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World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany 世界陳小旺太極拳德會

GM Chen Xiaowang - Taijiquan als komplettes System

GM Chen Xiaowang (19. Generation der Gründerfamilie des Taijiquan) unterrichtet das Taijiquan als ein logisch aufgebautes, komplexes und in seiner Art vollständiges Kampf- und Gesundheitssystem. Es besteht im Wesentlichen aus den folgenden aufeinander aufbauenden Bereichen, die allerdings nur die Grundpfeiler des Systems darstellen:

  • Stehende Säule – Zhanzhuang
  • Seidenübungen – Cansigong
  • Formen – Taolu
  • Waffen – Wuqi
  • Schiebende Hände – Tuishou
  • Anwendungen - Fangshengshu

GM Chen Xiaowang schlüsselt das System des Taijiquan derart fein und genau auf, dass jede einzelne Bewegung und jede einzelne energetische Veränderung im Körper erkennbar und für den Schüler nachvollziehbar wird. Das System ist so aufeinander aufgebaut und abgestimmt, dass jeder Einzelne, entweder nur Aspekte oder aber das komplette Ganze für sich in Anspruch nehmen kann.

Das komplette, ganzheitliche System, so wie es von GM Chen Xiaowang in der heutigen Form gelehrt wird, hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte von der Verbindung aus Bewegungen der damals bekannten Boxsysteme mit der Lehre innerer Energieführung durch den Begründer des Taijiquan, Chen Wangting (9. Generation), über die „Zusammenfassung“ seiner 7 Formen in die erste und zweite Form des "Alten Rahmens", so wie wir sie heute noch kennen, durch Chen Changxing (14. Generation), die „Erneuerung“ mit dem „neuen“ Rahmen (Xinjia Yilu und Xinjia Erlu) durch Chen Fake (17. Generation) bis zu Chen Xiaowang (19. Generation) mit der „Vereinfachung“ durch die 19er und 38er Form sowie der „Vervollständigung“ des Systems im Zusammenhang mit der „Stehenden Säule“ und den Seidenübungen, weiterentwickelt.

Zum Erlernen der Basisübungen und der darauf folgenden und aufbauenden Formen ist es notwendig, sich zuerst alle Bewegungen seines Lehrers abzugucken, um die korrekte Ausrichtung (auf welchem Bein ist das Gewicht, in welche Richtung zeigt welche Hand, wohin schauen die Augen, wann wird das Gewicht verlagert, usw.) der einzelnen Körperteile zu lernen. Durch diesen Lernprozess wird eine äußere Wahrnehmung des eigenen Körpers gefördert. Wenn dann der Ablauf der einzelnen Bewegungen behalten und ausgeübt werden kann, ist ein gewisses Maß an äußerlich motorischer Körperbeherrschung erlangt. Bei regelmäßigem Training werden die Bewegungen mit der Zeit weich und entspannt.

In der nächsten Stufe werden dann alle Bewegungen auf unser Zentrum abgestimmt. Der Körper wird so ausgerichtet, dass sein Schwerpunkt mit seinem energetischen Zentrum auf ein und dieselbe Stelle koordiniert ist, nämlich im Unterbauch (Dantian). Körpermitte (physischer Schwerpunkt) und Dantian werden eins. Jeder Bereich des Körpers wird seiner Entsprechung zugeordnet (z. Bsp. Oberarm zum Oberschenkel) und dann sowohl innerlich als auch äußerlich auf das Zentrum, das Dantian, ausgerichtet. Dieser Zustand soll dann über alle Bewegungen beibehalten werden. In jeder Figur soll der Zustand der „Stehenden Säule“ hergestellt werden und durch die ganz Form getragen werden, ohne dass dieser Zustand durch die Bewegung selbst zerstört wird. Es handelt sich dabei um eine ständige Verbesserung und Weiterentwicklung. Sobald der erste Bereich erreicht wurde, öffnet sich immer wieder ein neuer Bereich, der wiederum völlig unkoordiniert in sich ist, aber viel tiefer und feiner als der erste. Je mehr sich der erste Bereich entwickelt, desto mehr entwickelt sich auch der nächste. Die Bereiche sind nicht voneinander zu trennen, sondern gehen ineinander über. Im Zustand der „Stehenden Säule“ können so der äußere und der innere Körper zusammenfließen. Innere Energie (Qi) wird frei und das Dantian wird Zentrum der Bewegung. Der Energiefluss entsteht dadurch, dass der Zustand der stehenden Säule innerhalb der Bewegung nicht mehr verloren geht. Die äußere Bewegung wird durch die entsprechende Aufmerksamkeit initiiert, wodurch sich der Wechsel vollzieht, dass nun die innere Bewegung die Führung übernimmt. Das heißt, dass Bewegung dadurch entsteht, dass sich der äußere Körper nicht mehr direkt bewegt, sondern dass der Körper entsprechend der „inneren Führung“ folgt. Hierzu ist es notwendig, Verspannungen und Blockaden zwischen innerem und äußerem Körper zu vermeiden, mit dem Ziel sie vollständig aufzulösen. Durch Fehler in den einzelnen Bereichen wird der Erfolg natürlich stark beeinträchtigt. Fortschritte allerdings führen dann zu einem Zustand von Leichtigkeit, was jedoch nicht mit einer „leeren“ Bewegung zu verwechseln ist. Der Zustand von Leichtigkeit ist sehr schwer zu erreichen und wird daher allzu oft missverstanden. Ist es aber über diese Prozesse tatsächlich zu einer inneren Bewegung gekommen, so gilt es, diese immer weiter zu verfeinern und zu vertiefen. Wenn es hierüber hinaus zu einer wirklichen ganzheitlichen Koordination von Körper und Geist kommt, wird Einheit erreicht, die es dann gilt, immer weiter zu kultivieren.

Nachfolgend werden die einzelnen Bereiche sowohl „äußerlich“ als auch „innerlich“ dargestellt. Eine Trennung der Bereiche aus dem „fließenden“ Text heraus, erachte ich für nicht sinnvoll, da beides unmittelbar zusammenhängt und einander bedingt, so dass eine Trennung beider Bereiche zu Missverständnissen führen könnte. Dementsprechend habe ich auf eine Trennung der „äußerlichen“ und „innerlichen“ Bereiche verzichtet.

 

Stehende Säule – Zhanzhuang


Die Stehende Säule dient dem Zweck unseren eigentlichen natürlichen Zustand wieder herzustellen. Wir lernen mental, physisch und energetisch einsgerichtet zu sein. Die Stehende Säule charakterisiert sich durch den Wuji-Zustand. Um in einer gewissen Weise den Zustand des Wuji erfahren und praktizieren zu können, müssen wir lernen, unseren Körper zu entfalten und in die richtige Struktur zu bringen, damit die Energien des Körpers sich verbinden und eine Einheit in Körper und Geist herstellen können. Nur so können wir unser Zentrum (Dantian) finden und entwickeln, welches die Voraussetzung für alles Weitere ist.

Um Körper und Geist zur Ruhe zu bringen, stehen wir aufrecht mit den Füssen nah beieinander. Scheitelpunkt, Ohren, Schultern, Hüften und Knöchel liegen dabei auf einer Linie. Wir entspannen unseren Körper von oben nach unten und halten ihn auf natürliche Weise locker. Die Zunge liegt am Gaumen. Das Gehör ist nach hinten gerichtet, was unsere Aufmerksamkeit vom Vorderhirn abzieht und unseren Geist beruhigt. Die Energie folgt unserer Aufmerksamkeit und kann so die Wirbelsäule herabfließen. Wir werden im Geist leer und entspannt. Aufkommende Gedanken lassen wir wie Wolken am Himmel vorüberziehen und haften diesen nicht nach. Auch im Inneren des Körpers erspüren wir eine Linie, einen „Faden“, an dem wir den Köper lockerlassen, der unseren Körper zusammenhält.

Ist der eben beschriebenen Zustand erreicht, senken wir den Körper leicht und gehen dabei etwas in die Knie, um weiter zu entspannen und unsere Energiekanäle zu öffnen. Ein wohlig angenehmes Gefühl stellt sich ein. Sind wir ruhig, entspannt und ist der Körper leicht gesunken, heben wir die linke Verse und verlagern das Gewicht auf das rechte Bein ohne das Gleichgewicht zu verlieren. So kann sicher ein schulterbreiter Schritt zur Seite ausgeführt werden. Nachdem zuerst die Zehenspitze, dann der gesamten Fuß parallel zum rechten abgesetzt wurde, kann das Gewicht auf beide Beine gleichmäßig verteilt werden. Wir stehen jetzt, ruhig und gelöst in der Vorbereitungsstellung. Die Voraussetzungen für die eigentliche Körperkorrektur sind nun erfüllt.

Wir entspannen den Körper von oben nach unten. Vom höchsten Punkt des Körpers, dem Scheitelpunkt (Baihui) entspannen wir den Körper ganz nach unten, so dass sich der Schwerpunkt ebenfalls nach unten verlagern kann. Nun konzentrieren wir uns darauf die Wirbelsäule zu entspannen, Wirbel für Wirbel. Durch das locker lassen bzw. lösen jedes einzelnen Wirbels erhält die Wirbelsäule ihre natürliche Form zurück und wird so für die Energie durchlässig. Damit die Energie nach unten sinken kann, entspannen wir unseren Brustbereich. Zusammen mit dem Entspannen der Wirbelsäule erhält der Oberkörper seine natürlich aufrechte Form (kong xiong ba bei) zurück. Als nächstes lockern wir unsere Schultern, um diese immer weiter lösen und loslassen zu können. Nach einiger Zeit des Trainings, sinken Gewicht und Energie spürbar nach unten. Wir lösen nun unseren Hüftbereich sowie den unteren Rücken um den Mingmen-Punkt, Taille, Becken und Unterleib, damit auch dieser Bereich offen und durchlässig wird, so dass die Energie in Beine und Füße fließen kann und Ober – und Unterkörper miteinander verbunden werden. Durch das Öffnen der Hüfte wird zudem auch die Blut- und die Energiezirkulation erheblich verbessert und sämtliche Organe des Körpers gestärkt. Sind Schulter- und Hüfbereich geöffnet, können beide miteinander in Verbindung gebracht werden. Das setzt voraus, dass der Oberkörper natürlich aufrecht, Brustkorb und Wirbelsäule entspannt und durchlässig sowie Schulter- und Hüftbereich geöffnet sind. Wir versuchen, die Energie dieser Bereiche miteinander zu verbinden und in Einklang zu bringen. Der Oberkörper wird hierdurch vereint und geschlossen, so dass sich ein Gefühl von Kompaktheit einstellt. Ist jedoch beispielsweise die Hüfte blockiert und somit die Verbindung zwischen Oberkörper und Beinen schwach, dann ist der Körper in sich nicht geschlossen und stellt keine Einheit mehr dar. So wie im Schulterbereich entspannen wir nun auch im Bereich der Ellenbogen. Die Gelenke werden durchlässig und wir lernen, diese Durchlässigkeit aufrechtzuerhalten. Dies hat beispielsweise den Effekt, dass Prellungen schneller heilen können und an uns ausgeführte Hebeltechniken ihre Wirkung verlieren. Den gleichen Zustand versuchen wir ebenfalls in den Knien herzustellen. Entspannung heißt lockerzulassen, aber stehen zu bleiben. Der Körper fängt mehr und mehr an, sich durch seine Struktur zu halten, so dass sich die Muskulatur immer besser entspannen kann. Wir öffnen uns, werden durchlässig und stellen die Verbindung zwischen Ellenbogen und Knien her, sodass die Energie beider Punkte sich verbinden und frei fliessen kann. Wir entspannen Hände und Füße, wobei hier der gesamte Bereich vom Handgelenk bis zu den Fingerspitzen, beziehungsweise vom Knöchel bis zu den Zehen gemeint ist. Zuerst wird der Hand-, dann der Fußbereich entspannt. Die Mittelpunkte der Handflächen (Laogong) beziehungsweise die Fußsohlen (Yongquan) können unabhängig voneinander geöffnet werden. Dies ist in der Regel jedoch nicht nötig, da es während des Ablaufs automatisch passiert. Ist so eine Verbindung zwischen Händen und Füßen hergestellt, breitet sich ein Gefühl von äußerster Kompaktheit im Körper aus. Die Voraussetzung dafür ist selbstverständlich weiterhin, dass die Wirbelsäule natürlich aufrecht und durchlässig ist und der Brustbereich leer bleibt.

Das Zusammenschließen von Schulter und Hüfte, Ellenbogen und Knie sowie Hand und Fuß, wird auch „wai san he“ genannt, „die äußeren drei Zusammenschlüsse“. Der Körper wird durch die Verbindung dieser Bereiche in sich geschlossen. Er erhält dadurch seine Stabilität. Und wenn die Verbindung dieser „Seidenfäden“ nicht reißt, kann die Struktur nicht gebrochen werden; wir behalten unser Zentrum auch bei großer Krafteinwirkung von außen bei. Ziel des Trainings ist es, diese „Fäden“ herzustellen und immer stärker werden zu lassen, bis sie unzertrennbar geworden sind. Das „wai san he“ bezieht sich aber nicht nur auf diese drei wesentlichen Punkte. Jeder Punkt im Körper weist eine Entsprechung an einer anderen Stelle auf. Mit dieser hat er sich zu verbinden, um Stabilität herzustellen. Gelingt es, all diese unendlich vielen Punkte im Körper und ihre Entsprechungen miteinander zu verbinden, lässt sich leicht vorstellen, wie unüberwindlich stabil dieser Körper dadurch wird. Sind schließlich und endlich alle Punkte mit ihrer Entsprechung verbunden, ist alles unter der Kontrolle von Dantian. Der Körper ist in sich geschlossen und tritt in seiner Bewegung als Ganzes in Erscheinung. Wird man nun aus seiner Mitte gebracht, kann Dantian nicht mehr der Körperschwerpunkt sein. Jetzt muss der gesamte Körper auf diesen, neuen, wenn auch schlechteren Zustand hin ausgerichtet werden. Alle Punkte und ihre Entsprechungen müssen nun auf diesen Zustand neu definiert werden. So wie es der neuen Situation entspricht. Das energetische Zentrum ist immer noch Dantian, neu aber ist die Gesamtkonstellation. So kann eine vermeintliche Schwäche in ihre größte Stärke geführt werden. Hierfür sind jedoch ein tiefes Verständnis und ein genaues „Sehen“ des Zustandes und seiner Möglichkeiten erforderlich. Die Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts ist das grundlegende Ziel. Für eine ausführliche Beschreibung des „wai san he“ wird an dieser Stelle auf die Ausführungen von Ralf zum Felde im Chen Taijiquan Magazin 2011 verwiesen.

Sind alle fünf Korrekturpunkte erfüllt, kann sich das Dantian entspannen und mit Energie füllen. Der gesamte Körper ist gelöst, entspannt und natürlich aufrecht. Alle Energiekanäle sind geöffnet, Energie sammelt sich in Dantian und breitet sich gleichmäßig im gesamten Körper aus. Der Geist ist ruhig und entspannt, die Einheit zwischen Körper und Geist ist nun hergestellt. Unsere Aufmerksamkeit konzentriert sich im Energiezentrum und breitet sich gleichsam mit der Energie im ganzen Körper aus. Wir erreichen unseren Wuji-Zustand, um nun mit der eigentlichen Übung der Stehenden Säule zu beginnen.

Aus dieser Vorbereitungsstellung heraus heben wir langsam die Arme, korrigieren dabei immer wieder unseren Körper, lassen locker und behalten unseren Wuji-Zustand bei. Die Hände sollten nicht über Schulterhöhe gehalten werden. Die exakte Körper- und Armhaltung entwickelt sich über die Jahre des Trainings und bildet die Basis für jeden weiteren erreichbaren Level. Jede Haltungsverbesserung ist individuell unterschiedlich und vom Übungslevel abhängig. Korrekturen erfolgen niemals nach einem festgesetzten Bild, sondern sind individuell sehr unterschiedlich, so wie jeder Mensch individuell und unterschiedlich ist. Korrekturen müssen immer von einem/r verständigen Lehrer/in ausgeführt werden, um die Energien im Körper in Verbindung zu bringen und dies immer mehr zu verfeinern. Je mehr der Körper in Verbindung gebracht und je feiner er justiert werden kann, umso mehr Energie kann freigesetzt und für die Gesundheit, die Selbstverteidigung und vieles andere mehr eingesetzt werden. Es reicht niemals aus, nur die Position nachzuahmen und über die Jahre darauf zu hoffen, dass irgendetwas passiert. Zu komplex sind die Korrekturen, die hierfür notwendig sind. In dieser Position des Wuji-Zustandes bleiben wir stehen, anfangs ein paar Minuten, später dann dreißig, vierzig Minuten und länger. Alles Unangenehme weicht nach einer gewissen Zeit einem Gefühl von Ruhe, Wärme, Geborgenheit und einer Einheit und Kompaktheit von Körper und Geist. Je besser wir unseren Körper korrigieren können, je besser wir in Körper und Geist loslassen können, umso mehr nähern wir uns dem eben beschriebenen Zustand von Einheit und Kompaktheit. Wichtiger als die Länge der Übung ist das korrekte Stehen. So werden wir mit der Zeit von einem „äußeren“ Wuji-Zustand in immer tiefere Bereiche bis hin zu einem wahrhaftigen Wuji-Zustand gelangen.

Zum Abschluss der Übung senken wir die Arme dann wieder und achten darauf, auch hier wieder sehr langsam dabei vorzugehen, um jede Veränderung im Körper wahrzunehmen und immer wieder nach zu korrigieren. Wir stehen wieder in der Vorbereitungsstellung. Wir sammeln uns im Dantian und legen nacheinander die Handflächenmittelpunkte (Laogong) auf das Dantian. Um Yin und Yang in Balance zu halten, legen Frauen zuerst die rechte Hand, Männer die linke Hand auf Dantian, dann die andere darüber. Die beiden Laogong-Punkte und das Dantian verschmelzen zu einem Punkt. Aufmerksamkeit und Energie sammeln sich hier. Nach einer Weile fangen wir an, innerhalb von Gewichtsverlagerungen die Handflächenpunkte in kleinen Kreisen in Verbindung um das Dantian zu führen, so dass dessen Energie dieser Bewegung folgt. Mit der Zeit und zunehmender Übungsdauer entwickelt sich eine Dantian Bewegung, bis schließlich das Dantian die Bewegung übernimmt. Zum Abschluss sammeln wir uns wieder im Dantian. Nachdem wir die Hände abschliessend an den Seiten sinken gelassen haben,  öffnen wir langsam unsere Augen, halten den Blick zunächst noch unscharf nach innen gerichtet und gewöhnen uns langsam an das Außen und schärfen langsam unseren Blick wieder. Zum Schluss strecken wir die Beine leicht und stellen das linke Bein wieder heran, so dass beide Füße wieder nah beieinander stehen. Damit ist die Übung der „Stehenden Säule“ beendet.

Seidenübungen – Cansigong


Cansigong, wörtlich „Übungen der Seidenraupe“ bildet die Essenz des Taijiquan. Alle Bewegungen, Übungen, Anwendungen und Techniken finden hier ihren Sinn. Das von GM Chen Xiaowang zusammengestellte Cansigong (englisch „reeling silk“) ist Übung für Übung aufeinander aufgebaut und dient anfänglich als Basisübung. Später aber ist zu erkennen, dass hier der Schlüssel für alles Weitere zu finden ist. In der stehenden Säule lernen wir uns zu zentrieren, die Energien zu wecken, sie im Körper anzusammeln und in der Einheit aufgehen zu lassen. Dieser Zustand ist die Voraussetzung für die Seidenübungen. Ohne diese Zentriertheit und den energetischen Gesamtzusammenhang im Körper zu verlieren, fangen wir an, uns zu bewegen. Die Energie wird dabei auf eine ganz bestimmte Weise durch den Körper geführt. Die Bewegung soll so ganzheitlich und akkurat sein, dass zum einen unsere Grundvoraussetzung, der Urzustand, nicht zerstört wird und zum anderen der dieser Bewegung innewohnende Energiefluss hergestellt werden kann. Alle Glieder des Körpers müssen in Einklang miteinander gebracht werden. Auch der Geist darf nicht nachlässig sein. Eine kleine Bewegung zu viel, ein bisschen Aufmerksamkeit zu wenig, und der Energiefluss ist gestört, er ist unterbrochen.  Es ist vergleichbar mit dem Abwickeln eines Seidenfadens von einem Kokon. Ziehe ich etwas zu stark, reißt der Faden. Ziehe ich zu schwach, verklebt er. Aufmerksamkeit und Bewegung sind sanft, trotzdem aber bestimmt und koordiniert miteinander auszuführen und zu verbinden, so dass die Energie seinen Weg finden kann ohne zu blockieren. Können wir das umsetzen, ist der Körper frei von Blockaden und die Bewegungen sind sanft, aber voller Struktur, weil die Energie frei fließen kann. Alle Bewegungen sind so angelegt, dass die Energie auf ganz bestimmt Weise durch unseren Körper strömt. Es ist nicht nur notwendig, unsere Energien zu wecken und anzureichern, sondern auch sie zu kontrollieren. Sei es für unsere Gesundheit, zur Selbstverteidigung oder zu welchem Zweck auch immer. Erst wenn wir unsere Energie kontrollieren können, können wir sie auch gezielt einsetzen und einen Nutzen daraus erzielen.

Die Übungen sind einfach aufgebaut. Nach der Stehenden Säule fangen wir an, im Stand einhändige Bewegungen auszuführen. Können wir diese meistern und somit  das Cansigong-Prinzip umsetzen, folgt dasselbe mit Schritten, dann zweihändig und mit Schritten. Weitere Übungssätze folgen dann noch, die der Stärkung und Intensivierung der zu „bewegenden“ Energie dienen.

Wie auch schon in der „Stehenden Säule“ stehen wir aufrecht, die Füße nah beieinander. Scheitelpunkt, Ohren, Schultern, Hüften und Knöchel liegen wieder auf einer vertikalen Linie. Der Körper ist entspannt und gelöst. Der Geist ist ruhig, das Gehör ist nach hinten gerichtet. Wir legen die Öffnung zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand an die Hüfte. Damit sich der Körper noch weiter entspannen und öffnen kann, senken wir den Körper etwas, so dass sich die Dantian-Energie verstärkt. Nun können wir die rechte Ferse heben und das Gewicht auf das linke Bein verlagern ohne dabei ins Schwanken zu geraten. Gleichzeitig mit dem Heben der rechten Ferse, heben wir den rechten Unterarm bis in etwa der Höhe von Dantian, wobei die Handfläche nach oben zeigt. Nun machen wir einen Schritt mit rechts, etwas mehr als Schulterbreite, setzen mit der Ferse zuerst auf und rollen dann den ganzen Fuß ab. Die rechte Hand führen wir in einem Kreis mit einer Gewichtsverlagerung über links oben nach rechts, wobei die Handfläche nach außen gedreht wird. Das Gewicht ist jetzt mehr auf dem rechten Bein, die Handfläche mit dem Ellenbogen zusammen auf Schulterhöhe. Der Arm ist in einem Winkel von etwa 135 Grad bogenförmig rund. Ist der Körper im Zentrum entspannt, beginnen wir, den Arm im Halbkreis nach unten zu führen, wobei die Handfläche nach vorne gedreht wird. Hierbei findet keine Gewichtsverlagerung statt. Der Wechsel findet innerlich statt, wir sinken noch mehr in das rechte Bein hinein. Die Energie fließt von den Fingerspitzen über die Schulter zurück zur Hüfte. Es handelt sich, wie bei jeder einzelnen und kleinsten Bewegung um eine Ganzkörperbewegung, das heißt, alle noch so kleinen Teile des Körpers sind miteinander verbunden und alles wird als eine Einheit bewegt. Die Bewegung wird aus dem Dantian geführt und hat auch hier ihren Ursprung. Generell kann man sagen, dass bei allen Arten von Bewegungen im Taijiquan Dantian der Initiator ist. Dabei spielt die Art der Bewegung keine Rolle, egal ob es hebende oder senkende, öffnende oder schließende Bewegungen sind. Immer beginnt die Bewegung im Dantian und wird fortwährend von hier gesteuert. Auch senkende Bewegungen, die am Scheitelpunkt beginnen, haben ihren Ursprung dort. Ist die Energie an der dem Arm entsprechenden Hüftseite angekommen und die Bewegung damit vollständig, beginnen wir unser Gewicht gleichmäßig auf das andere Bein zu verlagern. Arm und Hand folgen und der Hüftbereich ist entspannt, so dass die Energie von der Hüftseite zum Dantian fließen kann. Die Handfläche dreht dabei wieder und ist auf der Höhe von Dantian nach oben hin geöffnet. Die Bewegungen die die Energie zum Zentrum zurück fließen lassen, gelten als Yin-Bewegungen. Die erste Bewegung lässt Yin entstehen, die zweite vervollständigt es. Die Energie fließt von den Extremitäten zurück zum Dantian. Nun drehen wir unsere Hüfte leicht nach außen, wobei Arm und Hand dieser Bewegung folgen. Der Arm und die Handfläche heben sich zum Körper hin, wobei die Handfläche nach unten dreht. Die Energie kann so vom Dantian über den Mingmen-Bereich die Wirbelsäule emporsteigen. Dies bezeichnen wir als aufsteigendes Yang. Zum Schluss verlagern wir unser Gewicht wieder auf das andere Bein und die Hüfte dreht sich gerade nach vorne. Dabei drehen sich Arm und Hand spiralig nach außen, wobei die Handfläche wieder nach außen zeigt. Wir stehen wieder in der Ausgangsstellung. Hand und Ellenbogen sind mindestens auf Schulterhöhe, so dass die Energie über Schulter und Ellenbogen in Hand und Fingerspitzen fließen kann. Das Yang vervollständigt sich, die Energie ist vom Zentrum in die Extremitäten geflossen, von innen nach außen also. Bei einer Yin-Bewegung fließt Energie zum Zentrum zurück, bei einer Yang-Bewegung vom Zentrum nach außen. Beide Bewegungen mit entsprechend zunehmender Tendenz, bis sie ihre Vollständigkeit erreicht haben. Dann folgt der Wechsel indem das eine in dem anderen aufgeht. Erreicht das Eine sein Absolutes, entsteht das Andere, wächst und erreicht seinerseits sein Absolutes, um wieder im Anderen aufzugehen. Der Energiefluss muss nicht nur hergestellt werden, sondern auch der Moment des Wechsels wahrgenommen und ihm gefolgt werden. Die Bewegung muss so erfolgen, dass der „Seidenfaden“ nicht reißt, aber auch nicht verklebt. Den richtigen Augenblick abpassen, so dass der Wechsel zugelassen und nicht behindert wird. Findet innen kein Wechsel statt, entwickeln sich Yin und Yang weiter bis zum Optimum, dabei findet außen ein Wechsel statt und das Gewicht wird verlagert. Findet innen ein Wechsel von Yin zu Yang oder umgekehrt statt, bleibt das Außen gleich und kein Gewicht wird verlagert. So entsteht im Innern des Körpers ein unaufhörlicher Fluss. Es entsteht ein Energiekreisverlauf vom Dantian die Wirbelsäule hoch über Schulter, Ellenbogen und Fingerspitzen (Yang) und von hier zurück zur Hüfte und wieder zurück zum Dantian (Yin). Wird dieses Prinzip richtig verstanden, ist es nicht nur möglich, gutes Taijiquan auszuüben, sondern auch einen tiefen Einblick in die Natur der Dinge zu bekommen. Wie sie entstehen, wie sie sind, wie sie sich entwickeln und wie sie auch wieder vergehen.

Die erste Seidenübung (frontale Seidenübung) wird mit rechts und dann mit links ausgeführt, oder umgekehrt. Der Arm wird dabei immer spiralförmig bewegt, er beschreibt nicht nur äußerlich einen Kreis, sondern dreht sich entsprechend der Bewegung zusätzlich in sich selbst. Dadurch fließt die Energie spiralförmig durch den Körper. Alles bewegt sich in Spiralen: Dantian, Hüften, Beine und Füße sowie Oberkörper, Arme und Hände. Sogar der Kopf folgt diesem Prinzip. Diese Kraft wird Cansijin genannt, „die Kraft der Seidenraupe“. Der ganze Körper wird vernetzt durch ein Geflecht spiralförmiger Energie. In den Seidenübungen zuerst einhändig, dann zweihändig, in der Form allumfassend. Der ganze Körper wird hierdurch energetisch geschlossen. Er verdichtet sich immer mehr durch unsere Energie und wird ein kompaktes Ganzes. Der Körper wird durch diesen inneren Aufbau gestärkt und gekräftigt. Alles wird von Energie durchflutet. Hunderte von Kreisbahnen schließen den Körper zusammen. Sie machen ihn stabil und halten ihn gesund.

Ist die einhändige Übung verstanden, wird sie nun zusätzlich mit Schrittarbeit ausgeführt. Mit dem zweiten Gewichtswechsel, beim Passieren der Energie durch den Ellenbogenbereich, wird der eine Fuß neben den anderen gestellt, beim ersten Gewichtswechsel folgt dann entsprechend der Schritt nach außen. Die Schritte haben immer die Richtung der Hand, die ich benutze. Bei der Übung mit dem rechten Arm, gehen die Schritte nach rechts. Niemals aber darf der „Seidenfaden“ reißen, niemals darf unser Zentrum verloren gehen. Ist die Bewegung fast vollendet und die Energie fließt bis in die Fingerspitzen, kann der hintere Fuß herangesetzt werden, der Restkörper bleibt konstant, korrigiert sich auf den Schritt, so dass der Energiefluss zu den Fingerspitzen noch verstärkt wird. Ist die Bewegung der Hand abgeschlossen, ist auch die Bewegung des Körpers abgeschlossen, ebenso ist der Schritt fertig. Ist das Dantian mit einer Bewegung am Ende, sind Körper und Hand gefolgt. Beim ersten Gewichtswechsel fließt die Energie bis zum Danian, wir setzen zum Ende hin den vorderen Fuß heraus und die Dantian Energie verstärkt sich.

Die folgenden Übungen gelten als erster Satz der Seidenübungen und bestehen aus zehn Übungen:

  1. die frontale Seidenübung rechts – zheng mian can si (you)
  2. die frontale Seidenübung links – zhen mian can si (zou)
  3. seitlicher Schritt rechts – heng kai bu (you)
  4. seitlicher Schritt links – heng kai bu (zou)
  5. zweihändige Seidenübung rechts – shuang shou can si (you)
  6. zweihändige Seidenübung links – shuang shou can si (zou)
  7. Vorwärtsschritt rechts – qian jin bu (you)
  8. Vorwärtsschritt links – qian jin bu (zou)
  9. Rückwärtsschritt rechts – hou tui bu (you)
  10. Rückwärtsschritt links – hou tui (zou)

Ein weiterer Satz von neun Übungen gilt als zweiter Satz der Seidenübungen. Zu diesem Satz der Seidenübungen gehören:

  1. Seidenübung der bohrenden Hand rechts – chuan zhang can si (you)
  2. Seidenübung der bohrenden Hand links – chuan zhang can si (zou)
  3. seitliche Seidenübung rechts – ce mian can si (you)
  4. seitliche Seidenübung links – ce mian can si (zou)
  5. einhändige kleine Seidenübung rechts – dan shou xiao can si (you)
  6. einhändige kleine Seidenübung links – dan shou xiao can si (zou)
  7. zweihändige kleine Seidenübung – shuang shou xiao can si
  8. Seidenübung mit dem Bein rechts – tui bu can si (you)
  9. Seidenübung mit dem Bein links – tui bu can si (zou)

Die letzten sechs Übungen des ersten Satzes folgen demselben Prinzip wie die einhändigen Übungen, sind allerdings insofern komplexer, als dass zwei Energiekreisläufe gleichzeitig beschrieben werden. Jede Hand folgt analog zur einhändigen Übung einem Kreislauf von Dantian über Mingmen, Wirbelsäule über Schulter, Ellenbogen, Hand und Fingerspitze. In der zweihändigen Übung sind die zwei Kreisläufe zwar analog zueinander, aber nicht gleich. Beschreibt die eine Seite gerade eine Yin-Phase, herrscht in der anderen die entsprechende Yang-Phase vor und umgekehrt. In den einzelnen Handphasen wechseln sich Yin und Yang ab. Beide Seiten zusammen ergeben das komplette Bild. Auf der einen Seite Yin, auf der anderen Seite Yang, in ihren jeweiligen Entwicklungsphasen und im ständigen Wandel mit- und ineinander. Wir sind eingetaucht in ein vollständig einhüllendes Yin-Yang, sprich Taiji-Symbol. Selbst die Beine folgen, ebenfalls spiralförmig, in allen Seidenübungen diesem Prinzip. Hierzu müssen der Körper und die Hüfte geöffnet sein. Die Hüfte stellt die Verbindung vom Oberkörper zu den Beinen dar. Ist sie verschlossen, können sich die Energien von oben und unten nicht verbinden und es kann kein Fluss und keine Ganzheit entstehen. Auch ist die Muskulatur um die Hüftgegend bei geschlossenen Hüften nicht locker genug, damit das Dantian sich entspannen und öffnen kann. Wenn sich das Dantian nicht öffnen kann, kann es kein Sammelpunkt der Energie sein. Die Energie steigt daher hoch zum Brustkorb und der Oberkörper ist blockiert. So kann keine Dantian-Bewegung stattfinden, die Bewegungen kommen nicht vom Zentrum und die wesentliche Energie (zhenqi) kann nicht entwickelt werden. Daher ist eine gelöste, geöffnete und entspannte Hüfte von größter Wichtigkeit. All diesen Phänomenen geistig zu folgen oder sie gar vom Verstand aus initiieren zu wollen, ist kaum möglich. GM Chen Xiaowang sagt: „Halb denken, halb nicht denken, halb denken, halb fühlen.“ Unser Bewusstsein geht auf im großen Ganzen. Wir achten darauf unsere Bewegungen akkurat und richtig auszuführen. Der Geist führt, kontrolliert und behält die Übersicht. Aber er geht in der Ganzheitlichkeit der Bewegung auf.

Der Energieverlauf in den Beinen gestaltet sich genauso wie in den Armen. Die Energie fließt entsprechend der Bewegung vom Dantian über die Hüfte in die Fußspitze und von dort wieder zurück zum Dantian. Zwar kann diese Einzelübung separat trainiert werden, doch sollte klar sein, dass der ganze Körper vollständig beteiligt ist, wenn Energie fließt. Es kann also nicht oben perfekt und unten blockiert sein. Auch stehen die jeweils beschriebenen Kreisläufe nur als Maßstab für alle möglichen Kreisläufe und Energieverläufe im gesamten Körper. Stimmt einer, stimmen alle. Ist auch nur einer blockiert, sind alle anderen in Mitleidenschaft gezogen.

Die ersten vier Übungen des zweiten Satzes sind Variationen der bereits im ersten Teil beschriebenen seitlichen Kreisläufe. Die weiteren fünf Seidenübungen des zweiten Satzes dagegen legen den Schwerpunkt auf die vorderen und hinteren Energiekreisläufe und auf die Beinspirale. Die vorderen und hinteren Kreisläufe verlaufen entsprechend dem Dumai- und dem Renmai-Meridian über Rücken, Kopf, Brust, Bauch und Unterleib beziehungsweise umgekehrt, wobei immer der gesamte Körper mit einbezogen ist. Das Prinzip dieser Übungen aber ist gleich dem des ersten Satzes. Je intensiver gelernt wird, die Energie in den seitlichen, vorderen und hinteren Kreisläufen zusammenzuschließen und je intensiver gelernt wird, seitliche, vordere und hintere Kreisläufe miteinander zu verbinden, umso deutlicher verdichtet sich das Energienetz im Körper und desto besser verbinden sich die Energien des gesamten Körpers und kommen in Einklang zueinander. Durch die ewigen Spiralkreisläufe wird ein immer enger verwobenes Netz von Energie gesponnen. Der Körper wird dadurch immer kompakter, kräftiger und widerstandsfähiger. In diesem Idealzustand ist er gesund und wird mit sehr viel Energie versorgt. Wir sind körperlich und geistig vital und ausgeglichen.

Das Prinzip der Seidenübungen lässt sich zusammenfassend in drei Bereiche unterteilen:

  1. die seitlichen energetischen Kreisläufe (Zusammenhänge)
  2. die vordere und hinteren energetischen Kreisläufe (Zusammenhänge)
  3. die Kombination aller Kreisläufe zu einer den gesamten Raum bestimmenden Bewegung.

Formen – Taolu


Die Handformen bilden das Juwel des Taijiquan. Hier werden alle beschriebenen Prinzipien in weit komplexeren Bewegungsabläufen umgesetzt. Die Bewegungen an sich sind relativ einfach zu lernen. Man braucht sie sich nur ein paar Mal anzuschauen und schon kann sie dann in etwa nachahmen. Ihnen aber die Essenz des Taijiquan einzuverleiben braucht sehr viel Übung und Geduld. Dies tun wir, indem wir die innere Arbeit in den Vorübungen, der Stehenden Säule und in den Seidenübungen, versuchen zu entwickeln und zu kultivieren, um sie dann auf die Form zu übertragen. Die Bewegungen in der Form sind zu komplex, um diese von Anfang an nur in der Form zu üben. Das Taiji-Prinzip allein in der Stehenden Säule oder in den Seidenübungen umzusetzen ist bereits äußerst schwierig. Insofern sind die Formen eine große Herausforderung, Taiji in all seinen Arten von Bewegungen umzusetzen. Die Umsetzung des Taiji-Prinzips auf die Form erfolgt über die Seidenübungen. Hat man diese genau verstanden, können die Fertigkeiten auf die Form übertragen und hier in anspruchsvoller und schwierigerer Art vervollkommnet werden. Die Seidenübungen stellen demnach eine außerordentlich wichtige Übung dar.

Die wesentlichste Form des Chen-Stils ist die erste Form, die traditionelle Laojia Yilu. Aus ihr heraus haben sich alle anderen bekannten Taijiquan-Stile entwickelt. Die erste Form besteht hauptsächlich aus langsamen, harmonisch fließenden Bewegungen, die nur selten von so genannten Fajin-Bewegungen („Explosions“-Bewegungen) unterbrochen werden. Bei einer Fajin-Bewegung wird die gesamte Energie vom Dantian aus in einem bestimmten Teil des Körpers konzentriert, an dem sie dann explosionsartig austritt. Anders als im gewöhnlichen Fall fließt die Energie also nicht sanft und ununterbrochen auf ihren Kreisläufen durch den Körper, sondern wird zugunsten einer gewaltigen, explosiven Bewegung auf einen bestimmten Brennpunkt gerichtet. Der Brennpunkt ist auch hier als Bereich zu verstehen, da ein einzelner Punkt, betrachtet man ihn näher, wieder mehrere einzelne Punkte in sich hat. Betrachtet man dann wieder einen dieser Punkte, finden wir weitere. So geht das ganze Spiel immer weiter, bis in die Unendlichkeit. Die Art dieser explosionsartigen  Energiebewegung ist auch für unseren Körper sehr interessant, da sie in ihm ein gewaltiges Bewegungspotential aufbaut, um blitzschnell (re-)agieren zu können. Taijiquan hat sowohl langsame, sanfte als auch schnelle, explosive Bewegungen. Beinhaltet die erste Form, die Laojia Yilu, vornehmlich langsame Bewegungen, so widmet sich die zweite Form, die Laojia Erlu, besonders den explosiven Bewegungen.

Eine wesentliche Weiterentwicklung der ersten beiden Formen, sind die Formen der Xinjia, welche durch Chen Fake (17. Generation) entstanden sind. Diese Variante stellt entgegen einer Vereinfachung der Bewegungen eher eine Verkomplizierung dar, da durch Chen Fake weitere und schwieriger verständliche Spiralbewegungen hinzugefügt wurden. Auch wenn das Prinzip dasselbe ist, ist es dennoch schwieriger, diese komplexen Bewegungen zu meistern. Doch wie sagte GM Chen Xiaowang einst zu seinem Meisterschüler Jan Silberstorff: „Laojia ist wie mit einem Gewehr schießen, Xinjia ist dagegen wie ein Maschinengewehr.“ Die Form ist nur das Werkzeug. Erst wenn ich die Form selbst erlernt habe, kann ich anfangen, mich mit Taijiquan an sich zu beschäftigen. Das Erlernen der Form ist die Voraussetzung dafür und nicht das Ziel.

Über die Entstehung und Entwicklungen der erwähnten Laojia und Xinjia Formen sind innerhalb des Chen-Stils nach Chen Xiaowang weitere Kurzformen, die 38er- und 19er-Kurzform von ihm entwickelt worden. In der 38er-Form verband GM Chen Xiaowang Elemente des Alten (Laojia) und des Neuen (Xinjia) Rahmens der jeweils ersten Form miteinander, während er in die 19er-Form eine Mischung aus Laojia, Xinjia und Xiaojia (kleiner Rahmen, nach Chen Youben, 14. Generation) miteinander verband. Die 19er-Kurzform ist jedoch sehr einfach gehalten, so dass sie sehr gut zum Einstieg geeignet ist oder aber für Leute, die nur ein bisschen lernen wollen und das Taijiquan nicht als Weg gehen wollen. Die rein modernen Formen, wie Wettkampfformen und staatliche Kurzformen (auf die hier nicht näher eingegangen werden soll) werden dem eigentlichen System nicht zugeordnet, da sie nicht mehr ernsthaft dessen Prinzipien folgen. Die wesentlichste Form ist und bleibt die Laojia Yilu, die erste Form des Alten Rahmens.

Der erste Schritt ist selbstverständlich das Erlernen der äußeren Bewegung. Dies ist das Einfachste und bedarf einer guten Aufnahme- und Nachahmungsfähigkeit sowie eines guten Gedächtnisses, um sich die äußeren Bewegungen merken zu können. Danach fängt das eigentliche Taijiquan-Training an, nämlich die Bewegungen mit Inhalt zu füllen. Alle Bewegungen der Form folgen demselben Prinzip wie die Seidenübungen. Dieses Prinzip lässt sich unter den, in der Rubrik Seidenübungen zusammengefassten, drei Bereichen betrachten.

Wenn wir jetzt die seitlichen, die vorder/rückläufigen und die Verbindung beider Kreisläufe nehmen, erhalten wir eine Art Kugel, welche den gesamten Raum abdeckt. Je nach Bewegung wird mal der eine Aspekt, mal der andere Aspekt mehr gefördert. Jede einzelne Bewegung hat dabei ihre eigene Kombination dieser Kreisläufe. Immer aber ist etwas von allem vorhanden, und immer ist vor allem der gesamte Körper mit Energie angefüllt. Es ist immer der ganze Körper, der sich bewegt, ganz egal welche Bewegung gerade mehr betont wird. Auch macht immer die Energie des ganzen Köpers die Bewegung aus. So sind immer alle Energiebahnen in diesen Prozess mit eingebunden, auch wenn es während der Form zu verschiedenen energetischen Zuständen kommt. In den zweihändigen Seidenübungen haben wir gelernt, dass eine Hand immer Yin und die anderen entsprechend immer Yang ist beziehungsweise dass sie diese Prozesse im Körper ausdrücken. Dies ist in der Form auch so, allerdings nicht ausschließlich in dieser Reihenfolge. Ausgehend vom vollständigen Yang, wächst der Yin-Anteil an, bis er überwiegt und vollständiges Yin entsteht, um dann gleich wieder ins Gegenteil überzugehen. So ergeben sich in der Form Zustände, wo eine Hand Yin, die andere Yang ist, aber auch Zustände, wo in beiden Händen derselbe Zustand herrscht (siehe unten). Hierzu müssen wir uns wieder bewusst werden, dass Taiji nicht nur weich und langsam, sondern auch hart und schnell ist. Auch das Nachgeben im Taijiquan ist nur eine Seite davon. Normalerweise gibt immer ein Teil des Körpers nach, während ein anderer Teil des Körpers vordrängt. Yin und Yang sind so in Harmonie und es macht daher auch keine Probleme das Gleichgewicht zu halten. Wird Taijiquan falsch ausgeübt, kann sich keine Substanz aufbauen und die Wehrhaftigkeit wird immer schlechter, da sie ohne Substanz immer kraftloser wird. Yin und Yang müssen immer zusammenspielen. Auch Weichheit hat Substanz, während Härte auch in seinem Kern elastisch sein muss.

Taijiquan ist die Ausbalancierung und Entwicklung von Yin und Yang. Es geht darum, der Situation entsprechend körperlich und geistig bestmöglich agieren zu können. Die Energien des Körpers müssen in sich so geschlossen wie möglich sein, damit die Kraft bestmöglich umgesetzt werden kann. Alle Elemente können miteinander vermischt werden, wenn es die Situation erfordert. Das Eine trägt sich auch immer durch das Andere. Trotz äußerlich vollständigem Yin hat man weiterhin seine Struktur (inneres Yang), ein frontaler Angriff (äußerlich vollständiges Yang) ist immer in sich elastisch (inneres Yin). So gibt es Yin- und Yang-Verbindungen nicht nur rechts und links, sondern auch oben und unten, sowie außen und innen. Und dies bis in die kleinsten Einheiten des Körpers.

Die innere Arbeit ist dabei in keiner Weise zu vernachlässigen. Der Gewichtswechsel geschieht dann, wenn Energie an der Hüfte angekommen, beziehungsweise durch die Wirbelsäule nach oben gelangt ist. Anders wäre ein Gewichtswechsel nicht möglich, sofern man bei diesem Vorhaben von jemandem aufgehalten werden sollte. Ist die Energie noch in den aufstrebenden und nicht in den sich vervollständigenden Phasen von Yin und Yang und das Gewicht wird verlagert, reißt der innere Seidenfaden und der Körper ist innerlich getrennt. Sollte sich jemand nun in den Weg stellen, so wird man keine Kraft mehr haben ihn wegzustoßen, da die Struktur verloren wurde. Die dagegen aufgewendete Kraft würde sich sogar gegen einen selbst richten. Diese Prozesse finden, je nach Level, in immer kleineren Bewegungen und beispielsweise bei GM Chen Xiaowang auch ohne äußere Bewegung statt. So wird man von der Notwendigkeit äußerer Bewegung unabhängig. Das Prinzip an sich bleibt jedoch stets dasselbe.

Das Entscheidende in der Selbstverteidigung ist nicht die Technik, sondern das Prinzip, mit dem die Technik angewendet wird. Wenn die inneren Prozesse verstanden wurden, kann nicht nur die Energie frei fließen, sondern sie kann auch gezielt eingesetzt werden. So lernt man Qi zu entwickeln, zu stärken und frei durch den Körper fließen zu lassen, sowie Qi zu kontrollieren und gezielt körperlich ein- und freizusetzen. Ebenso lernt man, wie man diese Energie „erdet“ und wann sie entsprechend genutzt werden kann, ohne dass dabei der Gesamtzusammenhalt verloren geht. Nur so entsteht wirklich ganzheitliches Üben. Im energetisch richtigen Moment auch das entsprechend Richtige zu tun, heißt sich der Natur der Dinge anzupassen. Ohne dieses Bewegungsverständnis können die Bewegungen zwar leicht und anmutig sein, wie auch eine gewisse Entspannung und Beruhigung des Geistes hervorrufen, aber sie können keine tiefer gehenden Effekte in der Gesundheit erwirken. Ohne dieses Wissen stellt sich auch kein Nutzen für die Selbstverteidigung ein. Und weil das Taiji-Prinzip nicht wirklich zur Geltung kommt, entsteht auch kein spirituelles Verständnis dieser Philosophie.

Um alle Ungenauigkeiten überhaupt mitzubekommen, muss man sich im Taijiquan sehr aufmerksam und daher langsam bewegen. Dies kann man nur, wenn alles im Körper und im Geist in Ruhe ist. Jede einzelne Figur in der Form beginnt und endet energetisch in Dantian. Aneinandergereiht geht die letzte Bewegung der einen Figur bereits in der ersten Bewegung der nächsten Figur auf. So geht der Zustand des einen nahtlos über in den Zustand des anderen. In den Bewegungsabläufen der Form kommen vordere und hintere als auch seitliche Kreisläufe, sowie immer auch eine Kombination dieser beiden Prozesse vor. Dadurch werden der Körper und seine Bewegungen rund und geschlossen.

Die Form wird daher in folgenden aufeinander aufbauenden Schritten gelernt:

  1. Erlernen der äußeren Bewegungsformen.
  2. Korrektur der äußeren Bewegungsformen.
  3. Herstellung des inneren Energieflusses durch die Bewegung, entsprechend dem Prinzip der Seidenübungen.
  4. Der Vorgang dreht sich um. Der innere Energiefluss lässt die äußere Bewegung entstehen. Das Dantian steuert die Bewegungen.
  5. Der Körper fließt als Ganzes zusammen.

Die wirklich entscheidenden Schritte sind der 4. und 5. Punkt. Ist das Ausführen der ersten Schritte schon mit viel Fleiß und Arbeit verbunden, so ist im 4. und 5. Schritt die Schwelle vom Schüler zum Meister zu suchen.

Für die Gesundheit gilt wie immer dasselbe Prinzip. In der Präventation liegen die besten Möglichkeiten, gerade für die Selbstheilung. Und hierzu gehört auch Taijiquan. Wenn es uns gut geht und wir schmerzfrei sind, macht uns das Üben von Taijiquan sehr viel Spaß und wir können unseren Zustand dementsprechend stabilisieren. Sind wir aber erkrankt und haben Schmerzen, sinkt die Bereitschaft zu trainieren rapide. Wir müssen uns überwinden, weil unsere geistige Kraft und unsere Motivation sehr geschwächt sind. Körper und Geist lassen kein wirkliches Üben zu. Schon wenn wir müde sind, werden wir nachlässig, was das Üben angeht, doch gerade wenn es uns schlecht geht und wir uns kaputt fühlen, hätten wir es besonders nötig. Diejenigen, die Taijiquan sehr gut gebrauchen könnten, haben keine Zeit dafür, während diejenigen, die viel Zeit und Muße haben zu praktizieren, an sich keinen Stressabbau nötig haben. Doch selbst wenn wir äußerlich eingeschränkt sind, heißt das nicht, dass wir im Inneren nicht frei sein können. Aus dieser Freiheit, dieser Beweglichkeit können wir dann wieder nach außen hin arbeiten. Zuerst von außen her innere Beweglichkeit entwickeln, dann von innen her das Außen korrigieren.

Das Dantian muss gut ausgebildet und frei beweglich sein, so dass sich aus der Dantian-Bewegung alles Weitere ergibt. In der „Stehenden Säule“ lernen wir, unser Dantian auszubilden. Mit der Zeit lernen wir in den Seidenübungen und in der Form, Bewegungen im Dantian zu kreieren und sich im ganzen Körper fortsetzen zu lassen. Alles im Körper steht in Verbindung mit dem Dantian. So wie sich um einen Kieselstein, der ins stille Wasser fällt, immer weitere Kreise ziehen, so breitet sich die Dantian-Bewegung immer weiter im Körper aus. Dann bewegen wir nicht mehr unseren Arm und die Energie fließt beispielsweise bis zu den Fingerspitzen, sondern die Energie fließt bis zu den Fingerspitzen, und daher folgt der Arm und bewegt sich. Nur wenn die Energie im Körper in sich geschlossen ist, kann eine solche Bewegung stattfinden und sich eine wirklich große Kraft entwickeln. Die Bewegung der inneren Energie verbindet sich also mit der äußeren Bewegung. Sie schafft die äußere Bewegung und geht in ihr auf. Bewusstsein, Energie, Muskeln, Sehnen und Knochen, alles verbindet sich und wirkt geschlossen und einsgerichtet als Ganzes nach außen.

Neben den äußeren drei Zusammenschlüssen, dem „wai san he“, kommt es auch zu den inneren drei Zusammenschlüssen, dem „nei san he“. Das Herz verbindet sich mit der Aufmerksamkeit (xin yu yi he), was bedeutet, dass das Herz eins wird mit dem Bewusstsein des Verstandes. Es herrschen keine zwei Meinungen, denn wir brauchen sinnvolle Entschlossenheit, um etwas zu bewirken. Die Energie verbindet sich mit der Kraft (qi yu li he), was bedeutet, dass die innere Energie mit der äußeren Kraft gemeinsam nach außen tritt. Die Muskeln untereinander stehen nicht im Widerspruch zueinander. Die inneren Energien des Körpers sind in sich geschlossen. Außen und Innen sind einsgerichtet. Sie wirken gemeinsam als eine Kraft. Die Sehnen verbinden sich mit den Knochen (jin yu gu he), was bedeutet, dass sich neben den Sehnen und Knochen auch die Bindegewebe, Organe und so weiter, als Einheit wirken. Alle einzelnen Bereiche, Gedanken, Emotionen, Muskeln, Sehnen, Knochen, einfach alles ist einsgerichtet und wirkt miteinander. Nichts wirkt gegeneinander. Der Körper wirkt als Einheit. Alles ist aufeinander abgestimmt. Und alles verbindet sich in einer direkten Folge von der allerersten „Geisthaftigkeit“ bis in die allerkleinste daraus resultierende Bewegung. Über das Erreichen einer vollständigen Ganzkörperbewegung hinaus ist es das Ziel, Körper und Geist so in eine Einheit zu bringen, dass diese Abfolge in ein- und demselben Moment stattfindet. Somit gibt es keinen Zeitverlust und daher ist keine Lücke zwischen Geist und Körper mehr vorhanden.

Damit alles miteinander verbunden sein kann, ist die Ordnung der drei äußeren Zusammenschlüsse („wai san he“) als Voraussetzung unersetzlich. Die inneren und äußeren drei Zusammenschlüsse zusammen bilden so eine Einheit und sind nicht voneinander zu trennen. Wenn die innere Bewegung die äußere ergibt, mit ihr eins wird, dann entwickelt sich ein sehr dichtes Netz von Energie und Kraft im Körper. Da Taijiquan eine sehr sensitive, subtile Kunst ist und anfänglich sehr der Vorstellung und „Einbildung“ unterliegt, sollte man beim Training auf Resultate achten, denn da lässt sich am sichersten sagen, ob man auf dem richtigen Weg ist oder nicht. Denn der Weg ist sehr schmal. Ein Zentimeter vom Weg ab führen tausend Kilometer in die Irre!

Waffen – Wuqi


Es gibt im Chen-Stil grundsätzlich sechs Waffenformen, vier davon sind Einzelwaffen, zwei davon Doppelwaffen, die zum Grundrepertoire gehören. Neben dem Säbel sind dies das Schwert, beides als Einzel und als Doppelwaffe, der Stock bzw. der Speer und die Hellebarde. An dieser Stelle wird auf eine detaillierte Erläuterung zu den einzelnen Waffen verzichtet und auf das Buch „Chen“ von Jan Silberstorff verwiesen.

Die Faszination, die von Waffen ausgeht, kann mit der damit verbundenen Macht in Zusammenhang gebracht werden. Bei gekonnter Handhabung ist eine Waffe jeder Handtechnik überlegen. Gerade die „mentale“ Macht ist hierbei nicht zu unterschätzen, da nun zwischen uns und dem Gegner nicht nur eine räumliche, sondern auch eine psychische Distanz liegt. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, Kampfkunst als Weg und nicht als Sport oder Technik zu betreiben, da jeder Mensch der Gefahr unterliegt, Macht zu missbrauchen. Der Weg gibt dem Training das was es ausmacht: Weisheit und Frieden. Das Waffentraining stellt außerhalb seiner eigentlichen Leistungen noch ein interessantes Fitnesstraining dar, weil alle Waffen-Formen körperlich sehr aktiv sind.

Allen Taiji-Waffen gemein ist das Prinzip der Ausführung. Wie in den Handformen wird der Körper auch hier geschlossen als Ganzes bewegt, so dass sich die Energien im Körper voll entfalten können. Nur dass hier der Körper die Waffe mit einschließt und somit ein Teil von uns wird. Sie geht in der Ganzheitlichkeit unserer Bewegung auf. So richten wir unsere Aufmerksamkeit immer darauf, dass unsere Energien durch unseren Körper bis in die äußersten und markanten Stellen unserer Waffen fließen. Diese Formen haben zum Ziel, die Waffen wirklich zu einem Teil unseres Selbst werden zu lassen. Für jede Waffe bietet der Chen-Stil ein umfangreiches Konzept zur kriegerischen Nutzbarkeit. Es ist auch fundamental wichtig für die Selbstverteidigung. Denn nur durch die Waffe erhält man einen vollständigen Eindruck von dem enormen mentalen und physischen Komplex menschlicher Auseinadersetzung. Die Waffe kann uns einen Weg voller Ernsthaftigkeit, Ehrfurcht und Respekt aufweisen. Das Training mit Waffen sollte generell mit Vorsicht und nur innerhalb bestimmter Abschnitte der eigenen Entwicklung ausgeführt werden. Falsch ausgeübt, kann es neben Verletzungen wie Prellungen auch zu Muskelverspannungen und Steifheit führen.

Schiebende Hände – Tuishou


Die Schiebenden Hände sind ein Übungskonzept, das von Chen Wangting entwickelt wurde. Um sich ein bisschen an das Verständnis der Schiebenden Hände heranzutasten, ist es wichtig zu verstehen, dass das Tuishou-Training innerhalb der Routinen dem der Form gleicht. Es sind also auch Qigong-Übungen, nur dass sie zu zweit durchgeführt werden. Während in der Einzelform ausschließlich auf die eigenen Energien geachtet wird, so wird in der Partnerübung zusätzlich auf die Energien des anderen geachtet. Das heißt auch, die Energien des Gegenübers wahrzunehmen und verstehen zu lernen. So können die Absichten des Gegenübers erkannt werden, bevor sich dieser selbst bewusst darüber wird. Man erweitert dadurch die Kontrolle und die energetische Führung um den Raum des Gegenübers. Man lernt, die Kraft des Gegenübers intuitiv aufzunehmen, umzuleiten und ihr die eigene Kraft hinzuzugeben. Im Kampf muss dies automatisch passieren. Es bleibt selten Zeit, eine Situation im Kampfgeschehen zu analysieren und irgendwelche Aktionen zu beschließen. Die (Re-)Aktion muss spontan (Wuwei) und richtig sein, letztlich aus einem Reflex heraus geschehen. Der Körper lernt durch diese Übungen, mit Energien spontan richtig umzugehen. Zeit zu haben, um eine Situation im Geschehen analysieren zu können, ist in psychischer Hinsicht oftmals nicht vorteilhaft, da solche Bedenken die spontane Reaktion oftmals blockieren. Man hat Zeit, Angst zu bekommen. Durch Angst blockiert der Körper und kann sich nicht mehr frei und natürlich fließend bewegen.

Es gibt fünf Bereiche, in denen Tuishou geübt wird:

  1. einhändiges Tuishou – dan shou tui shou
  2. zweihändiges Tuishou – shuang shou tui shou
  3. Tuishou mit Schrittarbeit – huo bu tui shou
  4. Tuishou in sehr tiefem Stand und Schritt (das große Nachgeben) – da lü
  5. freies Tuishou – san shou

Alle fünf Bereiche bauen auch hier aufeinander auf. Nach und nach lernen wir erst ein, dann zweihändig das Aufnehmen, Umleiten und Abgeben der Energie, dann kommt noch die passende Schrittarbeit dazu. Wir lernen mit Kräften aus allen möglichen Richtungen und Intensitäten umzugehen, bis wir schließlich zum freien Tuishou kommen. Die Bewegungen müssen entspannt und gelöst sein. Wenn wir jemanden stoßen oder schieben wollen und scheitern, so ist es ein normales Verhalten, die Kraft zu intensivieren. Dadurch aber verkrampft unser Körper immer mehr. Da wir aber den Gegner scheinbar nicht bewegen können, bleibt die Kraft in unserem Körper blockiert. Die Energie kann nicht mehr durch unseren Körper hindurch fließen. Erhöhen wir jetzt noch weiter unseren Druck, wird es noch schlimmer und unser Körper blockiert immer mehr. Je mehr Kraft wir aufwenden, umso mehr blockieren wir. Wir scheitern daher in Wirklichkeit nicht an unserem Gegenüber, sondern stets an unseren eigenen Blockaden und Widerständen.

In der Form lernen wir, stets gelöst, durchlässig und im Fluss zu bleiben und den Seidenfaden niemals reißen zu lassen. Unser Körper ist in sich geschlossen und kann so bei den Schiebenden Händen die gesamte Kraft übertragen. Wir lösen mit unserer Weichheit die Härte des Gegners auf, fließen durch ihn hindurch. So blockiert nichts in uns und der Gegner kann sich dieser Kraft nicht erwehren. Druck erzeugt nur Gegendruck. Agieren wir jedoch ohne Druck und sind dabei „absichtslos“, kann uns der Gegner auch nichts entgegensetzen. Er steht dieser Energie dann machtlos gegenüber und ist ihr ausgeliefert.

Weichheit und Leichtigkeit darf jedoch nicht mit schlapp oder inhaltslos („leer“) verwechselt werden. Das Tuishou ist nicht die Anwendung selbst, aber ein großer Teil des Gongfu und des Verständnisses, das dahinter liegt. Es macht die Anwendung sozusagen anwendbar. Der Bereich des Tuishou ist zu komplex, als dass er hier vollständig dargestellt werden kann. Eine Grenze in der Technik des Tuishou ist nicht absehbar – und richtig interessant wird es, wenn die Techniken überflüssig werden. An dieser Stelle wird auf das Buch „Schiebende Hände – Die kämpferische Seite des Taijiquan“ von Jan Silberstorff verwiesen.

Anwendungen - Fangshengshu


Jede einzelne Bewegung in der Form hat viele verschiede Anwendungen. Dies gilt für alle Hand- und Waffenformen. Alle Bein- und Fußstellungen haben dementsprechend ihren Sinn. Im traditionellen Taijiquan gibt es keine verschnörkelten und somit „unsinnigen“ Bewegungen. Man muss die Anwendungen nicht immer und immer wieder üben und trainieren, aber man sollte sie kennen. Vor allen Dingen sollte man das gemeinsame Prinzip entdecken, das alle Anwendungen miteinander verbindet. Die Anwendungen sind wie die einzelnen Wassertropfen eines Flusses. Um Wasser wirklich verstehen zu können, sollte man sich auf den gesamten Fluss konzentrieren.

Wenn unser Gegenüber eine Bewegung plant, so entsteht in ihm eine Idee. Diese wandelt sich zu einem Befehl an die Muskeln, entsprechend der Idee zu reagieren. Vom Kopf bis zu den Fingerspitzen ist es allerdings ein weiter Weg. Ist ein Beschluss erst einmal gefasst und der Befehl vom Großhirn verabschiedet worden, ist er wie ein Torpedo - er kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es gibt sehr geringe Muskelanspannungen, die die geplanten Bewegungen vorbereiten. All diese Phänomene kann man durch das Training der Form und durch Tuishou erspüren. Dieses sogar schon bevor die Bewegung tatsächlich stattfindet, indem man nämlich zum Gegner physisch oder mental Kontakt hält. Da man den Gegner zu jeder Zeit kontrolliert (was ihm bewusst sein kann, aber meist unbemerkt bleibt), ist es relativ leicht für uns, auf seine Vorhaben zu (re-)agieren. Zumindest wenn wir gelernt haben, unsere Mitte zu halten und vom Dantian aus den Wandlungen zu folgen, ohne den Körper aufbrechen zu lassen. Da der Gegner bereits in seiner Bewegung festgelegt ist, ist er der Art nach steif, „berechenbar“ und leicht zu schlagen. Sollte sein Energieverständnis jedoch besser sein als unseres, wird er uns angreifen können, ohne dass wir auch nur die Idee haben könnten, wie wir uns zu verteidigen haben. Deshalb sieht selbst jemand, der bereits sehr erfahren im Taijiquan ist, neben einem, der besser ist, oft aus wie ein Anfänger.

Die Prozesse laufen über etwas, das noch hinter dem Gefühl steht, und sind bei der tatsächlichen Selbstverteidigung nicht in Zeiteinheiten messbar. In der Übung geschieht aber alles langsam und bedächtig. Im Ernstfall jedoch geschieht alles sehr viel schneller, als das wir es selber überhaupt bewusst registrieren können. Auch die Anwendungen des Taijiquan beruhen auf einem aufeinander aufbauenden Prinzip und nicht nur auf einer Ansammlung von Techniken. Die Techniken selbst sind nichts Besonderes, da wir diese in allen anderen Systemen ebenfalls finden. Es gibt Schlag- und Tritttechniken sowie Hebel- und Wurftechniken. Es gibt den Kampf auf unterschiedlichen Distanzen, den Ringkampf und den Bodenkampf. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Bestenfalls jedoch gibt es gar keinen Kampf, weil er entweder nicht geführt wird oder im Ansatz bereits siegreich beendet wird.

Der Kampfkunstaspekt im Taijiquan ist keine bloße Theorie, sondern eine konkrete Erfahrung. Zitat aus dem Buch „Chen“: „Nur wer sich mit der Gewalt auseinander gesetzt hat und sie beherrscht, kann auch auf sie verzichten.“ Reine Verneinung ist eine gefährliche Ignoranz unserer eigenen animalischen Energien, die den meisten erst in Notsituationen bewusst wird. Doch wenn uns dann die Kontrolle fehlt, ist ein Training hierin zu spät.

Schlussbemerkung


Um gutes Gongfu in der Form zu spüren, muss man mit den einfachen Übungen anfangen und diese in immer feinstofflicheren Bahnen üben. Dann wird man, dieses Gefühl in der Form angewandt, es auch dort spüren.

Von weniger den Kampfkunstaspekt betonenden Taiji-Systemen, wurde die zweite Form in der Regel nicht übernommen. Zu einem Taiji-Gesamtkomplex gehören aber nicht nur langsame und weiche (Rou), sondern auch schnelle und harte (Gang) Bewegungen. Das System wäre sonst nicht vollständig und es könnte somit auch kein ganzheitliches Üben für Körper und Geist stattfinden. Tajij will die Harmonie zwischen Yin und Yang entwickeln, bei zuviel Yin das Yang, bei zuviel Yang das Yin. Der Chen-Stil fördert beide Pole und entwickelt die Einheit zwischen ihnen, so dass jeder seine Defizite ausgleichen kann. Taijiquan sollte sowohl als Gesundheitssystem als auch als Kampfkunst verstanden und weiter etabliert werden. Denn entweder versteht man Taijiquan in seiner Gesamtheit und kann in allen Bereichen davon profitieren, oder man versteht es nicht, und wird dann auch keinerlei Effekte erzielen oder nur Illusionen erfahren können.

Taijiquan zu lernen, ist eine Ausbildung an sich selbst. Es ist wie langsam von der Grundschule bis zur Universität heranzuwachsen. Mit der Zeit kommt mehr und mehr Wissen dazu. Ohne das Fundament der Grund- und Mittelschule wird es einem nicht möglich sein, den Seminaren an der Universität zu folgen. Um Taijiquan zu lernen, muss man an der untersten Basis beginnen und sich Stück für Stück systematisch zu den mehr fortgeschrittenen Stufen emporarbeiten. Wenn man dies nicht akzeptiert und meint, eine Abkürzung nehmen zu können, wird man nicht erfolgreich sein. Der gesamte Prozess, Taijiquan zu lernen, vom Anfang bis hin zum Erfolg, besteht aus fünf Stufen oder fünf aufeinander aufbauenden Levels kämpferischer Fähigkeiten (Gongfu). Jeder Level hat spezielle, ganz bestimmte Anforderungen." Auch hier der Hinweis auf weiter führende Lektüre, geschrieben von GM Chen Xiaowang, übersetzt und kommentiert von Jan Silberstorff – „Die 5 Level des Taijiquan“.

Oder wie Meister Jan Silberstorff sagt: „Zuerst lernen wir die einzelnen Buchstaben des Alphabets, erst danach die Schreibschrift. Die „eigene“ Handschrift kommt dann erst sehr viel später (ab Ausbilderlevel).“

GM Chen Xiaowang ist es zu verdanken, dass Taijiquan für uns, durch den aufeinander abgestimmten Aufbau der Grundpfeiler des Systems, sowie der genauen Aufschlüsselung jeder einzelnen Bewegung sowohl äußerlich als auch innerlich, in seiner Gänze spürbar verständlich wird und wir diesen Weg gemeinsam mit ihm gehen können.

 

Quellen und Verweise:


„Chen – Klassisches Taijiquan im lebendigen Stil“ (3. Auflage) von Jan Silberstorff

Chen Taijiquan Magazin 2011 – „Die drei äußeren Verbindungen (Waisanhe) in Bewegung“ von Ralf zum Felde

Chen Taijiquan Magazin 2010 – „Die Seidenübungen im Chen Stil Taijiquan“ von Frank Marquardt

„Schiebende Hände – Die kämpferische Seite des Taijiquan“ von Jan Silberstorff

„Die 5 Level des Taijiquan“ von GM Chen Xiaowang, kommentiert von Jan Silberstorff