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Editorial 2007

Liebes Mitglied,

wieder bricht ein neues Jahr herein. Und ichfrage mich, in wie weit ich mich persönlich im letzten Jahr verbessern konnte. Natürlich denke ich zuerst über meine Formen nach. Doch bevor ich diesen Gedanken noch zu Ende kriege, kommt da schon der nächste: ich übe meine Formen ja nicht als Selbstzweck. Sie dienen mir dazu, mich gesünder zu fühlen, mehr Lebensfreude zu erfahren, den Sinn meiner Existenz zu entdecken und ganz einfach: mich im Alltag meinen Mitmenschen gegenüber liebevoller zu verhalten. Dies sind die wirklichen Prüfsteine. Nicht so sehr die vermeintliche Eleganz meiner Bewegungen oder die Anzahl derer, die ich besiegen könnte. Die klassische Frage drängt sich auf: in wie weit konnte ich mich selbst besiegen? Wie viele Kämpfe habe ich letztes Jahr innerhalb der vielen Gespräche, der vielen Aufgaben, die es zu meisten gab, gewonnen, wie viele verloren? Und dies nicht in dem Sinne, ob ich erfolgreich war oder recht gehabt hätte. Sondern einfach nur in der Hinsicht auf eine versöhnliche, harmonische Energie vor, während und nach einem Treffen, einer Begegnung oder einer Handlung. Und dies nicht nur auf meiner Seite, sondern besonders und gerade bei dem Gegenüber?
In diesem Moment fällt mir auf, das eine Antwort auf die Frage nach letztem Jahr jetzt nicht mehr wichtig ist. Wichtiger ist es, besonders heute eine sensible Wahrnehmung für harmonisches Verhalten zu entwickeln.
Ich weiß, das es vielen schwer fällt, gut zu Menschen zu sein, die sie nicht besonders mögen, oder denen sie sich gegenüber im Recht fühlen.
Aber vielleicht ist ja gerade heute ein guter Tag, genau das einmal auszuprobieren.
Durch die Taiji-Praxis können wir die innere Wärme und das Zutrauen hierfür schaffen, da wir lernen, in uns selbst verwurzelt zu sein.
Ich möchte daher schließen mit einem Ausschnitt des ersten Vers des Abschnittes 'de' aus dem Daodejing und wünsche Euch allen viel Freude bei den vielen inneren Kämpfen 2007.

Jan

Editorial 2007

„Ist der Sinn (Dao) verloren, dann das Leben (De).

Ist das Leben verloren, dann die Liebe.

Ist die Liebe verloren, dann die Gerechtigkeit.

Ist die Gerechtigkeit verloren, dann die Sitte.

Die Sitte ist Treu und Glaubens Dürftigkeit

und der Verwirrung Anfang.“

(Übersetzung R. Wilhelm)

 

 

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Korea 2005



Gerhard mit einer Gruppe buddhistischer
Tai Ji Nonnen

2005 Tai Ji Quan und
Health Symposium

Seminar in Deajon-City


Seminar in
Deajon-City

 


Treffen mit dem Ministerpräsidenten
von Jeonla Bok Do

 

 


2005 Tai Ji Quan und
Health Symposium

 


Tia Ji Quan Einführungslehrgang
an der Wong Kwang Universität
Vierzehn Tage im März unterrichtete Großmeister Chen Xiaowang in Korea. Xin Jia Yi Lu war das zentrale Thema der Seminare 2005 in Seoul. Um meinen Unterricht vom Herbst 2004 aufzufrischen und die Teilnehmer auf die Vertiefung bei CXW vorzubereiten, flog ich schon 14 Tage früher in das elf Flugstunden entfernte Korea.
Zusätzlich zum Seminar in Seoul wurde auch in Daejon City ein Einführungslehrgang durchgeführt, den Meister Kim, Jong-Dok organisierte. Auch in diesem Jahr gab es an den umliegenden Universitäten Veranstaltungen zum Thema Tai Ji Quan und Gesundheit sowie Besuche bei Politikern der Region, und wie 2004 standen alle Aktivitäten im Zeichen der Kooperation, kurz: der Tai Ji Diplomatie.
An der Wong Kwang Universität erhielt CXW eine Gastprofessur. In Seoul wurde im Intercontinental Hotel ein TaiJi Quan und Health Symposium veranstaltet. Neben Vorträgen von CXW, Ärzten, TaiJi Lehrern und mir, wurden Strategien zur Zusammenarbeit der WCTA-Korea und der Korean Wushu-Association erarbeitet.
Die Zeit im Frühjahr verstrich entsprechend schnell. Für CXW stand wieder ein Jahr des Reisens und Unterrichten bevor. Für mich ging es erst mal nach Hause, und da wartete schon die nächste Arbeit. Anfang Oktober wollte ich meinen Unterricht in Seoul fortsetzen. Durch eine Verletzung am Bein sollte mich Sun-Pill vertreten, was sie sehr gerne übernahm, konnte sie doch so Familienmitglieder wieder sehen. Und reichlich Aktion gab es auch im Oktober. Die WCTAK nahm am 8. Chungju World Martial Arts Festival teil, welches vom 1. - 8. Oktober in Chungju stattfand. 35 Martial Arts Organisationen aus 17 Ländern demonstrierten mit 55 Teams die Vielfalt der Kampfkünste. Zugleich fand die jährliche Hauptversammlung der World Martial Art Union (WOMAU) mit ca.100 Meistern und 31 zugehörigen Verbänden statt. Auch hier wurde die Kooperation mit der WCTAK thematisiert. So wurden auch 2005 viele Weichen gestellt und erlerntes vertieft. Was zumindest Ji Jae Choul nicht genug war. Kurzerhand entschloss er sich, mit Sun-Pill nach Deutschland zu fliegen, um über vier Wochen bei mir Can Si Gong und Lao Jia Yi Lu zu lernen und zu vertiefen. Dass er da noch CXW in Hamburg mitmachen konnte, war für ihn ein Erlebnis der besonderen Art, konnte er doch erleben, wie in Deutschland die Seminare durchgeführt werden. 2006, so ist er sich sicher, kommt er im Sommer wieder und möchte einige seiner Schüler mitbringen. So kann er Slowenien und das WCTAG-Sommercamp mitmachen. Auf dem Campingplatz in Lüdinghausen werden gerade Strukturen geschaffen, welche abgeschiedenes intensives Lernen und Üben sowie kostengünstige Unterkunft möglich machen. Für 2006 sind 3 mal 6 Tage “In die Stille Gehen“ mit maximal jeweils 5 Personen vorgesehen. Der Gast aus Korea freut sich auf das Jahr 2006, wo er im Sommer wieder den „weiten Himmel“ genießen kann.

Gerhard Milbrat


Gespräche über medizinische Tai Ji quan-Forschungen

 


Nach der Verleihung CXW Gastprofessur in der Wong Kwang Universität

 

 


Demonstration in Chung Ju

 

 


Korrektur in Seul

Team bei dem 8. Chung Ju World
Martial Arts Festival

Ahnenzeremonie in Chenjiagou
mit der koreanischen WCTA-Gruppe

2005 Tai Ji Quan und
Health Symposium

 

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Gerhard Milbrat
Persönlichkeiten der WCTAG und was sie sonst noch so machen

 
 

Ich erinnere mich noch gut an eine Vorführung des Gottesanbeterinnenstils auf einer Turnierveranstaltung von Andreas und Evelyn Garski in Karlsruhe im Herbst 1993.
Schüler demonstrierten eine Partnerroutine, die unserem Ablauf der einhändigen Partnerroutine zumindest im Äußeren ähnelte. Ich war ein wenig überrascht und fragte den Lehrer der Truppe. Es war Gerhard Milbrat, damals noch mit großem Rauschebart. Er klärte mich auf, dass es sich um Mei Hua Tang Lang, oft auch als Taiji Tanglang bezeichnet, handelte. Nun hatte ich dieses System selbst drei Jahre trainiert, konnte aber doch positive Andersheiten zu Gunsten meines Verständnisses von Taijiquan ausmachen. Dies wiederum ließ wohl Gerhard aufhorchen, denn seitdem ist er einer der engagiertesten Mitglieder unseres Verbandes.
Verbandseintritt 1994, Kursleiterschaft 1995, erster Lehrer der WCTAG 1998 und schließlich erster Ausbilder (und erster Meistergrad) 2001.
Man könnte es auch eine steile Karriere innerhalb der WCTAG nennen. Es dauerte nicht lange, und Gerhard Milbrat hatte einen ganzen Stab an selbst ausgebildeten und von mir geprüften Übungsleitern, Kursleitern und eine Lehrerin um sich herum versammelt. Mit deren Hilfe wurde Nordrhein-Westfalen schnell mit Taijiquan flächendeckend betreut. Viele andere inzwischen selbst emporgekommene Persönlichkeiten wie z.b. Frank Marquardt entstammen seiner Schule.
Die ganze Zeit über pflegte er weiterhin seine eigene Ausbildung und die seiner Schülerschaft im Tanglangquan. Er gründete sein Institut „Dangong“, dem auch eine eigene Heilpraxis angeschlossen ist. So wurde er im Tanglang nicht nur Berater und Ehrenmitglied führender chinesischer Tanglang Verbände, er wurde auch zum Hauptvertreter seiner familieninternen Stilrichtung für Europa erklärt. Dass sich zwischendurch immer wieder große Turniererfolge (auch im Taijiquan) einstellten, ist da nur eine Selbstverständlichkeit. Während der ganzen Zeit vertiefte er seine Kenntnisse in chinesischer Medizin, so dass seine Praxis eine feste Einrichtung wurde. Es ist wohl ein Traum der meisten Kampfkünstler: Eine Kampfkunstschule mit integrierter Heilpraxis. Die Erfüllung eines klassischen Ideals.
Was viele jedoch nicht so sehr wissen, ist, dass Gerhard ein im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichneter Bildhauer ist. So wurde er mehrfach für seine Werke und seine Ausstellungen ausgezeichnet und füllte zeitweilig sogar einen Lehrauftrag an einer privaten Kunstschule in Saarlouis aus. In seiner Freizeit war und ist er inzwischen auch wieder nicht nur ein begeisterter Motorradfahrer, sondern auch Fallschirmspringer. Immer mit der Idee, das Taiji-Prinzip in der engsten Kurve oder natürlich auch im freien Fall umsetzen zu können.
Auch seine zwei Jahre als Schiffsmaat der Marine haben sicherlich zu seinen bemerkenswerten Fähigkeiten der Selbstverteidigung beigetragen…
Selbst seine koreanische Frau Sun Pill ist inzwischen Lehrerin der WCTAG. Niemand aus seinem Dunstkreis entgeht seiner Ausbildung! Mich selbst verbindet mit Gerhard Milbrat eine inzwischen zwölfjährige Zusammenarbeit, die sich aus einer Lehrer-Schüler-Beziehung längst schon zu einer tiefen Freundschaft entwickelt hat. Gerhard Milbrat hat mit seiner intensiven Verbandsarbeit maßgeblich gerade auch in den frühen Jahren zum erfolgreichen Verbandsaufbau beigetragen.
So kam es dann 2002 schließlich dazu, dass Gerhard, auf Wunsch der Taiji-Gemeinde in Korea, von Großmeister Chen Xiaowang und mir den Auftrag erhielt, dort eine Zweigstelle der WCTA, die WCTAK zu etablieren. Damit ist er einer der ganz wenigen Westler, die in Asien erfolgreich regelmäßig Taijiquan unterrichten.
Bildhauer, Schiffsmaat, Aikidoka, Fallschirmspringer, Tanglangmeister, Harleyfahrer, Mediziner, Familienvater – kurz: Gerhard Milbrat, unser Ausbilder in der WCTAG.

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Gespräche in China

Jan Silberstorff ist 2005 zwei Mal ohne Schülergruppe in China gewesen, um u.a. der Eröffnung des neuen „Chen Wangting Tempels“ und dem Turnier in Chenjiagou beizuwohnen, jede Menge Literatur und Videos für das Zentrum in Hamburg zu besorgen und noch einige lebende Schüler von Chen Fake zu besuchen.
In dem folgenden Text möchte er Euch gerne an einigen interessanten Aspekten seiner Gespräche und Eindrücke teilhaben lassen.

Seit 1991 gibt es nun anfänglich jährlich, dann später alle zwei Jahre das große internationale Jahrestreffen und Turnier in Chenjiagou, bzw. Wenxian und Jiaozuo. Wir selbst, die WCTAG, sind der deutsche Ableger dieser Jahrestreffen Vereinigung Chenjiagous.
Dieses Treffen und dieses Turnier ist die mit größte Veranstaltung für Taijiquan weltweit. Über fünf Tage erstrecken sich Vorführungen, Wettkämpfe und Gespräche. Gespräche zum einerseits ganz offiziell, gehalten als Reden oder Vorträge. Oder im Rahmen der „Research und Austausch-Gespräche“, die immer über die Tage in einem entsprechenden Tagungszentrum abgehalten werden. Aber zum Anderen auch die vielen Worte, die bei den gemeinsamen Mahlzeiten, abseits des Tuniergeschehens oder, wie in meinem Falle, zwischen den Turniereinheiten in der Ruhe und Abgeschiedenheit Chenjiagous ganz im Privaten stattfinden. Denn trotz einer Eröffnungsfeier in einem Fußballstadion der Stadt Jiaozuo mit dem Einmarsch von über 70 Teilnehmerstaaten (wir selbst bildeten im Jahr 1998 mit 56 Teilnehmern die bisher stärkste angemeldete Teilnehmerschaft) und etwa 10000 Zuschauern, trotz des tagelangen Turnierummels und unzähligen Randveranstaltungen, bleibt Chenjiagou selbst, bis auf einen Tag, ruhig und verlassen wie immer. Denn durch eine gute Organisation sind alle Veranstaltungen eben auf diese Kleinstadt Jiaozuo, etwa eine Stunde mit dem Bus von Chenjiagou, beschränkt. Einzige Ausnahme: Ein Nachmittag voller Vorführungen und Ansprachen in Chenjiagou selbst. Und dieses Jahr ganz speziell: Die Enthüllung des neuen Tempels zu ehren Chen Wangtings und dessen großer Statue.Chen Wanting
Großmeister Chen Xiaowang hatte vor einem Jahr schon damit begonnen, die noch immer anhaltende Benefizaktion zu starten, Kalligraphien gegen Spendengelder freizugeben, um den Bau dieses Tempels zum Einen und der finanziellen Unterstützung der immer noch sehr armen Bevölkerung Chenjiagous zum Anderen möglich zu machen. Nähere Informationen hierzu findet ihr auf unserer Webseite www.wctag.de , als auch hier im Heft.
Von eben diesen etwas abseits stattfindenden Gesprächen möchte ich hier teilweise und in Auszügen berichten.
Chen Zhiqiang, Euch spätestens seit dem Arte-Film „Tai Chi – eine Reisen zu den Quellen der Kraft“ (erhältlich bei uns im Shop) bekannt, leitet nicht nur im Namen seines Vaters Chen Xiaoxing (dem jüngeren Bruder von GM Chen Xiaowang) mit Chen Bing zusammen die alte Schule in Chenjiagou, er ist ebenfalls mit der führende Trainer der Turniermannschaften Chenjiagous. Und dies sowohl für die Schiebenden Hände, als auch für den Formen und Waffen Bereich. Er leitet ein eigenes Showteam, und es ist angedacht, dieses zukünftig gegebenenfalls auch nach Deutschland zu holen.
So fuhren wir als Coach des Teams täglich von Chenjiagou nach Jiaozuo und zurück. Dies bedeutete früh morgens um halb sechs Aufbruch und abends um Mitternacht die erneute einstündige Rückfahrt. Das hieß für die Turnierteilnehmer (Frauen und Männer in gleicher Anzahl) über fünf Tage harte Wettkämpfe mit täglich nur vier stunden Chen YuSchlaf.
Auf diesen Fahrten zeigte sich noch das alte China, wenn wir nachts um eins zum „Abendessen“ an einer Landstrasse, die aufgrund ihrer Schlaglöcher nur mit Tempo dreißig befahrbar ist, an einem kleinen provisorischen Zelt halten, wo eine Familie, darin wohnend, handgemachte Nudeln für uns frisch zusammenknetet und in den großen dampfenden Wok wirft. Ich selber fahre teilweise den Wagen, damit die erschöpften Wettkämpfer schon einmal ein bisschen im Holter die Polter der Strasse dösen können. Besonders beeindruckend der Moment, als eine Straßensperre uns zwang anzuhalten. Polizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag traten auf mich als Fahrer zu und zeigten mir Steckbriefe flüchtender Sträflinge. Wissend, dass meine Fahrerlaubnis in China keine Gültigkeit besitzt, zeigte ich nach hinten, auf eine Horde komplett schlafender Einheimischer. Momente, die man einfach lieben muss. Und zum Glück, im richtigen Moment von hinten ein Gemurmel: „Ich bin Chen Zhiqiang, wir kommen vom Turnier.“. Die Polizisten guckten mich an, wieder nach hinten, freuten sich, wünschten Chenjiagou viel Erfolg auf dem schule in ChenjiagouTurnier, sowie bei seiner weltweiten Verbreitung und ließen uns passieren.
Wie ich von Chen Zhiqiang erfuhr, bereitet er seine Mannschaft jetzt auch für die kommenden nationalen Vollkontaktmeisterschaften im chinesischen Sanda (Freikampf) aus. Diese kickboxähnliche Variante (auch Ringen und Würfe sind erlaubt) ist mit dem klassischen Taijiquan nur bedingt vereinbar und so fragte ich ihm nach seinem Konzept.
„Wir wollen der Welt zeigen, dass wir in allen Disziplinen erfolgreich sein können. Im Sanda gibt es viele verschiedene Techniken. Doch wir beleiben unserem Taijiquan treu. Die weitgefassten Regeln lassen eine große Interpretationsmöglichkeit zu. Daher können wir essentiell mit unseren Taiji-Techniken arbeiten. Zum Beispiel, wenn jemand nach uns tritt, benutzen wir diesen Moment, um in guter Deckung den Mann (die Frau) umzuwerfen. Auch mit den Handschuhen gibt es immer noch genug Möglichkeiten zu werfen, zu pushen und natürlich auch zu schlagen.“
Ein bisschen sportlich geht das Training dabei aber wohl doch zu, denn ich konnte neuerdings auch in Chenjiagou beobachten, wie die Trainierenden damit begannen, um das Dorf zu joggen und Gewichte zu stemmen. Dazu Zhiqiang: „Früher haben alle sehr hart auf dem Feld gearbeitet. Man hatte daher schon große Körperkräfte. Heute haben wir viele Maschinen und die professionellen Taiji-Schüler arbeiten nicht mehr viel auf dem Feld. Daher haben wir solche eigentlich eher westlichen Methoden mit eingeführt.“ Da ich mich diesem gegenüber ein wenig kritisch zeigte, fügte er hinzu: „Es gibt Überlieferungen, wie z.B. Yang Luchan täglich sehr schwere Gegenstände wie z.B. Mühlsteine anhob. Es ist so, wir alle lernen Taijiquan, aber jeder muss in seiner Zeit die geeigneten Mittel finden, erfolgreich zu sein.“
Auf meine Frage, wie er selbst zum seinem Kampfstil im Taijiquan gekommen sei, antwortete er: „Mein Vater, Chen Xiaoxing zeigte mir, nachdem ich alle Formen und Übungen der Schiebenden Hände bereits erlernt hatte, alle Anwendungen im Taijiquan. Er tat dies in einem Zeitraum von einem Monat. Vorher nicht und hinterher auch nicht mehr. Nur in diesem einen Monat, Er wollte mich dazu bringen, selbst über die Zusammenhänge des Taijiquan und seiner Anwendung nachzudenken. Wenn ich dann meine Entwicklungen vorantrieb, und Fragen hatte, so beobachtete er mich und half mir dabei. Ich kam mit der Zeit zu der Erkenntnis, dass durch das brechen des Gleichgewichts den anderen und durch das Ausnutzen seiner Kraft eine Vielzahl von Techniken überflüssig wurden und konnte mich mehr und mehr auf das Wesentliche konzentrieren.“
Sehr beeindruckend war dies an den Turniertagen im pushhands zu sehen, wie einige seiner Schüler und Schülerinnen gegen KämpferInnen mit zum Teil 25 kg mehr Gewicht antraten.
Sehr viel klassischer und traditioneller begegnete mir Meister Chen Yu, der Sohn von Chen Zhaokui, einem der beiden Hauptlehrer von GM Chen Xiaowang. Wie unser Großmeister selbst, vertritt er die Ansicht, das wirkliche Gongfu liege in den Formen und ihrem inneren Bewegungsprinzip.
„Alle Bereiche des Taijiquan sind zu trainieren. Formen, aber auch die Schiebenden Hände. Die Basis sind immer die Formen. Natürlich gibt es auch traditionell sehr anstrengende Übungen, wie z.B. das Üben mit sehr schweren Waffen oder dem Ball. Das System ist vollständig und es muss ihm nichts hinzugefügt werden. Unsere Vorfahren haben sehr viele Formenabläufe trainiert und haben einen sehr hohen Level erreicht. Aber man muss auch vorsichtig sein. Wenn man in einer falschen Situation zu viel trainiert, kann sich dies auch negativ auswirken. Es ist gut immer seine Situation zu kennen uns sein Training richtig einzuschätzen. Früher war die Selbstverteidigung das wichtigste Ziel, heute ist es die Gesundheit. Das Training sollte dies berücksichteigen. Früher musste man gleich kämpfen, sobald man aus der Haustür trat. Heute ist es nicht mehr so. Man sollte sich daher im Training nicht zu sehr verausgaben, sondern sein Training in Harmonie mit allen anderen Umständen gestalten.“
Zu der Frage, ob sein Großvater Chen Fake oder sein Vater Chen Zhaokui maßgeblich verantwortlich für die Entwicklung des „Neuen Rahmens“ wäre, sagte er: „Für uns hier in Peking (er ist dort aufgewachsen) gibt es keinen alten oder neuen Rahmen. Es gibt nur einen Rahmen, den des Gongfu. Chen Fake ist nach Peking gekommen mit der Form, wie sie seit Chen Changxing gelehrt wird. Aber natürlich verändern sich Formen mit der Zeit. Jeder interpretiert sie auf seine Weise.“ „Also gab es keine Reformierung, sondern „Xinjia“ ist mit der Zeit von alleine entstanden?“ fragte ich. „In etwa ja. Die Bewegungen wurden weiter ausgefeilt und spiraliger. Daher hat es für uns hier nie eine Unterteilung gegeben. Für uns hier gibt es so etwas wie Laojia und Xinjia nicht. Es gibt nur einen Rahmen.“ „Ist es demnach so“ füge ich ein, „dass hier in Peking durch Chen Fake und Deinen Vater, sowie anfänglich Chen Zhaopi Chen Taijiquan unterrichtet wurde, die Formen sich hier zwar veränderten, aber immer quasi die einen Formen blieben, während man in Chenjiagou zur selben Zeit die Formen nach Chen Changxing unverändert trainierte und davon zunächst nichts mitbekam? Und als dann Chen Zhaokui später zurück nach Chenjiagou ging, plötzlich zwei unterschiedliche Versionen zusammentrafen und man daher in Chenjiagou fortan von der einen als Laojia und der anderen als Xinjia spricht? Es auf diese Weise dort also zwei Varianten, und hier in Peking nur eine gibt?“ „Ganz genau, stimmt!“, so Chen Yu. Er unterstrich dies noch einmal nachdem ich vor seinen Schülern in Peking eine Vorführung geben sollte. Ich zeigte die erste Form Laojia. Nach dem ich fertig war, wandte er sich zu seinen Schülern und sagte: „Seht ihr, ich habe gesagt, es gibt nur eine Form, es ist das gleiche Prinzip, es ist die gleiche Energie. Es gibt kein Laojia oder Xinjia. Es gibt nur das Taiji-Prinzip und seine Ausführung.“
Zum Schluss soll ich noch alle WCTAG-Mitglieder sehr herzlich von Meisterin Chen Guizhen grüssen, die mir bei einem gemeinsamen Abendessen erzählte, dass sie selbst eine neue große Schule im Sommer 2006 in Chenjiagou eröffnet.

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Schiebende Hände in bezug auf die acht Trigramme und die 64 Hexagramme

Wuji als das einzige Eine, das nicht differenzierbare, da ungeteilt, von nichts zu trennen und nur potentiell mit allem ein einziges Eines ist – dieses Wuji teilt sich durch sich selbst in Folge von Ziran, der Natürlichkeit, in Teil und Gegenteil, in Yin und Yang. Diese werden Liang Yi, die zwei Erscheinungen, genannt. Diese treten in Interaktion mit einander, was die Drei genannt wird. Aus dieser mannigfaltig, endlosen Interaktion entstehen die zehntausend Dinge, sprich alles was wir kennen und alles, was wir nicht kennen.
So kann Laozi sprechen: „Aus der Eins entsteht die Zwei, aus der Zwei die Drei und aus der Drei die zehntausend Dinge.“
Aus den ersten Interaktionen der Drei bilden sich folgerichtig vier Elemente: Yin, Yang, und die Kombinationen Shao Yin und Shao Yang (wenig Yin und wenig Yang). Diese vier Elemente werden Si Xiang, die vier Bilder, genannt. Durch eine weitere Interaktion entstehen die acht Trigramme (Ba Gua): Gian (Himmel), Kun (Erde), Zhen (Donner), Sun (Holz), Kan (Wasser), Li (Feuer), Gen (Berg) und Dui (See). Diese acht Trigramme untereinander in Interaktion ergibt die Liu Shi Si Gua, die 64 Hexagramme.
Sieht man die menschliche Entstehungsweise aus der religiös-mystischen Sicht unserer Kultur, so ist da ein Schöpfer, welcher, noch nicht schöpfend, das Absolute ohne jegliche Trennung war. Da nichts Geschöpftes da war, war da nur das eine, das Absolute. Dieses Absolute erkennt sich selbst als Absolutes und schon sind da zwei: Subjekt und Objekt, Erkenner und Erkanntes. Beide sind im Wesen eins, denn der Erkenner erkennt sich lediglich selbst. Dies gilt in der christlichen Mystik als die Entstehung von Vater und Sohn. Die Beziehung zwischen den Beiden, zwischen Erkenner und Erkanntem, ist die Liebe, in diesem Falle der heilige Geist, die Drei. Aus dieser Dreieinigkeit, d.h. der Interaktion von Vater und Sohn im heiligen Geiste, entsteht nun alles, was wir kennen und was wir nicht kennen.
Und nun auch noch einmal für den Wissenschaftler, um die ganze Sache abzurunden: Ein Vakuum ist überall gleich und leer. Nichts tritt in Erscheinung, ist es ein einziges Eines. Und doch ist potentiell Energie vorhanden. Durch Zufall (natürlich als wissenschaftlicher Fachausdruck) entsteht innerhalb dieses Vakuums aus diesem energetischen Potential Teilchen und Antiteilchen (die Zwei). Aus der Verbindung der Teilchen (Interaktion) entstehen die Atome (die Drei) und aus den Atomen alles Substanzielle. Nun ist es jedoch so, dass, wenn entsprechendes, ursprüngliches Teilchen und Antiteilchen wieder aufeinander treffen, es einen Blitz gibt, und beide sind wieder verschwunden in der potentiellen Energie des Einen.
Der Mensch, der von sich selbst lässt und vollständig zu seinem Seelengrund, seinem Ursprung, zurückzukehren vermag, vereinigt sich dort mit Gott, welcher wiederum dem Seelengrund gleich ist und niemals aus diesem Ursprung gegangen ist, und wird wieder undifferenzierbar zu dem einzig Einen.
„Zum Dao gelangt man durch die Harmonisierung von Yin und Yang“, sagte einmal der daoistische Abt Ren Farong zu mir. Höchste Harmonie zwischen Yin und Yang bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, dass sie sich wieder soweit einander annähern, dass sie dabei ihre Eigenheit verlieren und ineinander zerfallen und dadurch zurückkehren zu dem einzig Einen, dem Wuji.
Es handelt sich bei dem Konzept von Yin und Yang demnach nicht bloß um eine Idee oder ein von Menschen ausgedachtes Konstrukt innerhalb einer bestimmten Zeit oder Kultur. Es handelt sich hier um eine reine Beobachtung der Dinge, wie sie sind, schon immer waren und immer sein werden. Jedenfalls ist bisher kein Fehler gefunden worden. So bilden Wissenschaft, Religion und Philosophie eigentlich nur die verschiedenen Flanken ein und desselben Fahrzeugs.


(siehe ABB. rechts)Hexagramm


Natürlich sind auch Yin und Yang nur ein Beschreibungsmodell und nicht die Wirklichkeit selbst. Aber es verhilft uns Menschen, die wir in Verstand und Vernunft begrenzt sind, die Grundzüge des Seins verstehen zu lernen. Wirkliches Erkennen jedoch kann nicht über den Verstand, kann nicht logisch erarbeitet werden. Es kann nur durch die Transzendenz und durch die tatsächliche Erfahrung erlangt werden. Dazu wiederum ist die Praxis notwendig. Taijiquan ist solch eine Praxis.
Daher können meine Erläuterungen dieses Konzeptes bezogen auf die Schiebenden Hände ebenfalls zwar hier logisch nachempfunden werden, erfahren jedoch wird dies erst durch korrekte und unentwegte Praxis. Aber ich hoffe, hierdurch eine Anleitung zu liefern, durch welche man nicht an der Erfahrung vorbeiläuft, sondern in seiner Praxis effektiv auch darauf zusteuert. Man muss Taijiquan sehr viel praktizieren. Aber auch der fleißigste Student läuft in die Irre, wenn seine „Landkarte“, nach der er sich bewegt, falsch ist.
Haben wir eine Grundstruktur unseres Körpers und Geistes entwickelt, in der die Dinge als ein Eines wirken können (Stehende Säule), so haben wir etwas, was ich in der Regel als provisorisches Wuji bezeichne. Ein Zustand von Einheit innerhalb meines endlichen Zustandes innerhalb der Dualität. Nun kann ich innerhalb der Dualität nichts Unwandelbares entwickeln, sonst wäre ich ja nicht mehr in der Dualität. Daher nenne ich es provisorisch. In dieser Einheit nun beginne ich mich zu bewegen, ohne diese Einheit wieder zu verlieren. Gelingt mir dies, kann ich durch die dadurch im Inneren entstehende Freiheit alles lösen und entspannen. Die Energie in uns wird wieder frei und kann auf den dafür gegebenen Bahnen (Meridianen) zirkulieren. Dies unterstützen wir mit unserer Aufmerksamkeit (Seidenübungen und Soloformen). Nun gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Äußerungen dieser doch einen Energie: Die, welche vom Zentrum nach außen (Finger- bzw. Fußspitzen) fließt, und solche, welche von dort wieder zurück zum Zentrum fließt. Eine expansive und eine sich zurückziehende. Wie wir wissen, ist es dem männlichen Attribut zuzuordnen, nach Außen zu gehen, große Hochhäuser zu bauen, für Ruhm und Ehre große Schlachten zu schlagen usw. Also ist die Energie, die nach außen fließt, als Yang zu bezeichnen. Das Behütende, Ruhige, sich in Bescheidenheit und Demut äußernde, sprich das Zurückhaltende, wird als weibliches Attribut bezeichnet. Daher ist die zurückfließende Energie als Yin zu bezeichnen. Es ist wie Ebbe und Flut.
Mit der Zeit erfahre ich also die Zusammenhänge von Yin und Yang in mir selbst. Ganz authentisch und direkt.
Das heißt, ich habe ein vage Wahrnehmung von Wuji und dem daraus entstanden Taiji, sowie seiner zwei Erscheinungen Yin und Yang. So ist die bloße Theorie schon zu einem gewissen Grade Erfahrung geworden. Wenn ich nun mit einem Partner die Schiebenden Hände übe, so soll es mir gelingen, über mich selbst hinauszugehen, d.h. meinen Energiefluss über meine Fingerspitzen hinaus durch den Körper des anderen bis in sein Zentrum zu führen. Gleichzeitig aber seine eigene Kraft wahrnehmen und zerstreuen, so dass sie nicht mehr auf mich wirken kann. Letzteres bedeutet jedoch, dass ich sie zuerst wahrnehmen und dann verstehen können muss (Ting Jin und Dong Jin). Im Groben heißt dies also zunächst, ihren grundsätzlichen Charakter als Yin (nachgebend) oder Yang (hervorkommend) zu erkennen. An diesem Punkt wäre ich dann in der Lage, die zwei Erscheinungen nicht nur bei mir, sondern auch bei meinem Gegenüber wahrzunehmen. Dann erst könnte ich sie umleiten (Hua Jin) und meine eigene Kraft entsprechend sinnvoll abgeben (Fa Jin). Es sei angemerkt, dass es sich hier um ein energetisches Wahrnehmen handelt und nicht so sehr um das Sehen äußerer Bewegungen.
Dringe ich ein wenig tiefer in meine innere Erlebniswelt ein, d.h. vertieft sich mein Können im Taijiquan, so werde ich die Ebene hinter meinem vordergründigen Energiefluss wahrnehmen. Habe ich zuvor nur die beiden Fischchen im Taiji-Symbol wahrnehmen können, also ein „entweder oder“, so erkenne ich jetzt in mir die beiden Punkte. Sprich, das eine in dem anderen. Denn ich erfahre jetzt quasi „hinter“ meinem Yangfluss einen entsprechenden Yinfluss und umgekehrt. Meine Bewegung ist auf diese Weise subtiler geworden und ich lerne mit einer Bewegung zwei energetische Zustände herstellen zu können. Gelingt es mir, dies auch bei einem Gegenüber wahrzunehmen, weiß ich in der Regel schon mehr als er selbst. Denn die meisten Schüler des Taijiquan nehmen, wenn überhaupt, gerade mal den ersten, offensichtlichen Energiefluss wahr, nicht mehr aber den dahinter. So gesehen, verstehe ich, was mit dem Satz von Chen Wangting, 9. Generation der Chenfamilie, gemeint war: „Niemand erkennt mich, wobei ich alle erkenne.“ Ich kenne meinen Gegner also besser als er sich selbst. Er jedoch kann mir auf meiner Bewegungsebene schon nicht mehr folgen. Ich bin jetzt auf der Ebene der vier Bilder (Si Xiang) angelangt.

Auf der Ebene der zwei Erscheinungen bedeutet dies praktisch, wenn zwei Personen gegeneinander schieben, so können sie entweder beide gegeneinander schieben, oder der eine schiebt und der andere gibt nach. Wenn beide gleichzeitig nachgeben, gibt es keinen „Kampf“. Auf der Ebene der vier Bilder ist es mir nun möglich, gleichzeitig zu schieben und trotzdem nachzugeben. Ist es auf der Ebene der zwei Erscheinungen noch möglich, dies quasi stereo mit beiden Armen auszudrücken, indem ich auf der einen Seite vordränge und auf der anderen Seite nachgebe, so ist es mir hier bei den vier Bildern möglich, beides in ein und derselben Bewegung zu machen. Denn ich habe ja zwei Yin-Yang- Strichlein pro Bewegung zur Verfügung und nicht wie zuvor nur eins. Gleichzeitigkeit von Angriff und Verteidigung durch zwei verschiedene Armbewegungen ist als immer noch auf der ersten Stufe der zwei Erscheinungen. Im Level der vier Bilder befinde ich mich erst, wenn beides in ein und derselben Bewegung zustande kommt.
Wie sieht dies nun aber aus, wenn ich Yin und Yang in einer Bewegung gleichzeitig ausdrücke? Hier kommen wir nun zu dem Phänomen, durch das Taijiquan unter anderem so berühmt geworden ist. Schiebe ich gegen jemanden und er ist stärker als ich, ist da für mich so kein Durchkommen. Wir beide setzen dieselbe Form von Energie (Kraft) ein, und er hat halt mehr davon. Nun kann ich aber (aufgrund meines Levels der vier Bilder) nicht nur schieben, ich kann auch zurückweichen in ein und derselben Bewegung. Dies bedeutet, dass mein Arm zwar weiter gegen seine Kraft nach vorne drängt. Jeder starken Stelle meines Berührungspunktes mit ihm jedoch gebe ich nach und in jede offene Stelle dringe ich ein. In dem Berührungspunkt z.Bsp. einer Hand mit dem Gegenüber gibt es unendlich viele Einzelbereiche. Ein Mensch kann nicht in allen Bereichen seines Körpers gleich sein. Auch und gerade nicht in den Kleinsten. Im Gegenteil. Buddha hat schon vor 2500 Jahren erkannt, dass unser gesamter Körper ein einziges Zerfallen und im selben Moment neu Entstehendes ist. Dass es also etwas Beständiges in unserem Körper nicht gibt. Dies soll er während seiner Meditation leibhaftig erfahren haben. So erfahren wir dies konzeptionell in ähnlicher Weise im Taijiquan. Und können uns dies in den Schiebenden Händen zu Nutze machen. Für den unsensiblen Menschen ist der Körper in einem Moment überall gleich. Er sieht nur die Veränderung in großen Zeitabständen. Der sensible Mensch jedoch spürt diese Veränderungen in jedem einzelnen und kleinsten Moment. Also auch beim Anderen genau dort, wo ich meine Hand auflege. Weshalb könnte man sonst so gut mit Taijiquan heilen?
Durch diesen gerade beschriebenen Prozess gelingt es mir, quasi durch den Körper des anderen zu fließen. Gerade so, wie das Wasser einen Berg hinunter kommt. Wo der Weg frei ist, geht es gerade aus und wo er nicht frei ist, fließt es drum herum. Es ist vielleicht ein bisschen wie Segeln gegen den Wind.
Und das Beste: Das Gegenüber kann nichts dagegen unternehmen, weil es die Kraft in ihrer Feinheit nicht versteht und ihr deshalb auch nichts entgegensetzen kann.
Ist er auf dem Level der zwei Erscheinungen und ich aber auf dem der vier Bilder, sähe eine Gegenüberstellung zum Beispiel so aus:

Abb. Ein Yang-Strich versus ebenfalls ein Yang-Strich, darunter aber zusätzlich ein Yin-Strich

Insgesamt hat mein Gegenüber zwei Möglichkeiten, sich zu wandeln und ich habe vier.
Nun decken Sie, als Leser, bitte den unteren Strich der Doppelstrichkombination zu. Was Sie jetzt nur noch sehen, ist das, was der Gegenüber lediglich wahrnimmt. Denn er kann nur das beim anderen wahrnehmen, was er bei sich selbst wahrnehmen kann. Dadurch versteht er mich in dem Sinne in meiner Bewegung nicht mehr und kann quasi nur noch zusehen, wie er besiegt wird. Daher finden bei einem deutlichen Levelunterschied auch keine Kämpfe in dem Sinne mehr statt. Das Ergebnis steht schon vorher fest. Erkennt der Herausforderer dies rechtzeitig, findet kein Kampf statt und er gibt kampflos auf. Wir kennen dies aus vielen Taiji-Legenden, wo bei der ersten Berührung schon abgebrochen wird und der Herausforderer sich entschuldigend entfernt. Erkennt er es nicht, findet ebenfalls kein Kampf statt, denn er wird einfach nur kurzfristig besiegt. Kämpfe sind immer etwas in einer zeitlichen Folge befindliches. D.h. eine Addition von Fehlern, aufgrund derer die Zeit vergeht. Wenn gleich die erste Bewegung zum Sieg führt, also keine Zeit in dem Sinne vergangen ist, spricht keiner davon, einen Kampf gesehen zu haben. Höchstens einen Niederschlag oder ähnliches.
Haben aber beide das Level der z.B. vier Bilder, so kennt der eine den anderen und umgekehrt. Nun werden die verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander ausgespielt und es kommt zu einem zeitlichen Verlauf, also zu einem Kampf. In den Schiebenden Händen ist es meist das, was als Gerangel beschrieben wird.
Gelange ich aber zu dem Level der acht Trigramme und mein Gegenüber ist noch bei den vier Bildern stehen geblieben, so ist es mir wieder ein Leichtes ihn zu besiegen, genau wie vorher. Wie viel leichter daher noch, wäre der andere erst bei dem Level der zwei Erscheinungen.
Sehen wir einen Großmeister gegen einen Anfänger, ist es, als hätten wir hier ein Hexagramm mit sechs Strichen gegen vielleicht mal einen einzigen Strich. Daher sehen wir jetzt diese beeindruckenden Phänomene, aus denen sich die Legenden nähren.
Große Kunst oder wildes Gerangel hat also nichts mit „Taiji“ oder „nicht Taiji“ zu tun. Es ist bloß eine Frage von Level und vor allen Dingen: Von Levelunterschied zwischen den beiden Kontrahenten. Da auf Turnieren meistens die Levelunterschiede der Teilnehmer nicht allzu groß sind, erscheint es einem meistens als ein wildes Gerangel. Dies hat für sich erst einmal nichts mit gut oder schlecht zu tun. Eine generelle Ablehnung ist hier zu einfach und undifferenziert.

Abb. Ein Yang-Strich versus sechs unterschiedlich Striche mit einem Yin-Strich oben.

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes also eine Frage der Tiefe einer Bewegung.
Fortschritt ist also wie die Suche nach dem kleinsten Teilchen. Ich lerne, immer tiefer in mich hineinzuspüren und immer feinere Zusammenhänge von Yin und Yang zu ergründen. Dieses findet spätestens ab den Trigrammen nicht mehr mit dem Verstand statt. Auch die geistigen Ebenen müssen immer subtiler, sprich im „Vorher“ liegen. In der Tiefe unseres Selbst. Je tiefer ich in meinen substanziellen Körper hineinspüren möchte, um so sensitiver und tiefgründiger muss auch mein Geist sein, der es wahrnimmt. Und umso mehr komme ich zum Ursprung meiner und der generellen Bewegung.
So ist nicht nur das Ego und das personifizierte Ich etwas, was ich bei kontinuierlichem Fortschritt hinter mir lassen muss.
Auf diese Weise kehrt sich der Prozess am äußersten Ende um und ich kehre von den zehntausend Dingen langsam wieder zurück zur Drei, zur Zwei und zur Eins. Allerdings diesmal nicht im provisorischen, sondern im echten Zustand des Wuji. Ich habe Yin und Yang in immer kleineren Zusammenhängen erfahren. So weit, dass sie kaum noch von einander unterschieden werden können. Und dann soweit, dass sie tatsächlich nicht mehr von einander unterschieden werden können. „Das Dao erreicht, wer Yin und Yang miteinander harmonisiert“. Da ist sie, die Harmonie. So weit, dass Yin und Yang schon wieder ineinander zerfallen und sich auflösen. Wie die Teilchen und entsprechenden Antiteilchen sich ineinander auflösen und verschwinden. So fallen auch wir zurück in ein einziges Eines. Ins Absolute. In diesem Moment erfahre ich mich selbst im Wuji, äußerlich lebend jedoch weiterhin im Taiji. Innerlich im ewiglich Unveränderlichen und äußerlich Zeit meines Lebens im Dualismus, in der Wandlung. So ist Leben und Tod nicht mehr von einander zu trennen und es entsteht das, was der Chinese als „Xian Ren“, einen Unsterblichen, bezeichnet. Der Mensch kehrt zurück in die Schöpfung, aus der er geplumpst ist und bildet mit ihr das Absolute.

© wctag, silberstorff 2005

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"Was ist Taiji?"


waren die Worte, die seinen Mund verließen, und seine dunkelbraunen Augen waren fest auf mich gerichtet. „Was nun“, dachte ich, wie die Frage meistern, wie einem Dreijährigen, der mir vorher stolz erzählt hatte, er sei nicht eins, nicht zwei, sondern schon drei Jahre und würde in den Kindergarten gehen. Wie die große Tiefe des Taiji in einfachen Worten dem Kleinen nahe bringen, ohne ihn in der Stehenden Säule zu korrigieren oder ihn gegen mich schieben zu lassen. Denn wir befanden uns zu alledem auch noch in einem Restaurant, gefüllt mit Menschen und einer kritisch beobachtenden Mutter. Ich wusste ja um die Schwierigkeit, die Komplexität des Taiji einem Erwachsenen verständlich darzulegen, aber wie viel schwieriger ist es erst bei einem Dreijährigen nur mit Worten.
So versuchte ich es über Phänomene, die er selbst schon beobachten konnte, dass die Dinge um ihn herum alle anders seien, Junge/Mädchen, Tag/ Nacht , Kalt/Warm, und sich ständig wandelten. Ich hörte mich sagen, dass im Winter keine Blätter an den Bäumen seien, im Sommer aber schon, worauf er sofort konterte, dass einige Bäume aber noch Blätter hätten und auch der Weihnachtsbaum ganz grün sei.
Und schon saß ich wieder in der Sackgasse. Diese versuchte ich zu verlassen, in dem ich seine Mutter als Beispiel heranzog, dass sie ja schon ganz groß wäre und viel essen würde, er jedoch klein sei und weniger essen würde. Und so sei es eben auch in der Natur, die großen Blätter bräuchten viel Essen, da aber im Winter nur wenig Essen da sei, könnten nur die kleinen Blätter oder Nadeln an den Bäumen bleiben. Das verstand er, doch sofort folgte wieder die Frage, was sei denn nun Taiji?Was ist Taiji?
Ja , eben dieses Prinzip der Wandlung, das uns umgibt, durchdringt und alle Dinge in Ihrer Vielfältigkeit erscheinen und wieder vergehen lässt. Ein Nach-Außen-Dringen und ein Sich-Zurückziehen, ein Nach-unten-Sinken und ein Emporsteigen. Doch auch das wären nicht die richtigen Worte gewesen, geschweige denn zu sagen, dass man durch Taiji das Kämpfen erlernen kann, denn wie erwähnt, die Blicke der Mutter waren fest auf uns geheftet.
Taiji muss ja erfahren werden und lässt sich nur schwer in Worte fassen, denn für die Beschreibung einer tiefen Erfahrung sind Worte zu arm, ihre Aussagekraft zu gering. Worte bleiben nur Beschreibungsmodelle, die nur eine Annäherung, einen Hinweis auf das tiefer dahinter liegende sein können. Durch Worte kann ich nichts erfahren, sie befriedigen unseren Intellekt, unser Ego, sie richten sich immer an der Sichtweise der sprechenden Person aus und werden deshalb auch ständig falsch verstanden und/oder interpretiert. In den wirklich bewegenden, ergreifenden Momenten wie einem Sonnenuntergang, einem Lächeln, einer sanften Brise an einem Sommertag, eben in all jenen Momenten, wo unser Inneres berührt wird, fehlen uns einfach die Worte, weil Niemand mehr da ist, der diese Worte sagen könnte. Daher die Sprachlosigkeit. Etwas spricht in uns.
Erst später versuchen wir dann, den Moment zu beschreiben, mit einem anderen zu teilen, aber das vorher Erfahrene geht über jedes Wort hinaus. Auch die Weisen wussten um diese Schwierigkeit, sprachen genau aus diesem Grund in Parabeln und Gleichnissen, die erst verstanden werden können, wenn die Erfahrung erfahren wurde.
Aus diesem Grund reden wir ja auch nicht während der Praxis des Taijiquan, wir schweigen, die Worte verlieren ihre dominante Stellung, und an ihre Stelle tritt das unbeschreibliche Erfahren, das aus der Stille geboren wird.

Deshalb versiegten dann auch meine Worte an den Kleinen, und ich beschloss, ihm lieber vor der Tür ein Stück aus einer Taiji-Form zu zeigen. Vielleicht würde er ja das dahinterliegende erahnen, das, was sich mit Worten kaum beschreiben lässt, und vielleicht würde er sich ja später an dieses Gefühl erinnern und sich auf die Suche begeben nach dem Erfahren. Vielleicht.........oder ich werde die richtigen Worte finden... das nächste Mal.

Claudia Mohr

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Editorial 2006

Liebes Mitglied,

hast Du schon einmal beobachtet, wie viele Worte täglich gesprochen werden, ohne dass wirklich etwas gesagt wird. Wie viele Handlungen täglich vollzogen werden, ohne dass tatsächlich etwas passiert? Und wie ist es mit den Gedanken? Wie oft wiederholen wir täglich etwas, ohne dass darin eine Entwicklung geschieht? Die Tage vergehen, wir sind oft so beschäftigt, und doch passiert meist nichts. Doch wenn schon nichts passiert, vielleicht können wir aber, nur indem wir dies beobachten, einfach mal innehalten, mal anhalten und in dem Moment die Stille suchen, ohne Angst zu haben, etwas zu verpassen? Stille ist eines unserer höchsten Güter. Erst hier können wir uns besinnen, den Sinn finden, uns wieder erfahren. Erfahren, worin unser Weg liegt, Editorial 2006was wir tatsächlich zu tun haben. Begriffe wie Bestimmung, Lebenssinn und Seligkeit werden schnell wieder erlebbar, wenn wir es verstehen, die inhaltslose Beschäftigung einzutauschen gegen die erkenntnisreiche Stille, die Leere, aus der alles Tun sich von selbst ergibt. Ruhe, Stille, Leere: eine Folge, die Erholung (sich zurückholen), Erkenntnis und Bestimmung entfaltet.
Wie viele Geschmäcker haben wir verpasst, weil wir bei den Mahlzeiten mit anderen Dingen beschäftigt waren. Wie viele Berge, Wälder oder Ozeane haben wir gesehen, ohne dass wir uns mit ihnen verbunden gefühlt hätten? Es ist wie durch einen Fernseher, getrennt, nur ein Sehen, aber kein Wahrnehmen, weil ich dabei gesprochen habe, weil ich an anderes oder weil ich überhaupt gedacht habe. Auf meinen vielen Reisen fällt mir eines immer wieder auf: Die meisten Touristen haben einen Reflex: Sobald sie etwas Schönes sehen, sind sie fürchterlich beschäftigt, mit Videokameras, mit Fotohandys, dazu werden gleich noch Kommentare mit auf das Band gesprochen, oder man versichert sich gegenseitig, wie schön das doch ist und geht weiter, nachdem man die Bestätigung dessen vom Partner erfahren hat.

Dabei ist es manchmal so einfach.

Ich brauche nur zur Ruhe zu kommen, schon fühle ich mich wohl. Ich brauche nur zur Stille zu kommen, und Verbundenheit tritt ein. Komme ich zur Leere, hören alle Unterschiede auf.
Seligkeit ist erreichbar für jeden von uns.
Dass Körper und Geist sich entspannen können, das wünsche ich jeder/m von Euch und hoffe, dass unser Taijiquan ein wenig dazu beitragen kann.
Ich freue mich, auch in diesem Jahr 2006 wieder eine Menge Aktivitäten in diesem Heft vorstellen zu können, bei denen wir uns be-sinnen können und wünsche uns allen freudige Begegnung und ein liebevolles Miteinander,

Euer

Jan Silberstorff

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Editorial 2005

Liebes Mitglied,

Europa beginnt sich in SachenTaijiquan zu emanzipieren.Übergeordnete, stilübergreifende Organisationen versuchen ihre eigene, von China unabhängige Identität zu finden. Überall entstehen stilunabhängige Pushhandstreffen, mann/frau besucht viele verschiedene LehrerInnen jeglicher Richtungen, man versucht von allen und mit allen lernen zu können. Das ist eine sehr schöne Entwicklung.
Auf der anderen Seite geht Europa damit auch einen Weg, der nicht mehr immer mit den Überlieferungen des Ostens übereinstimmt. Zu kurze Lernzeiten, zu wenig Übungspraxis und zuviel Egobestrebungen führen auch zu Entwicklungen, die mit der eigentlichen Sache oft nicht mehr viel zu tun haben. Manchmal scheint es fast, von größerem Interesse ist nicht, wie und was die Sache selbst eigentlich ist, sondern mehr, wie der “moderne” Europäer sie gerne hätte. Dadurch gerät mann/frau natürlich in Gefahr, die Sache selbst zu verlieren, und Taijiquan beginnt, unter den Schwächen des Westens zu zerfallen. Dabei soll es doch eigentlich mithelfen, diese zu beseitigen.
Gerade in einer so positiven Zeit des gemeinsamen Dialogs und der Zusammenarbeit ist es daher genauso wichtig, sich weiterhin gerade auf die Wurzeln dieser wundervollen Kunst zu besinnen und ihnen achtsam zu folgen. Denn die höchsten Level erreicht derjenige, der dem Prinzip folgt und nicht derjenige, der versucht, seine Interpretation darüber zu stellen. Kürzlich sah ich meinen Großmeister eines meiner Bücher für einen Schüler mit folgendem Satz signieren:
“Wer nach dem Dao strebt, folgt dem Dao. Wer dem Dao nicht folgt, folgt seinem eigenen Weg.” Und hier liegt die Gefahr: Wer sich von den eigentlichen Inhalten aufgrund einer eigenen Vorliebe lossagt, folgt sich selbst und nicht mehr dem Prinzip. Die Gefahr, dabei verloren zu gehen, ist hoch, ist der Weg selbst dem Adepten doch noch unbekannt.

Aber auch in China schreitet die Versportlichung und Inhaltsleere zugunsten von äußerer Ästhetik und Wettkampfsport fleißig weiter voran.

Es geht nicht darum, gegen diese Entwicklung anzukämpfen. Vielmehr geht es um Aufklärung. Alles hat seinen Platz und seine eigene Schönheit. Aber es muss immer auch die Bewahrer der eigentlichen Kunst geben, die hilfreich zur Seite stehen können, so dass der Faden zurück zur Quelle nicht verloren geht. Dies gilt genauso für machtpolitische Ideen, Geschichte umzuschreiben, und auf Kosten ”der Eliminierung von Vater und Mutter” eine eigene, unabhängige Identität sich erzwingen zu wollen.

Daher rate ich zu einer offenen, freudvollen Zusammenarbeit mit allen Richtungen und Strebungen. Jedoch wollen wir hierbei immer in unserer eigenen Mitte bleiben und uns den wahren Kern der Sache selbst zum Kompass machen.

Die Wahrhaftigkeit des Prinzips verstehen lernen und mit allen in Freude zusammenarbeiten, das wünsche ich der Welt für eine gesunde Entwicklung des Taijiquan.

Ein glückliches Jahr 2005!

Jan Silberstorff

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Himmel, Erde, Mensch

„Taiji beschreibt den Menschen zwischen Himmel und Erde und gibt ihm seinen Sinn (Dao)“

Der Mensch befindet sich inmitten der Wechselwirkung von Himmel und Erde. Himmel und Erde stehen miteinander in fortlaufender Kommunikation. Wir können den Begriff „Himmel und Erde“ getrost weiter fassen und darin vorerst alle Erscheinungen des Universums verstehen, sprich, alles was wir kennen, und arbeiten uns dann vor zu allen Dingen, die wir nicht kennen.
Wasser steigt zum Himmel auf und kehrt als Regen wieder herab. Die Sonne geht auf der einen Seite auf und auf der anderen wieder unter. Sonne und Mond bewegen sich zu uns im Wechselspiel. Ebbe und Flut folgt aufeinander. Alle Planeten, Sterne, Sonnensysteme und Galaxien - alles steht nicht nur durch die Gravitation in Beziehung zueinander und wirkt aufeinander. Zwischen allen diesen Kräften und noch unendlich vielen mehr steht der Mensch. Und damit nicht genug, er selbst trägt Himmel und Erde in sich und ist sich selbst, dem Wechselspiel von Wohlbefinden und Leid jeglicher Art, ständig unterworfen. Ob nun „Himmel und Erde“ im Außen oder im Innen, alles steht in Beziehung zueinander, nichts ist voneinander zu trennen.
Dies ist die Situation, in der wir uns befinden.

Aber noch eine weitere Bedeutung (und vieles mehr) verbirgt sich hinter diesem berühmten klassischen Ausdruck „tian, di, ren“ (Himmel, Erde, Mensch):

Wenn wir uns Himmel und Erde im spirituellen Sinne vergegenwärtigen, so ist der Himmel das Göttliche, das Dao, die höchste Form von Existenz, nämlich der Existenz selber. In diesem Zusammenhang ist dann die Erde der Ort des Vergänglichen, des buddhistisch gesprochenen „Dukha“, des ewig Unzulänglichen und daher nie zur Ruhe führenden, da ein jeglicher Zustand aufgrund seiner Wandlung nicht gehalten werden kann. Insofern befindet sich der „Erdenmensch“ in einem fortwährenden Zustand des Leidens, denn selbst bei Wohlgefühl kann er nicht zufrieden sein, aufgrund der Tatsache, dies nicht halten zu können und immer weiteres zu wollen. Kurzum: Die Erde symbolisiert hier den Zustand des Unbeständigen.
Der Mensch nun ist aufgrund seiner einzigartigen geistigen (seelischen) Kraft in der Lage, damit sowohl den Himmel wie auch die Erde zu berühren. Stehen seine Füße quasi auf der Erde, so ragt sein Kopf bis in den Himmel. Er ist das Bindeglied zwischen beiden und kann sich in beide Bereiche hineinbilden. Entwicklungen sind daher in beide Richtungen möglich.

Der daoistische Meister Ren Farong aus dem Louguantai Tempel sagt:“ Nur wer sehr viel Gier besitzt, erreicht das Dao“

Nun muss man den Begriff „Gier“ in der Art deuten, wie er hier gebraucht wird. Es ist eine gewaltige Kraft, die es dem Menschen ermöglicht, die höchsten Ziele zu erreichen. Jedoch ist es dieselbe Kraft, die den Menschen auch in die niedersten Beweggründe zu zerren vermag. Wir kennen den Begriff in unserer Kultur aus der christlichen Mystik als „Eraszibilis“, die „Zorneskraft“ oder auch „aufstrebende Kraft“, welche je nachdem, in welche Richtung sie sich neigt, zu Hoffnung aufsteigt oder zu Hochmut herabfällt.

Die nach Ren Farong dem Menschen innewohnende „Gier“ nun lässt ihn angetrieben sein, seine Ziele zu verwirklichen. Mögen diese nun irdischer oder himmlischer Natur sein. Dies liegt in seiner eigenen Entscheidung. Das höchste Ziel im Daoismus ist die vollständige Vereinigung mit dem Dao. Viel Energie ist nötig, diesen Weg vollständig bis zum Ende beschreiten zu können, und nur wenigen ist dies daher möglich. Dieselbe Energie ist es aber auch, die uns antreiben kann, irdische Ziele zu verwirklichen. Ob dies nun eine Karriere, eine Ehe, viele Kinder, Luxus oder aber gar das ist, was wir eigentlich unter dem Wort Gier verstehen, nämlich den negativen, niemals endenden Durst nach Besitz und Macht.
So ist es nicht verwunderlich, wenn in der Geschichte des Buddha zur Stunde seiner Geburt weisgesagt wird, er könne ein vollendet Erleuchteter oder ein großer Weltenführer sein.
Eine ähnliche große Energie mag in der Legende die Heiligen aus dem Morgenland angezogen haben.
Denn ob nun ein erfolgreicher Autogroßhandel, ein ganzer Harem voller Frauen, eine Familie groß wie ein Dorf, ein Napoleon oder aber ein Erleuchteter: Es ist dieselbe Energie, die uns zu unseren Zielen führen kann. Es liegt an uns zu entscheiden, in welcher Richtung es gehen soll. Und da war es beim Buddha auch nicht viel anders als bei uns: Die Eltern wollen, dass aus uns etwas „Vernünftiges“, sprich etwas weltliches wird, wir wollen (zumindest noch als Kinder), daß aus uns zumindest etwas „Unvernünftiges“, wenn nicht etwas Ewigliches wird. Die Zeit der Sozialisation zeigt dann, welche Kraftrichtung sich durchsetzen kann und ob wir ewig „Kind“ bleiben können oder nicht.

Doch ob die Kraft nun groß oder klein ist, ob wir uns von gesellschaftlicher Konvention freimachen können oder nicht - uns allen ist es freigestellt, hiermit den Himmel zu berühren oder dem irdischen Leben den Vorzug zu geben.

Taiji beschreibt den Menschen zwischen Himmel und Erde.

Es beschreibt ihn in seiner Situation, in dem Zustand in dem er sich persönlich befindet, es zeigt ihm auf, wie der Zustand optimal für ihn sein könnte und sogar, wie er sich aus seinem „irdischen“ Zustand befreien könnte.
Dies bedeutet auch, dass Taijiquan z.B. ein geeignetes Mittel sein kann, den Bereich des Dualismus, wie er hier auf der Erde herrscht, zu befrieden und Eintracht in die unendlichen Erscheinungen und Geschehnisse zu bringen. Der Daoist sagt: „Yin und Yang miteinander zu harmonisieren“. Damit gelingt es, sich dem Weltgesetz anpassen zu können und ein ausgefülltes, seliges Leben führen zu können, ohne in das Leid der „Unwissenheit“ zu versinken.
Ganz pragmatisch berühren wir mit den Füssen den Boden, finden durch unsere Praxis eine starke Verwurzelung mit der Erde. Gleichzeitig jedoch öffnet sich unser Körper für seine inneren Energien, der Geist öffnet sich und das Bewusstsein strebt in spirituelle Erkenntnis, steigt daher „in den Himmel“. Daher heißt es:“ In den Himmel gezogen, mit der Erde verwurzelt.“
Und dies ist nicht nur durch die entstehende innerlich und äußerlich befreite, aufrechte Körperhaltung gesund.
Es stellt zudem eine hohe, notwendige Vorraussetzung dar, den „Sprung in den Himmel“ zu wagen. Denn: „Das Dao erreicht, wer Yin und Yang harmonisieren kann.“ – so wie der der Meister Ren Farong.
Denn mit zunehmender Harmonie stellt sich Ruhe ein. Aus Ruhe entsteht Stille. Stille führt zur Leere und damit zum Ursprung der Dinge selbst: Zum Wuji-Zustand.
Oder mit den Worten der daoistischen Nonne Dao Zhuangkang: „Die Praxis des Taiji führt zuerst zum Yangsheng, zur Gesunderhaltung von Körper und Geist. Von hier aus ist es möglich, in den Bereich des „Dangong“ einzutreten“: Der Entwicklung des „goldenen Elixiers“. Und daraus folgend dem Erwachen und dem Erkennen des Ewiglichen in uns selbst. Im Bild: das Erreichen des Himmlischen.

Taiji beschreibt den Menschen zwischen Himmel und Erde und gibt ihm seinen Sinn (Dao).

Taiji – Himmel, Erde, Mensch - kann mir helfen, Yin und Yang wieder miteinander zu harmonisieren, wenn möglich sogar soweit, dass sie wieder ineinander zerfallen und zurückkehren, aus dem sie gekommen sind und aus dessen Gesamtsinn sie niemals gefallen sind: Dem Wuji. So ist es bereits uns als Menschen möglich, einzutauchen in die ewigliche, alles durchdringende Existenz, die sich selbst nicht wahrnimmt: Das Dao.

„Die Erde folgt dem Himmel, der Himmel folgt dem Dao, das Dao folgt sich selbst.“ (Laotse)

Jan Silberstorff © 2004

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Chen Guizhen

Königin des Taiji Doppelschwerts

"Zurück zu den Quellen" lautete das Motto der WCTAG China Reise 2004. Die beeindruckenden Landschaften des Huashan und des Wudang Gebirges standen natürlich genauso auf dem Programm wie Chenjiagou, der Ursprungsort des Taijiquan. Chenjiagou ist auch der Geburtsort von Chen Guizhen (21.Gen.), eine der wenigen Meisterinnen des Taijiquans. In Deutschland ist sie sicher noch einigen in guter Erinnerung von einem Lehrgang für Doppelschwert, den sie 1998 in Lüdinghausen gegeben hat.
Chen Guizhen empfing unsere Reisegruppe, die immerhin 36 Menschen umfaßte, sehr herzlich mit Tee und Obst in ihrem Haus in der Nähe ihres Geburtsortes. So bot sich für uns die Möglichkeit, der Meisterin einige Fragen zu stellen:

Wir freuen uns, Sie persönlich kennen zu lernen, nachdem viele von uns Sie nur von Videos und Erzählungen kennen.
Oh, vielen Dank. Ich freue mich auch sehr über das Treffen.

Frau Chen Guizhen, bei wem haben Sie Taijiquan Unterricht bekommen?
Mein Vater und Chen Zhaopei waren die ersten, die mich unterrichteten. Ich begann im Alter von 7 Jahren mit dem Taiji Training.

Wie sieht heute ihr Alltag aus, wie trainieren Sie?
Ich stehe früh auf und trainiere zwischen 5 Uhr und 9 Uhr in der Früh, danach arbeite ich und ab 17 Uhr trainiere ich dann noch einmal.

Was trainieren Sie für sich selbst?
Für mein eigenes Training steht das Formentraining im Vordergrund, und hierbei in erster Linie die 75er Form Laojia.

Gehören auch die Seidenübungen und Stehende Säule zu ihrem Training?
Ja, auch die Seidenübungen und die Stehende Säule gehören zu meinem täglichen Programm.

Gibt es Möglichkeiten für EuropäerInnen, hier bei Ihnen Unterricht zu bekommen?
Ich habe ein Gästezimmer für ausländische Schüler, und es waren ja auch schon Ausländer hier, um bei mir Unterricht zu nehmen. Immer wieder sind hier in meinem Haus Schüler untergebracht und bekommen Unterricht von mir.

Wie kontaktiert man Sie am besten?

Am besten geht das über Jan Silberstorff und die WCTAG, das ist am einfachsten. Ich habe aber auch eine e-mail-Adresse.

Wie sieht es mit Sprachkenntnissen für den Unterricht aus?
Die Korrekturen funktionieren auch so, über Körpersprache, das ist kein Problem, dafür braucht man keine Sprachkenntnisse. Falls es aber einmal nicht ausreichen sollte, kann auch ein Übersetzer geholt werden und so können dann auch kompliziertere Dinge besprochen werden.

Gibt es Unterschiede in der Übungspraxis für Männer und Frauen?
Nein, sie gibt es nicht. Frauen und Männer üben das gleiche. Frauen sollten sich jedoch nicht mit Männern vergleichen.

Ist es möglich, dass Frauen über das Trainieren in den tiefen Ständen eventuell einen hohen Yin-Verlust riskieren?
Ja, das kann passieren, daher sollten Frauen z.b. während der Monatsblutung höher stehen und mit wenig Kraft trainieren. Damit läßt sich dieses Problem vermeiden.

Wieviele SchülerInnen haben Sie?
Das ist schwer zu sagen, ich habe unzählige Schüler und Schülerinnen in der ganzen Welt

Spielt Meditation eine Rolle in Ihrer Praxis?
Nein, eigentlich nicht.

Bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt vom Taijiquan?
Ja, ich übernehme neben dem Unterrichten auch organisatorische Tätigkeiten für Turniere und bin als Schiedsrichterin tätig. ( Anm.: Chen Guizhen ist eine sehr gefragte und berühmte Schiedsrichterin in China.)

Gibt es noch andere berühmte Frauen, also Meisterinnen des Taijiquans?
Nicht unbedingt, aber es ist mir unangenehm, darüber zu sprechen.

Was ist Ihre Lieblingswaffe?

Meine Lieblingswaffe sind das Schwert und natürlich das Doppelschwert.

Warum ausgerechnet Schwert?
Schwer zu sagen, ich bin da schon als Kind praktisch hineingewachsen, ich habe immer gerne mit Schwertern gespielt. Die Schwerter lagen halt so herum, und wir Kinder haben damit gespielt.

Haben Sie selbst Kinder, die von Ihnen unterrichtet werden?
Ich habe einen 18 Jährigen Sohn, der von mir unterrichtet wird.

Unterrichten Sie derzeit in Europa?
Zur Zeit unterrichte ich nicht in Europa, unterrichte aber gelegentlich in den USA.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Säbel und Schwert?
Beides sind großartige Waffen: das Schwert ist schnell und langsam, es ist hart und weich; der Säbel ist kräftiger, durchschlagender, vielleicht nicht ganz so flexibel wie das Schwert.

Bestreiten Sie noch Turniere?
Nur noch als Schiedsrichterin, nicht mehr als Teilnehmerin. Hin und wieder gebe ich eine Vorführung, aber vor allem bin ich bei den Turnieren organisatorisch tätig.

Gibt es auch Turniere für die Waffen mit Anwendungen oder nur Formwettkämpfe?

Für die Waffen gibt es nur Formwettkämpfe.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenige berühmte Frauen im Taijiquan?
Ja, es gibt wenige, aber darüber möchte ich nicht sprechen.

Wie haben Sie während der Schwangerschaft trainiert?
Die letzten 2 Monate habe ich nicht trainiert, aber man kann auch bis zur Geburt trainieren, wenn man langsam übt und hoch steht. Die Taiji-Übungen sind sogar eine sehr gute Vorbereitung auf die Geburt.

Haben Sie Kontakt zu Chen Xiaowang? Und werden Sie von ihm trainiert?
Wie haben beide bei Chen Zhaopei trainiert, aber Chen Xiaowang ist älter als ich. Früher ja, da hat er mich ab und zu korrigiert. Wir sehen uns auch heute noch regelmäßig.

Frau Chen Guizhen, haben Sie vielen Dank für Ihre Geduld.


Zum Abschluss unseres Besuches gab es noch verschiedene Vorführungen der Meisterin aus dem Neuen und Alten Rahmen des Chenstils und natürlich auch eine Doppelschwertvorführung. Auch ihr Sohn und ein paar kleine Kinder zeigten uns ihre Künste. Und wir konnten das Haus mit dem Zimmer für ausländische BesucherInnen bewundern. Die Unterkunft hat einen relativ hohen Standard, es ist sicher möglich, dort einen sehr angenehmen Aufenthalt zu haben.



Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle auch bei Jan Silberstorff, der uns dieses Treffen ermöglicht hat.


Sasa Krauter




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Korea 2004

Das Jahr des Affen mit seiner Tendenz zur Neustruktuierung und Veränderung wirkte auch in Korea. Viel hat sich wieder getan und weiterentwickelt. So gehen z.B. die Teilnehmer/innen der Kurse und Seminare nicht mehr zum Handy nach draussen. Die Hersteller von Übungskleidung haben sich angepasst, und die neuen Trainingshosen haben jetzt auch eine eingenähte Handytasche.
Auch in diesem Jahr hielt Großmeister Chen Xiao-Wang seine Seminare im
März in Seoul ab. Xinjia stand auf dem Plan.
Darüber hinaus kam es zu einem Treffen mit Chen Zheng-Lei. Die damit verbundenen Gemeinschaftsessen waren wieder einmal vom Leckersten.

Richtig zur Sache ging es im 2. Halbjahr. Ab Oktober liefen die Säbel- und Xinjia Seminare mit mir. Vom 29.-31. Okt. 04 veranstaltete die Korean National Association of Sports for Wushu unter der Leitung von Professor Rhee Dong-Ho das 2004 Jeonju International Taiji Quan Symposium mit Vorträgen und Vorführungen. Wang Tian-Yu, Wung Jian-Ye, Wen Tao-Lin, Kyoko Ogawa, Tan Tai-Chiung, Chen Pei-Ju, Zhai Shao-Hong, Kuo Ying-Zhe und ich hatten die Möglichkeit, im Core Riviera Hotel und im HWA SAN Gymnasium/Jeonju City unsere Vorträge zum Taiji Quan vorzustellen. Ganz professionell, mit Dolmetscher/innen und TV-Team, wurde das Symposium durchgeführt. Als ZuhörerInnen fanden sich hauptsächlich Dozenten, Lehrer und ProfessorInnen von Highschools und Universitäten ein. Taiji Quan setzt seinen Weg in die Schulen und Universitäten Koreas weiter fort.
Mein Vortrag über die Taiji-Form und deren Nutzung als Werkzeug zur Entwicklung von Struktur und innerer Kraft sowie meine Vorführung wurde interessiert angenommen. Natürlich kam es zum Tui Shou Austausch und spätestens hier nickten die Kritiker anerkennend.
Der Ablauf der Demonstration im Vorfeld zur 1. reinen Taiji Quan Meisterschaft in Korea war ungewöhnlich gut organisiert. Es gab eine Massenvorführung mit hunderten von jungen Menschen, und die Demos wurden der Vielfalt des Taiji Quan gerecht.
Beonders interessant war das Kulturrahmenprogramm mit Besichtigungen, einer Diskussion über Meditation mit dem Abt des Donghksa-Tempel und für mich als highlight der Besuch der Kampfkunstbibliothek von Professor Rhee. Eine umfangreichere Sammlung kampfkunstbezogener Literatur, Dokumentationen, Filmen, Videos und DVD habe ich noch nicht gesehen.. Vier Zimmer, voll bis zur Decke, von der Enzyklopädia Tibetana bis zum handschriflichen Hagakure.
Der Abschlußparty in Jeonju konnte ich nicht beiwohnen, da ich nach Daejeon eingeladen worden war, um auf einer Wushu-Meisterschaft als Schiedsrichter zu fungieren. Noch warm von der Vorführung in Jeonju zeigte ich auch hier eine Mischung aus Yilu und Erlu des alten Rahmens sowie eine Tang Lang Form. Zudem wollte man meine Hellebardenform sehen und hatte extra eine 8 kilogramm Waffe besorgt. Upps … .

Schließlich ging es wieder mit dem Bus nach Seoul, wo ich noch ein Luo Han Gong Seminar abhalten sollte. Richtig froh war ich aber, als ich auf dem Rückflug nach Deutschland war. Dieses Jahr war recht anstrengend, zuhause ist viel liegen geblieben, und zuhause ist es sowieso am schönsten.

Gerhard Milbrat

 

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Harmonie

In Laufe der Jahre hörte ich viele Aussagen von Meistern der verschiedensten Stile wie „Frauen können kein Taiji lernen“, „sie müssen sich in den Lehrer verlieben, um ernsthaft zu lernen“, „sie beginnen alles was der Freund macht, wenn die Beziehung vorbei ist, beenden sie auch das Angefangene“.

Auch wenn diese Zitate vielleicht teilweise aus ihrem Zusammenhang genommen sind: Für viele Frauen trifft das sicherlich zu. Hat doch dieses Verhalten hat seinen tiefen Ursprung in der Rolle, die die Gesellschaft der Frau über lange Zeit zugewiesen hat. Sie war gezwungen und ist oftmals zumindest noch gewohnt, sich über ihren Mann zu definieren.
Sie hat gelernt sich anzupassen, jedoch ohne sich selbst, sprich ihrem eigenen Zentrum bewusst zu sein.
Doch ebenso wie beim Pushhands kann ein Anpassen ohne eigenes Zentrum nur zum verlieren führen.

Und hier gerade liegt die große Chance für die Frau durch das Taijiquan-Training.
Sie wird auf sich selbst zurück geworfen, sie schaut ständig in den eigenen Spiegel und dieser reflektiert nur ihr eigenes Bild. Das ist Anfänglich sehr unangenehm, da die angenommenen Gewohnheiten, wie zum Beispiel, das permanente agieren im Äußeren, nur ungern dem Neuen weichen wollen.
Normalerweise werden Veränderungen nur in der äußeren Erscheinung vorgenommen. So versuchen wir uns von den Anderen zu unterscheiden.
Doch diese Unterscheidung ist sehr oberflächlich. Die Stille der Stehende Säule lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder auf das wesentlichste zurück, auf uns Selbst.
Es gibt während des Stehens keine Ablenkung von außen und vieles, was lange im Verborgenen lag, tritt zu Tage, was nicht immer angenehm ist.
Großmeister Chen Xiaowang sagt, „alle sind gleich, unterschiedlich im Äußeren, innerlich jedoch finden sich die gleichen Wünsche, Vorstellungen und Probleme.“
„In guten und schlechten Zeiten das Zentrum zu bewahren“, sagt er weiter, „ist der Weg zur Harmonie“.

Die wahrhafte Veränderung beginnt mit der Neujustierung unserer inneren Waage. Die stehende Säule hilft die Abweichungen von unserem Zentrum zu Tage zu bringen, sie zu erkennen und Stück für Stück zu verändern. Körper und Geist kommen zur Ruhe. Wir lernen unseren eigenen Raum kennen und auszufüllen.
Aus dieser Ruhe heraus verändert sich unsere Wahrnehmung, die unsere Realität kreiert.
Wie beim Pushhands kann ich mit einem starken Zentrum meine Handlungen der Aktion des Gegners anpassen ohne das Zentrum zu verlieren.
Und hier gibt es auch keine Unterscheidung mehr zwischen Mann und Frau, der Ansatz ist der Gleiche.
„Das wichtigste Prinzip“, sagt Großmeister Chen Xiaowang, „ ist die Natürlichkeit“. Harmonisieren wir Yin und Yang fallen sie in sich zusammen und alle Unterscheidungen fallen weg.
Es entstehen in sich selbst stehende Wesen, die harmonisch miteinander umgehen und sich nicht mehr von einander abgrenzen müssen, da jeder genau seinen Raum kennt und somit auch den Raum des Anderen aus der Natürlichkeit heraus respektiert.
Deshalb ist das Arbeiten am Prinzip ein wahrhafter Schritt, das Männer und Frauen sich wahrhaft einander annähern können. Abgrenzung ist nicht mehr von Nöten, denn die Äußerlichkeit hat ihre Wichtigkeit verloren.
Begreift nur eine bzw. einer dieses Prinzip, kann es an andere weitergetragen werden, wie ein Stein, der ins Wasser fällt und dessen Ringe sich immer weiter ausbreiten - aber zuerst muss dieser Stein ins Wasser fallen.

 

Claudia Mohr

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Wie war das noch mal mit der Lust?

Neulich sah ich in einem meiner vielen Lieblingsfilme eine bemerkenswerte Szene; ein Mann kehrt von seiner Arbeit zurück und bringt seiner Frau eine in Zeitungspapier eingewickelte Birne mit, die er ihr als Geschenk auf den bereits gedeckten Tisch legt. Etwas später hört man ihre große Freude über die vorgefundene Birne. (Wer errät aus welchem Film diese Szene ist erhält eine gratis Stunde...)
Natürlich dachte ich sofort darüber nach, ob dort in mir noch jene kleine Nische der Freude über die einfachen Dinge vorhanden ist und was eigentlich geschieht auf dem Weg von dieser Freude hin zur Nicht-Freude.
Wo liegt der Moment des Wandels von Freude zur Gewohnheit?
Beobachte ich Kinder ist für sie die Welt ein einziges riesiges Forschungszentrum, alles ist aufregend, spannend und neu. Sie haben riesige Lust alles für sich zu entdecken. Doch irgendwann hört diese Lust auf und wandelt sich in Gewohnheit.
Würden wir das Beispiel mit der Birne weiterspinnen, würde der Mann jeden Tag eine Birne mitbringen, würde binnen kurzer Zeit die Birne zur Gewohnheit werden. Die Frau würde die Birne jetzt erwarten, ja sich sogar darüber ärgern, wieso er immer nur Birnen mitbringt und nicht mal etwas anders. Würde dann wiederum eines Tages die Birne nicht mehr auf dem Tisch liegen, würde und da bin ich mir ganz sicher, ein großer Sturm auf den Mann hereinbrechen, warum, wieso, weshalb es jetzt keine Birne mehr gibt.
Kurzum, die Freude wandelt sich in Gewohnheit, die Gewohnheit in Erwartung, die nicht erfüllte Erwartung in Leid und das Leid in Aggression.
Ist nun die Lösung erst gar keine Birne mitzubringen?
Wie kann ich mich davor bewahren den Schritt von der Freude zur Gewohnheit zu gehen, oder gar noch weiter? Wie bewahre ich mir meine Lust?
Betrachte ich es aus der Sicht des täglichen Taijitrainigs, ist es ja auch etwas, was ich täglich mache. Der Unterschied besteht jedoch darin, das i c h täglich trainiere, das heißt ich bin der Aktive, es entsteht etwas aus mir heraus, unabhängig von meiner Umgebung.
Das zweite ist der Geist, das Bewusstsein. Ich erforsche mich jeden Tag neu, erlebe mich jeden Tag neu. Keine Form ist wie die andere, kein Tag ist wie der andere, ich bin jeden Tag anders. Es sind keine leeren Bewegungen, sondern ich fülle sie von Tag zu Tag mehr mit Bewusstsein, sprich mit Geist.
Und hier könnten wir der Lösung schon eine Schritt näher gekommen sein. Erlebe ich meine Form jeden Tag neu, erlebe ich mich jeden Tag neu und so müsste das ja auch auf meine Umgebung zu treffen. Und plötzlich ist die heutige Birne nicht mehr wie gestrige und erst recht nicht wie die morgige. Ich begreife über das Training die permanente Wandlung in mir selbst von Minute zu Minute und kann verstehen, das, wenn ich selbst permanent in Wandlung bin, wie kann ich da erwarten das meine Umgebung immer gleich bleibt.
Die Kunst die Wandlung zu erkennen, führt zur Freude an der Erforschung der Wandlung und nicht zu letzt zur Hingabe an die Wandlung. So kann allmählich die Angst vor der Wandlung in Lust an der Wandlung umgewandelt werden und somit löst die Birne jeden Tag neue Freude in mir aus, was sicherlich nicht heißt, das ich nicht ab und zu auch einen Apfel essen könnte, denn der Apfel wird bestimmt irgendwann Birne und umgekehrt.

Claudia Mohr

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