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Politisches Umfeld

Kriege, Hunger und Kulturrevolution in China


Die Öffnung Chenjiagous zur Außenwelt und die Verbreitung des Chen Taijiquans verliefen nicht ohne Schwierigkeiten für das Taiji-Training innerhalb des Dorfes. Chen Zhaopi und Chen Zhaokui waren 30 Jahre lang fort und kamen nur sporadisch nach Chenjiagou. Die 50iger und 60iger Jahre waren aber wegen ihrer politischen Unruhen von viel größerem Einfluss auf das Chen Taijiquan. Sie waren Nachwirkungen des chinesisch-japanischen Krieges gefolgt vom Bürgerkrieg zwischen der Guomindang und den Kommunisten. Der 1958 begonnene »Große Sprung nach vorne« führte zu einer furchtbaren Hungersnot. Eine der am schwersten betroffenen Gegenden war die Provinz Henan, in der Chenjiagou liegt. Als wäre das noch nicht genug, wurde China von 1960 bis 1962 von einer Reihe von Naturkatastrophen heimgesucht, durch die 20 Millionen Menschen starben. Chen Xiaoxing sagt dazu: «All dies waren Umstände, die wir nicht kontrollieren konnten, die aber Einfluss auf das Training hatten. Deswegen wurde Taijiquan während der Zeiten großer Not im Dorf fast aufgegeben, bevor Chen Zhaopi nach Chen Fakes Tod 1958 wiederkam. Wenn deine ganze Sorge darin besteht, genug Geld zusammenzubekommen, um zu essen, hast du wirklich nicht die Energie oder Zeit, andere Dinge zu verfolgen. Nur wenn du dich nicht um ein Mindestmaß an Essen und Kleidung zu sorgen brauchst, kannst du anfangen über die Qualität deiner Gesundheit und deines Körpers nachzudenken und darüber, wie du dein Leben verbessern kannst.« Die Tradition der Kunst ging jedoch nicht völlig verloren, sagt er, denn »es gab immer einige praktizierende Meister im Dorf. Aber die jüngste Generation wurde nicht entwickelt.«
Diese Situation verschärfte sich noch, nachdem Naturkatastrophen wie Überflutung, Dürre und zuletzt eine Heuschreckenplage Chenjiagou heimgesucht hatten. Es wurde fast unmöglich zu überleben. Die jüngeren und kräftigeren Menschen verließen das Dorf, um eine Zukunft in anderen Provinzen zu suchen. Auch fähige Meister der älteren Generation mussten wegziehen und anderswo arbeiten, um zu überleben. Sehr schnell wurde das Praktizieren von Taijiquan immer seltener.

In diesem Zustand fand Chen Zhaopi das Dorf vor, als er 1958 zurückkehrte. In Sorge darüber, dass das Taijiquan seiner Familie an seinem Geburtsort aussterben könnte, schwor er, die Praxis des Taijiquan wiederzubeleben und eine neue Generation von Könnern hervorzubringen. Er ging frühzeitig in den Ruhestand - er hatte für das Hochwasserkontrollkomitee am Gelben Fluss gearbeitet - und setzte seine Ersparnisse dazu ein, eine Schule in Chenjiagou zu errichten. Er gab die Tradition der Taiji-Kampfkunst weiter, wie sie an ihn weitergegeben worden war. So erwirkte er eine Wiedergeburt der Taiji-Praxis im Dorf. Er trainierte viele Schüler einschließlich der vier »Buddha-Krieger« Chen Xiaowang, Chen Zhenglei, Zhu Tiancai und Wang Xian.

Chen Zhaopi betonte die Bedeutung der ersten Form des alten Rahmens, Laojia Yilu, als grundlegende Form, in der man die Quintessenz der Fähigkeiten des Chen Taijiquans entwickelt, sowie das Üben der Cansijin als die Essenz des Chen Taijiquan. (Cansijin: Kraft des Seidenfadens, Energie aus den Seidenfadenübungen). Chen Xiaoxing sagt weiter: "Ich lernte mit Chen Zhaopi und Chen Zhaokui, aber bis ich wirklich wusste, wie man richtig trainiert, wurde der meiste Unterricht von meinem Bruder Chen Xiaowang geleitet“. (Chen Xiaoxing begann 1959 im Alter von 7 Jahren mit seinem Training. Mit 13 Jahren wurde sein Lernen intensiver und das Verständnis fürs Taijiquan größer. Zu dieser Zeit war sein Bruder Chen Xiaowang im Alter von 19 Jahren sein Lehrer. Das muss also 1965 gewesen sein, Anmerkung d.A.).

„Das Leben war sehr schwer, aber wir hatten einige friedliche Jahre mit Training im Dorf unter Meister Chen Zhaopi vor der Kulturrevolution", erinnert sich Chen Xiaoxing. "Es gab Jahre des Hungers, der Entbehrungen und persönlicher Tragödien durch die politischen Unruhen jener Zeit, aber zumindest konnten wir trainieren und das gab uns die Kraft weiterzumachen. Beispielsweise wurde der Vater von Chen Zhenglei (Chen Zhaohai) umgebracht und seine Familie auf die schwarze Liste gesetzt. 1955 wurde mein eigener Vater, Chen Zhaoxu, der das Dorf verlassen hatte, gefangengenommen und gefoltert. Er starb im Alter von 48 Jahren an den Folgen des Gefängnisaufenthaltes. Er hatte ein sehr hohes Niveau und war berühmt für sein Fajin, das wie Donnerschläge explodierte." (Fajin: Kraft, Energie nach außen bringen, Explosionsbewegung im Chen Taijiquan.)

1966 begann die Kulturrevolution (bis 1976). Taijiquan wurde als dekadente und gefährliche Praxis aus überkommener Zeit verurteilt und verboten. Chen Zhaopi wurde öffentlich gedemütigt, indem er mit einer Narrenkappe auf dem Kopf durch die Straßen geführt und an den Pranger gestellt wurde. Er wurde sehr hart behandelt und ernsthaft von den Roten Garden verfolgt. Auf Grund von Verbindungen zur Guomindang wurde er als Konterrevolutionär eingestuft und da der Taiji-Tempel des Dorfes zerstört wurde, fuhr Chen Zhaopi im Geheimen fort zu unterrichten, obwohl er verfolgt wurde. Das Training fand im Verborgenen und meistens in der Nacht statt. Chen Zhaopi war allen eine große Inspiration. Seine Schule und sein Zuhause wurden der Sitz des 'Chen Taijiquan Promotion Centers' in Chenjiagou. Sechs Jahre später (ca. 1972) wurde die Praxis des Taijiquan offiziell auf einmal wieder eingeführt, was einer nie zuvor da gewesenen Woge an Interesse für die chinesischen Kampfkünste zu verdanken war, die großenteils durch Bruce Lee und die Filmindustrie ausgelöst wurde. Nachdem die chinesische Regierung das Ausmaß und Potenzial dieser Bewegung erkannt hatte, richtete sie Komitees ein, die nach alten Meistern suchen sollten, um die Kampfkünste zu systematisierten. Man begann Wushu als Sport auf jeder Ebene zu organisieren. Auf diese Weise steht das Jahr 1972 für die Wiederbelebung der Kampfkünste in China. Chen Zhaopi wurde rehabilitiert und beauftragt, eine Gruppe von Schülern aus Chenjiagou zu trainieren, die das Chen Taijiquan auf dem ersten Wushu- Treffen der Provinz Henan in Dengfeng, dem Sitz des Shaolin- Tempels, im September 1972 repräsentieren sollten. Chen Zhaopi war natürlich glücklich, dass er sich dem Taijiquan wieder offen und mit ganzer Kraft widmen konnte. Er arbeitete trotz seiner 80 Jahre unermüdlich an der Vorbereitung dieses Ereignisses. Nach dem Wettkampf wurde das Team ausgewählt, die Provinz bei den nationalen Wettkämpfen zu vertreten. Chen Zhaopi wurde krank. Gegen den Rat der Ärzte fuhr er fort, das Team zu trainieren, bis er nicht mehr konnte. Kurze Zeit später, am 30. Dezember 1972, starb er. Sein Grab liegt außerhalb des Dorfes in den Feldern hinter Chen Xiaoxings Haus. Chen Zhaopi gilt als derjenige, der aus alleiniger Kraft die Praxis des Taijiquan in Chenjiagou wiederbelebt hat und wird zutiefst geschätzt für seine Hingabe an die Kunst der Familie. Das Beispiel, das er gegeben hat, übertrug den anderen die Verantwortung, die Linie unter allen Umständen weiterzuführen. Nach seinem Tod folgte Chen Zhaokui als Linienhalter und kam 1973 nach Chenjiagou zurück. Er übernahm die Verantwortung für den Unterricht des Familienvermächtnisses. (Quelle: 7)

Kehren wir zu dem Ereignis zurück, das Chen Xiaowang so nachhaltig beeindruckte. Immerhin war er da erst 7 Jahre alt. Wie kann einem 7 jährigen Kind die Verantwortung eines solchen Familienerbes in diesem Alter eigentlich bewusst sein? Ich habe im Juli 2011 Chen Yingjun gefragt, wie und wann es bei ihm zu der Entscheidung kam, Taijiquan als Lebensweg zu beschreiten. Er sagte mir, dass ihm das im Alter von 13 Jahren bewusst wurde. Zu der Zeit (1989) trainierte er bei seinem Vater, der China 1990 verließ. Chen Yingjun sagte, dass die meisten Kinder im Alter von 13 oder 14 Jahren in China bereits wissen, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen. Aus diesem Grunde folgte er seinem Vater 1994 nach Australien. Auch bei seinem Vater Chen Xiaowang war dieses Alter scheinbar der Zeitpunkt, an dem sich feststellen ließ, in welche Richtung ein Taiji-Schüler einmal gehen wird. So wurde Chen Zhaopi auf den jungen Chen Xiaowang und dessen Trainingseifer aufmerksam und nahm sich seiner an. Immerhin soll Chen Xiaowang zu diesem Zeitpunkt morgens und abends je 5 Formen gelaufen sein. Später erhöhter er die Anzahl auf 20 Formen und mehr. (Quelle: 8)

Das hatte natürlich eine enorme Verbesserung seiner Fähigkeiten zur Folge. Während sein Vater und Chen Zhaopi für die Grundlagen in Chen Xiaowangs Taiji-Ausbildung sorgten, steigerte das Training unter Chen Zhaokui die Kampffähigkeit Chen Xiaowangs. Chen Zhaokui, der direkt unter seinem Vater Chen Fake lernte, verbesserte die Präzision seiner Schüler in ihrem Training und unterrichtete den „neuen Rahmen“ Xinjia. (Xinjia: Neuer Rahmen, Bezeichnung für eine Stilrichtung des Chen Taijiquan nach Chen Fake). Chen Xiaowangs Trainingsschwerpunkte wurden Greif- und Hebeltechniken, sowie die Formen des neuen Rahmens.