Teil 1 - Der Raum

Wir beginnen also in der stehenden Haltung ... und ihr könnt die vorbereitenden Schritte bereits durchlaufen. Und wir checken noch einmal den Körper durch.

Der Kopf schwebt wie von oben aufgehangen … der ganze Körper ist entspannt … und wir fühlen die Schwerkraft, die uns nach unten zieht. Wir entspannen Brustkorb und Wirbelsäule. Wir verbinden Schultern und Hüften, Ellbogen und Knie, sowie Hände und Füße ... und jetzt führen wir ein ganz sanftes Lächeln ein …

Wenn wir glücklich sind, lächeln wir … und wenn wir lächeln, wird der Geist glücklich ... zumindest ein bischen … und läßt sich dadurch nicht so leicht ablenken.

Deshalb ein ganz sanftes, zartes Lächeln.

Während wir stehen ... fest … aber entspannt, zentriert im Dantien … werden wir uns der Richtung vor uns bewusst … und des Raumes vor uns. Das kann visuell sein, oder es kann mit geschlossenen Augen geschehen. In dem Verständnis, dass der Raum auch die materiellen Dinge durchdringt. Materielle Dinge bestehen in der Tat zum größten Teil aus Raum. Und so können wir alle festen Objekte, die sich vor uns befinden, in unsere Raumwahrnehmung einbeziehen. Und wenn wir zulassen, dass alle festen Dinge Teil des Raumes vor uns werden, reicht unsere Raumwahrnehmung weit nach vorne …. weiter … noch weiter … noch weiter … ohne Ende …. endloser Raum … nach vorne.

Das ist nichts, was wir hier jetzt machen, tun oder erschaffen müssen. Der Raum ist bereits da. Es ist nur eine Frage der Aufmerksamkeit, der Achtsamkeit, sich dessen bewusst zu werden, was schon da ist. Und wenn ihr mögt, könnt ihr euch vorstellen, als währe es wie ein Lichtstrahl, ein Lichtstrahl aus dem Dantien, der sich nach vorne bewegt …. endlos … grenzenlos.

Und wenn jetzt diese Öffnung in die vordere Richtung etabliert ist, bewegen wir nun unsere Aufmerksamkeit in einem Kreis nach rechts, wobei wir die schon bestehende Öffnung nach vorne beibehalten. Wir bewegen uns geistig einfach nach rechts weiter, langsam die rechte Seite … grenzenloser Raum … und immer weiter nach hinten … weiter von hinten nach links … und dann wieder nach vorne … alle vier Richtungen … Wahrnehmung des grenzenlosen Raumes in allen vier Richtungen.

Ohne unsere Zentriertheit im Dantien, die Zentriertheit unserer Haltung zu verlieren, nehmen wir den grenzenlosen Raum in allen vier Richtungen wahr.

Und nun erlauben wir diesen verschiedenen Richtungen sich nach oben zu bewegen. Alle zu gleichen Zeit … bewegen sich nach oben … So werden alle oberen Bereiche zu grenzenlosem Raum … bis sich all diese verschiedenen Richtungen irgendwo über unserem Kopf treffen. Wir haben so etwas wie eine Hemisphäre von grenzenlosem Raum in alle Richtungen.

Und von diesem Treffpunkt der verschiedenen Richtungen über unserem Kopf … lassen wir die Aufmerksamkeit nach unten gleiten … bis zum Scheitelpunkt des Kopfes … und wir erlauben dem Raum … dem Kopf sich im Raum aufzulösen. Der Kopf löst sich im Raum auf. Der Nacken löst sich auf … die Schultern … die Arme und Hände … der Rumpf … die Hüften … die Beine … und zuletzt auch die Füße. Wir erlauben … lassen zu, dass sich der ganze Körper im Raum auflöst. Wir nehmen den Körper wahr aus der Perspektive des Raumes, den er einnimmt.

… und von den Füßen weiter zum Boden … der Boden wird auch Raum ausbreiten, so dass sich der ganze Boden in Raum auflöst.

Und damit haben wir die Wahrnehmung von grenzenlosem Raum in allen Richtungen etabliert … vorne, hinten, rechts, links, oben, unten, überall nur Raum … in der Mitte … nur Raum. Nur Raum, durchdrungen von Energie.

Alles Materielle ist nur Raum, durchdrungen von Energie.

Nachdem wir diese Wahrnehmung des Raumes kultiviert haben, erkennen wir, dass wir, wenn wir die Dinge aus dieser Perspektive betrachten alle Beschränkungen der Materialität, alle Grenzen, Begrenzungen der Materialität, sogar alles Leiden der Materialität hinter uns lassen … einfach nur Raum.

Wir tun nicht so, also ob die Dinge gar nicht da währen, wir betrachten sie nur aus der Perspektive der Raumbesetzung, des Raumes, den sie einnehmen. Um unserer normalen Art, die Dinge als fest, substantiell zu sehen, die wir dann bewerten, die wir mögen oder nicht mögen, auf die wir reagieren … die wir wollen oder die wir nicht wollen … um all dem entgegenzuwirken.

Es ist nur ein Training in der Wahrnehmung, um uns zu befähigen, auf diese Reaktivität gegenüber materiellen Dingen … aus ihr herauszutreten, aus dieser Besessenheit von haben, besitzen, auswählen, ablehnen …

Es ist der erste Schritt, zum Erlernen von Wuwei dem Nichthandeln.

Auf dem ganzen meditativen Weg, den wir hier gehen ... zusammen, geht es darum ... Wuwei zu lernen …

Und wenn wir so da stehen ... kommen früher oder später zwangsläufig Gedanken auf. Der Geist wird abgelenkt. Und wann immer wir das bemerken, so bemerken wir dies mit einem Lächeln, einem sanftem Lächeln … einfach nur lächelnd anerkennen … Oh, der Geist wurde abgelenkt … kein Problem. Wir brauchen nicht mit den Gedanken zu kämpfen. Wir machen Taiji mit den Gedanken. Wir blocken sie nicht. Wir gehen ihnen einfach aus dem Weg. Wie machen wir das? Indem wir die Wahrnehmung des Raumes benutzen … indem wir die Gedanken einfach mit Raum umgeben.

Um uns wirklich mitreißen zu können, müssen die Gedanken den Geist einengen. Sie müssen ernst genommen werden. Sie brauchen unsere Identifikation mit ihnen. Wenn wir das nicht tun, sind die Gedanken eigentlich gar kein Problem. Lasst die Gedanken kommen … sie werden auch wieder gehen. Wir umgeben sie einfach mit Raum. Geräumig zu bleiben ... geräumig mit den Gedanken umzugehen … und wir bleiben ... verweilen und sind verwurzelt im Dantien … im Energiezentrum … im Raum.

Und wenn wir das länger üben ... werden wir schließlich feststellen, dass wir unseren Körper nicht mehr so sehr als feste Einheit erleben, sondern vielmehr als Ansammlung von Energie … Energie in ständiger Bewegung … und das wir auch die Begrenztheit des Körpers durch die Haut … die Unterscheidung zwischen dem was innen ist und dem was außen ist … wird irgendwie weniger ... als ob die Haut porös wird … und wir werden uns vielmehr bewusst der energetischen Beschaffenheit des Körpers. Das ist sehr nützlich für unsere Form und für Tuishou und für Pushands. Und es hat auch Auswirkungen auf das tägliche Leben, den Raum immer wieder zu entdecken … den Raum zwischen mir und dir, während wir uns anschauen … den Raum zwischen einem Klang und einem anderen „Stille“, anderen „Raum geben“.

Es gibt eine ganze Menge verschiedener Richtungen, die wir erforschen können … allein mit diesem ersten von insgesamt vier Schritten, die wir zusammen üben können.

Grenzenloser Raum! Manchmal mag es sinnvoll sein, dass wir sehr langsam und bewußt die verschiedenen Richtungen gehen, um den grenzenlosen Raum aufzubauen. Zu anderen Zeiten mag das eher störend sein … und dann einfach nur Erkennen ... grenzenloser Raum … kann schon genügen.

Diese Richtungen … vorn, hinten, links, rechts, oben, unten … es ist nur eine Stütze, wenn es sinnvoll ist. Muß nicht immer so sein. Manchmal kann es einfach nur das Bewusstsein von grenzenlosem Raum … und schon ist es da „Grenzenloser Raum“

Und dieser Körper: nur Raum, Raum durchdrungen von Energie. Speziell das Dantien, umgeben von Raum. Und manchmal, wenn wir draußen stehen, spüren wir den Wind, der sich durch den Raum bewegt. Unser Geist ist wie der Raum: Offen, weit, entgegenkommend, nicht widerstrebend.

Und wenn dann für uns die Zeit gekommen ist, zum Abschluß zu kommen, kehren wir zunächst zurück zur Wahrnehmung des Körpers als etwas Festem … das Gefühl, die Schwerkraft zu spüren, loslassen der ______ vom Raum … und wenn wir wollen vielleicht noch einmal durch den Körper gehen, vom Kopf bis zu den Füßen, um den Körper als solide zu erfahren, die Schwerkraft zu spüren.

Und danach machen wir dann die Übung, die wir normalerweise zum Abschluss des Stehens machen.

Herzlichen Dank für eure Aufmerksamkeit