World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany 世界陳小旺太極拳總會

Die „Drei äußeren Verbindungen (Waisanhe)“ in der Bewegung

Teil 1


„Wenn sich ein Teil des Körpers bewegt, bewegt sich der ganze Körper. Steht ein Teil des Körpers still, steht der ganze Körper still.“
(Wu Yuxiang)

Das sind zwei der Sätze, die vermutlich jeder Taiji-Schüler schon mal gelesen oder gehört und auch verstanden hat. Die Schwierigkeiten beginnen, wie meist im Taijiquan, bei der praktischen Umsetzung, also beim Form- und Pushhandstraining. Unser Ziel ist es, unseren Körper als Einheit zu bewegen, um über diesen Zustand einerseits den ungehinderten Energiefluss im Körper zu ermöglichen und andererseits eine störende Einwirkung von außen in unser Zentrum zu verhindern. Das trainieren wir mit unterschiedlichen Übungen, die aufeinander aufbauen.

Die Stehende Säule (Zhanzhuang)

In ihr können wir, nach dem wir den Körper zur Ruhe gebracht haben, die drei äußeren Verbindungen (Schulter mit Hüften, Ellenbogen mit Knien und Hände mit den Füssen verbinden) entdecken, verstehen, herstellen und vertiefen. Außerdem bauen wir unser Zentrum, das Dantien, auf und verbinden alle Teile des Körpers damit. Wir weisen jedem Punkt unseres Körpers genau einen Platz in Relation zum Gesamtsystem zu: linke Schulter zu linker Hüfte, rechte Schulter zu rechter Hüfte (S/Hü), entsprechend rechter Ellbogen zu rechtem Knie, linker Ellenbogen zu linkem Knie (E/K), Hände zu Füßen (H/F) und alle Punkte dazwischen zu ihrem jeweiligen Korrespondenzpunkt. Mit anderen Worten: „Wir räumen auf“ (Jan Silberstorff, 2009). Nachdem wir diese Ordnung während der Stehenden Säule hergestellt, wahrgenommen, und ab und zu korrigiert haben, kommen wir zum nächsten Punkt unseres Trainings, den

Seidenübungen (Cansigong)

Wir üben nun, diese Verbindungen im Körper innerhalb einer relativ leicht zu erlernenden Bewegung beizubehalten. Es kommt also eine äußere Dynamik ins Spiel, die eine komplexere Betrachtung und Umsetzung der Verbindungen erfordert: Während in der Stehenden Säule die Verbindungen nahezu ausschließlich vertikal verstanden und geübt werden und alle Punkte dann eine Verbindung zum Dantien erhalten, kommen mit den Gewichtsverlagerungen diagonale und ineinander übergehende Verbindungen dazu. Allerdings dürfen die Strukturen aus der Stehenden Säule dabei nicht verlorengehen oder geschwächt werden.

Der Bewegungsablauf während der frontalen Seidenübung (siehe hierzu auch: F. Marquardt im Chen Magazin 2009) beginnt mit einer Umsetzung bzw. Nutzung der gleichseitigen Verbindung: Initiiert vom Dantien, senkt sich die Hand. Sie wird dabei unterstützt und gefüllt durch eine Verstärkung der Verbindungen H/F, E/K, S/Hü, natürlich ohne den Körper zusammenzupressen, es also zu übertreiben.

Die Gewichtsverlagerung beginnt nun, geführt vom Dantien, im Fuß und wirkt sich sofort auf die Hand derselben Seite aus. Es entwickelt sich aber zusätzlich eine diagonale Verbindung der Hand zum anderen Fuß, in den wir ‚hineinbewegen’. Am Ende der Gewichtsverlagerung stützt dann dieser andere Fuß die Hand, den Ellbogen, die Schulter und die Hüfte, ist also für einen Großteil der Struktur verantwortlich. Der Übergang geschieht fließend, sodass die Hand immer vollständig mit dem Boden in Verbindung steht.

Im nächsten Abschnitt der Bewegung, während die Hüfte eindreht und die Hand steigt, bleibt diese stützende Struktur des ‚diagonalen’ Beines bestehen und setzt sich in der darauf folgenden Gewichtsverlagerung fort. Diese beginnt also im belasteten Fuß mit direkter Übertragung in die ‚diagonale‘ Hand. Es folgt, analog zum Beginn der Übung, eine Übernahme der Struktur durch das Bein, in das wir hineinbewegen.

Wir haben es mit einem permanent fließenden Wechsel von Schub- und Stützkraft zu tun. Das schiebende Bein sorgt dabei für die aktive Bewegung im Raum, während das stützende Bein für einen großen Teil der Struktur verantwortlich ist. Dieses Zusammenspiel innerhalb unserer Bewegung findet sich ebenfalls in der

Taiji-Form (Taolu)

In der Form arbeiten wir mit diesem Wechsel von Schub- und Stützkraft, allerdings erhöht sich die Komplexität der Bewegungen, z.B. bei der kompletten Gewichtsverlagerung auf ein Bein.

Chen Xin, aus der 16. Generation der Chen-Familie, beschreibt in seinem Buch „Taiji tushuo“ den Bewegungsablauf während der Form im Chen Taijiquan und unterscheidet dabei ebenfalls die Schubkraft von der Stützkraft. In seiner Einleitung zur Figur ‚Mantel befestigen‘ etwa spricht er von „Gast und Gastgeber“, was ich als ‚Reisender’ (bewegender Teil) und ‚Sicherheit bietende Unterkunft’ (Struktur) interpretieren möchte.

"Den Mantel befestigen: 
Alle Organe und Teile (des Körpers) sind verbunden mit dem Ziel der gleichmäßigen Verteilung von Jin- (Ganzkörper-) Kraft im ganzen Körper. Knochen und Gelenke müssen korrekt positioniert sein, um eine gemeinsame Bewegung mit Händen und Füßen zu ermöglichen. Jede Position kann geteilt werden in einen primären (Gastgeber) und ein sekundären (Gast) Teil. In dieser Position (lan zha yi) übernehmen die rechte Hand und der rechte Fuß die Rolle des Gastgebers, während die linke Hand und der linke Fuß die Gäste sind."  
(Chen Xin, Version INBI)

Bedeutung für das Pushhands (Tuishou)

Während der Partnerarbeit wird innerhalb einer vollständigen Yin-Bewegung (die Energie fließt zurück zu Dantien: Inhalt der ersten Hälfte eines reeling silk-Kreises) die auflaufende Kraft des Partners oder Gegners nicht in unser Zentrum geleitet, sondern daran vorbei über den stützenden Fuß in die Erde. Während der vollständigen Yang-Bewegung (die Energie fließt bis zur Fingerspitze: zweite Hälfte des Kreises) wird die Gewichtsverlagerung zum horizontalen Push, der durch die gleichseitige Verbindung von H/F, E/K, S/Hü auch eine hebende Komponente bekommt. Durch die Intensivierung der drei Verbindungen, also durch das Hineinsinken in das belastete Bein, entsteht eine Verstärkung der Stützkraft, die sich, nach oben ausdehnend, auf unseren Push als zweite Kraftrichtung auswirkt. Das bedeutet: Sinken wir in einer schiebenden Bewegung in das vordere Bein, wirkt unser Push gleichzeitig nach vorn und nach oben und damit im wahrsten Sinne entwurzelnd.

Umsetzung im Training

Wir müssen nun diese Zusammenhänge in unser Training einbauen, dürfen uns aber, nachdem uns das Prinzip vertraut ist, nicht zu sehr darauf konzentrieren, um unsere entspannte Bewegung beizubehalten und nicht in geistige und/oder körperliche Anspannung zu geraten. Großmeister Chen Xiaowang nennt dies „Halb denken, halb nicht denken, halb denken, halb fühlen“. Bei Chen Xin heißt es:

"Jede Bewegung muss geführt werden durch den Herzverstand, lokalisiert in der Mitte der Brust. Wenn du zu begierig in deinen Bewegungen bist, d.h. sie dir ‚zu sehr zu Herzen nimmst’, wirst du deine Stabilität und Festigkeit (deine Struktur) verlieren; andererseits: wenn du dir deiner Bewegung zu wenig bewusst bist, wirst du die Weichheit im Bewegungsfluss verlieren. Dies ist der Zustand des nötigen Gleichgewichts zwischen der An- und Abwesenheit des Herzverstands. Wenn es gelingt, diesen (richtigen) Zustand beständig herzustellen und er die Rolle des Gastgebers spielt, wirst du auf dem Weg sein, die goldene Mitte zu erreichen, aus der alle Bewegungen ohne Ausnahme entspringen." (Chen Xin, Version INBI)

Das ist ein Rat, der bis heute für alle Taiji-Schüler gilt. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass die klassischen Texte nur Hinweise geben. Sie sind das Ergebnis langen Übens und tiefen Durchdringens der Materie. Wir sollten uns auf unserem eigenen Weg auf das beständige Üben der einzelnen Komponenten konzentrieren, denn nur so werden wir das System in seiner Komplexität erlernen. Es gibt eben leider keine Abkürzung aber glücklicherweise auch keine Geheimnisse.  

Ralf zum Felde

Teil 2

"Yi dantien wei hai xin
Yi dong quan shen bi dong
Jie jie guang chuan
Yi qi guang tong"

"Dantien ist das Herzstück der körpereigenen Bewegung Bewegt sich ein Teil, bewegt sich der ganze Körper Die Energie dringt durch alle Gelenke So wird die Kraft ungehindert in eine Aktion übertragen." (GM Chen Xiaowang, zitiert nach H.Neumeier 2011)

Dies ist das Ziel. Den Weg dahin zerlegt man günstigerweise in kleinere Abschnitte, um ihn Schritt für Schritt zu beschreiten.

Im ersten Teil dieses Artikels wurden die Zusammenhänge von wai san he und Körperstruktur bei Kontakt beider Beine zum Boden beschrieben. In diesem zweiten Teil sollen nun die Zusammenhänge „auf einem Bein“ näher betrachtet werden.

Schrittarbeit

Sowohl in den Seidenübungen, in der Form und natürlich erst recht im push hands (hier: huo bu) und Anwendungstraining, gibt es Schritte, um eine Bewegung im Raum zu ermöglichen. Dies hängt Ursächlich damit zusammen, dass es sich beim Tajiquan um eine Kampfkunst handelt und es in Auseinandersetzungen notwendig ist, dem Kontrahenten durch den Raum folgen bzw. ausweichen zu können. Diese Notwendigkeit unterscheidet TJQ von energetischen Übungssystemen, in denen kein Anwendungsaspekt vorhanden ist.

Innerhalb dieser Schrittarbeit ist es notwendig, auch auf nur einem Bein so gut wie möglich im Gleichgewicht zu bleiben, „das Zentrum nicht zu verlieren“. Das bedeutet, je besser das Zentrum (Dantian) mit dem Rest des Körpers durch unser wai san he „vernetzt“ ist, umso einfacher ist es dieser Anforderung zu genügen. Das Zentrum wird mit zunehmendem Training immer „kleiner“ und daher leichter zu balancieren. Für das Üben der Schritte bedeutet dies die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass das Gewicht wirklich sicher auf ein Bein verlagert ist, bevor das Andere vom Boden gelöst wird. Während es in den Bewegungen im Stand immer noch eine diagonale Stütze durch das zweite Bein gibt, entfällt diese naturgemäß vollständig während eines Schrittes. Es muß also genauestens darauf geachtet werden, dass jeder Punkt des Körpers über das stützende Bein mit dem Boden verbunden ist.

Seidenübungen

Die Seidenübungen mit Schritten (frontale, zweihändige, Rückwärtsschritte) bilden wieder die Basis des Übens: Während in den „unbewegten“ Routinen alle Einzelbewegungen zeitgleich fertig sind (Gewichtsverlagerung, Hüftdrehung, Energie bis Fingerspitze, Stand etwa 60/40) muss dies für die Schritte variiert werden. Hierbei ist die Bewegung erst „fertig“, wenn der unbelastete Fuß herangenommen worden ist. Es korrespondiert das Heransetzen des Fußes mit dem letzten Bewegungsmomentes des Arms bzw. beider Arme in zweihändigen Routinen. Betrachtet man den Energiekreislauf beschreibt sich die Bewegung folgendermaßen: Nachdem die Energie die Wirbelsäule hinauf geflossen ist, beginnt die Gewichtsverlagerung. Energie fließt nun über die Schulter bis in den Bereich des Ellenbogens. In diesem Moment muss das Gewicht ausreichend auf ein Bein verlagert sein um sicher das Zweite herannehmen zu können. Während dieses Schrittes fließt die Energie vom Bereich des Ellbogens bis zu den Fingerspitzen. „Ab dem Ellbogen bis zu den Fingerspitzen“ beginnt sich das wai san he daher überwiegend und bis zur Vollständigkeit hin auf das „vordere“ Bein zu stützen.

Formen

Es gilt nun, dieses Prinzip in die Formbewegungen zu übertragen. In vielen Schritten in der Form ist dies eins zu eins möglich, so z.B. bei Bhuddas Wächter, in den Kreisenden Händen oder auch im Kranich.

Andere Bewegungen oder Bewegungsteile der Form finden nur auf einem Bein statt, z.B. hoch in Richtung des Pferdes strecken oder mit dem Fuss reiben, so dass die Aufmerksamkeit hier auf dem sicheren Stand bzw. der Verbindung des wai san he mit nur diesem einen Bein als Stützkraft liegt. Bei mit dem Fuss reiben kommt als auffälliges Element das aktive Zusammenführen von Hand/Fuss, Ellenbogen/Knie und Schulter/Hüfte der tretenden Seite dazu. Verliert man dadurch die Aufmerksamkeit für die zentrierte Verbindung zum Boden führt dies oft zu Unsicherheiten im Stand.

Bei hoch in Richtung des Pferdes strecken unterstützt das gleichzeitige, entgegengesetzte Bewegen von rechter Hand und linken Ellbogen die Mittellinie, welche sich, auch wieder zeitgleich, senkrecht auf das rechte Bein stützt. Hierbei ist das Durchsinken und die Verbindung von der rechten Hand zum Bein (Boden) wichtig, da dieses erst die Struktur ermöglicht.

Pushhands/Anwendungen

Für diesen Bereich ist es interessant sich die Kräfteverteilung in sechs mal versiegelt vier mal verschlossen und mit beiden Händen schieben näher anzusehen: Energetisch folgen diese Bewegungen dem in den Seidenübungen beschriebenen Prinzip. Für die Anwendungen müssen zwei weitere Aspekte zusätzlich verstanden werden, und zwar die Funktion der Gewichtsverlagerung und des offensichtlichen Pushes im letzten Teil der Bewegungen. Die Gewichtsverlagerung sollte einen vorhandenen Partner/Kontrahenten entwurzeln, um erstens das Gewicht unter Kontakt mit der zweiten Person gut und sicher auf ein Bein verlagern zu können und zweitens um die Wirkung des Pushes damit zu vervielfältigen. Durch das Aufstehen auf das vordere Bein wird die Distanz zum Gegenüber verkürzt und damit der Raum für den Push vergrößert. Dieser Raumgewinn führt in Verbindung mit dem erzeugten Ungleichgewicht zu einer Potenzierung der Wirkung.

Dies ist in seiner Wirksamkeit abhängig vom eigenen Geichgewicht, d.h. von der sicheren Struktur des wai san he auch wenn es nur durch ein Bein gestützt wird.

Schlusswort

In den Seidenübungen und der Form schaffen wir die Voraussetzungen für entspannte Anwendungen. Je besser wir das eigene Gleichgewicht verstehen, das wai san he mit dem Dantian verschmelzen können, umso sicherer bewegen wir uns durch den Raum. Je sicherer wir uns durch den Raum bewegen umso entspannter können wir mit dem Außen kommunizieren. Glücklicherweise müssen wir nicht mehr auf richtigen Schlachtfeldern kämpfen, so dass wir uns bei der Ausbildung unseres eigenen Zentrums „ruhig“ Zeit lassen können, sprich konzentriert und behutsam vorgehen sollten.

Ralf zum Felde