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Artikel
Editorial 2007
Liebes
Mitglied,
wieder bricht ein neues Jahr herein. Und
ichfrage mich, in wie weit ich mich persönlich im letzten
Jahr verbessern konnte. Natürlich denke ich zuerst über
meine Formen nach. Doch bevor ich diesen Gedanken noch zu Ende
kriege, kommt da schon der nächste: ich übe meine
Formen ja nicht als Selbstzweck. Sie dienen mir dazu, mich
gesünder zu fühlen, mehr Lebensfreude zu erfahren,
den Sinn meiner Existenz zu entdecken und ganz einfach: mich
im Alltag meinen Mitmenschen gegenüber liebevoller zu
verhalten. Dies sind die wirklichen Prüfsteine. Nicht
so sehr die vermeintliche Eleganz meiner Bewegungen oder die
Anzahl derer, die ich besiegen könnte. Die klassische
Frage drängt sich auf: in wie weit konnte ich mich selbst
besiegen? Wie viele Kämpfe habe ich letztes Jahr innerhalb
der vielen Gespräche, der vielen Aufgaben, die es zu meisten
gab, gewonnen, wie viele verloren? Und dies nicht in dem Sinne,
ob ich erfolgreich war oder recht gehabt hätte. Sondern
einfach nur in der Hinsicht auf eine versöhnliche, harmonische
Energie vor, während und nach einem Treffen, einer Begegnung
oder einer Handlung. Und dies nicht nur auf meiner Seite, sondern
besonders und gerade bei dem Gegenüber?
In diesem Moment fällt mir auf, das eine Antwort auf die
Frage nach letztem Jahr jetzt nicht mehr wichtig ist. Wichtiger
ist es, besonders heute eine sensible Wahrnehmung für
harmonisches Verhalten zu entwickeln.
Ich weiß, das es vielen schwer fällt, gut zu Menschen
zu sein, die sie nicht besonders mögen, oder denen sie
sich gegenüber im Recht fühlen.
Aber vielleicht ist ja gerade heute ein guter Tag, genau das
einmal auszuprobieren.
Durch die Taiji-Praxis können wir die innere Wärme
und das Zutrauen hierfür schaffen, da wir lernen, in uns
selbst verwurzelt zu sein.
Ich möchte daher schließen mit einem Ausschnitt
des ersten Vers des Abschnittes 'de' aus dem Daodejing und
wünsche Euch allen viel Freude bei den vielen inneren
Kämpfen 2007.
Jan |

„Ist
der Sinn (Dao) verloren, dann das Leben (De).
Ist das Leben verloren, dann die Liebe.
Ist die Liebe verloren, dann die Gerechtigkeit.
Ist die Gerechtigkeit verloren, dann die Sitte.
Die Sitte ist Treu und Glaubens Dürftigkeit
und der Verwirrung Anfang.“
(Übersetzung
R. Wilhelm)
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Korea 2005

Gerhard mit einer Gruppe buddhistischer
Tai Ji Nonnen |

2005 Tai Ji Quan und
Health Symposium |

Seminar in Deajon-City |

Seminar in
Deajon-City
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Treffen mit dem Ministerpräsidenten
von Jeonla Bok Do
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2005 Tai Ji Quan und
Health Symposium
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Tia Ji Quan Einführungslehrgang
an der Wong Kwang Universität |
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Vierzehn
Tage im März unterrichtete
Großmeister Chen Xiaowang in Korea. Xin Jia Yi Lu
war das zentrale Thema der Seminare 2005 in Seoul. Um meinen
Unterricht vom Herbst 2004 aufzufrischen und die Teilnehmer
auf die Vertiefung bei CXW vorzubereiten, flog ich schon
14 Tage früher in das elf Flugstunden entfernte Korea.
Zusätzlich zum Seminar in Seoul wurde auch in Daejon
City ein Einführungslehrgang durchgeführt, den
Meister Kim, Jong-Dok organisierte. Auch in diesem Jahr
gab es an den umliegenden Universitäten Veranstaltungen
zum Thema Tai Ji Quan und Gesundheit sowie Besuche bei
Politikern der Region, und wie 2004 standen alle Aktivitäten
im Zeichen der Kooperation, kurz: der Tai Ji Diplomatie.
An der Wong Kwang Universität erhielt CXW eine Gastprofessur.
In Seoul wurde im Intercontinental Hotel ein TaiJi Quan
und Health Symposium veranstaltet. Neben Vorträgen
von CXW, Ärzten, TaiJi Lehrern und mir, wurden Strategien
zur Zusammenarbeit der WCTA-Korea und der Korean Wushu-Association
erarbeitet.
Die Zeit im Frühjahr verstrich entsprechend schnell.
Für CXW stand wieder ein Jahr des Reisens und Unterrichten
bevor. Für mich ging es erst mal nach Hause, und da
wartete schon die nächste Arbeit. Anfang Oktober wollte
ich meinen Unterricht in Seoul fortsetzen. Durch eine Verletzung
am Bein sollte mich Sun-Pill vertreten, was sie sehr gerne
übernahm, konnte sie doch so Familienmitglieder wieder
sehen. Und reichlich Aktion gab es auch im Oktober. Die
WCTAK nahm am 8. Chungju World Martial Arts Festival teil,
welches vom 1. - 8. Oktober in Chungju stattfand. 35 Martial
Arts Organisationen aus 17 Ländern demonstrierten
mit 55 Teams die Vielfalt der Kampfkünste. Zugleich
fand die jährliche Hauptversammlung der World Martial
Art Union (WOMAU) mit ca.100 Meistern und 31 zugehörigen
Verbänden statt. Auch hier wurde die Kooperation mit
der WCTAK thematisiert. So wurden auch 2005 viele Weichen
gestellt und erlerntes vertieft. Was zumindest Ji Jae Choul
nicht genug war. Kurzerhand entschloss er sich, mit Sun-Pill
nach Deutschland zu fliegen, um über vier Wochen bei
mir Can Si Gong und Lao Jia Yi Lu zu lernen und zu vertiefen.
Dass er da noch CXW in Hamburg mitmachen konnte, war für
ihn ein Erlebnis der besonderen Art, konnte er doch erleben,
wie in Deutschland die Seminare durchgeführt werden.
2006, so ist er sich sicher, kommt er im Sommer wieder
und möchte einige seiner Schüler mitbringen.
So kann er Slowenien und das WCTAG-Sommercamp mitmachen.
Auf dem Campingplatz in Lüdinghausen werden gerade
Strukturen geschaffen, welche abgeschiedenes intensives
Lernen und
Üben sowie kostengünstige Unterkunft möglich
machen. Für 2006 sind 3 mal 6 Tage “In die Stille
Gehen“ mit maximal jeweils 5 Personen vorgesehen.
Der Gast aus Korea freut sich auf das Jahr 2006, wo er
im Sommer wieder den „weiten Himmel“ genießen
kann.
Gerhard Milbrat
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Gespräche über medizinische Tai Ji quan-Forschungen
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Nach der Verleihung CXW Gastprofessur in der Wong Kwang Universität
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Demonstration in Chung Ju
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Korrektur in Seul |
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Team bei dem 8. Chung Ju World
Martial Arts Festival |

Ahnenzeremonie in Chenjiagou
mit der koreanischen WCTA-Gruppe |

2005 Tai Ji Quan und
Health Symposium |
Gerhard Milbrat
Persönlichkeiten der WCTAG und was
sie sonst noch so machen
Ich erinnere mich noch gut
an eine Vorführung des Gottesanbeterinnenstils auf einer Turnierveranstaltung
von Andreas und Evelyn Garski in Karlsruhe im Herbst 1993.
Schüler demonstrierten eine Partnerroutine, die unserem Ablauf
der einhändigen Partnerroutine zumindest im Äußeren
ähnelte. Ich war ein wenig überrascht und fragte den Lehrer
der Truppe. Es war Gerhard Milbrat, damals noch mit großem Rauschebart.
Er klärte mich auf, dass es sich um Mei Hua Tang Lang, oft auch
als Taiji Tanglang bezeichnet, handelte. Nun hatte ich dieses System
selbst drei Jahre trainiert, konnte aber doch positive Andersheiten
zu Gunsten meines Verständnisses von Taijiquan ausmachen. Dies
wiederum ließ wohl Gerhard aufhorchen, denn seitdem ist er einer
der engagiertesten Mitglieder unseres Verbandes.
Verbandseintritt 1994, Kursleiterschaft 1995, erster Lehrer der WCTAG
1998 und schließlich erster Ausbilder (und erster Meistergrad)
2001.
Man könnte es auch eine steile Karriere innerhalb der WCTAG nennen.
Es dauerte nicht lange, und Gerhard Milbrat hatte einen ganzen Stab
an selbst ausgebildeten und von mir geprüften Übungsleitern,
Kursleitern und eine Lehrerin um sich herum versammelt. Mit deren Hilfe
wurde Nordrhein-Westfalen schnell mit Taijiquan flächendeckend
betreut. Viele andere inzwischen selbst emporgekommene Persönlichkeiten
wie z.b. Frank Marquardt entstammen seiner Schule.
Die ganze Zeit über pflegte er weiterhin seine eigene Ausbildung
und die seiner Schülerschaft im Tanglangquan. Er gründete
sein Institut „Dangong“, dem auch eine eigene Heilpraxis
angeschlossen ist. So wurde er im Tanglang nicht nur Berater und Ehrenmitglied
führender chinesischer Tanglang Verbände, er wurde auch zum
Hauptvertreter seiner familieninternen Stilrichtung für Europa
erklärt. Dass sich zwischendurch immer wieder große Turniererfolge
(auch im Taijiquan) einstellten, ist da nur eine Selbstverständlichkeit.
Während der ganzen Zeit vertiefte er seine Kenntnisse in chinesischer
Medizin, so dass seine Praxis eine feste Einrichtung wurde. Es ist
wohl ein Traum der meisten Kampfkünstler: Eine Kampfkunstschule
mit integrierter Heilpraxis. Die Erfüllung eines klassischen Ideals.
Was viele jedoch nicht so sehr wissen, ist, dass Gerhard ein im wahrsten
Sinne des Wortes ausgezeichneter Bildhauer ist. So wurde er mehrfach
für seine Werke und seine Ausstellungen ausgezeichnet und füllte
zeitweilig sogar einen Lehrauftrag an einer privaten Kunstschule in
Saarlouis aus. In seiner Freizeit war und ist er inzwischen auch wieder
nicht nur ein begeisterter Motorradfahrer,
sondern auch Fallschirmspringer. Immer mit der Idee, das Taiji-Prinzip
in der engsten Kurve oder natürlich auch im freien Fall umsetzen
zu können.
Auch seine zwei Jahre als Schiffsmaat der Marine haben sicherlich zu
seinen bemerkenswerten Fähigkeiten der Selbstverteidigung beigetragen…
Selbst seine koreanische Frau Sun Pill ist
inzwischen Lehrerin der WCTAG. Niemand aus seinem Dunstkreis entgeht
seiner Ausbildung! Mich selbst verbindet mit Gerhard Milbrat eine inzwischen
zwölfjährige Zusammenarbeit, die sich aus einer Lehrer-Schüler-Beziehung
längst schon zu einer tiefen Freundschaft entwickelt hat. Gerhard
Milbrat hat mit seiner intensiven Verbandsarbeit maßgeblich gerade
auch in den frühen Jahren zum erfolgreichen Verbandsaufbau beigetragen.
So kam es dann 2002 schließlich dazu, dass Gerhard, auf Wunsch
der Taiji-Gemeinde in Korea, von Großmeister Chen Xiaowang und
mir den Auftrag erhielt, dort eine Zweigstelle der WCTA, die WCTAK
zu etablieren. Damit ist er einer der ganz wenigen Westler, die in
Asien erfolgreich regelmäßig Taijiquan unterrichten.
Bildhauer, Schiffsmaat, Aikidoka, Fallschirmspringer, Tanglangmeister,
Harleyfahrer, Mediziner, Familienvater – kurz: Gerhard Milbrat,
unser Ausbilder in der WCTAG.
Gespräche
in China
Jan Silberstorff ist 2005 zwei Mal ohne
Schülergruppe in China gewesen, um u.a. der Eröffnung des
neuen „Chen Wangting Tempels“ und dem Turnier in Chenjiagou
beizuwohnen, jede Menge Literatur und Videos für das Zentrum
in Hamburg zu besorgen und noch einige lebende Schüler von Chen
Fake zu besuchen.
In dem folgenden Text möchte er Euch gerne an einigen interessanten
Aspekten seiner Gespräche und Eindrücke teilhaben lassen.
Seit 1991 gibt es nun anfänglich jährlich, dann später
alle zwei Jahre das große internationale Jahrestreffen und
Turnier in Chenjiagou, bzw. Wenxian und Jiaozuo. Wir selbst, die
WCTAG, sind der deutsche Ableger dieser Jahrestreffen Vereinigung
Chenjiagous.
Dieses Treffen und dieses Turnier ist die mit größte Veranstaltung
für Taijiquan weltweit. Über fünf Tage erstrecken
sich Vorführungen, Wettkämpfe und Gespräche. Gespräche
zum einerseits ganz offiziell, gehalten als Reden oder Vorträge.
Oder im Rahmen der „Research und Austausch-Gespräche“,
die immer über die Tage in einem entsprechenden Tagungszentrum
abgehalten werden. Aber zum Anderen auch die vielen Worte, die bei
den gemeinsamen Mahlzeiten, abseits des Tuniergeschehens oder, wie
in meinem Falle, zwischen den Turniereinheiten in der Ruhe und Abgeschiedenheit
Chenjiagous ganz im Privaten stattfinden. Denn trotz einer Eröffnungsfeier
in einem Fußballstadion der Stadt Jiaozuo mit dem Einmarsch
von über 70 Teilnehmerstaaten (wir selbst bildeten im Jahr 1998
mit 56 Teilnehmern die bisher stärkste angemeldete Teilnehmerschaft)
und etwa 10000 Zuschauern, trotz des tagelangen Turnierummels und
unzähligen Randveranstaltungen, bleibt Chenjiagou selbst, bis
auf einen Tag, ruhig und verlassen wie immer. Denn durch eine gute
Organisation sind alle Veranstaltungen eben auf diese Kleinstadt
Jiaozuo, etwa eine Stunde mit dem Bus von Chenjiagou, beschränkt.
Einzige Ausnahme: Ein Nachmittag voller Vorführungen und Ansprachen
in Chenjiagou selbst. Und dieses Jahr ganz speziell: Die Enthüllung
des neuen Tempels zu ehren Chen Wangtings und dessen großer
Statue.
Großmeister Chen Xiaowang hatte vor einem Jahr schon damit
begonnen, die noch immer anhaltende Benefizaktion zu starten, Kalligraphien
gegen Spendengelder freizugeben, um den Bau dieses Tempels zum Einen
und der finanziellen Unterstützung der immer noch sehr armen
Bevölkerung Chenjiagous zum Anderen möglich zu machen.
Nähere Informationen hierzu findet ihr auf unserer Webseite
www.wctag.de , als auch hier im Heft.
Von eben diesen etwas abseits stattfindenden Gesprächen möchte
ich hier teilweise und in Auszügen berichten.
Chen Zhiqiang, Euch spätestens seit dem Arte-Film „Tai
Chi – eine Reisen zu den Quellen der Kraft“ (erhältlich
bei uns im Shop) bekannt, leitet nicht nur im Namen seines Vaters
Chen Xiaoxing (dem jüngeren Bruder von GM Chen Xiaowang) mit
Chen Bing zusammen die alte Schule in Chenjiagou, er ist ebenfalls
mit der führende Trainer der Turniermannschaften Chenjiagous.
Und dies sowohl für die Schiebenden Hände, als auch für
den Formen und Waffen Bereich. Er leitet ein eigenes Showteam, und
es ist angedacht, dieses zukünftig gegebenenfalls auch nach
Deutschland zu holen.
So fuhren wir als Coach des Teams täglich von Chenjiagou nach
Jiaozuo und zurück. Dies bedeutete früh morgens um halb
sechs Aufbruch und abends um Mitternacht die erneute einstündige
Rückfahrt. Das hieß für die Turnierteilnehmer (Frauen
und Männer in gleicher Anzahl) über fünf Tage harte
Wettkämpfe mit täglich nur vier stunden Schlaf.
Auf diesen Fahrten zeigte sich noch das alte China, wenn wir nachts
um eins zum „Abendessen“ an einer Landstrasse, die aufgrund
ihrer Schlaglöcher nur mit Tempo dreißig befahrbar ist,
an einem kleinen provisorischen Zelt halten, wo eine Familie, darin
wohnend, handgemachte Nudeln für uns frisch zusammenknetet und
in den großen dampfenden Wok wirft. Ich selber fahre teilweise
den Wagen, damit die erschöpften Wettkämpfer schon einmal
ein bisschen im Holter die Polter der Strasse dösen können.
Besonders beeindruckend der Moment, als eine Straßensperre
uns zwang anzuhalten. Polizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag
traten auf mich als Fahrer zu und zeigten mir Steckbriefe flüchtender
Sträflinge. Wissend, dass meine Fahrerlaubnis in China keine
Gültigkeit besitzt, zeigte ich nach hinten, auf eine Horde komplett
schlafender Einheimischer. Momente, die man einfach lieben muss.
Und zum Glück, im richtigen Moment von hinten ein Gemurmel: „Ich
bin Chen Zhiqiang, wir kommen vom Turnier.“. Die Polizisten
guckten mich an, wieder nach hinten, freuten sich, wünschten
Chenjiagou viel Erfolg auf dem Turnier,
sowie bei seiner weltweiten Verbreitung und ließen uns passieren.
Wie ich von Chen Zhiqiang erfuhr, bereitet er seine Mannschaft jetzt
auch für die kommenden nationalen Vollkontaktmeisterschaften
im chinesischen Sanda (Freikampf) aus. Diese kickboxähnliche
Variante (auch Ringen und Würfe sind erlaubt) ist mit dem klassischen
Taijiquan nur bedingt vereinbar und so fragte ich ihm nach seinem
Konzept.
„Wir wollen der Welt zeigen, dass wir in allen Disziplinen erfolgreich
sein können. Im Sanda gibt es viele verschiedene Techniken. Doch wir beleiben
unserem Taijiquan treu. Die weitgefassten Regeln lassen eine große Interpretationsmöglichkeit
zu. Daher können wir essentiell mit unseren Taiji-Techniken arbeiten.
Zum Beispiel, wenn jemand nach uns tritt, benutzen wir diesen Moment, um in
guter Deckung den Mann (die Frau) umzuwerfen. Auch mit den Handschuhen gibt
es immer noch genug Möglichkeiten zu werfen, zu pushen und natürlich
auch zu schlagen.“
Ein bisschen sportlich geht das Training dabei aber wohl doch zu,
denn ich konnte neuerdings auch in Chenjiagou beobachten, wie die
Trainierenden damit begannen, um das Dorf zu joggen und Gewichte
zu stemmen. Dazu Zhiqiang: „Früher haben alle sehr hart
auf dem Feld gearbeitet. Man hatte daher schon große Körperkräfte.
Heute haben wir viele Maschinen und die professionellen Taiji-Schüler
arbeiten nicht mehr viel auf dem Feld. Daher haben wir solche eigentlich
eher westlichen Methoden mit eingeführt.“ Da ich mich
diesem gegenüber ein wenig kritisch zeigte, fügte er hinzu: „Es
gibt Überlieferungen, wie z.B. Yang Luchan täglich sehr
schwere Gegenstände wie z.B. Mühlsteine anhob. Es ist so,
wir alle lernen Taijiquan, aber jeder muss in seiner Zeit die geeigneten
Mittel finden, erfolgreich zu sein.“
Auf meine Frage, wie er selbst zum seinem Kampfstil im Taijiquan
gekommen sei, antwortete er: „Mein Vater, Chen Xiaoxing zeigte
mir, nachdem ich alle Formen und Übungen der Schiebenden Hände
bereits erlernt hatte, alle Anwendungen im Taijiquan. Er tat dies
in einem Zeitraum von einem Monat. Vorher nicht und hinterher auch
nicht mehr. Nur in diesem einen Monat, Er wollte mich dazu bringen,
selbst über die Zusammenhänge des Taijiquan und seiner
Anwendung nachzudenken. Wenn ich dann meine Entwicklungen vorantrieb,
und Fragen hatte, so beobachtete er mich und half mir dabei. Ich
kam mit der Zeit zu der Erkenntnis, dass durch das brechen des Gleichgewichts
den anderen und durch das Ausnutzen seiner Kraft eine Vielzahl von
Techniken überflüssig wurden und konnte mich mehr und mehr
auf das Wesentliche konzentrieren.“
Sehr beeindruckend war dies an den Turniertagen im pushhands zu sehen,
wie einige seiner Schüler und Schülerinnen gegen KämpferInnen
mit zum Teil 25 kg mehr Gewicht antraten.
Sehr viel klassischer und traditioneller begegnete mir Meister Chen
Yu, der Sohn von Chen Zhaokui, einem der beiden Hauptlehrer von GM
Chen Xiaowang. Wie unser Großmeister selbst, vertritt er die
Ansicht, das wirkliche Gongfu liege in den Formen und ihrem inneren
Bewegungsprinzip.
„Alle Bereiche des Taijiquan sind zu trainieren. Formen, aber auch die
Schiebenden Hände. Die Basis sind immer die Formen. Natürlich gibt
es auch traditionell sehr anstrengende Übungen, wie z.B. das Üben
mit sehr schweren Waffen oder dem Ball. Das System ist vollständig und
es muss ihm nichts hinzugefügt werden. Unsere Vorfahren haben sehr viele
Formenabläufe trainiert und haben einen sehr hohen Level erreicht. Aber
man muss auch vorsichtig sein. Wenn man in einer falschen Situation zu viel
trainiert, kann sich dies auch negativ auswirken. Es ist gut immer seine Situation
zu kennen uns sein Training richtig einzuschätzen. Früher war die
Selbstverteidigung das wichtigste Ziel, heute ist es die Gesundheit. Das Training
sollte dies berücksichteigen. Früher musste man gleich kämpfen,
sobald man aus der Haustür trat. Heute ist es nicht mehr so. Man sollte
sich daher im Training nicht zu sehr verausgaben, sondern sein Training in
Harmonie mit allen anderen Umständen gestalten.“
Zu der Frage, ob sein Großvater Chen Fake oder sein Vater Chen
Zhaokui maßgeblich verantwortlich für die Entwicklung
des
„Neuen Rahmens“ wäre, sagte er: „Für
uns hier in Peking (er ist dort aufgewachsen) gibt es keinen alten
oder neuen Rahmen. Es gibt nur einen Rahmen, den des Gongfu. Chen
Fake ist nach Peking gekommen mit der Form, wie sie seit Chen Changxing
gelehrt wird. Aber natürlich verändern sich Formen mit
der Zeit. Jeder interpretiert sie auf seine Weise.“ „Also
gab es keine Reformierung, sondern „Xinjia“ ist mit der
Zeit von alleine entstanden?“ fragte ich. „In etwa ja.
Die Bewegungen wurden weiter ausgefeilt und spiraliger. Daher hat
es für uns hier nie eine Unterteilung gegeben. Für uns
hier gibt es so etwas wie Laojia und Xinjia nicht. Es gibt nur einen
Rahmen.“
„Ist es demnach so“ füge ich ein, „dass hier
in Peking durch Chen Fake und Deinen Vater, sowie anfänglich
Chen Zhaopi Chen Taijiquan unterrichtet wurde, die Formen sich hier
zwar veränderten, aber immer quasi die einen Formen blieben,
während man in Chenjiagou zur selben Zeit die Formen nach Chen
Changxing unverändert trainierte und davon zunächst nichts
mitbekam? Und als dann Chen Zhaokui später zurück nach
Chenjiagou ging, plötzlich zwei unterschiedliche Versionen zusammentrafen
und man daher in Chenjiagou fortan von der einen als Laojia und der
anderen als Xinjia spricht? Es auf diese Weise dort also zwei Varianten,
und hier in Peking nur eine gibt?“ „Ganz genau, stimmt!“,
so Chen Yu. Er unterstrich dies noch einmal nachdem ich vor seinen
Schülern in Peking eine Vorführung geben sollte. Ich zeigte
die erste Form Laojia. Nach dem ich fertig war, wandte er sich zu
seinen Schülern und sagte: „Seht ihr, ich habe gesagt,
es gibt nur eine Form, es ist das gleiche Prinzip, es ist die gleiche
Energie. Es gibt kein Laojia oder Xinjia. Es gibt nur das Taiji-Prinzip
und seine Ausführung.“
Zum Schluss soll ich noch alle WCTAG-Mitglieder sehr herzlich von
Meisterin Chen Guizhen grüssen, die mir bei einem gemeinsamen
Abendessen erzählte, dass sie selbst eine neue große Schule
im Sommer 2006 in Chenjiagou eröffnet.
Schiebende Hände in bezug auf die acht
Trigramme und die 64 Hexagramme
Wuji als das einzige
Eine, das nicht differenzierbare, da ungeteilt, von nichts
zu trennen und nur potentiell mit allem ein einziges Eines ist –
dieses Wuji teilt sich durch sich selbst in Folge von Ziran, der Natürlichkeit,
in Teil und Gegenteil, in Yin und Yang. Diese werden Liang Yi, die
zwei Erscheinungen, genannt. Diese treten in Interaktion mit einander,
was die Drei genannt wird. Aus dieser mannigfaltig, endlosen Interaktion
entstehen die zehntausend Dinge, sprich alles was wir kennen und alles,
was wir nicht kennen.
So kann Laozi sprechen: „Aus der Eins entsteht die Zwei, aus
der Zwei die Drei und aus der Drei die zehntausend Dinge.“
Aus den ersten Interaktionen der Drei bilden sich folgerichtig vier
Elemente: Yin, Yang, und die Kombinationen Shao Yin und Shao Yang (wenig
Yin und wenig Yang). Diese vier Elemente werden Si Xiang, die vier
Bilder, genannt. Durch eine weitere Interaktion entstehen die acht
Trigramme (Ba Gua): Gian (Himmel), Kun (Erde), Zhen (Donner), Sun (Holz),
Kan (Wasser), Li (Feuer), Gen (Berg) und Dui (See). Diese acht Trigramme
untereinander in Interaktion ergibt die Liu Shi Si Gua, die 64 Hexagramme.
Sieht man die menschliche Entstehungsweise aus der religiös-mystischen
Sicht unserer Kultur, so ist da ein Schöpfer, welcher, noch nicht
schöpfend, das Absolute ohne jegliche Trennung war. Da nichts
Geschöpftes da war, war da nur das eine, das Absolute. Dieses
Absolute erkennt sich selbst als Absolutes und schon sind da zwei:
Subjekt und Objekt, Erkenner und Erkanntes. Beide sind im Wesen eins,
denn der Erkenner erkennt sich lediglich selbst. Dies gilt in der christlichen
Mystik als die Entstehung von Vater und Sohn. Die Beziehung zwischen
den Beiden, zwischen Erkenner und Erkanntem, ist die Liebe, in diesem
Falle der heilige Geist, die Drei. Aus dieser Dreieinigkeit, d.h. der
Interaktion von Vater und Sohn im heiligen Geiste, entsteht nun alles,
was wir kennen und was wir nicht kennen.
Und nun auch noch einmal für den Wissenschaftler, um die ganze
Sache abzurunden: Ein Vakuum ist überall gleich und leer. Nichts
tritt in Erscheinung, ist es ein einziges Eines. Und doch ist potentiell
Energie vorhanden. Durch Zufall (natürlich als wissenschaftlicher
Fachausdruck) entsteht innerhalb dieses Vakuums aus diesem energetischen
Potential Teilchen und Antiteilchen (die Zwei). Aus der Verbindung
der Teilchen (Interaktion) entstehen die Atome (die Drei) und aus den
Atomen alles Substanzielle. Nun ist es jedoch so, dass, wenn entsprechendes,
ursprüngliches Teilchen und Antiteilchen wieder aufeinander treffen,
es einen Blitz gibt, und beide sind wieder verschwunden in der potentiellen
Energie des Einen.
Der Mensch, der von sich selbst lässt und vollständig zu
seinem Seelengrund, seinem Ursprung, zurückzukehren vermag, vereinigt
sich dort mit Gott, welcher wiederum dem Seelengrund gleich ist und
niemals aus diesem Ursprung gegangen ist, und wird wieder undifferenzierbar
zu dem einzig Einen.
„Zum Dao gelangt man durch die Harmonisierung von Yin und Yang“,
sagte einmal der daoistische Abt Ren Farong zu mir. Höchste Harmonie zwischen
Yin und Yang bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, dass sie sich wieder soweit
einander annähern, dass sie dabei ihre Eigenheit verlieren und ineinander
zerfallen und dadurch zurückkehren zu dem einzig Einen, dem Wuji.
Es handelt sich bei dem Konzept von Yin und Yang demnach nicht bloß
um eine Idee oder ein von Menschen ausgedachtes Konstrukt innerhalb
einer bestimmten Zeit oder Kultur. Es handelt sich hier um eine reine
Beobachtung der Dinge, wie sie sind, schon immer waren und immer sein
werden. Jedenfalls ist bisher kein Fehler gefunden worden. So bilden
Wissenschaft, Religion und Philosophie eigentlich nur die verschiedenen
Flanken ein und desselben Fahrzeugs.
(siehe ABB. rechts)
Natürlich sind auch Yin und Yang nur
ein Beschreibungsmodell und nicht die Wirklichkeit selbst. Aber
es verhilft uns Menschen, die wir in Verstand und Vernunft begrenzt
sind, die Grundzüge des Seins verstehen zu lernen. Wirkliches
Erkennen jedoch kann nicht über den Verstand, kann nicht logisch
erarbeitet werden. Es kann nur durch die Transzendenz und durch die
tatsächliche Erfahrung erlangt werden. Dazu wiederum ist die Praxis
notwendig. Taijiquan ist solch eine Praxis.
Daher können meine Erläuterungen dieses Konzeptes bezogen
auf die Schiebenden Hände ebenfalls zwar hier logisch nachempfunden
werden, erfahren jedoch wird dies erst durch korrekte und unentwegte
Praxis. Aber ich hoffe, hierdurch eine Anleitung zu liefern, durch
welche man nicht an der Erfahrung vorbeiläuft, sondern in seiner
Praxis effektiv auch darauf zusteuert. Man muss Taijiquan sehr viel
praktizieren. Aber auch der fleißigste Student läuft in
die Irre, wenn seine „Landkarte“, nach der er sich bewegt,
falsch ist.
Haben wir eine Grundstruktur unseres Körpers und Geistes entwickelt,
in der die Dinge als ein Eines wirken können (Stehende
Säule), so haben wir etwas, was ich in der Regel als provisorisches
Wuji bezeichne. Ein Zustand von Einheit innerhalb meines endlichen
Zustandes innerhalb der Dualität. Nun kann ich innerhalb der Dualität
nichts Unwandelbares entwickeln, sonst wäre ich ja nicht mehr
in der Dualität. Daher nenne ich es provisorisch. In dieser Einheit
nun beginne ich mich zu bewegen, ohne diese Einheit wieder zu verlieren.
Gelingt mir dies, kann ich durch die dadurch im Inneren entstehende
Freiheit alles lösen und entspannen. Die Energie in uns wird wieder
frei und kann auf den dafür gegebenen Bahnen (Meridianen) zirkulieren.
Dies unterstützen wir mit unserer Aufmerksamkeit (Seidenübungen
und Soloformen). Nun gibt es grundsätzlich zwei verschiedene
Äußerungen dieser doch einen Energie: Die, welche vom Zentrum
nach außen (Finger- bzw. Fußspitzen) fließt, und
solche, welche von dort wieder zurück zum Zentrum fließt.
Eine expansive und eine sich zurückziehende. Wie wir wissen, ist
es dem männlichen Attribut zuzuordnen, nach Außen zu gehen,
große Hochhäuser zu bauen, für Ruhm und Ehre große
Schlachten zu schlagen usw. Also ist die Energie, die nach außen
fließt, als Yang zu bezeichnen. Das Behütende, Ruhige, sich
in Bescheidenheit und Demut äußernde, sprich das Zurückhaltende,
wird als weibliches Attribut bezeichnet. Daher ist die zurückfließende
Energie als Yin zu bezeichnen. Es ist wie Ebbe und Flut.
Mit der Zeit erfahre ich also die Zusammenhänge von Yin und Yang
in mir selbst. Ganz authentisch und direkt.
Das heißt, ich habe ein vage Wahrnehmung von Wuji und dem daraus
entstanden Taiji, sowie seiner zwei Erscheinungen Yin und Yang. So
ist die bloße Theorie schon zu einem gewissen Grade Erfahrung
geworden. Wenn ich nun mit einem Partner die Schiebenden Hände
übe, so soll es mir gelingen, über mich selbst hinauszugehen,
d.h. meinen Energiefluss über meine Fingerspitzen hinaus durch
den Körper des anderen bis in sein Zentrum zu führen. Gleichzeitig
aber seine eigene Kraft wahrnehmen und zerstreuen, so dass sie nicht
mehr auf mich wirken kann. Letzteres bedeutet jedoch, dass ich sie
zuerst wahrnehmen und dann verstehen können muss (Ting
Jin und Dong Jin). Im Groben heißt dies also zunächst,
ihren grundsätzlichen Charakter als Yin (nachgebend) oder Yang
(hervorkommend) zu erkennen. An diesem Punkt wäre ich dann in
der Lage, die zwei Erscheinungen nicht nur bei mir, sondern auch bei
meinem Gegenüber wahrzunehmen. Dann erst könnte ich sie umleiten (Hua
Jin) und meine eigene Kraft entsprechend sinnvoll abgeben (Fa
Jin). Es sei angemerkt, dass es sich hier um ein energetisches
Wahrnehmen handelt und nicht so sehr um das Sehen äußerer
Bewegungen.
Dringe ich ein wenig tiefer in meine innere Erlebniswelt ein, d.h.
vertieft sich mein Können im Taijiquan, so werde ich die Ebene
hinter meinem vordergründigen Energiefluss wahrnehmen. Habe ich
zuvor nur die beiden Fischchen im Taiji-Symbol wahrnehmen können,
also ein „entweder oder“, so erkenne ich jetzt in mir die
beiden Punkte. Sprich, das eine in dem anderen. Denn ich erfahre jetzt
quasi „hinter“ meinem Yangfluss einen entsprechenden Yinfluss
und umgekehrt. Meine Bewegung ist auf diese Weise subtiler geworden
und ich lerne mit einer Bewegung zwei energetische Zustände herstellen
zu können. Gelingt es mir, dies auch bei einem Gegenüber
wahrzunehmen, weiß ich in der Regel schon mehr als er selbst.
Denn die meisten Schüler des Taijiquan nehmen, wenn überhaupt,
gerade mal den ersten, offensichtlichen Energiefluss wahr, nicht mehr
aber den dahinter. So gesehen, verstehe ich, was mit dem Satz von Chen
Wangting, 9. Generation der Chenfamilie, gemeint war: „Niemand
erkennt mich, wobei ich alle erkenne.“ Ich kenne meinen Gegner
also besser als er sich selbst. Er jedoch kann mir auf meiner Bewegungsebene
schon nicht mehr folgen. Ich bin jetzt auf der Ebene der vier Bilder
(Si Xiang) angelangt.
Auf der Ebene der zwei Erscheinungen bedeutet
dies praktisch, wenn zwei Personen gegeneinander schieben, so können
sie entweder beide gegeneinander schieben, oder der eine schiebt und
der andere gibt nach. Wenn beide gleichzeitig nachgeben, gibt es keinen
„Kampf“. Auf der Ebene der vier Bilder ist es mir nun möglich,
gleichzeitig zu schieben und trotzdem nachzugeben. Ist es auf der Ebene
der zwei Erscheinungen noch möglich, dies quasi stereo mit beiden
Armen auszudrücken, indem ich auf der einen Seite vordränge
und auf der anderen Seite nachgebe, so ist es mir hier bei den vier
Bildern möglich, beides in ein und derselben Bewegung zu machen.
Denn ich habe ja zwei Yin-Yang- Strichlein pro Bewegung zur Verfügung
und nicht wie zuvor nur eins. Gleichzeitigkeit von Angriff und Verteidigung
durch zwei verschiedene Armbewegungen ist als immer noch auf der ersten
Stufe der zwei Erscheinungen. Im Level der vier Bilder befinde ich
mich erst, wenn beides in ein und derselben Bewegung zustande kommt.
Wie sieht dies nun aber aus, wenn ich Yin und Yang in einer Bewegung
gleichzeitig ausdrücke? Hier kommen wir nun zu dem Phänomen,
durch das Taijiquan unter anderem so berühmt geworden ist. Schiebe
ich gegen jemanden und er ist stärker als ich, ist da für
mich so kein Durchkommen. Wir beide setzen dieselbe Form von Energie
(Kraft) ein, und er hat halt mehr davon. Nun kann ich aber (aufgrund
meines Levels der vier Bilder) nicht nur schieben, ich kann auch zurückweichen
in ein und derselben Bewegung. Dies bedeutet, dass mein Arm zwar weiter
gegen seine Kraft nach vorne drängt. Jeder starken Stelle meines
Berührungspunktes mit ihm jedoch gebe ich nach und in jede offene
Stelle dringe ich ein. In dem Berührungspunkt z.Bsp. einer Hand
mit dem Gegenüber gibt es unendlich viele Einzelbereiche. Ein
Mensch kann nicht in allen Bereichen seines Körpers gleich sein.
Auch und gerade nicht in den Kleinsten. Im Gegenteil. Buddha hat schon
vor 2500 Jahren erkannt, dass unser gesamter Körper ein einziges
Zerfallen und im selben Moment neu Entstehendes ist. Dass es also etwas
Beständiges in unserem Körper nicht gibt. Dies soll er während
seiner Meditation leibhaftig erfahren haben. So erfahren wir dies konzeptionell
in ähnlicher Weise im Taijiquan. Und können uns dies in den
Schiebenden Händen zu Nutze machen. Für den unsensiblen Menschen
ist der Körper in einem Moment überall gleich. Er sieht nur
die Veränderung in großen Zeitabständen. Der sensible
Mensch jedoch spürt diese Veränderungen in jedem einzelnen
und kleinsten Moment. Also auch beim Anderen genau dort, wo ich meine
Hand auflege. Weshalb könnte man sonst so gut mit Taijiquan heilen?
Durch diesen gerade beschriebenen Prozess gelingt es mir, quasi durch
den Körper des anderen zu fließen. Gerade so, wie das Wasser
einen Berg hinunter kommt. Wo der Weg frei ist, geht es gerade aus
und wo er nicht frei ist, fließt es drum herum. Es ist vielleicht
ein bisschen wie Segeln gegen den Wind.
Und das Beste: Das Gegenüber kann nichts dagegen unternehmen,
weil es die Kraft in ihrer Feinheit nicht versteht und ihr deshalb
auch nichts entgegensetzen kann.
Ist er auf dem Level der zwei Erscheinungen und ich aber auf dem der
vier Bilder, sähe eine Gegenüberstellung zum Beispiel so
aus:
Abb. Ein Yang-Strich versus ebenfalls ein Yang-Strich,
darunter aber zusätzlich ein Yin-Strich
Insgesamt hat mein Gegenüber zwei Möglichkeiten,
sich zu wandeln und ich habe vier.
Nun decken Sie, als Leser, bitte den unteren Strich der Doppelstrichkombination
zu. Was Sie jetzt nur noch sehen, ist das, was der Gegenüber lediglich
wahrnimmt. Denn er kann nur das beim anderen wahrnehmen, was er bei
sich selbst wahrnehmen kann. Dadurch versteht er mich in dem Sinne
in meiner Bewegung nicht mehr und kann quasi nur noch zusehen, wie
er besiegt wird. Daher finden bei einem deutlichen Levelunterschied
auch keine Kämpfe in dem Sinne mehr statt. Das Ergebnis steht
schon vorher fest. Erkennt der Herausforderer dies rechtzeitig, findet
kein Kampf statt und er gibt kampflos auf. Wir kennen dies aus vielen
Taiji-Legenden, wo bei der ersten Berührung schon abgebrochen
wird und der Herausforderer sich entschuldigend entfernt. Erkennt er
es nicht, findet ebenfalls kein Kampf statt, denn er wird einfach nur
kurzfristig besiegt. Kämpfe sind immer etwas in einer zeitlichen
Folge befindliches. D.h. eine Addition von Fehlern, aufgrund derer
die Zeit vergeht. Wenn gleich die erste Bewegung zum Sieg führt,
also keine Zeit in dem Sinne vergangen ist, spricht keiner davon, einen
Kampf gesehen zu haben. Höchstens einen Niederschlag oder
ähnliches.
Haben aber beide das Level der z.B. vier Bilder, so kennt der eine
den anderen und umgekehrt. Nun werden die verschiedenen Möglichkeiten
gegeneinander ausgespielt und es kommt zu einem zeitlichen Verlauf,
also zu einem Kampf. In den Schiebenden Händen ist es meist das,
was als Gerangel beschrieben wird.
Gelange ich aber zu dem Level der acht Trigramme und mein Gegenüber
ist noch bei den vier Bildern stehen geblieben, so ist es mir wieder
ein Leichtes ihn zu besiegen, genau wie vorher. Wie viel leichter daher
noch, wäre der andere erst bei dem Level der zwei Erscheinungen.
Sehen wir einen Großmeister gegen einen Anfänger, ist es,
als hätten wir hier ein Hexagramm mit sechs Strichen gegen vielleicht
mal einen einzigen Strich. Daher sehen wir jetzt diese beeindruckenden
Phänomene, aus denen sich die Legenden nähren.
Große Kunst oder wildes Gerangel hat also nichts mit „Taiji“
oder „nicht Taiji“ zu tun. Es ist bloß eine Frage
von Level und vor allen Dingen: Von Levelunterschied zwischen den beiden
Kontrahenten. Da auf Turnieren meistens die Levelunterschiede der Teilnehmer
nicht allzu groß sind, erscheint es einem meistens als ein wildes
Gerangel. Dies hat für sich erst einmal nichts mit gut oder schlecht
zu tun. Eine generelle Ablehnung ist hier zu einfach und undifferenziert.
Abb. Ein Yang-Strich versus sechs unterschiedlich
Striche mit einem Yin-Strich oben.
Es ist im wahrsten Sinne des Wortes also eine
Frage der Tiefe einer Bewegung.
Fortschritt ist also wie die Suche nach dem kleinsten Teilchen. Ich
lerne, immer tiefer in mich hineinzuspüren und immer feinere Zusammenhänge
von Yin und Yang zu ergründen. Dieses findet spätestens ab
den Trigrammen nicht mehr mit dem Verstand statt. Auch die geistigen
Ebenen müssen immer subtiler, sprich im „Vorher“
liegen. In der Tiefe unseres Selbst. Je tiefer ich in meinen substanziellen
Körper hineinspüren möchte, um so sensitiver und tiefgründiger
muss auch mein Geist sein, der es wahrnimmt. Und umso mehr komme ich
zum Ursprung meiner und der generellen Bewegung.
So ist nicht nur das Ego und das personifizierte Ich etwas, was ich
bei kontinuierlichem Fortschritt hinter mir lassen muss.
Auf diese Weise kehrt sich der Prozess am äußersten Ende
um und ich kehre von den zehntausend Dingen langsam wieder zurück
zur Drei, zur Zwei und zur Eins. Allerdings diesmal nicht im provisorischen,
sondern im echten Zustand des Wuji. Ich habe Yin und Yang in immer
kleineren Zusammenhängen erfahren. So weit, dass sie kaum noch
von einander unterschieden werden können. Und dann soweit, dass
sie tatsächlich nicht mehr von einander unterschieden werden können. „Das
Dao erreicht, wer Yin und Yang miteinander harmonisiert“. Da
ist sie, die Harmonie. So weit, dass Yin und Yang schon wieder ineinander
zerfallen und sich auflösen. Wie die Teilchen und entsprechenden
Antiteilchen sich ineinander auflösen und verschwinden. So fallen
auch wir zurück in ein einziges Eines. Ins Absolute. In diesem
Moment erfahre ich mich selbst im Wuji, äußerlich lebend
jedoch weiterhin im Taiji. Innerlich im ewiglich Unveränderlichen
und äußerlich Zeit meines Lebens im Dualismus, in der Wandlung.
So ist Leben und Tod nicht mehr von einander zu trennen und es entsteht
das, was der Chinese als „Xian Ren“, einen Unsterblichen,
bezeichnet. Der Mensch kehrt zurück in die Schöpfung, aus
der er geplumpst ist und bildet mit ihr das Absolute.
© wctag, silberstorff 2005
"Was ist Taiji?"
waren die Worte, die seinen Mund
verließen, und seine dunkelbraunen Augen waren fest auf mich
gerichtet. „Was nun“, dachte ich, wie die Frage meistern,
wie einem Dreijährigen, der mir vorher stolz erzählt hatte,
er sei nicht eins, nicht zwei, sondern schon drei Jahre und würde
in den Kindergarten gehen. Wie die große Tiefe des Taiji in
einfachen Worten dem Kleinen nahe bringen, ohne ihn in der Stehenden
Säule zu korrigieren oder ihn gegen mich schieben zu lassen.
Denn wir befanden uns zu alledem auch noch in einem Restaurant, gefüllt
mit Menschen und einer kritisch beobachtenden Mutter. Ich wusste
ja um die Schwierigkeit, die Komplexität des Taiji einem Erwachsenen
verständlich darzulegen, aber wie viel schwieriger ist es erst
bei einem Dreijährigen nur mit Worten.
So versuchte ich es über Phänomene, die er selbst schon beobachten
konnte, dass die Dinge um ihn herum alle anders seien, Junge/Mädchen,
Tag/ Nacht , Kalt/Warm, und sich ständig wandelten. Ich hörte
mich sagen, dass im Winter keine Blätter an den Bäumen seien,
im Sommer aber schon, worauf er sofort konterte, dass einige Bäume
aber noch Blätter hätten und auch der Weihnachtsbaum ganz
grün sei.
Und schon saß ich wieder in der Sackgasse. Diese versuchte ich
zu verlassen, in dem ich seine Mutter als Beispiel heranzog, dass sie
ja schon ganz groß wäre und viel essen würde, er jedoch
klein sei und weniger essen würde. Und so sei es eben auch in
der Natur, die großen Blätter bräuchten viel Essen,
da aber im Winter nur wenig Essen da sei, könnten nur die kleinen
Blätter oder Nadeln an den Bäumen bleiben. Das verstand er,
doch sofort folgte wieder die Frage, was sei denn nun Taiji?
Ja , eben dieses Prinzip der Wandlung, das uns umgibt, durchdringt
und alle Dinge in Ihrer Vielfältigkeit erscheinen und wieder vergehen
lässt. Ein Nach-Außen-Dringen und ein Sich-Zurückziehen,
ein Nach-unten-Sinken und ein Emporsteigen. Doch auch das wären
nicht die richtigen Worte gewesen, geschweige denn zu sagen, dass man
durch Taiji das Kämpfen erlernen kann, denn wie erwähnt,
die Blicke der Mutter waren fest auf uns geheftet.
Taiji muss ja erfahren werden und lässt sich nur schwer in Worte
fassen, denn für die Beschreibung einer tiefen Erfahrung sind
Worte zu arm, ihre Aussagekraft zu gering. Worte bleiben nur Beschreibungsmodelle,
die nur eine Annäherung, einen Hinweis auf das tiefer dahinter
liegende sein können. Durch Worte kann ich nichts erfahren, sie
befriedigen unseren Intellekt, unser Ego, sie richten sich immer an
der Sichtweise der sprechenden Person aus und werden deshalb auch ständig
falsch verstanden und/oder interpretiert. In den wirklich bewegenden,
ergreifenden Momenten wie einem Sonnenuntergang, einem Lächeln,
einer sanften Brise an einem Sommertag, eben in all jenen Momenten,
wo unser Inneres berührt wird, fehlen uns einfach die Worte, weil
Niemand mehr da ist, der diese Worte sagen könnte. Daher die Sprachlosigkeit.
Etwas spricht in uns.
Erst später versuchen wir dann, den Moment zu beschreiben, mit
einem anderen zu teilen, aber das vorher Erfahrene geht über jedes
Wort hinaus. Auch die Weisen wussten um diese Schwierigkeit, sprachen
genau aus diesem Grund in Parabeln und Gleichnissen, die erst verstanden
werden können, wenn die Erfahrung erfahren wurde.
Aus diesem Grund reden wir ja auch nicht während der Praxis des
Taijiquan, wir schweigen, die Worte verlieren ihre dominante Stellung,
und an ihre Stelle tritt das unbeschreibliche Erfahren, das aus der
Stille geboren wird.
Deshalb versiegten dann auch meine Worte an den
Kleinen, und ich beschloss, ihm lieber vor der Tür ein Stück
aus einer Taiji-Form zu zeigen. Vielleicht würde er ja das dahinterliegende
erahnen, das, was sich mit Worten kaum beschreiben lässt, und
vielleicht würde er sich ja später an dieses Gefühl
erinnern und sich auf die Suche begeben nach dem Erfahren. Vielleicht.........oder
ich werde die richtigen Worte finden... das nächste Mal.
Claudia Mohr
Editorial 2006
Liebes Mitglied,
hast Du schon einmal beobachtet, wie viele Worte
täglich gesprochen werden, ohne dass wirklich etwas gesagt wird.
Wie viele Handlungen täglich vollzogen werden, ohne dass tatsächlich
etwas passiert? Und wie ist es mit den Gedanken? Wie oft wiederholen
wir täglich etwas, ohne dass darin eine Entwicklung geschieht?
Die Tage vergehen, wir sind oft so beschäftigt, und doch passiert
meist nichts. Doch wenn schon nichts passiert, vielleicht können
wir aber, nur indem wir dies beobachten, einfach mal innehalten, mal
anhalten und in dem Moment die Stille suchen, ohne Angst zu haben,
etwas zu verpassen? Stille ist eines unserer höchsten Güter.
Erst hier können wir uns besinnen, den Sinn finden, uns wieder
erfahren. Erfahren, worin unser Weg liegt, was
wir tatsächlich zu tun haben. Begriffe wie Bestimmung, Lebenssinn
und Seligkeit werden schnell wieder erlebbar, wenn wir es verstehen,
die inhaltslose Beschäftigung einzutauschen gegen die erkenntnisreiche
Stille, die Leere, aus der alles Tun sich von selbst ergibt. Ruhe,
Stille, Leere: eine Folge, die Erholung (sich zurückholen), Erkenntnis
und Bestimmung entfaltet.
Wie viele Geschmäcker haben wir verpasst, weil wir bei den Mahlzeiten
mit anderen Dingen beschäftigt waren. Wie viele Berge, Wälder
oder Ozeane haben wir gesehen, ohne dass wir uns mit ihnen verbunden
gefühlt hätten? Es ist wie durch einen Fernseher, getrennt,
nur ein Sehen, aber kein Wahrnehmen, weil ich dabei gesprochen habe,
weil ich an anderes oder weil ich überhaupt gedacht habe. Auf
meinen vielen Reisen fällt mir eines immer wieder auf: Die meisten
Touristen haben einen Reflex: Sobald sie etwas Schönes sehen,
sind sie fürchterlich beschäftigt, mit Videokameras, mit
Fotohandys, dazu werden gleich noch Kommentare mit auf das Band gesprochen,
oder man versichert sich gegenseitig, wie schön das doch ist und
geht weiter, nachdem man die Bestätigung dessen vom Partner erfahren
hat.
Dabei ist es manchmal so einfach.
Ich brauche nur zur Ruhe zu kommen, schon fühle
ich mich wohl. Ich brauche nur zur Stille zu kommen, und Verbundenheit
tritt ein. Komme ich zur Leere, hören alle Unterschiede auf.
Seligkeit ist erreichbar für jeden von uns.
Dass Körper und Geist sich entspannen können, das wünsche
ich jeder/m von Euch und hoffe, dass unser Taijiquan ein wenig dazu
beitragen kann.
Ich freue mich, auch in diesem Jahr 2006 wieder eine Menge Aktivitäten
in diesem Heft vorstellen zu können, bei denen wir uns be-sinnen
können und wünsche uns allen freudige Begegnung und ein liebevolles
Miteinander,
Euer
Jan Silberstorff
Editorial 2005
Liebes Mitglied,
Europa beginnt sich in SachenTaijiquan zu emanzipieren.Übergeordnete,
stilübergreifende Organisationen versuchen ihre eigene, von China
unabhängige Identität zu finden. Überall entstehen stilunabhängige
Pushhandstreffen, mann/frau besucht viele verschiedene LehrerInnen jeglicher
Richtungen, man versucht von allen und mit allen lernen zu können.
Das ist eine sehr schöne Entwicklung.
Auf der anderen Seite geht Europa damit auch einen Weg, der nicht mehr
immer mit den Überlieferungen des Ostens übereinstimmt. Zu
kurze Lernzeiten, zu wenig Übungspraxis und zuviel Egobestrebungen
führen auch zu Entwicklungen, die mit der eigentlichen Sache oft
nicht mehr viel zu tun haben. Manchmal scheint es fast, von größerem
Interesse ist nicht, wie und was die Sache selbst eigentlich ist, sondern
mehr, wie der “moderne” Europäer sie gerne hätte.
Dadurch gerät mann/frau natürlich in Gefahr, die Sache selbst
zu verlieren, und Taijiquan beginnt, unter den Schwächen des Westens
zu zerfallen. Dabei soll es doch eigentlich mithelfen, diese zu beseitigen.
Gerade in einer so positiven Zeit des gemeinsamen Dialogs und der Zusammenarbeit
ist es daher genauso wichtig, sich weiterhin gerade auf die Wurzeln
dieser wundervollen Kunst zu besinnen und ihnen achtsam zu folgen. Denn
die höchsten Level erreicht derjenige, der dem Prinzip folgt und
nicht derjenige, der versucht, seine Interpretation darüber zu
stellen. Kürzlich sah ich meinen Großmeister eines meiner
Bücher für einen Schüler mit folgendem Satz signieren:
“Wer nach dem Dao strebt, folgt dem Dao. Wer dem Dao nicht folgt,
folgt seinem eigenen Weg.” Und hier liegt die Gefahr: Wer sich
von den eigentlichen Inhalten aufgrund einer eigenen Vorliebe lossagt,
folgt sich selbst und nicht mehr dem Prinzip. Die Gefahr, dabei verloren
zu gehen, ist hoch, ist der Weg selbst dem Adepten doch noch unbekannt.
Aber auch in China schreitet die Versportlichung
und Inhaltsleere zugunsten von äußerer Ästhetik und
Wettkampfsport fleißig weiter voran.
Es geht nicht darum, gegen diese Entwicklung anzukämpfen.
Vielmehr geht es um Aufklärung. Alles hat seinen Platz und seine
eigene Schönheit. Aber es muss immer auch die Bewahrer der eigentlichen
Kunst geben, die hilfreich zur Seite stehen können, so dass der
Faden zurück zur Quelle nicht verloren geht. Dies gilt genauso
für machtpolitische Ideen, Geschichte umzuschreiben, und auf Kosten
”der Eliminierung von Vater und Mutter” eine eigene, unabhängige
Identität sich erzwingen zu wollen.
Daher rate ich zu einer offenen, freudvollen Zusammenarbeit
mit allen Richtungen und Strebungen. Jedoch wollen wir hierbei immer
in unserer eigenen Mitte bleiben und uns den wahren Kern der Sache selbst
zum Kompass machen.
Die Wahrhaftigkeit des Prinzips verstehen lernen
und mit allen in Freude zusammenarbeiten, das wünsche ich der Welt
für eine gesunde Entwicklung des Taijiquan.
Ein glückliches Jahr 2005!
Jan Silberstorff
Himmel, Erde, Mensch
„Taiji beschreibt den Menschen zwischen
Himmel und Erde und gibt ihm seinen Sinn (Dao)“
Der Mensch befindet sich inmitten der Wechselwirkung
von Himmel und Erde. Himmel und Erde stehen miteinander in fortlaufender
Kommunikation. Wir können den Begriff „Himmel und Erde“
getrost weiter fassen und darin vorerst alle Erscheinungen des Universums
verstehen, sprich, alles was wir kennen, und arbeiten uns dann vor zu
allen Dingen, die wir nicht kennen.
Wasser steigt zum Himmel auf und kehrt als Regen wieder herab. Die Sonne
geht auf der einen Seite auf und auf der anderen wieder unter. Sonne
und Mond bewegen sich zu uns im Wechselspiel. Ebbe und Flut folgt aufeinander.
Alle Planeten, Sterne, Sonnensysteme und Galaxien - alles steht nicht
nur durch die Gravitation in Beziehung zueinander und wirkt aufeinander.
Zwischen allen diesen Kräften und noch unendlich vielen mehr steht
der Mensch. Und damit nicht genug, er selbst trägt Himmel und Erde
in sich und ist sich selbst, dem Wechselspiel von Wohlbefinden und Leid
jeglicher Art, ständig unterworfen. Ob nun „Himmel und Erde“
im Außen oder im Innen, alles steht in Beziehung zueinander, nichts
ist voneinander zu trennen.
Dies ist die Situation, in der wir uns befinden.
Aber
noch eine weitere Bedeutung (und vieles mehr) verbirgt sich hinter diesem
berühmten klassischen Ausdruck „tian, di, ren“ (Himmel,
Erde, Mensch):
Wenn wir uns Himmel und Erde im spirituellen Sinne
vergegenwärtigen, so ist der Himmel das Göttliche, das Dao,
die höchste Form von Existenz, nämlich der Existenz selber.
In diesem Zusammenhang ist dann die Erde der Ort des Vergänglichen,
des buddhistisch gesprochenen „Dukha“, des ewig Unzulänglichen
und daher nie zur Ruhe führenden, da ein jeglicher Zustand aufgrund
seiner Wandlung nicht gehalten werden kann. Insofern befindet sich der
„Erdenmensch“ in einem fortwährenden Zustand des Leidens,
denn selbst bei Wohlgefühl kann er nicht zufrieden sein, aufgrund
der Tatsache, dies nicht halten zu können und immer weiteres zu
wollen. Kurzum: Die Erde symbolisiert hier den Zustand des Unbeständigen.
Der Mensch nun ist aufgrund seiner einzigartigen geistigen (seelischen)
Kraft in der Lage, damit sowohl den Himmel wie auch die Erde zu berühren.
Stehen seine Füße quasi auf der Erde, so ragt sein Kopf bis
in den Himmel. Er ist das Bindeglied zwischen beiden und kann sich in
beide Bereiche hineinbilden. Entwicklungen sind daher in beide Richtungen
möglich.
Der daoistische Meister Ren Farong aus dem Louguantai
Tempel sagt:“ Nur wer sehr viel Gier besitzt, erreicht das Dao“
Nun muss man den Begriff „Gier“ in
der Art deuten, wie er hier gebraucht wird. Es ist eine gewaltige Kraft,
die es dem Menschen ermöglicht, die höchsten Ziele zu erreichen.
Jedoch ist es dieselbe Kraft, die den Menschen auch in die niedersten
Beweggründe zu zerren vermag. Wir kennen den Begriff in unserer
Kultur aus der christlichen Mystik als „Eraszibilis“, die
„Zorneskraft“ oder auch „aufstrebende Kraft“,
welche je nachdem, in welche Richtung sie sich neigt, zu Hoffnung aufsteigt
oder zu Hochmut herabfällt.
Die nach Ren Farong dem Menschen innewohnende „Gier“
nun lässt ihn angetrieben sein, seine Ziele zu verwirklichen. Mögen
diese nun irdischer oder himmlischer Natur sein. Dies liegt in seiner
eigenen Entscheidung. Das höchste Ziel im Daoismus ist die vollständige
Vereinigung mit dem Dao. Viel Energie ist nötig, diesen Weg vollständig
bis zum Ende beschreiten zu können, und nur wenigen ist dies daher
möglich. Dieselbe Energie ist es aber auch, die uns antreiben kann,
irdische Ziele zu verwirklichen. Ob dies nun eine Karriere, eine Ehe,
viele Kinder, Luxus oder aber gar das ist, was wir eigentlich unter
dem Wort Gier verstehen, nämlich den negativen, niemals endenden
Durst nach Besitz und Macht.
So ist es nicht verwunderlich, wenn in der Geschichte des Buddha zur
Stunde seiner Geburt weisgesagt wird, er könne ein vollendet Erleuchteter
oder ein großer Weltenführer sein.
Eine ähnliche große Energie mag in der Legende die Heiligen
aus dem Morgenland angezogen haben.
Denn ob nun ein erfolgreicher Autogroßhandel, ein ganzer Harem
voller Frauen, eine Familie groß wie ein Dorf, ein Napoleon oder
aber ein Erleuchteter: Es ist dieselbe Energie, die uns zu unseren Zielen
führen kann. Es liegt an uns zu entscheiden, in welcher Richtung
es gehen soll. Und da war es beim Buddha auch nicht viel anders als
bei uns: Die Eltern wollen, dass aus uns etwas „Vernünftiges“,
sprich etwas weltliches wird, wir wollen (zumindest noch als Kinder),
daß aus uns zumindest etwas „Unvernünftiges“,
wenn nicht etwas Ewigliches wird. Die Zeit der Sozialisation zeigt dann,
welche Kraftrichtung sich durchsetzen kann und ob wir ewig „Kind“
bleiben können oder nicht.
Doch ob die Kraft nun groß oder klein ist, ob wir uns von gesellschaftlicher
Konvention freimachen können oder nicht - uns allen ist es freigestellt,
hiermit den Himmel zu berühren oder dem irdischen Leben den Vorzug
zu geben.
Taiji beschreibt den Menschen zwischen Himmel
und Erde.
Es beschreibt ihn in seiner Situation, in dem Zustand
in dem er sich persönlich befindet, es zeigt ihm auf, wie der Zustand
optimal für ihn sein könnte und sogar, wie er sich aus seinem
„irdischen“ Zustand befreien könnte.
Dies bedeutet auch, dass Taijiquan z.B. ein geeignetes Mittel sein kann,
den Bereich des Dualismus, wie er hier auf der Erde herrscht, zu befrieden
und Eintracht in die unendlichen Erscheinungen und Geschehnisse zu bringen.
Der Daoist sagt: „Yin und Yang miteinander zu harmonisieren“.
Damit gelingt es, sich dem Weltgesetz anpassen zu können und ein
ausgefülltes, seliges Leben führen zu können, ohne in
das Leid der „Unwissenheit“ zu versinken.
Ganz pragmatisch berühren wir mit den Füssen den Boden, finden
durch unsere Praxis eine starke Verwurzelung mit der Erde. Gleichzeitig
jedoch öffnet sich unser Körper für seine inneren Energien,
der Geist öffnet sich und das Bewusstsein strebt in spirituelle
Erkenntnis, steigt daher „in den Himmel“. Daher heißt
es:“ In den Himmel gezogen, mit der Erde verwurzelt.“
Und dies ist nicht nur durch die entstehende innerlich und äußerlich
befreite, aufrechte Körperhaltung gesund.
Es stellt zudem eine hohe, notwendige Vorraussetzung dar, den „Sprung
in den Himmel“ zu wagen. Denn: „Das Dao erreicht, wer Yin
und Yang harmonisieren kann.“ – so wie der der Meister Ren
Farong.
Denn mit zunehmender Harmonie stellt sich Ruhe ein. Aus Ruhe entsteht
Stille. Stille führt zur Leere und damit zum Ursprung der Dinge
selbst: Zum Wuji-Zustand.
Oder mit den Worten der daoistischen Nonne Dao Zhuangkang: „Die
Praxis des Taiji führt zuerst zum Yangsheng, zur Gesunderhaltung
von Körper und Geist. Von hier aus ist es möglich, in den
Bereich des „Dangong“ einzutreten“: Der Entwicklung
des „goldenen Elixiers“. Und daraus folgend dem Erwachen
und dem Erkennen des Ewiglichen in uns selbst. Im Bild: das Erreichen
des Himmlischen.
Taiji beschreibt den Menschen zwischen Himmel und
Erde und gibt ihm seinen Sinn (Dao).
Taiji – Himmel, Erde, Mensch - kann mir helfen,
Yin und Yang wieder miteinander zu harmonisieren, wenn möglich
sogar soweit, dass sie wieder ineinander zerfallen und zurückkehren,
aus dem sie gekommen sind und aus dessen Gesamtsinn sie niemals gefallen
sind: Dem Wuji. So ist es bereits uns als Menschen möglich, einzutauchen
in die ewigliche, alles durchdringende Existenz, die sich selbst nicht
wahrnimmt: Das Dao.
„Die Erde folgt dem Himmel, der Himmel folgt
dem Dao, das Dao folgt sich selbst.“ (Laotse)
Jan Silberstorff © 2004
Chen Guizhen
Königin des Taiji Doppelschwerts
"Zurück zu
den Quellen" lautete das Motto der WCTAG China Reise 2004.
Die beeindruckenden Landschaften des Huashan und des Wudang Gebirges
standen natürlich genauso auf dem Programm wie Chenjiagou, der
Ursprungsort des Taijiquan. Chenjiagou ist auch der Geburtsort von Chen
Guizhen (21.Gen.), eine der wenigen Meisterinnen des Taijiquans. In
Deutschland ist sie sicher noch einigen in guter Erinnerung von einem
Lehrgang für Doppelschwert, den sie 1998 in Lüdinghausen gegeben
hat.
Chen Guizhen empfing unsere Reisegruppe, die immerhin 36 Menschen umfaßte,
sehr herzlich mit Tee und Obst in ihrem Haus in der Nähe ihres
Geburtsortes. So bot sich für uns die Möglichkeit, der Meisterin
einige Fragen zu stellen:
Wir freuen uns, Sie persönlich kennen
zu lernen, nachdem viele von uns Sie nur von Videos und Erzählungen
kennen.
Oh, vielen Dank. Ich freue mich auch sehr über das Treffen.
Frau Chen Guizhen, bei wem haben Sie Taijiquan
Unterricht bekommen?
Mein Vater und Chen Zhaopei waren die ersten, die mich unterrichteten.
Ich begann im Alter von 7 Jahren mit dem Taiji Training.
Wie sieht heute ihr Alltag aus, wie trainieren
Sie?
Ich stehe früh auf und trainiere zwischen 5 Uhr und 9 Uhr in der
Früh, danach arbeite ich und ab 17 Uhr trainiere ich dann noch
einmal.
Was trainieren Sie für sich selbst?
Für mein eigenes Training steht das Formentraining im Vordergrund,
und hierbei in erster Linie die 75er Form Laojia.
Gehören auch die Seidenübungen
und Stehende Säule zu ihrem Training?
Ja, auch die Seidenübungen und die Stehende Säule gehören
zu meinem täglichen Programm.
Gibt es Möglichkeiten für EuropäerInnen,
hier bei Ihnen Unterricht zu bekommen?
Ich habe ein Gästezimmer für ausländische Schüler,
und es waren ja auch schon Ausländer hier, um bei mir Unterricht
zu nehmen. Immer wieder sind hier in meinem Haus Schüler untergebracht
und bekommen Unterricht von mir.
Wie kontaktiert man Sie am besten?
Am besten geht das über Jan Silberstorff und die WCTAG, das ist
am einfachsten. Ich habe aber auch eine e-mail-Adresse.
Wie sieht es mit Sprachkenntnissen für
den Unterricht aus?
Die Korrekturen funktionieren auch so, über Körpersprache,
das ist kein Problem, dafür braucht man keine Sprachkenntnisse.
Falls es aber einmal nicht ausreichen sollte, kann auch ein Übersetzer
geholt werden und so können dann auch kompliziertere Dinge besprochen
werden.
Gibt es Unterschiede in der Übungspraxis
für Männer und Frauen?
Nein, sie gibt es nicht. Frauen und Männer üben das gleiche.
Frauen sollten sich jedoch nicht mit Männern vergleichen.
Ist es möglich, dass Frauen über
das Trainieren in den tiefen Ständen eventuell einen hohen Yin-Verlust
riskieren?
Ja, das kann passieren, daher sollten Frauen z.b. während der Monatsblutung
höher stehen und mit wenig Kraft trainieren. Damit läßt
sich dieses Problem vermeiden.
Wieviele SchülerInnen haben Sie?
Das ist schwer zu sagen, ich habe unzählige Schüler und Schülerinnen
in der ganzen Welt
Spielt Meditation eine Rolle in Ihrer Praxis?
Nein, eigentlich nicht.
Bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt vom
Taijiquan?
Ja, ich übernehme neben dem Unterrichten auch organisatorische
Tätigkeiten für Turniere und bin als Schiedsrichterin tätig.
( Anm.: Chen Guizhen ist eine sehr
gefragte und berühmte Schiedsrichterin in China.)
Gibt es noch andere berühmte Frauen,
also Meisterinnen des Taijiquans?
Nicht unbedingt, aber es ist mir unangenehm, darüber zu sprechen.
Was ist Ihre Lieblingswaffe?
Meine Lieblingswaffe sind das Schwert und natürlich das Doppelschwert.
Warum ausgerechnet Schwert?
Schwer zu sagen, ich bin da schon als Kind praktisch hineingewachsen,
ich habe immer gerne mit Schwertern gespielt. Die Schwerter lagen halt
so herum, und wir Kinder haben damit gespielt.
Haben Sie selbst Kinder, die von Ihnen unterrichtet
werden?
Ich habe einen 18 Jährigen Sohn, der von mir unterrichtet wird.
Unterrichten Sie derzeit in Europa?
Zur Zeit unterrichte ich nicht in Europa, unterrichte aber gelegentlich
in den USA.
Was ist für Sie der Unterschied zwischen
Säbel und Schwert?
Beides sind großartige Waffen: das Schwert ist schnell und langsam,
es ist hart und weich; der Säbel ist kräftiger, durchschlagender,
vielleicht nicht ganz so flexibel wie das Schwert.
Bestreiten Sie noch Turniere?
Nur noch als Schiedsrichterin, nicht mehr als Teilnehmerin. Hin und
wieder gebe ich eine Vorführung, aber vor allem bin ich bei den
Turnieren organisatorisch tätig.
Gibt es auch Turniere für die Waffen mit Anwendungen oder nur Formwettkämpfe?
Für die Waffen gibt es nur Formwettkämpfe.
Warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenige
berühmte Frauen im Taijiquan?
Ja, es gibt wenige, aber darüber möchte ich nicht sprechen.
Wie haben Sie während der Schwangerschaft
trainiert?
Die letzten 2 Monate habe ich nicht trainiert, aber man kann auch bis
zur Geburt trainieren, wenn man langsam übt und hoch steht. Die
Taiji-Übungen sind sogar eine sehr gute Vorbereitung auf die Geburt.
Haben Sie Kontakt zu Chen Xiaowang? Und werden
Sie von ihm trainiert?
Wie haben beide bei Chen Zhaopei trainiert, aber Chen Xiaowang ist älter
als ich. Früher ja, da hat er mich ab und zu korrigiert. Wir sehen
uns auch heute noch regelmäßig.
Frau Chen Guizhen, haben Sie vielen Dank
für Ihre Geduld.
Zum Abschluss unseres Besuches gab es noch verschiedene Vorführungen
der Meisterin aus dem Neuen und Alten Rahmen des Chenstils und natürlich
auch eine Doppelschwertvorführung.
Auch ihr Sohn und ein paar kleine Kinder zeigten uns ihre Künste.
Und wir konnten das Haus mit dem Zimmer für ausländische BesucherInnen
bewundern. Die Unterkunft hat einen relativ hohen Standard, es ist sicher
möglich, dort einen sehr angenehmen Aufenthalt zu haben.
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle auch bei Jan Silberstorff,
der uns dieses Treffen ermöglicht hat.
Sasa Krauter
Korea 2004
Das
Jahr des Affen mit seiner Tendenz zur Neustruktuierung und Veränderung
wirkte auch in Korea. Viel hat sich wieder getan und weiterentwickelt.
So gehen z.B. die Teilnehmer/innen der Kurse und Seminare nicht mehr
zum Handy nach draussen. Die Hersteller von Übungskleidung haben
sich angepasst, und die neuen Trainingshosen haben jetzt auch eine eingenähte
Handytasche.
Auch in diesem Jahr hielt Großmeister Chen Xiao-Wang seine Seminare
im
März in Seoul ab. Xinjia stand auf dem Plan.
Darüber hinaus kam es zu einem Treffen mit Chen Zheng-Lei. Die
damit verbundenen Gemeinschaftsessen waren wieder einmal vom Leckersten.
Richtig
zur Sache ging es im 2. Halbjahr. Ab Oktober liefen die Säbel-
und Xinjia Seminare mit mir. Vom 29.-31. Okt. 04 veranstaltete die Korean
National Association of Sports for Wushu unter der Leitung von Professor
Rhee Dong-Ho das 2004 Jeonju International Taiji Quan Symposium mit
Vorträgen und Vorführungen. Wang Tian-Yu, Wung Jian-Ye, Wen
Tao-Lin, Kyoko Ogawa, Tan Tai-Chiung, Chen Pei-Ju, Zhai Shao-Hong, Kuo
Ying-Zhe und ich hatten die Möglichkeit, im Core Riviera Hotel
und im HWA SAN Gymnasium/Jeonju City unsere Vorträge zum Taiji
Quan vorzustellen. Ganz professionell, mit Dolmetscher/innen und TV-Team,
wurde das Symposium durchgeführt. Als ZuhörerInnen fanden
sich hauptsächlich Dozenten, Lehrer und ProfessorInnen von Highschools
und Universitäten ein. Taiji Quan setzt seinen Weg in die Schulen
und Universitäten Koreas weiter fort.
Mein Vortrag über die Taiji-Form und deren Nutzung als Werkzeug
zur Entwicklung von Struktur u nd
innerer Kraft sowie meine Vorführung wurde interessiert angenommen.
Natürlich kam es zum Tui Shou Austausch und spätestens hier
nickten die Kritiker anerkennend.
Der Ablauf der Demonstration im Vorfeld zur 1. reinen Taiji Quan Meisterschaft
in Korea war ungewöhnlich gut organisiert. Es gab eine Massenvorführung
mit hunderten von jungen Menschen, und die Demos wurden der Vielfalt
des Taiji Quan gerecht.
Beonders interessant war das Kulturrahmenprogramm mit Besichtigungen,
einer Diskussion über Meditation mit dem Abt des Donghksa-Tempel
und für mich als highlight der Besuch der Kampfkunstbibliothek
von Professor Rhee. Eine umfangreichere Sammlung kampfkunstbezogener
Literatur, Dokumentationen, Filmen, Videos und DVD habe ich noch nicht
gesehen.. Vier Zimmer, voll bis zur Decke, von der Enzyklopädia
Tibetana bis zum handschriflichen Hagakure.
Der Abschlußparty in Jeonju konnte ich nicht beiwohnen, da ich
nach Daejeon eingeladen worden war, um auf einer Wushu-Meisterschaft
als Schiedsrichter zu fungieren. Noch
warm von der Vorführung in Jeonju zeigte ich auch hier eine Mischung
aus Yilu und Erlu des alten Rahmens sowie eine Tang Lang Form. Zudem
wollte man meine Hellebardenform sehen und hatte extra eine 8 kilogramm
Waffe besorgt. Upps … .
Schließlich ging es wieder mit dem Bus nach
Seoul, wo ich noch ein Luo Han Gong Seminar abhalten sollte. Richtig
froh war ich aber, als ich auf dem Rückflug nach Deutschland war.
Dieses Jahr war recht anstrengend, zuhause ist viel liegen geblieben,
und zuhause ist es sowieso am schönsten.
Gerhard Milbrat
Harmonie
In Laufe der Jahre
hörte ich viele Aussagen von Meistern der verschiedensten Stile
wie „Frauen können kein Taiji lernen“, „sie müssen
sich in den Lehrer verlieben, um ernsthaft zu lernen“, „sie
beginnen alles was der Freund macht, wenn die Beziehung vorbei ist,
beenden sie auch das Angefangene“.
Auch wenn diese Zitate vielleicht teilweise aus
ihrem Zusammenhang genommen sind: Für viele Frauen trifft das sicherlich
zu. Hat doch dieses Verhalten hat seinen tiefen Ursprung in der Rolle,
die die Gesellschaft der Frau über lange Zeit zugewiesen hat. Sie
war gezwungen und ist oftmals zumindest noch gewohnt, sich über
ihren Mann zu definieren.
Sie hat gelernt sich anzupassen, jedoch ohne sich selbst, sprich ihrem
eigenen Zentrum bewusst zu sein.
Doch ebenso wie beim Pushhands kann ein Anpassen ohne eigenes Zentrum
nur zum verlieren führen.
Und hier gerade liegt die große Chance für
die Frau durch das Taijiquan-Training.
Sie wird auf sich selbst zurück geworfen, sie schaut ständig
in den eigenen Spiegel und dieser reflektiert nur ihr eigenes Bild.
Das ist Anfänglich sehr unangenehm, da die angenommenen Gewohnheiten,
wie zum Beispiel, das permanente agieren im Äußeren, nur
ungern dem Neuen weichen wollen.
Normalerweise werden Veränderungen nur in der äußeren
Erscheinung vorgenommen. So versuchen wir uns von den Anderen zu unterscheiden.

Doch diese Unterscheidung ist sehr oberflächlich. Die Stille der
Stehende Säule lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder auf das wesentlichste
zurück, auf uns Selbst.
Es gibt während des Stehens keine Ablenkung von außen und
vieles, was lange im Verborgenen lag, tritt zu Tage, was nicht immer
angenehm ist.
Großmeister Chen Xiaowang sagt, „alle sind gleich, unterschiedlich
im Äußeren, innerlich jedoch finden sich die gleichen Wünsche,
Vorstellungen und Probleme.“
„In guten und schlechten Zeiten das
Zentrum zu bewahren“, sagt er weiter, „ist
der Weg zur Harmonie“.
Die wahrhafte Veränderung beginnt mit der
Neujustierung unserer inneren Waage. Die stehende Säule hilft die
Abweichungen von unserem Zentrum zu Tage zu bringen, sie zu erkennen
und Stück für Stück zu verändern. Körper und
Geist kommen zur Ruhe. Wir lernen unseren eigenen Raum kennen und auszufüllen.
Aus dieser Ruhe heraus verändert sich unsere Wahrnehmung, die unsere
Realität kreiert.
Wie beim Pushhands kann ich mit einem starken Zentrum meine Handlungen
der Aktion des Gegners anpassen ohne das Zentrum zu verlieren.
Und hier gibt es auch keine Unterscheidung mehr zwischen Mann und Frau,
der Ansatz ist der Gleiche.
„Das wichtigste Prinzip“,
sagt Großmeister Chen Xiaowang, „
ist die Natürlichkeit“. Harmonisieren wir Yin und
Yang fallen sie in sich zusammen und alle Unterscheidungen fallen weg.
Es entstehen in sich
selbst stehende Wesen, die harmonisch miteinander umgehen und sich nicht
mehr von einander abgrenzen müssen, da jeder genau seinen Raum
kennt und somit auch den Raum des Anderen aus der Natürlichkeit
heraus respektiert.
Deshalb ist das Arbeiten am Prinzip ein wahrhafter Schritt, das Männer
und Frauen sich wahrhaft einander annähern können. Abgrenzung
ist nicht mehr von Nöten, denn die Äußerlichkeit hat
ihre Wichtigkeit verloren.
Begreift nur eine bzw. einer dieses Prinzip, kann es an andere weitergetragen
werden, wie ein Stein, der ins Wasser fällt und dessen Ringe sich
immer weiter ausbreiten - aber zuerst muss dieser Stein ins Wasser fallen.
Claudia Mohr
Wie war das noch mal mit der Lust?
Neulich sah ich in einem meiner vielen Lieblingsfilme
eine bemerkenswerte Szene; ein Mann kehrt von seiner Arbeit zurück
und bringt seiner Frau eine in Zeitungspapier eingewickelte Birne mit,
die er ihr als Geschenk auf den bereits gedeckten Tisch legt. Etwas
später hört man ihre große Freude über die vorgefundene
Birne. (Wer errät aus welchem Film diese Szene ist erhält
eine gratis Stunde...)
Natürlich dachte ich sofort darüber nach, ob dort in mir noch
jene kleine Nische der Freude über die einfachen Dinge vorhanden
ist und was eigentlich geschieht auf dem Weg von dieser Freude hin zur
Nicht-Freude.
Wo liegt der Moment des Wandels von Freude zur Gewohnheit?
Beobachte ich Kinder ist für sie die Welt ein einziges riesiges
Forschungszentrum, alles ist aufregend, spannend und neu. Sie haben
riesige Lust alles für sich zu entdecken. Doch irgendwann hört
diese Lust auf und wandelt sich in Gewohnheit.
Würden wir das Beispiel mit der Birne weiterspinnen, würde
der Mann jeden Tag eine Birne mitbringen, würde binnen kurzer Zeit
die Birne zur Gewohnheit werden. Die Frau würde die Birne jetzt
erwarten, ja sich sogar darüber ärgern, wieso er immer nur
Birnen mitbringt und nicht mal etwas anders. Würde dann wiederum
eines Tages die Birne nicht mehr auf dem Tisch liegen, würde und
da bin ich mir ganz sicher, ein großer Sturm auf den Mann hereinbrechen,
warum, wieso, weshalb es jetzt keine Birne mehr gibt.
Kurzum, die Freude wandelt sich in Gewohnheit, die Gewohnheit in Erwartung,
die nicht erfüllte Erwartung in Leid und das Leid in Aggression.
Ist nun die Lösung erst gar keine Birne mitzubringen?
Wie kann ich mich davor bewahren den Schritt von der Freude zur Gewohnheit
zu gehen, oder gar noch weiter? Wie bewahre ich mir meine Lust?
Betrachte ich es aus der Sicht des täglichen Taijitrainigs, ist
es ja auch etwas, was ich täglich mache. Der Unterschied besteht
jedoch darin, das i c h täglich trainiere, das heißt ich
bin der Aktive, es entsteht etwas aus mir heraus, unabhängig von
meiner Umgebung.
Das zweite ist der Geist, das Bewusstsein. Ich erforsche mich jeden
Tag neu, erlebe mich jeden Tag neu. Keine Form ist wie die andere, kein
Tag ist wie der andere, ich bin jeden Tag anders. Es sind keine leeren
Bewegungen, sondern ich fülle sie von Tag zu Tag mehr mit Bewusstsein,
sprich mit Geist.
Und hier könnten wir der Lösung schon eine Schritt näher
gekommen sein. Erlebe ich meine Form jeden Tag neu, erlebe ich mich
jeden Tag neu und so müsste das ja auch auf meine Umgebung zu treffen.
Und plötzlich ist die heutige Birne nicht mehr wie gestrige und
erst recht nicht wie die morgige. Ich begreife über das Training
die permanente Wandlung in mir selbst von Minute zu Minute und kann
verstehen, das, wenn ich selbst permanent in Wandlung bin, wie kann
ich da erwarten das meine Umgebung immer gleich bleibt.
Die Kunst die Wandlung zu erkennen, führt zur Freude an der Erforschung
der Wandlung und nicht zu letzt zur Hingabe an die Wandlung. So kann
allmählich die Angst vor der Wandlung in Lust an der Wandlung umgewandelt
werden und somit löst die Birne jeden Tag neue Freude in mir aus,
was sicherlich nicht heißt, das ich nicht ab und zu auch einen
Apfel essen könnte, denn der Apfel wird bestimmt irgendwann Birne
und umgekehrt.
Claudia Mohr
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