein. 35 Figuren sollten in 3 Tagen zu meistern sein, doch als der Großmeister elegant und geschmeidig die ersten Bewegungen vorführte, wurde klar, daß uns diese Form einiges abverlangen würde. Die permanente Konzentration trieb uns manche Schweißperle auf die Stirn, besonders als der Großmeister einen nach dem anderen die erlernten Figuren unter den Blicken aller anderen vorführen ließ, um jeden Einzelnen genau zu korrigieren. Die Zeit verging wie im Flug bei den vielen Drehungen, Richtungswechseln und Sprüngen, so dass am Ende des zweiten Tages viele Figuren noch nicht gelernt waren, der Großmeister uns jedoch versicherte, das wir es schaffen würden. Und so war es auch. Am Morgen des dritten Tages zeigte er uns den gesamten Rest auf einmal und durch kontinuierliches Wiederholen hatten am Ende alle die neue Form "in der Tasche". Und so wandelte sich die Anstrengung langsam in Spaß, so mit zwei Säbeln durch die Gegend zu wirbeln, als wären wir selber Akteure wie aus Tiger und Dragon. Gott sei dank, das der Großmeister im Vorfeld schon das Video der Form fertiggestellt hatte, damit, falls wir in den Drehungen die Orientierung verlieren sollten, schnell wieder in die richtige Richtung laufen können.
The 3rd Danish Open Tai Chi Chuan Championships Am 13.10.2001 fanden in Dänemark die dritten
offenen dänischen Meisterschaften statt. Veranstalter war Shifu
Torben Rif, Schüler von Dan Docherty und Vertreter des von seinem
Lehrer benannten "Wudang - Taiji". Die Veranstaltung diente
als Vorbereitung für die im nächsten Jahr stattfindenden Europameisterschaften.
Die Teilnehmer kamen aus Dänemark, Schweden, Norwegen, England,
Österreich, Ungarn und Deutschland. Die Ergebnisse für die WCTAG:
Bastian Willig: 1.Platz Intermediate
Internal Weapon Forms Am 22. / 23.09.01 luden Meisterin Lin Qiu Ping Kurz über die Budo-Gala 2000 Auch dieses Jahr, am 18.3., traten das WCTAG- und das TaijiDao-Showteam auf der Budo-Gala in der Dortmunder Westfalenhalle auf. Neben vielen anderen großartigen Musikvorführungen, wie spektakuläre, superhohe Sprungkicks verschiedener Taekwondo-Vereine (klasse Showeffekt), beeindruckende Genauigkeit der japanischen Schwertkunst, lockere Birembaomusik zum artistischen, brasilianischen Capoeira (vorgeführt von teilweise rassigen Brasilianern, die danach auf der Aftershowpartie natürlich bei den Frauen so einige Pluspunkte hatten...), sowie sehr gute Showeinlagen aus dem WingTsung, Esdo, Karate, u.s.w. Es gab sogar noch eine Vorführung aus den inneren Kampfkünsten des modernen Taijiquan, vorgeführt von der sechsfachen Goldmedailliengewinnerin Lin Qiuping und dem ehemaligen chinesischen Nationalteam-Mitglied, Li Yanlong. Ein wenig traurig ging es auch zu, denn Jean Freanette trat mit seiner, seit Entstehung der Budo-Gala berühmten und von allen geliebten "Supersynkron-zur-Musik-wahnsinns-Kickeinlage-und-das-in-dem-Alter-Karate-Show", der "Staying Alive" das letzte Mal auf, wofür er dann auch ein ca. 5-10 minütiges Abschieds-Standing-Ovation bekam. Wir waren dieses Mal die Ersten auf dem Programm und nach spontanem Kurzausdenken von "Kampfkunstshowinszenierungsmeister" Shen Xijing, 3-4 Tage vor der Show, und nach einem leicht missglückten Probelauf auf dem Galaabend in der Markthalle in Hamburg (Sorry - ist das überhaupt jemandem aufgefallen?...), klappte es dann auf der Budo-Gala wie am Schnürchen und der Applaus dafür setzte sogar einige Zeit vor Ende unserer Darbietung ein. Kurz: Wieder ein voller Erfolg! Martial Arts - Philosophie in Action Am 14.03.00 fand zum dritten mal die "Martial Arts - Philosophie in Action" in der Hamburger Markthalle statt. Veranstalter waren die WCTAG, Jan Silberstorff und TLAG , Heiko Klisch. Um 19กก Uhr wurden die Portale geöffnet und die 800 kampfkunstbegeisterten Besucher strömten in die ausverkaufte Markthalle. Das Publikum war bunt gemischt und es kamen Männer und Frauen unterschiedlichster Altersklassen zusammen, davon auch viele selbst aktive Kampfkünstler. Um 20กก Uhr ging es los, die Lichter
im Publikumssahl erloschen und die Spots wurden eingeschaltet. Ein
nicht professionelles aber dafür umso mehr sympatisches Moderatorenteam
begrüßte uns. 15 verschiedene Showteams ebenso vieler verschiedener
Kampfkünste wurden uns angekündigt. Eröffnet wurde
der Abend mit chinesischer Live Musik von Frau Limona. Sie ist eine
der renomiertesten Musikerinnen klassischer chinesischer Instrumente
in Europa. Nicht nur die klirrenden Waffen, nein, gerade das Zusammenspiel von Yoga und Kampftechniken beeindruckte. Nach der Pause wurde von Meister Shen Xijing, der extra aus China eingeflogen wurde, eine Demonstration seines neuen Systems, dem Taiji Dao geboten. Lothar Darijes präsentierte zusammen mit seinen Schülern Aikido. Hochkonzentrierte Stille erfüllte den Raum, und zeigte, dass manchmal weniger mehr sein kann. Gerade ohne Musik kann eine Vorführung ins Schwarze treffen. Das Dacascos Kung Fu Show Team zeigte in einer 15 min. Show sein Können. Ganz besonders traten hier die formschönen Bewegungen von Martina Baumgardt hervor, die als einzige Frau bei diesem Auftritt mit dabei war. Nach einer wunderschönen Partnervorführung der Taiji-Ballform, kam zum Finale noch einmal der sogenannte "chinesische Block". Meister Zhang Wanfu vom Tanglang Kungfu und Meister Shen Xijing zeigten Ausschnitte ihrer hohen Kunst. Für einen gelungen Ausklang sorgte einer der beiden Moderatoren, in dem er mit seinem Partner seiner eigentlichen Profession nachkam: dem Feuerschlucken! Riesige Flammen heizten dem sowieso schon heißgewordenen Publikum noch einmal so richtig ein. Ein wunderschöner, vielfältiger Abend, den es ab Mitte des Jahres sogar als Video zu haben geben soll. Vielen Dank an die Veranstalter und
alle Aktiven und Helfer, die so etwas möglich gemacht haben!!!!
China / Taiji-Reise Autor :Bernd Schwer aus GEO - Saison Nr. 03/98 Der Schüler, sagt ein chinesisches Sprichwort, der nicht versucht, seinen Meister zu übertreffen - was taugt der schon! Deshalb sind Chinesen die fleißigsten Schüler der Welt. Sie üben und üben, bis alles perfekt sitzt. Dann üben sie weiter. Man ist niemals so gut, wie man sein könnte. Als erstes müssen sie den Meister im Frühaufstehen übertreffen. Kurz nach sechs, wenn über den Zinnen der Stadtmauer von Xi'an die Sonne als käsegelbe Scheibe hochsteigt, steht er bereits im Park. Reckt und streckt sich, läßt sich zum Spagat nieder, steht minutenlang auf einem Bein wie ein Flamingo, bewegungslos und stoisch. Dann begrüßt er lächelnd seine Schüler, die nach und nach eintrudeln. Er mag um die fünfzig sein, hat dichtes, graumeliertes Haar, ist schlank und kräftig. Sein weißer Seidenanzug schimmert, als er das Morgentraining eröffnet. Zuerst tut er nichts. Er steht da und schließt die Augen. Dann hebt er Hände und Arme, geschmeidig und fließend, wie schwerelos. Federleicht wirkt er und doch stämmig und stabil. Er zeigt eine lange Folge von Drehungen, mit leichtfüßige Schritten. Er öffnet und schließt die Arme, deutet Faust- und Fußstäße an - und zu jeder Bewegung und jedem Gewichtswechsel dreht und kugelt sich sein Bauch. Dazu lächelt der Meister. Zwischen den Bäumen ist ein Transparent
aufgespannt, ein Werbeplakat mit aufgeklebten Zeitungsausrissen.
Vorausgesetzt natürlich, man übt beharrlich, fleißig und regelmäßig. Jeder Taiji-Schüler kennt das Gleichnis vom Papier. Taiji zu üben, das ist, als würde man jeden Tag ein Blatt Papier auf einen Stapel legen. Der Anfänger hat nur ein Häuflein. Lange scheint der Stapel nicht zu wachsen, die Fortschritte, die man herbeisehnt, erscheinen einem papierdünn. Irgendwann jedoch, nach vielen Jahren des täglichen übens, wird der Stapel zu einem Berg angewachsen sein. Ein Stück weiter üben die Freunde der chinesischen oder Peking-Oper. Ein alter Mann mit kahlem Schädel sitzt auf einem Stein und streicht eine Fiedel. Vor ihm steht ein dünner, hoch aufgeschossener Sänger, den Mund aufgerissen, eine Hand am Ohr. Ab und an erhascht unser Westlergehör so etwas wie eine Melodielinie, ein kleines Stück Harmonie. Der Rest ist reine Dissonanz. Der Fiedler ist entzückt. Seine Lider sind halb gesenkt, er streicht und lauscht, ganz in sich versunken, nickt oder zieht die Brauen hoch und nimmt nichts wahr außer seiner Musik. Nicht einmal wir fallen ihm auf. Wir fallen sonst immer und überall auf, erst recht morgens im Park, beim Versuch, eine Stunde Taijiquan zu üben. Xi'an ist zwar eine Millionenstadt, aber 20 Langnasen sind immer noch eine Attraktion. Kein Chinese, der sich die Wesen auf dem Westen nicht gern betrachtet. Zwanzig Turbanträger, die den Kudamm runtergehen - da würden sich die Leute doch auch umdrehen kommentiert Jan Silberstorff lakonisch. Jan ist unser Taiji-Lehrer. Zwei Dutzend Male schon hat er China bereist und somit Erfahrung darin, eine Attraktion zu sein. Sein gelb-blonder Haarschopf leuchtet weithin, damit fällt er bei Asiaten auf wie ein Albino unter Massai. Wenn er sie dann in fließendem Chinesisch nach dem Weg fragt, ist die Attraktion perfekt: eine blonde Langnasen, die richtig chinesich sprechen kann! Nun führt Jan Silberstoff zwanzig seiner deutschen Taiji-Schüler durch China. Eine Reise, die, wie er sagt, helfen soll, das Taijiquan, das wir bei ihm lernen , besser zu verstehen. Denn wer Taijiquan versteht, hat den Schlüssel zur chinesischen Kultur in der Hand. Daß uns Xi'an dabei als erste Station dient, ist alles andere als Zufall oder Beliebigkeit. Xi'an, sagt Jan Silberstorff, erschien ihm als die chinesischste alle chinesischen Großstädte, viel weniger westlich geprägt als etwa Shanghai oder Peking. Wen wundert's: Xi'an war schon eine Großstadt, als es Shanghai oder Peking noch gar nicht gab. Im achten Jahrhundert hieß die Stadt Chang'an (Ewiger Friede) und war, mit ein bis zwei Millionen Einwohnern, die damals wahrscheinlich größte der Welt. Fast 2000 Jahre lang residierten Kaiserdynastien in Xi'an und Umgebung. Xi'an war der östliche Ausgangspunkt der Seidenstraße, die Metropole Ostasiens und Einfallstor für Menschen, Ideen, Kulturen, Religionen. Ganz in der Nähe wird seit 20 Jahren die gigantische Terrakottarmee ausgegraben, 7000 Tonkrieger, plus ein ganzer Hofstaat - Grabanlagen, mit denen chinesische Kaiser, die sich Sähne des Himmels nannten, zum erstenmal demonstrierten, daß ihre imperialen Ansprüche auch im Jenseits zu gelten hätten. Heute ist Xi'an auch nicht gerade ein Nest. China boomt nicht nur im Süden. Es wird gebaut: Hochhäuser, Geschäftszentren, Wohnblocks, Siedlungen, Ladenzeilen. überall blickt man in die Innereien aufgerissener Altbauten; die Schwerlaster rollen in Konvoistärke an, um den Schutt fortzuschaffen. Es ist Sommer in Xi'an, das heißt, es ist heiß. über 30 Grad am Tag, nicht viel weniger in der Nacht. Das Leben flüchtet auf die Straße. Vor offenen Werkstätten dösen Greise in Liegestühlen, während ihre Enkel Fahrradrahmen schweißen, Motoren reparieren, Reifen flicken. Nebenan leimen Arbeiter Büromäbel zusammen. Gegenüber werden Bilder gerahmt, Pferde beschlagen, Täpfe geschmiedet; mittendrin ein Billard-Salon mit einem Dutzend Tischen unter improvisierten Sonnenschirmen. Der ambulante Schlachter schiebt eine Art fahrbaren Kleiderständer vor sich, an den er das Fleisch in großen Brocken gehängt hat; als Hackklotz dient ihm sein Fahrradanhänger. Dazwischen steigen die Dämpfe und Dünste der Garküchen und Grillroste auf, wabert die Hitze aus den aufgeschnittenen, zu Öfen umgebauten Fässern, die mit gepreßten Briketts befeuert werden, und in deren Deckel ein Wok steckt. Es wird gehackt und geschnitten, gekocht, gebraten und gedünstet, gegrillt, gebacken und gedämpft. Tischlein und Stühlchen sind auf den breiten Trottoirs aufgestellt, so klein und niedlich wie bei uns Kindergartenmöbel. Was dem Koch fehlt, holt er sich bei einem Sprung auf den Markt. Händler haben Fische auf Zeitungspapier ausgelegt, silbern heben sich die glänzenden Leiber vom schwarzen Straßenstaub ab. Tomaten, Melonen und kinderkopfgroße, violette Zwiebeln sind zu Pyramiden geschichtet. Berge von Bananen werden direkt vom Anhänger des Fahrrads weg unters Volk gebracht, dazu Schmalzkringel und Dampfbrötchen, Lauchzwiebeln und Knoblauch, Salat und Weintrauben. Mancher Bauern läßt sich bei seiner Ware häuslich nieder. Tagsüber drapiert er seine Früchte auf der Plane, nachts schläft er darunter - bis alles verkauft ist und er, den Erlös in der Tasche, zur Familie zurückradeln kann. Wir decken uns mit ein wenig Proviant ein. Ein Besuch im taoistischen Kloser Louguantai steht auf dem Programm. Das liegt etwa 60 Kilometer südwestlich von Xi'an, gar nicht so weit. Aber, warnt Jan, wir sind in China. Wenn wir 25 Kilometer in der Stunde schaffen, kommen wir gut voran. Der Busfahrer bahnt sich seinen Weg über die Landstraße, indem er alle drei Sekunden wütend hupt. Verkehr in China funktioniert ganz einfach: Der Stärkere hat Vorfahrt. Schwere Lastwagen pflügen in gleichbleibendem Tempo über die Fahrbahn, immer in der Mitte und die Hupe im Dauerton, und vor ihnen spritzt alles zur Seite: Autos, Jeeps, Fahrräder, Rikschas, auch unser kleiner Bus. Nur die großen Audis mit den verhangenen Fenstern, in denen Polizei- und Militäroffiziere sich kutschieren lassen, nehmen es mit den Herrschern der Landstraße auf.
Lougantuai liegt, wie alle heiligen Stätten Asiens, in den Bergen - oben ist man dem Himmel einfach näher. Nach drei Stunden Fahrt durch topfebene Maisfelder schlängelt sich die Straße einen Hügel hinauf, und wir sind da, am Observatorium in der mehrstöckigen Hütte - dem Ort, wo auch Laotse gelebt und gepredigt hat, an der ältesten taoistischen Stätte Chinas. Ein junger Mönch serviert Tee, und Ren Farong, der Abt, gibt Auskunft: Natürlich, die Mönche, rund 50 Männer und ein Dutzend Frauen, haben sich einer rigorosen Disiplin zu unterwerfen. Der strenge Tagesablauf gestattet höchstens drei Stunden Schlaf pro Nacht, aber erholen, sagt der Abt lächelnd, könne sich der Mensch, wenn er es erst einmal gewohnt sei, auch im Sitzen, bei der Meditation. Die Mönche arbeiten im Garten, in der Küche und auf dem Gelände, studieren die alten Texte und üben auch Taiji und QiGong, allerdings ohne Kampftraining. Meditieren und üben. Jeden Tag ein Blatt Papier hinzufügen. Nehmen Sie jeden auf, der eintreten will? Ren Farong läßt sich die Frage übersetzen. Wer es aushält, darf bleiben. Und was bedeutet bitte für ihn dieses Zeichen? fragt jemand und deutet auf die Stirnwand des Raums. Dort hängt, was wir als Yin-Yang-Symbol kennen: eine Darstellung des Kreises, dessen Fläche aus zwei tropfenförmigen Mustern in schwarz und weiß besteht. Im schwarzen Tropfen ist ein weißer Punkt enthalten, im weißen ein schwarzer. Dies sagt Ren Farong, stellt das Prinzip dar, nach dem alles aufgebaut ist: das Leben, die Natur, die Welt. So stellt der Taoist sich das große kosmische Gleichgewicht vor: Wo Licht ist (Yang), muß auch Schatten (Yin) sein. Nichts Männliches (Yang) existiert ohne Weibliches (Yin). Berg und Tal, Stein und Wasser, Wachsen und Absterben, aktiv und passiv, Geben und Bewahren - nichts, was sich nicht in der Polarität von Yang und Yin beschreiben ließe. Oder mit Laotse: Das große Yin ist königlich still; das große Yang ist rastlos tätig. ... Wenn sich beide begegnen und verschmelzen, entstehen alle Dinge. Der Taoismus ist eine Philosphie des ewigen Kreislaufs, des Ausgleichs und der Relativität aller Dinge. Seit zweitausend Jahren haben Taoisten auf dieser Grundlage Wissenschaften und Künste entwickelt oder sie befruchtet. Immer wieder haben sie ihre Erkenntnisse und Lehren von den Bergen in die Städte und Dörfer getragen - der Taoismus ist neben Konfuzianismus und Buddhismus eine der großen Quellen chinesischer Kultur. Ein Stück davon erleben wir in einer Klinik für traditionelle Medizin. Sie liegt im alten Moslem-Viertel von Xi'an, einem Gewirr von Gassen und Gäßchen, Höfen und Hinterhöfen. In dieser Klinik empfängt uns Meister Li Zhi Chang, Mitte dreißig, rundlich und immer fröhlich. Erste Überraschung: Es gibt hier weder gekachelte Räume noch Doktoren in weißen Kitteln. Die Klinik ist nur ein verwinkeltes Gebäude mit Außentreppen und staubblinden Fenstern. Im Erdgeschoß wird Akupunktur unterrichtet, und in einem großen Allzweckraum im ersten Stock wird geheilt und geübt. Meister Li hat bei einem Taoisten eine Ausbildung in traditioneller Medizin absolviert. Er lehrt und heilt mit Qi Gong, was man als Arbeit mit dem Qi oder Qi-übung übersetzen kann. Der Mensch heißt es in einer Lehrschrift aus dem vierten Jahrhundert vor Christus, lebt inmitten von qi und qi erfüllt den Menschen. ...Alles bedarf des qi, um zu leben. Wer das qi zu führen weiß, nährt im Innern seinen Körper und wehrt nach außen schädigende Einflüsse ab. Li Zhi Chang ist nicht der einzige Arzt hier. Seine Kollegen empfangen Patienten. Nicht, daß sie sich in ein Sprechzimmer zurückziehen würden. Arzt und Patient suchen sich eine freie Ecke, setzen sich einander gegenüber, und los geht's. Der Arzt hält einem Kranken die Hand vor den Bauch. Oder über die Stirn. Manche bleiben zehn Minuten, andere eine Stunde. Manche scheinen tief zu schlafen, andere gehen umher. Neben einer alten Dame mit ausgetretenen Schuhen sitzt ein junger Geschäftsmann mit Handy. Es geht zu wie im Bienenstock zur Hauptblütezeit. Von Kur- oder Erholungsatmosphäre keine Spur. ähnlich wie im Park an der Mauer: Taiji, das doch eigentlich zur Ruhe führen soll, wird in der summenden Betriebsamkeit des Morgentrainings geübt. Doch was wie ein Widerspruch aussieht, ist nur ein oberflächlicher Gegensatz. Wie sagte doch Laotse: Wer sich von äußerer Unruhe beeinflussen läßt, wie soll der innere Ruhe finden? Vom Taiji kennen wir diese Haltung bereits: Wer andere kennt, mag klug sein, aber nur, wer sich selbst kennt, ist weise. So auch in der Medizin: Der Arzt bringt nicht Heilung und Gesundheit wie ein Halbgott, er ist eher ein Berater. Er kennt die Wege, dennoch ist er nur der Wegweise, gehen muß jeder sie selber. Die eigene Kraft entwickeln und auf sie bauen statt das Heil von anderen, der Gesellschaft oder wem auch immer zu erwarten - ein Stück taoistisches Erbe, das tief in der chinesischen Psyche verankert ist. Deshalb haben sie auch ihre großes Marmeladenglas dabei. Am Bahnhof von Xi'an stehen die Reisenden in langen Schlangen nach Fahrkarten an, und die meisten haben ein verschraubtes Marmeladenglas mit einer hellbraunen Flüssigkeit bei sich - ihre persänliche Teemischung, von ihrem Arzt zusammengestellt. Heißes Wasser zum Aufgießen bekommt man unterwegs überall. Den Aufguß trinkt man in kleinen Portionen gegen Infektionen und Erkältungen, wenn man unter vielen Menschen ist. Und wenn es so eng wird wie im Hard Sleeper, der chinesischen Ausgabe des Liegewagens. Es ist nicht so hart, wie es klingt. Es gibt Matrazen (dünn, aber immerhin) und Decken (auch dünn), eine Klimaanlage (fast amerikanisch kalt) und eben heißes Wasser in Thermoskannen. Am Bahnhof kann man getrocknete Nudelsuppe kaufen - die chinesische Fünf-Minuten-Terrine. Deshalb reisen Chinesen niemals ohne Trinkbecher und Marmeladenglas. Der Nachtzug bringt uns nach Zhengshou. Morgens halb vier tappen wir durch einen menschenleeren, auf Hochglanz polierten Bahnhof. Wer nicht mit einem Zug ankommt, muß nachts draußen bleiben, und drinnen gähnen leer die Wartesäle. Auf den Außentreppen wären wir fast über die hingekauerten Gestalten gestolpert. Auf dem Bahnhofsplatz schlafen sie unter Lieferwagen, in Häuserecken, an Bauzäunen. Das kalte Flackern von Neonreklamen und einer tennisplatzgroßen Videoleinwand hebt sie für Augenblicke aus der Dunkelheit. Im Morgengrauen überquert der Bus den Gelben Fluß. Die Brücke ist sechs Kilometer lang. Die meisten in der Gruppe sind unruhig wie junge Pferde: Wir nähern uns der Heimat des Taiji. Jan greift im Bus zum Mikrophon: Welche Version wollt Ihr hören - die Legende oder die Wahrheit? Es gibt eine Mythologie des Taiji. Sie ist - ähnlich wie bei Shaolin und seiner Kung-Fu-Tradition - voller unbesiegbarer Helden, Wundertaten und Qi-Zaubereien. Das Kino bedient sich reichlich aus diesem Fundus aus überlieferungen, Märchen und Legenden, in denen Kämpfer auftreten, die Gewehrkugeln ausweichen können, und Meister, die praktisch Tote zum Leben erwecken. Einerseits ist Chenjiagou nur ein Dorf inmitten von Mais- und Erdnußfeldern, mit Bauernfamilien, einer asphaltierten Straße mit zwei Kaufläden. frei laufenden Schweinen und halbnackte Kindern. Die Alten tragen noch Mao-Look und rauchen dünne, halbmeterlange Pfeifen. Andererseit bedeutet Chenjiagou : Ort der Chen-Familie. Die Chens waren Landadlige, ein Clan aus Kriegern und Großbauern, der einige berühmte Generale und Beamte hervorgebracht hat. Wie unter Adligen üblich, galt auch bei den Chens das Sprichwort aus dem klassischen Chinesisch: Ein echter Gentleman soll in der Literatur und der Kampfkunst gleichermaßen versiert sein. Versiert, das waren sie. Das Chen-Taijiquan, das wir heute praktizieren, ist hier geschaffen worden. Auch Yang Luchan lernte und übte in Chenjiagou - der Mann, der später nach Peking zog, den Yang-Stil entwickelte (der heute am meisten verbreitet ist) und ihn unter anderem am Kaiserhof unterrichtete. Wahrheit oder Legende gefällig? Man erzählt, Yang Luchan habe als Diener heimlich Chen Chang Xing, seinem Meister, beim üben zugeschaut, und sei dabei, als er vor Begeisterung applaudierte, vom Baum gefallen. Daraufhin habe der Meister ihn als Schüler angenommen. In Wahrheit hat er sich wahrscheinlich so geschickt angestellt, daß die Chen-Meister ihn neben ihren Söhnen mit unterrichteten. Aber was ist schon ein Meister ohne Legende? Es ist heiß in Chenjiagou, so heiß, daß auch der dünne Schatten, den die Laubbäume werfen, keine Kühlung verschafft. Wir üben Taiji, lernen eine neue Form bei Shen Xixing, dem Shifu (großer Bruder = Lehrer) von Jan Silberstorff und Vertreter der 20. Chen-Generation. Der Schweiß fließt in Strömen. Wer mal gedacht hat, Taiji sei ausschließlich sanft, langsam und entspannend, wird spätestens hier eines besseren belehrt. Warum tun wir das? Fragte einmal ein Schüler. Der Meister sagte: Warum tanzen Mädchen mit Taschentüchern in der Hand? Man kann über Taiji nur begrenzt reden. Um es zu erfahren, muß man es ausüben. Später fand der Schüler heraus, daß es zwei Antworten auf seine Frage gibt. Die realistische lautet: Wer regelmäßig Taiji übt, wird die Geschmeidigkeit eines Kindes, die Gesundheit eines Holzfällers und die Gelassenheit eines Weisen erwerben. Und die taoistische Antwort gab Professor Cheng Man-ch'ing, ein großer Meister des Yang-Stils: Wenn du endlich zu einer gewissen Einsicht gelangt bist und verstehst, worum es im Leben geht, dann bleibt dir noch etwas Gesundheit, um es zu genießen. Also üben wir weiter. Und fügen jeden Tag ein Blatt hinzu. |