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Daodejing Vers 1

DAO

"Ein Kopf der mit seinen Augen auf ein Ziel schaut -
zwei Füße, die ihn dort hin tragen -
der Geist ist bereits da, während das Selbst versucht dorthin zu kommen -
der Weg ist das Ziel!"

"Zwei Augen die auf die Einheit schauen -
wo zu finden?
In mir selbst.
Und zwei Füße, die mich dorthin tragen,
das ist der Weg."

 

 

DE

"Zwei Füße, das ist der Weg -
zwei Menschen, das ist die Handlung:
Mit reinem Herzen gerade aus zu schauen -
auf diesem Wege an den Mitmenschen zu handeln -
das ist die reinste Tugend."

 

 

 

(Übersetzung nach Richard Wilhelm mit Kommentar von Jan Silberstorff) 


Das DAO , das sich aussprechen lässt,
ist nicht das ewige DAO



Alles, was sich aussprechen lässt, ist eingegrenzt. Alles, was sich benennen lässt, trägt in sich einen Raum, der ihm durch seine Bezeichnung zugeordnet wurde. Aber genau dadurch erhält dieser Raum auch seine Grenze. Sprache definiert etwas, setzt es von anderem ab, unterscheidet. Alles was sich sagen lässt, bezieht ein und schließt aus. Es eröffnet Horizonte, aber es begründet sich auf etwas Vorhergehendes. Nun ist das DAO nichts, was sich auf etwas anderem oder vorangegangenem gründet. Es lässt sich nicht eingrenzen, es hat keinen bestimmten Raum, setzt sich nicht von anderem ab, schließt nichts aus und unterscheidet nicht. Das DAO ist in sich grenzenlos, aus sich selbst heraus existent, weder sichtbar noch unsichtbar. Man kann es nicht sehen und doch ist es überall. Es schließt alles mit ein und grenzt nichts aus. Es ist nicht greifbar und man kann es weder mit Händen, noch in Gedanken, noch in Emotionen festhalten. Dennoch ist es nie weg und immer da. Es ist einfach das unaussprechliche Ganze, das alles durchdringt und selbst nicht ist. Und dies, obwohl es ist und aller Dinge Grundlage bildet. Das DAO durchströmt jedes Ding und jedes Wesen, hält jegliches zusammen und ist unendlich. Es ist unaussprechlich, weil es nichts nicht ist, gleichsam aber auch niemals etwas Bestimmtes ist. Es ist allem Wurzel und Quelle. Es ist, was es ist. Das DAO ist in der Gedankenwelt Laozi die Quelle alles Seienden und alles Nicht-Seienden. Das DAO selbst jedoch entspringt keiner Schöpfung, sondern existiert einzig aus sich selbst heraus. So ist es sich selbst und allem Quelle und Ursprung. Aus sich selbst herausfließend erschafft es alles und durchdringt alles. So ist es nicht nur Ursprung, Quelle und erschaffend, sondern gleichwohl die erschaffene Schöpfung selbst, welche sie auch wieder in sich hineinzieht.

Es ist demnach nicht so, dass auf der einen Seite das DAO wirkt und erzeugt und auf der anderen Seite das Erzeugte wäre. Da das DAO in jedem Moment immer auch durch das Erzeugte wirkt und in ihm ist, ist es niemals getrennt vom Erzeugten. Es ist Erzeuger und Erzeugtes. Es ist Anfang und Ende, Quelle und Ozean; Beginn und Ziel und vor allem: In allem, was dazwischen liegt. Übersetzt hieße DAO so viel wie „Weg“, „Richtung“, „Verlauf“, „Art und Weise“, „Methode“, „Mittel“, „Ausgangspunkt“, „Prinzip“, „Zustand“, „Wahrheit“ oder auch „leiten“. Die diesem Kommentar zugrunde liegende Übersetzung ist nach Richard Wilhelm. Dieser übersetzt „DAO“ mit dem deutschen Ausdruck „SINN“, welcher in seiner Zeit (Deutsches Wörterbuch von 1906, Heyne) ebenfalls etwa die oberen Bedeutungen hatte. Weiterhin aber auch noch die Aussagen „das auf etwas gerichtete Innere eines Menschen“ oder „das Innere eines Menschen, als Sitz des Bewusstseins, der Wahrnehmung, des Denkens“ und „den inneren Sinn“, sowie „leibliches Empfindungsleben“ (was er selbst für unpassend beschreibt, ich selbst jedoch als sinnvoll erachte, da die Erfahrung des DAO definitiv auch eine körperliche Wirkung zeigt) und letztlich „Meinung, Vorstellung, Bedeutung von Worten, Bildern und Handlungen“ in sich trug. Wir können dem „DAO“ also Begriffe zuordnen, um seinen (bzw. unserem) „SINN“ zu versuchen, intellektuell näher zu kommen. Doch da das DAO unsere Vernunft übersteigt, ist dies, wie Laozi in seinen ersten beiden Strophen angibt, letztendlich nicht möglich.

Mystiker erfahren das DAO innerhalb ihrer meditativen Praxis. Denn hier erschließt sich ein Bereich der Wahrnehmung, der Verstand und Vernunft hinter sich lässt und nur noch das reine Schauen möglich sein lässt. Wenn von allem losgelassen ist, Herz und Verstand gereinigt und vollkommen leer sind, dann beginnt sich etwas auszubreiten und erfahrbar zu werden, was nur mit einer Art Begriff beschrieben werden kann, der als bekannt gilt, nichts fassbares aussagen zu können: DAO. Mit wiederholter Erfahrung hierin, erfährt der Mystiker das DAO dann mehr und mehr in allem und überall. Wie gesehen bedeutet DAO umgangssprachlich auch `Weg´ und beschreibt hiermit in diesem Zusammenhang nicht nur die mystische Erfahrung, sondern auch den immerwährenden Weg dorthin. Daher beschreibt das DAO auch „den Weg als das Ziel“ und ist somit Merkmal einer das ganze Leben hindurch andauerndes Entwicklung und seiner zugrunde liegenden mystischen Praxis, die so dem Leben seinen "SINN" verleiht.

Zwar können Teilaspekte beschrieben werden, die durch die Wirkweise des DAO hervorgebracht worden sind. Auch könnte man über bestimmte Attribute, die man dem DAO zumisst, sprechen. Aber es wird immer sein wie die Blinden, die jeweils nur einen Teil des Elefanten berühren und anhand ihrer partiellen Erfahrung zwar vielleicht diese beschreiben, aber keine Aussage über das Ganze treffen können. Es ist unmöglich ihren Teil als absolute Wahrheit zu postulieren. Daher ist das DAO, wenn es "aussprechbar ist, nicht das ewige DAO."

Alles wird durch das DAO hervorgebracht. Alles gemeinsam ist aber nicht beschreibbar. Im Einzelnen ist das Hervorgebrachte aber aufgrund seiner unaufhörlichen und endlos weiteren Hervorbringung, sowie seiner endlosen Komplexität ebenfalls nicht annähernd beschreibbar. Und selbst wenn es das wäre, so wäre immer noch nur das Wirken des DAO, nicht aber das DAO selbst beschrieben worden. Und auch sein Wirken (DE) würde nicht in seiner Ganzheit, sondern nur in von einander getrennten unvollständigen Teilen verstanden werden. Das ewige DAO bleibt somit ewig unerkannt und daher unbeschreibbar. Nur im mystischen Prozess der Einswerdung kann es vollkommen erfahren werden. Dann jedoch gibt es keinen Unterschied mehr zwischen dem Erfahrenden und der Erfahrung und es fehlt dem Subjekt im Moment der tiefsten Erfahrung das äußere Objekt. Daher entsteht hier der Prozess der Selbstlosigkeit als mystische Erfahrung. Innerhalb einer selbstlosen Erfahrung, also jenseits des `Ich´ und der Verstandeswelt, kann die Erfahrung jedoch nur wie beschrieben subjektiv sein, da in diesem Moment kein `äußeres Objekt´ in mir vorhanden ist, diese zu beschreiben (Ganz zu schweigen von einem anderen Wesen, dass meine Erfahrung von außen beurteilen könnte). Dies tritt erst nach der mystischen Erfahrung wieder hervor mitsamt seinem Ich und Verstand und stößt damit auch insofern wieder an seine Grenze, diese Erfahrung auszudrücken. Da es nichts außerhalb dieser Erfahrung gibt, erkenne ich, dass nichts größer ist als das DAO, weshalb es auch nicht von außen betrachtet, bzw. beschrieben werden kann: Die Erfahrung kann nur derart sein, dass ich mich zwar als das Ganze erfahre, doch mich als `ich´ nur als unbeständiges Teil darin begreife und dies als Medium verstehe, eine Ahnung vom Ganzen zu erlangen. Alles liegt daher innerhalb des DAO, nichts liegt außerhalb von ihm - es gibt kein außerhalb des DAO. Indem ich mich also quasi `reduziere´ ist mein Wesen in der Lage, das DAO zu erfahren. Durch meine eigene Verringerung (`Gedanken-, Ich- und Selbstlosigkeit´) erkenne ich das Ganze. Dies stößt meine bisherige Erfahrung, Dinge von außen zu betrachten, um. Schlimmer noch: Ich erkenne mein `Außen´, also mich als Individuum, dass die `Welt´ betrachtet, als in Wirklichkeit gänzlich begrenzte Kleinigkeit innerhalb des Ganzen, während ich mein inneres, im wörtlichen Sinne selbstloses Sein, mein "Nicht-Sein", als Potential zur Erfahrung des Ganzen wahrnehme. Ich schaue von innen und erfahre doch das Ganze, während ich von außen höchstens Teile wahrnehmen kann (vgl. Vers 47) . Dies, indem ich meine Abgrenzung vergesse und meine Gleichheit mit allem anderen suche. Dies zum einen passiv in mystischer Schau (die Leerheit erfahren durch `leer´ werden) , aber auch aktiv durch `tugendhaftes´ Verhalten (DE, vgl. Vers 38), den Nächsten nicht als getrennt von mir wahrzunehmen und ich ihn daher nur lieben kann wie mich selbst. So erfährt das scheinbar Geringste (Selbstlosigkeit) das Ganze, während das scheinbar Große (Ich!) nur die Welt der Trennung erkennt.

Wichtig aber ist zunächst nur zu verstehen, dass es einen permanent in uns und allem wirkenden Urquell gibt, der sich unserem Verstand zwar nicht vollkommen zugänglich machen, in der mystischen Schau jedoch erfahren werden kann. Wenn also nicht mit Worten vollständig ausdrückbar, so doch in der `Seele´ wahrzunehmen. Diese Wahrnehmung drückt sich dann aufs `Herz´ aus, welches rein und tugendhaft wird und folgend über den Verstand hin zu guter, aufrichtiger und selbstloser Handlung führt (DE). Das DAO wirkt durch seine Wirkkraft DE. Das DE erschafft, denn es ist die Kraft des DAO. DAO und DE sind eins, unterschieden nur insofern, als wenn das DAO wirkt (was es pausenlos tut), so ist es DE. Wäre DAO nicht schaffend, so gäbe es kein DE. Das DAO an sich ist nicht handelnd (vgl. Vers 43). Handeln tut es durch das DE, seiner Wirkkraft, was jedoch es selbst ist. Kurz: Das DAO ist in sich absolut - in seinem Wirken ist es DE. So wirkt es auch durch den im DAO lebenden Menschen durch diese Kraft, welche sich als Tugend (DE) in Handlung zeigt. So spiegelt der vollkommene Mensch das unendliche DAO in seiner Endlichkeit wieder. Er erkennt sich als Teil der großen Einheit, die in sich durchweg gut ist. Das DAO ist ewig - tritt es als Kraft in Erscheinung, so ist es DE.

Dieses „DAO“, welches im fortwährenden Prozess des Hervorbringens (DE) ein unaufhaltsames Fließen ist, kann daher auch im Äußeren, in der sichtbaren Welt nicht benannt werden, da durch sein unaufhörliches Fließen, das hieraus entstehende Zeit-Raumgefüge keine Beständigkeit in sich trägt und dadurch im Gegenteil, unbeständig, sprich veränderlich ist. So würde ein Name oder eine Benennung, die die Manifestation des Ewigen im Endlichen ausdrücken sollte, nicht dauerhaft sein, da sie wenn überhaupt, nur einen bestimmten Moment, nicht aber das Ganze benennen könnte. Es wäre wie einen Fluss in einem bestimmten Zustand definitiv festlegen zu wollen. Dies ist nicht möglich und so können Dinge zwar innerhalb ihrer Zeit in gewisser Weise benannt werden, ein ewig feststehender Name jedoch kann es nicht sein, denn er würde die Realität nicht wiedergeben können:


Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.



 Bleiben wir bei unserem Flussbeispiel: Wir können zwar den gesamten Fluss als fließend und als seine einzige Konstante die Veränderung postulieren, aber eben genau deshalb keinen fest definierten Zustand hierin dauerhaft bezeichnen. Einfach deshalb, weil es keinen fest definierten Zustand dauerhaft in der Dimension des "Seins" gibt. Auch das „DAO“, noch sonst etwas auf das Ewige, Ganze und dauerhaft Bezogene, ist innerhalb des „Seins“ auf eine Bezeichnung reduzierbar. Dies wäre theoretisch nur im `Nicht-Sein´ möglich - aufgrund seiner beständigen, immer gleichen Ewigkeit. Dort jedoch existiert an sich keine Wahrnehmung, sie käme denn vom Seienden. Und ohne Wahrnehmung gibt es keine Bezeichnung. So kann es also weder im „Sein“, noch im „Nicht-Sein“ eine ewige Bezeichnung geben, die eine in sich abgeschlossene Definition liefert. Namen und Bezeichnungen können nur einen Zustand markieren, der sich auch wieder verändert (also im "Sein" ist) und dann auch wieder neu benannt werden muss. Ein Beispiel: Anfangs habe ich etwas, was ich als „Baum“ bezeichne. Schon der Begriff „Baum“ jedoch ist nur ein Oberbegriff unendlicher kleinerer Einheiten, wie z.B. Äste und Blätter bis hin zu Molekülen, Atomen usw. Dieser Baum nun wird gefällt und in Stücke geschlagen. Nun spreche ich von „Holz“. Dies zünde ich an und nenne dies ein „Feuer“. Ist das Feuer zu Ende gebrannt, so nenne ich es „Asche“. Asche wird zu „Erde“ usw. Daher ist „der Name, der sich nennen lässt, nicht der ewige Name“. Ein Name bezeichnet also nur einen begrenzten Ausschnitt eines bestimmten Zusammenhanges, bzw. eine Konstellation von Zusammenhängen zu einer bestimmten Zeit. Wie könnte das DAO da durch einen Namen benannt werden können? Beschreibbar sind daher nur bestimmte Symptome des „DAO“ zu einer bestimmten Zeit, niemals aber das „DAO“ selbst. Versucht man es dennoch, so muss ein Name, der das Ewigliche und Unveränderliche, das einzig Permanente und aus sich selbst Geschaffene, bzw. einzig ungeschaffen Existierende beschreibt, daher in sich die Fähigkeit enthalten, durch die Ewigkeit konstant bleiben und gleichsam alle Veränderungen, die die äußere Wirkung des ewiglich Schöpfenden verursacht, mit einbeziehen zu können. Laozi bedient sich daher des Begriffes DAO, weil er als mystisch ganzheitlicher Begriff von jeglicher bezeichnender Bedeutung frei bleibt, gleichzeitig aber durch seine Umgangssprachlichkeit wie "Weg" und "Verlauf" oder auch "Prinzip" und "Wahrheit", sowie "innerer Sinn" und „Art und Weise“ eine Wiederspiegelung in der Welt zulässt. So ist dieser Begriff sowohl für die nicht seiende als auch für die seiende Dimension möglich, muss aber mystisch erfahren und hieraus in Handlung (DE) gelebt werden, um sich seiner wirklichen Bedeutung intuitiv annähern zu können.

„Nichtsein“ nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
„Sein“ nenne ich die Mutter der Einzelwesen.


Der Anfang von Himmel und Erde. Hier erfahren wir etwas über die Entstehungsgeschichte unserer Welt, wie wir sie erleben. Laozi gibt uns eine Benennung des Anfangs: „Nichtsein“. Himmel und Erde beschreibt die beiden Pole, aus denen alles gewirkt wird. Die beiden ersten und ursprünglichen Pole, dessen Verbindung wiederum der höchste First, das „Taiji“ ist: Yin und Yang. Vor Himmel und Erde war demnach nichts. Nach Himmel und Erde ist demnach alles. Das Nichts wird in der Mythologie des Daoismus als Wuji beschrieben. Es ist das Nichts, das potentiell zwar alles enthält, aus dem aber noch nichts hervorgetreten ist. Daher ist es nur ein einzig Eines. Da es nichts Geschaffenes gibt, gibt es im wahrsten Sinne des Wortes nichts. In diesem Nichts jedoch liegt der Anfang verborgen. Denn alles geht aus ihm hervor. Daher ist das „Nichtsein“ der Anfang von Himmel und Erde. Es ist Quelle des Anfangs des "Seienden". Nun muss unterschieden werden zwischen dem Nichts und dem Anfang. Da am Anfang aber wie vor dem Anfang noch nichts ist, nach dem Anfang jedoch etwas ist, so ist der Anfang noch im "Nichts", steht aber unausweichlich und nicht mehr zurück nehmbar an der Schwelle des „Ist“. Dieser Anfang ist vollendet, wenn diese Schwelle beginnt überschritten zu werden. Daher ist der Anfang zwar im „Nichtsein“ - es ist der ureigene Zustand des „Taiji“ - welcher sich somit noch unbewegt im „Wuji“ befindet“, jedoch schon nicht mehr anders kann, als zu beginnen. Nach diesem unbewegten Anfang ist das „Taiji“ sichtbar in Erscheinung getreten. Anfang hat stattgefunden: Es existiert Himmel und Erde. So ist das „Nichtsein“ der Beginn von Himmel und Erde und die Stille der Ursprung der Bewegung, dessen Anfang (Ur-Taiji) zwar unbewegt ist, aber nicht mehr anders kann, als zu bewegen. Diese erste Bewegung gebiert die beiden Urkräfte Yin und Yang, die in Stille eine einzig eine Potentialität ist.

„Sein“ beschreibt den Zustand nach dem Anfang, wenn, wie gesagt, die Schwelle überschritten ist. Himmel (qian) und Erde (kun), als reines Yang und Yin, schöpfen ohne Unterlass und gebären durch seine Interaktion als `Vater und Mutter, Tochter und Sohn´: So entstehen Mond und Sonne, Wasser und Feuer (kan und li). Aus dieser Verbindung wiederum entstehen die "Einzelwesen" (wörtl.: "wan wu" - "alle (10000) Dinge, Materie, Substanzen, Umwelten, Wesen, Menschen"), sprich alle differenzierbaren und existierenden Elemente, Dinge und Wesenheiten. Daher ist der Uranfang, das Ur-Taiji, aus dem das wahre Yin und Yang entsteht, die "Mutter der Einzelwesen", da hieraus ohne Unterlass gebohren wird und alles hieraus entsteht, während sie selbst aus dem „Nichtsein“ entsteht. "Mutter" als Singular zeigt uns aber zudem, dass sie Yin und Yang in ihrer ursprünglichen Einheit darstellt, dennoch aber gleichwohl auch bereits außerhalb des Nichts ist, da Yin und Yang bereits existieren, nur noch nicht entzweit sind. Sie ist daher genau der Moment und die Übergangslinie, sowie das Tor, welches genau zwischen Wuji und Taiji liegt: Das Ur-Taiji. So liegt "Mutter" genau dort, wo es in Wahrheit gar keinen Unterschied zwischen "Nichtsein" und "Sein" gibt, an ihrer beider Quelle, an ihrem gemeinsamen Nenner.

Aus diesem Erstgeschaffenen entsteht alles durch Hervorbringungen der reinen, ursprünglichen Kräfte Yin und Yang. Diese sind in Einheit die Urkraft, die durch die „Mutter“ in ihrer Zweiheit geboren wurden. So entsteht alles in und durch immer weitere Verzweigungen von Yin und Yang. Die Vielheit entsteht. Umgekehrt, folgt man in anderer Richtung der Mutter zurück ins Nicht-Sein, so zerfallen Yin und Yang wieder in ihren ursprünglichen Zustand der einen ungeteilten Urkraft, welche einzig reine Potentialität ist. Wir haben somit zum einen eine Verzweigung aus der eigentlichen Einheit hin zum Vielfachen. Da die Einheit jedoch unendlich ist, ist die Ausdehnung des Vielfachen in Wahrheit lediglich eingebettet in die größte aller möglichen, wenn auch raumlosen Ausdehnungen: dem Nichts. Schauen wir uns daher die Symbole von Wuji und Taiji genauer an, so müssen wir verstehen, dass es sich hier nicht um zwei verschiedene Symbole handelt, sondern lediglich um eines, in das das andere, welches aus ihm hervorgeht, eingebettet ist. Der Kreis, der das Unendliche beschreibt, ist derselbe Kreis und auch sein "Inhalt" ist der gleiche, nur dass er von reiner Potentialität in Erscheinung und wieder zurück von Erscheinung in reine Potentialität wechselt. Ein einfacher Vergleich: Haben wir einen stillen Raum und gehen wir hinein und schreien uns an, so ist es dort nicht mehr still. Dennoch aber ist die Stille zu keinem Zeitpunkt hinaus gegangen, was wir sofort wahrnehmen, halten wir den Mund. Die Stille ist demnach immer da und wir bewegen uns lediglich innerhalb dieser Stille. Der Fehler ist nur, dass wir die Wahrnehmung der Stille verlieren, da wir uns nur auf unser Schreien konzentrieren. Reden wir aber in völligem Gewahrsein der Stille, so erkennen wir unser Reden als Teil der Stille und die Stille als Teil unseren Redens. Im ersteren Fall entzweit sich Yin und Yang in Disharmonie, im letzteren Fall wirkt es harmonisch zusammen und lässt Worte (Handlung) aus der Stille entstehen, in welcher sie auch wieder verschwinden, sind sie verklungen.

Beachten wir das chinesische Original so steht für "Nichtsein": "wu ming" - "Ohne Namen" und für "Sein": "you ming" - "Mit Namen". "Nichtsein" kann also auch als `nicht definierbar´ oder `nicht beschreibbar´, als `nicht greifbar´ oder `nicht zu orten´ beschrieben werden. Es ist etwas da, aber irgendwie ist es auch nichts, weil es objektiv nicht auszumachen ist. Dies kann uns helfen zu verstehen, das Wuji nicht einfach letztendliches Nichts ist, sondern potentiell alles, nur dass noch nichts in Erscheinung getreten ist. Daher ist es zwar die Leere, aber potentiell ist alles darin enthalten, nur dass es sich (noch) nicht entfaltet hat. Es ist daher von der letztendlichen Leere, wo wirklich rein gar nichts ist, zu unterscheiden. "You ming" - "mit Namen" stellt somit die Dimension des "Seienden" da. Denn nun ist etwas in Erscheinung getreten und vervielfältigt sich. Wenn ich dies wie gesehen auch weiterhin nicht im Ganzen beschreiben kann (es wäre wieder die reine Potentialität und daher „ohne Namen“), so sind doch seine in Erscheinung getretenen (Einzel-)Teile zu einem gewissen Grad zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, welche nun existieren und daher `zu orten´ oder `zu greifen´ sind, bennenbar.

Eine mögliche Übersetzung wäre wörtlich daher auch:

"wu ming tian di zhi shi":
Unbeschreiblich (nicht benennbar, "ohne Namen") ist Himmel und Erde Anfang.

"you ming wan wu zhi mu":
Beschreibbar (benennbar, "mit Namen") ist der Einzelwesen ("wan wu" - 10000 Dinge) Mutter.

Es ist sinnvoll, diese Übersetzungsvarianten in den folgenden Strophen mit im Hinterkopf zu behalten. Denn "Anfang" und "Mutter" ist mit sich identisch, wie auch "Nichtsein" und "Sein" keine verschiedenen Orte darstellen. Nicht beschrieben werden kann der Anfang, kann er dann beschrieben werden, ist es Mutter. Vor dem Anfang ist das Nichts, nach dem Anfang ist das Etwas.

Mutter (Anfang) ist somit das Bindeglied zwischen "Nichtsein" und "Sein", womit "Nichtsein" und "Sein" wie von Laozi angegeben von hier aus ihre Richtungen erhalten:

Darum führt die Richtung auf das „Nichtsein“ zum Schauen des wunderbaren Wesens, die Richtung auf das „Sein“ zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.


 Wir befinden uns auf der Grenze zwischen „Nichtsein“ und „Sein“, dem ureigentlichen Zustand von `Taiji´. Die Richtung auf das „Sein“, das ist unser normaler Lebensfluss, mündet in Zeit und Raum. Dieser ist dem Dualismus unterworfen und damit begrenzt. Er ist dem Entstehen und Vergehen unterworfen und daher endlich. Zeit ist untrennbar mit Raum verbunden. Denn vergehende Zeit bedeutet Ereignis. Und Ereignis muss stattfinden und braucht daher Raum. So kann es keine Zeit ohne Raum geben. Und da die Zeit nur innerhalb des vergänglichen, also in Abfolge von Ereignissen wirkt, ja identisch mit dieser ist, sonst würde sie nicht `vergehen´, so ist sie ihrer Natur nach begrenzt. Somit also auch der Raum. Sie und ihr Raum ist begrenzt gerade durch Ereignis, welches immer aussprechbar und niemals das Ewige umfassen kann. Es ist beschreibbar und daher in seinem Ausmaß begrenzt, was wiederum wörtlich den (Ereignis-)Raum als begrenzt beschreibt. Aber wo keine Ereignisse sind, ist keine Zeit und wo keine Zeit ist, da ist auch kein Raum. "Sein" ist bereits ein Ereignis und daher führt die Richtung des „Seins“ zum Schauen und gleichfalls zur Erkenntnis der räumlichen Begrenztheit. Es beschreibt die Wahrnehmung unser bedingten Abhängigkeit und lässt nicht mehr zu, als den Blick auf den kleinen Ausschnitt unseres „Seins“ in der Art, in der wir sind: vergänglich, abhängig und begrenzt.

Die Richtung auf das „Nichtsein“ ist daher Schauen des Ursprungs. Dieser ist `vor´ oder besser: ohne Zeit und Raum. Denn diese Größen entstehen erst aus ihm. Dies macht ihn zum Ursprung, ohne den er nur seine eigene Natur wäre und das ist das Nichts. Kein Ereignis, keine Zeit, kein Raum. Ewigkeit. Hier erkennen wir das Einzig-Eine, das einzig nicht Bedingte, das einzige, was nicht Veränderung unterworfen und einzig nur aus sich selbst heraus umgeschaffen, ewig und daher unbegrenzt und allumfassend ist. Es ist das einzig Permanente, das einzige ohne Wandel. Dieses Nichts, aus dem alles hervorgeht und in dem sich alles Seiende befindet, ohne dass es existieren würde, ja das seine wahrhaftige Natur und seine letztendliche Wirklichkeit ist, beschreibt Laozi als „wunderbares Wesen“. Das Absolute, dass sich selbst nicht wahrnimmt und nimmt es sich wahr, so ist es Gott. Aufgabe des Praktizierenden ist es nun, aus dem Bereich des „Seienden“ durch Versenkung Einblicke in den Bereich des „Nicht-Seins“ zu erfahren, um hier in dieser Einheitsschau der Urtümlichkeit des DAO näher zu rücken.

Die "räumliche Begrenztheit" beschreibt demnach nicht lediglich eine Grenze des Raumes im Sinne einer dreidimensionalen Größe, sondern die Begrenztheit des Stattfindenden im Verhältnis zu dem grenzenlosen Nichtereignis.

Beachten wir auch hier die wörtliche Übersetzung, zu erhalten wir:

"gu chang wu yu, yi guan qi miao,"
Darum: Beständig ohne Wünsche (Begierde), um zu erkennen seine Unfassbarkeit,

"chang you yu, yi guan qi jiao."
Beständig mit Wünschen (Begierde), um zu erkennen dessen Grenze (Weg).

Bei tieferem Verständnis trifft also auch die wörtliche Übersetzung den Sinn von Wilhelm: Sich dem "Nichtsein" zuzuwenden bedeutet schließlich, alles, so auch die Wünsche, fallen zu lassen. Nur so kann ich in die Leere eintreten, wenn ich in mir mich dieser Erfahrung wesensgleich angenähert habe. Genauso umgekehrt: Bin ich voller Wünsche, komme ich nicht zur Ruhe und erkenne nur die Welt der Erscheinungen, des "Seins" und bewege mich damit nur in dessen Begrenztheit, die das "Sein" nun mal seinshaft in sich trägt. Loslassen als Meditation und Lebensweg bedeutet also über das "Sein" hinaus auch das "Nichtsein" zu erfahren und so das Gesamte - das Unendliche, Ewigliche und das Endliche, Entstandene - wahrzunehmen. Er liefert uns hiermit die Instruktion, wie wir uns der mystischen Erfahrung des Nicht-Seins annähern können: Ohne Wünsche sein, nichts wollen, leer werden, wie das Nichtsein selbst und somit Wesensgleichheit mit ihm erlangen, wodurch die Erfahrung desselben entsteht.

Dies als Lebensweg zu beschreiten lässt aber noch eine zusätzliche Deutung der zweiten Strophe zu: Nämlich im Bereich des "Seins" den Wunsch zu haben, auch das "Nichtseiende" zu `leben´. Also den beständigen Wunsch hierzu als "Weg" zu erkennen dieses "Unfassbare" ebenfalls zu erfahren und sein Leben entsprechend darauf auszurichten: "Beständig mit dem Wunsch, um zu erkennen dessen Weg"). So gelangen wir zur Harmonie zwischen "Sein" und "Nichtsein", indem wir das "Sein" leben, um das "Nichtsein" zu ergründen. Denn wird das Absolute in seiner Vollkommenheit erkannt und offenbart sich somit, wodurch es schöpft, auf das die Schöpfung es als das erkennt, was es ist, Vollkommenheit, und sie sich daher mit ihm wieder als Absolutes vereint, so erfahren wir in dieses Kreises Schluss den SINN (DAO) des LEBENS (DE).

Dennoch sind das "Nichtsein" und das "Sein" keine unabhängigen Größen, sondern ihrer Natur nach identisch (Potentialität oder dessen Entfaltung) und unterschiedlich daher nur ihrer Erscheinung, ihrem "Namen" nach:


Beides ist eins dem Ursprung nach und nur verschieden durch den Namen.


 Das "Sein" so sagt man, geht aus dem "Nichtsein" hervor. Letzteres ist Wuji, "ohne First", also wenn Himmel und Erde noch nicht voneinander getrennt sind und nichts zwischen ihnen liegt und sie somit auch noch nicht exisitieren. Hieraus entsteht Taiji, die Urkräfte Yin und Yang, in denen sich das Ursprüngliche entfaltet. Taiji ist der "höchste First", also die Verbindung zwischen Himmel und Erde (reines Yang und reines Yin) und deren harmonisches Zusammenspiel - wenn sie aus ihrer ursprünglichen Einheit in einen harmonischen natürlichen Zustand des anfänglichen Seins auseinander bewegt wurden. Dieses Zusammenspiel lässt in ihrer verbindenden Energie (Qi) alles entstehen, was ist.

Da das „Nichtsein“ eine unbewegte Einsheit ist, ungeboren und unsterblich, immer seiend, da nicht seiend, ist es ewig. Das „Seiende“ geht aus dem „Nichtseien“ hervor insofern, da es nun vom „Nichtseienden“ differenziert werden kann. Doch nun müssen wir verstehen: Auch das „Nichtsein“ kommt daher erst durch das „Sein“ in Existenz. Wenn das „Sein“ aus dem „Nichtsein“ entsteht, so gibt es ihm dadurch, da es sich von ihm unterscheiden lässt, seine Existenz. Wenn auch diese eine Nicht-Existenz ist. Aber durch diese nun entstandene Zwei bildet das „Nichtsein“ den Gegenpol zum „Sein“. Daher ist der Ursprung des „Seins“, was das „Nichtsein“ ist, auch der Ursprung des „Nichtseins“, was das Entstehen des „Sein“ ist. Sie haben einen gemeinsamen Knotenpunkt, an dem heraus beide sich gebildet haben. Auch wenn das „Nichtsein“ quasi eine Negativ-Existenz mit dem Kohärent -1 und das „Sein“ eine Positiv-Existenz mit dem Kohärent +1 darstellt, so haben sie doch die gemeinsame Null, ihren gemeinsamen Ursprung und sind daher nur dem Namen nach verschieden. Denn nichts kann etwas anderes sein als sein Ursprung aus dem es sich entwickelt hat. Das eine kann nicht ohne das andere existieren, da es sonst nicht mehr benannt, besser: vorkommen kann. Beide sind in sich eine Einheit. Wuji und Taiji sind zwar in ihrem Erscheinen nach verschieden, ihrer Natur nach aber gleich. So entsteht aus demselben Ursprung das „Sein“ und auch das „Nichtsein“, wo sonst nur das wirkliche Nichts, das weder „Sein“ noch „Nichtsein“ wäre. Denn erkennen wir im „Sein“ die Existenz der Dinge und im „Nichtsein“ deren `bilderlose Bilder´, sprich deren potentielle Möglichkeit und undifferenzierte Gesamtheit, die noch von- und ineinander ungetrennt und damit `nicht ist´, so haben wir eigentlich das Gleiche. Mit dem einzigen Unterschied, dass es auf der einen Seite in klarer Existenz und auf der anderen Seite im potentiellen Ganzen liegt. Immer aber ist alles da. Und so sind „Sein“ und „Nichtsein“ quasi die zwei Seiten derselben Medaille. Entstanden letztlich aus dem wirklichen, letztendlichen Nichts, welches beiden zu Grunde liegt und indem so wirklich nichts ist, dass man nicht einmal von Ewigkeit sprechen könnte:

Das DAO wirkt durch seine Kraft (DE), welches die 1 ist (vgl. Vers 42 und Zhuangzi, "Buch vom südlichen Blütenland"), die 2, heißt: Wuji und Taiji. Das Wechselspiel zwischen Nichtsein und Sein erschafft die 3, welches die gesamte Dimension des Seins und Nichtseins erschafft: die 10000 (alle) Dinge. Hiermit haben wir eine vollständige `Welt´, in der alles was ist und auch alles was (noch) nicht (mehr) ist, umfasst. Leben und Tod, Himmel und Erde, Einheit und Vielfalt, Ursprung, Ausbreitung, Rückkehr und wieder Ursprung: Nichts fehlt. Dies ist die gesamte Dimension, die es `zu leben´ gilt, möchte man ein nach Laozi "wahrhaftiges" letztendliches Leben (DE) führen, das vollständig ist: Innen und Außen, sichtbar und unsichtbar, Ein(s)heit und den hierin existierenden Dualismus - alles ergibt das gesamte `Universums´ in dem wir uns `bewegen´: das fortwährende Wechselspiel von "Sein" und "Nichtsein".

Doch auch das Taiji, welches aus dem Wuji entsteht: Die beiden Urkräfte Yin und Yang bilden in ihrem harmonischen Spannungsverhältnis, ihrer verbindenden Energie Qi alles was wir sehen, schmecken, fühlen, tasten und hören können, inklusive uns selbst. So können wir im Kleinen die 1 auch als Wuji, die 2 als Taiji, also Yin und Yang, die 3 als deren Kombinationsmöglichkeiten, und damit alle (10000), wenn auch nur existierenden Dinge verstehen.

Alles zusammen genommen in seiner ursprünglichen harmonischen Ganzheit aber ist es das Paradies, doch wir leben in keinem und Laozi wird uns in den Versen seines Werkes erklären, wie wir aus dieser Einheit gefallen sind und wie wir hierin zurückfinden können. Es geht also um die Aufhebung der Getrenntheit zwischen "Sein" und "Nichtsein", um somit wieder zur Ganzheitlichkeit von "Himmel und Erde" und über die "Mutter" wieder den Anschluss an unsere ureigenste Quelle zu bekommen. Das Ergebnis wäre, das unsere `himmlische´ und unsere `irdische´ Natur wieder als eine gemeinsame und ursprünglich einzige Natur wahrnehmbar wird. Dann ist unsere Wahrnehmung der gemeinsame Nenner beider, die 0, von welcher wir in beide Richtungen zu schauen verstehen. Es ist das eigentliche Taiji und wird charakterisiert durch `Ruhe in Bewegung´, was auf diesem Niveau nichts weniger bedeutet, als aus dem "Nichtsein" heraus das "Sein" wahrzunehmen und aus der Ewigkeit das Zeitliche zu gestalten um von dieser Gestaltung heraus wieder ins Ewige einzugehen, aus welcher ich nie getreten bin. Dies spiegelt sich dann für das Ich in einer unheimlichen und glasklaren Präsenz des `Hier und Jetzt´ wieder. Es ist ein Hier und Jetzt, dass die Ewigkeit mit der Zeitlichkeit verbindet. Auf emotionaler Ebene drückt sich dies in einem tiefen inneren Frieden gepaart mit ehrfurchtsvoller Glückseligkeit aus.

Das von Wilhelm gebrauchte Wort "Ursprung" entstammt dem chinesischen Original "tong chu", was so viel wie "gemeinsam (verbunden) hervorgehen" heißt. Dies zeigt noch einmal deutlich, dass es schliesslich und endlich hier keine Abfolge von zuerst das eine, dann das andere gibt (auch wenn das eine aus dem anderen entsteht). Sondern Nichtsein und Sein (Wuji und Taiji) sind "gemeinsam hervorgegangen", also nicht nur aus einem Ursprung kommend, sondern gleichzeitig entstanden, also ursprünglich eine Einheit bildend:

In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.


 Laozi gibt uns schon im ersten Vers seines Daodejing das Geheimnis und die Ethik des Lebens, dass zur Vollkommenheit führt: Ganz wie die Schöpfung sollen wir aus dem Wissen des „Nichtseins“, das „Sein“ kreieren. Also aus der Erkenntnis des Ewigen das Zeitliche gestalten. Das `Ich´ ist zeitlich und daher eine Möglichkeit, das Ewigliche zu vermuten und entsprechend nach ihm zu wirken. Falsch wäre es demnach, wenn das `Ich' sich selbst als Maß aller Dinge nehmen würde. Denn dies ist nicht der Realität entsprechend und würde zu Egoismus führen, welcher der Schöpfung zuwider läuft. Wahres Leben („DE“) bezieht sich demnach auf beide Seiten der Medaille: Der Kontemplation zur `Erfahrung´ des „Nichtseienden“ und das aktive Leben (das "Seiende") zur Umsetzung dieser aus dem Wuji hervorgehenden Erfahrung innerhalb des Taiji.

Das bedeutet also das "Geheimnis" (des Lebens): Die "Einheit" von "Nichtsein" und "Sein" (zu leben). Aus der Betrachtung der Vollkommenheit des Ewigen („des wunderbaren Wesens“) ergibt sich die Bestimmung des Einzelnen („die räumliche Begrenztheit“). Hieraus erkennt ein jeder seine Aufgabe im Leben, welche in Einklang mit der obersten Natur steht, dessen Teil er ist. In diesem Sinne geht der vollkommene Mensch auf in der Erfahrung des „DAO“ und der Handlung des „DE“ und erlangt hierdurch seine Glückseligkeit. Dies zu erläutern ist Sinn von Laozis Daodejing, dem „Klassiker vom DAO und vom DE“.


Des Geheimnis noch tieferes Geheimnis ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.


Die höchste Einheit von Wuji und Taiji, vom „Nichtsein“ und „Sein“, definiert sich aus ihrem gemeinsamen letztendlichen Ursprung. Dieser Ursprung wiederum ist das Geheimnis aller Existenz und Nichtexistenz, schlichtweg das Tor von der Zwei zurück zur reinen Wirkkraft (DE), der Eins (vgl. Vers 42) und zurück zum absoluten Nichts, dem Absoluten, welches so sehr nichts ist, dass es nicht definiert und daher auch nicht benannt werden kann. Laozi nennt es DAO. Das DAO schafft sowohl das „Sein“, als auch das „Nichtsein“ - durch seine Wirkkraft (DE). Die hieraus entstehenden Urkräfte Yin und Yang interagieren durch ihre verbindende Energie "Qi", so auch durch Himmel und Erde (welche in ihrer reinsten Form sie selber sind) und somit auch in uns.

Blickt man in dieses Geheimnis von Seiten der ursprünglichen Zwei, des „Seienden“ und theoretischer weise auch von Seiten des „Nichtseienden“, so blickt man nun nicht mehr nur in das Tor zwischen Wuji und Taiji, sondern gleichfalls in das große letzte, in beider gemeinsamer Tor ihres gemeinsamen Ursprungs: Nämlich in das Tor, sprich "des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis", wohinter nur noch das letztendliche Absolute steht, welches kein Mensch, so auch Laozi nicht in Worte fassen kann. So nennt er es „DAO“. Daher ist das DAO nicht näher beschreibbar und Urgrund alles weiteren, so dass aus seinem Tor „alle Wunder hervortreten“. Vereinfacht könnte man sagen: Es ist ein Absolutes, ein Nichts (DAO), aus dem schöpft sich durch DE das „Nichtsein“ und (hieraus, jedoch `gleichzeitig´) das „Sein“, welche einander bewirken und im Gleichgewicht halten: "Das Geheimnis noch tieferes Geheimnis" (DAO) lässt in seinem Wirken (DE) durch dieses Tor das Geheimnis von „Nichtsein“ und „Sein“ hervortreten. Aus dem Tor zwischen „Nichtsein“ und „Sein“ wiederum entsteht das „Sein“, welches durch gleiches Tor wieder ins „Nichtsein“ vergeht und in diesem ewigen Taiji aus „Nichtsein“ und „Sein“ das endliche Taiji des Zeitlichen hervorruft, welches sich immer wieder im nichtzeitlichen Wuji auflöst und erneut kreiert.

Zusammengefasst: das Geheimnis ist die Erfahrung des Tores zwischen Sein und Nichtsein, womit die Erfahrung nicht nur der seienden, sondern auch der nichtseienden Dimension gegeben ist (also Erfahrung zu beiden Seiten des Tores). Das diesem zu Grunde liegende "tiefere Geheimnis" ist nun das Tor, aus dem wiederum Nichtsein und Sein selbst hervortreten. Es ist das ursprünglichste Tor, durch das das DAO in ursprünglichster Reinheit durch das ureigentlichste DE wirkt. An diesem Tor angelangt lässt sich das reine DAO in seiner Absolutheit schauen, was gemeinhin mit höchster Erleuchtung bezeichnet werden kann und im Menschen das allerreinste uranfängliche DE entstehen lässt, allerhöchste "Tugend". Denn das DAO ist rein und makellos und so ist es auch seine Wirkkraft (DE), die das DAO selbst ist und nur sein Wirken ausdrückt, welches die höchste Güte (Tugend) ist, aus der sich direkt die reinste Liebe ergibt, welche alle Schöpfung entstehen lässt. Wer durch dieses ursprünglichste Tor schlüpfen konnte, ist am absoluten Anfang, bedeutet absoluter Ursprünglichkeit, von allem angelangt: Für ihn gibt es nichts weiteres mehr zu erreichen, er ist nach daoistischer Auffassung eins mit dem DAO und somit ein "xian ren", ein "Unsterblicher".

Die letzte Strophe "zhong miao zhi men" - wörtlich übersetzt "aller Mysterien (auch: Unbegreiflich-, Unfassbarkeiten, Wunder, Schönheiten, subtil, zart, geheimnisvoll, herrlich) Tor", beschreibt demnach zwar wie nach Wilhelm ein Tor, aus dem etwas heraustritt. Aber dieses Heraustreten selbst wird im Original nicht benannt. Ich möchte dies, obwohl Wilhelms Übersetzung großartig ist, mit anmerken, weil es wichtig ist zu verstehen, dass dieses Tor nicht nur in die eine, sondern in beide Richtungen wirksam ist. Alles Wunderbare der Schöpfung tritt aus diesem Tor hervor. Doch es ist gerade auch dieses Tor, durch das ich in mystischer Versenkung zur Schau des Letztendlichen gelangen kann. Dieses Tor ist nicht nur der Ort, durch das alles `zu uns´ kommt - sondern es ist auch das Tor, durch das ich hindurch zu meiner letztendlichen Quelle und somit zur letztendlichen ursprünglichsten Form meines und unser aller "Nicht (&) Seins", gelangen kann. Dieses "Unfassbare" zu schauen, wäre höchste Erleuchtung, tiefste Erkenntnis und Gotteseinung zusammen - doch für den menschlichen Verstand und sein Gehirn nicht ausdrück- und daher auch nicht erklärbar. Sondern schlicht und einfach in höchster Weise: "Wundervoll"!