Einssein mit dem Dao

Almut Schmitz vom Taijiquan & Qigong Journal hat mich gebeten, etwas darüber zu erzählen, was ich unter dem „Einssein mit dem Dao“ verstehe. Hier ein Versuch:

Ich bin immer wieder fasziniert, wie durch das langsame und genaue Üben meiner Taiji-Form eine tiefe Ruhe und Verbundenheit in mir entsteht. Ein Ablauf dieser Form dauert zwischen 20 und 50 Minuten. Manchmal laufe ich zwei oder drei Formen nacheinander. Es fühlt sich tatsächlich an, wie mit einem großen alten Fluss zu fließen. Zwar bewege ich mich durch Raum und Zeit, aber in mir selbst eher wie auf einem Floß, gleichzeitig auch irgendwie bewegungslos. Wie ein Gleiten auf einem langsamen alten Strom. Die Gedanken kommen zur Ruhe beziehungsweise sind gar nicht mehr vorhanden. Mit zunehmender Zeit der Praxis entstehen eine Stille und gleichzeitig eine tiefe Verbundenheit. Es ist, als ob sich die Trennung von Außen und Innen aufhebt. Und schließlich entsteht ein Raum, ein »Etwas«, jenseits von Raum und Zeit. Und da ist alles gut so, wie es ist. Es fühlt sich sehr, sehr gut an.

Meine ersten Erfahrungen von Ruhe und gleichzeitig Fließen in mir und in der Welt habe ich nicht beim Formlaufen, sondern in der Stehmeditation gemacht. Ich habe mich also gar nicht bewegt. Mit dieser Übung kommen wir erstmal zur Ruhe. Wir richten die Aufmerksamkeit nach innen, systematisch öffnen und verbinden wir den Körper innerlich. Und wir richten uns ins eigene Zentrum, ins Dantian aus.

Für das weitere Taiji-Training ist das Zur-Ruhe-Kommen des Geistes eigentlich so etwas wie eine Voraussetzung, um sich aus dem Dantian heraus bewegen zu können. Um die Form aufmerksam und konzentriert zu üben, muss der Geist schon ruhig sein. Zuerst ist das Wuji, ein Zustand ohne Yin und Yang. »Wuji« wird als »Urzustand« oder auch »Urgrund« bezeichnet. Ein Zustand ohne Polarität, also noch ohne Yin und Yang ist damit gemeint. Erst wenn Yin und Yang sich trennen, entsteht Taiji, der ewige Wandel.

Um diesem Zustand des Wuji näher zu kommen, wird diese Stehmeditation in unserem System praktiziert. Deshalb wird oft empfohlen, die Stehmeditation vor dem Formtraining zu machen. Um die Form wirklich langsam und aufmerksam zu üben, um alle Ungenauigkeiten wahrzunehmen, dafür braucht es einen ruhigen Geist. Deswegen gehen wir zuerst in die Stille, also in Richtung Wuji. Taijiquan entsteht dann aus diesem Wuji.

Das Praktizieren dieser Meditation in der Stehenden Säule führte mich, im Nachhinein betrachtet, zuerst zu einem immer entspannteren und damit auch glücklicheren Leben und gab mir dadurch die Grundvoraussetzung für einen weiteren, geistigen Weg mithilfe des Taijiquan.

Meine Taiji-Praxis beginnt auch heute noch oft mit dieser Stehmeditation. Es ist wie eine verlängerte Vorbereitungsstellung. Dann entscheidet sich mein Geist für eine erste Bewegung und diese Bewegung entsteht dann aus dem Dantian. Das genaue Beobachten von Abweichungen während des Formlaufens beginnt. Ich bin in einem Zustand höchster Konzentration und beobachte nun, wie die Bewegungen immer wieder zurück ins Dantian fließen und erneut beginnen. Alles fließt und kehrt zu seinem Ursprung zurück. Schon zu Beginn der Form ein sehr schönes Gefühl.

Nach einiger Zeit komme ich so in eine noch tiefere Ruhe. Es wird immer müheloser und stiller. Alles fließt. Alles strömt immer mehr wie von allein. Die Bewegungen kommen nun zwar einerseits aus meinem Geist, gleichzeitig entstehen sie wie von selbst. Zur Ruhe kommt eine wunderbare Weite. Die Trennung von außen und innen scheint sich mehr und mehr aufzulösen. Ein unglaublich wohliges Gefühl. Immer mehr überlasse ich mich diesem Strömen, diesem Fließen, mit dieser Taiji-Form und in dieser Welt.

Alles ist von ein und derselben Energie durchdrungen. Ich selbst trete immer mehr hinter die Form zurück. Es fließt von allein. Ein zauberhafter Raum entsteht, jenseits von Raum und Zeit. Und dort/jetzt ist alles gut so, wie es ist. Alles ist perfekt. Ich fühle eine wohlige Bedürfnislosigkeit, es mangelt mir an nichts mehr, ein allumfassender Friede stellt sich ein. Alles ist schön und gut.

Aus diesem Gefühl von »All-eins-Sein« entsteht dann, ganz von alleine, schließlich eine Zuneigung für alles Lebendige. Für alle Menschen und Wesen und für die ganze Welt. Dankbar für das Leben. »Mögen alle Wesen glücklich sein!« Es ist dieser Wunsch, der dann wirklich von selbst in mir entsteht.

Ist es nicht diese Zuneigung zu allem Lebendigen, diese Liebe, die alle spirituellen/mystischen und religiösen Wege zusammenführen kann?

Diese sogenannten »Einheitserfahrungen« sind, denke ich, weder notwendig noch das Ziel einer spirituellen Praxis. Das Ich spielt in der Einheits-Erfahrung selbst zwar keine Rolle mehr, aber danach geht das Leben ja weiter. Das Ich kommt unweigerlich zurück und ich möchte dann ja doch wieder dies und jenes, aber etwas anderes lieber nicht: der Alltag mit all seinen Herausforderungen. Ich ärgere mich doch wieder über den Nachbarn oder die politische Situation macht mir Angst. Dennoch können diese Einheitserfahrungen sehr hilfreich sein für einen entspannteren und gelasseneren Umgang mit diesem Alltag.

Heute hilft mir dann das viele stundenlange Üben und es gelingt mir immer besser und schneller den Weg zurückzufinden in dieses Gefühl von »Alles ist von allem durchdrungen«. Es funktioniert wie eine Art Konditionierung: Wenn ich bewusst die Zunge an den Gaumen lege, wie wir es zu Beginn des methodischen Weges in der Stehmeditation oder während des Formlaufens tun, erinnert sich mein Körper sofort wieder und entspannt sich. Mein Geist weitet sich und ich spüre wieder die Verbundenheit und die Zuneigung für das Leben.

So empfinde ich die Taiji-Praxis als eine Möglichkeit, diese einmal gemachten Einheitserfahrungen nicht nur zu ermöglichen, sondern auch immer mehr in die eigene Präsenz zu integrieren. Und das Beste daran ist, dass es mich auch in ein Handeln für diese Welt bringt: wertschätzend und zugeneigt. Für mich bedeutet das Erleben dieser Erfahrung nicht, dass ich mich nicht mehr gegen die Ungerechtigkeit einsetzen möchte. Und es bedeutet auch nicht, nur mit dem eigenen Fortschritt zufrieden zu sein, im Gegenteil, der eigene individuelle Fortschritt ist gar nicht mehr wichtig. Ein befreiendes Gefühl.

Diesem Taijiquan, welches sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat und weiterentwickelt, begegnet zu sein ist für mich ein großes Glück. Es lässt mich immer wieder zu diesem Gefühl zurückkehren, dass doch allem ein göttlicher Funke zugrunde liegt. So fühle ich mich in meiner Praxis unterstützt durch viele Generationen und durch die Anwesenheit anderer, die das Gleiche tun: die Taiji-Gemeinschaft. Und schließlich die Gemeinschaft aller Menschen.

Dieses Einheits-Gefühl immer wieder in mir selbst aufzufinden ist für mich der Weg, einen Hauch von dem, was wir Dao nennen, zu erleben. Aber das, was danach daraus entsteht, ist für mich das Entscheidende. Die diesseitige Handlung oder die Wirkkraft des Dao: das De, auch oft übersetzt mit Wirkkraft oder »Leben«. Keinen einzelnen Moment kann ich aufhalten. Alles strömt und wandelt sich. Unaufhörlich. Alles ist untrennbar miteinander verbunden. Das Strömen und der zugrundeliegende Ursprung. Sein und Nichtsein. Ob ich es wahrnehmen kann oder nicht: Ich bin schon zu Lebzeiten untrennbar mit diesem Urgrund verbunden. Der Himmel auf Erden quasi. Ein wunderbares Glücksgefühl, das ich allen Menschen wünsche.

Seit 25 Jahren lerne ich Chen Taijiquan in der WCTAG  bei Jan Silberstorff und Chen Xiaowang und bin unglaublich froh, dass mir diese Kampf-und Lebenskunst begegnet ist.

Sasa Krauter - erschienen im Taijiquan & Qigong Journal 4-2024