Vom Feind zum Freund
Die Stehende Säule (chinesisch: Zhan Zhuang, 站桩)
Was hatte ich für eine große Abneigung gegen die Stehende Säule! Jahrelang. Seitdem ich mit Taijiquan 1999 angefangen habe, konnte ich mit dieser Übung, die ja das Fundament des Ganzen ist, nichts anfangen. Meine Gedanken explodierten förmlich, wenn ich es doch mal versuchte, mich hinzustellen und diese Übung mitzumachen.
Am Anfang noch im Gruppenunterricht und später auch alleine im Park – ich wurde diese Abneigung nicht los. Obwohl ich doch auch theoretisch wusste, dass das die Basis ist. Wie Jan immer sagte: Ohne stehen zu können, kann man nicht laufen lernen. Und so ist es auch. Ich hetzte viele Jahre mehr oder weniger durch die Laojia Yilu-Form, weil mein Kopf nicht bei der Sache war. 'Nur schnell die Form hinter sich bringen', dachte ich immer. Das war für den Körper zwar als Fitnessübung ganz okay, aber einen wirklichen Fortschritt bekam ich so nur sehr langsam hin.
Bis ich anfing, mich auf das System wirklich einzulassen. Nach einer weiteren, bis heute letzten großen Panikattacke, vor vier Jahren, beschloss ich, den Fokus weg vom ewig Negativen, hin zu einer bewusst initiierten positiven Einstellung zu ändern.
Ich hatte nun lange genug analysiert, hinterfragt, woher die ganzen Probleme, Ängste und Depression kommen und wollte nun unbedingt etwas anderes ausprobieren. Im Grunde sah ich das sogar als letzten Ausweg aus der Dauerkrise.
Ich ging also weg von der „normalen“ Psychotherapie, die fast nur Probleme behandelt hat, hin zu einer psychotherapeutischen NLP (Neurolinguistische Programmierung) Therapie, wo es um Lösungen ging.
Ein paar wenige Sitzungen haben hier ausgereicht, mich in eine völlig andere Richtung zu schieben. Ich hatte mich früher nicht getraut, diese Form der Therapie zu versuchen. Da wurde auch immer von Hypnose und Trancezuständen etc. berichtet. Das war mir damals völlig fremd.
Heute ist das aber entzaubert, weil wir durch die Stehende Säule und das Taijiquan allgemein quasi ständig eine Art Trancezustand haben. Und der ist weder schlimm, noch mystisch, noch irgendwie belastend oder gar fremdbestimmt oder was auch immer ich da im Kopf hatte. Stichwort Showbühnen-Hypnose!
Es ist genau das Gegenteil. Einfache Konzentration auf den eigenen Körper. Und Im Moment bleiben! Nicht ständig abschweifen. Und falls doch, nicht grämen, nicht bewerten, sondern einfach wieder zurückkommen und weiter konzentrieren.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen, mich auf die NLP Therapie einzulassen, war also vermutlich meine veränderte Einstellung. Die Bereitschaft, die ganzen negativen Gedankenschleifen loszulassen! Ein bisschen wie: „Du musst die Tasse erst leeren, bevor du sie wieder füllen kannst“ (hauptsächlich bekannt aus der buddhistischen Zen-Tradition, Chan-Buddhismus). Ich wollte mich mit aller Macht nur noch aufs Positive konzentrieren. Und das ist genau der springende Punkt, der zur Heilung führt!
Ich stellte schon seit längerem fest, dass immer, wenn sich z.B. Ängste im Körper breitmachten, sich der gesamte Oberkörper festsetzt. Die Atmung wird flacher, und man atmet quasi nur noch in den oberen Brustraum. Die Schultern ziehen sich hoch, und man ist total alarmiert. Da kriegen die Ängste richtig „Futter“. Alles wird eng.
Um dem entgegenzuwirken, merkte ich schnell, dass die Übungen aus der Vorbereitenden Stellung, die Anspannungen in den Bereichen, die man ansteuert, lösen können. Und man nimmt so den Ängsten körperlich schon mal den Wind aus den Segeln. Die haben nicht mehr so viel Macht über einen. Man ist, neben einigen anderen Übungen und Techniken, nicht mehr hilf- oder machtlos gegenüber diesen Zuständen!
Man unterscheidet ja zwischen zwei Umständen, die eine Wechselwirkung gegenseitig haben.
Psychosomatisch:
Die Psyche beeinflusst den Körper. D.h. Stress und Traumata z.B. können körperliche Probleme verursachen und sich dort manifestieren.
Somatopsychisch:
Der Körper beeinflusst die Psyche. So kann man eben andersherum, durch entsprechende Techniken und Übungen, diese Traumata und Anspannungen im Kopf wieder auflösen, indem man den Körper gezielt löst und entspannt.
Und so fing ich nach der NLP Therapie an, die Stehende Säule mal ernsthafter und ordentlich zu üben. Erst alleine, ohne Anleitung. Das war am Anfang sehr „holprig“, und ich konnte meinen Kopf noch nicht wirklich beruhigen. Da waren ein paar Minuten schon sehr anstrengend. Ich schnappte mir dann aber die Anleitungs-CD von Jan und ließ sie hinter mir (wichtig, weil das Gehör ja nach hinten gerichtet sein soll) laufen. So hatte mein Gehirn, mein Geist etwas zu tun, etwas Sinnvolles, und ich hatte eine Struktur, der ich während der Übung folgen konnte. Toll!
Letztendlich habe ich mir diese Anleitung dann etwas umgebaut, für mich zurecht geschnitten. Die Anleitungen für Anfänger brauchte ich nicht mehr jedes Mal zu hören, und die Ruhephase in der Mitte sollte etwas länger sein. So stehe ich jetzt 27 Minuten. Ein riesen Fortschritt für mich.
Diese Ruhephase war früher schlimm, weil die Gedankenketten sich völlig verselbständigten und wie gesagt, quasi explodierten. Im Moment fülle ich diese ruhige Phase mit positiven Autosuggestionen. Das ist ein super Trick, der auch noch die Selbstheilungskräfte anschiebt.
Ich versuche so also, eine positive, wenn man so will, heilende Energie in die Regionen im Körper zu lenken, die es gerade nötig haben. So wie am Ende der Stehenden Säule die Energie in Arme und Beine und dann in den ganzen Körper geschickt wird, spreche ich einzelne Bereiche direkt an. Und ich bin der Meinung, dass das sehr gut funktioniert.
Denn wenn man jahrelang, bzw. jahrzehntelang immer nur alles Negative hin und her wälzt, sind die neuronalen Bahnen (Stichwort Datenautobahn) im Gehirn so gut ausgebaut, dass es automatisch immer diese „Bahnen“ benutzt.
Diese negativen Bahnen durch positive zu ersetzen, ist am Anfang schwierig und bedarf immer wiederkehrender Übung. Vera Birkenbihl hat das öfter in ihren Vorträgen sehr anschaulich thematisiert.
Die negative Seite hat auch sehr lange gebraucht um zu wachsen. So ist das Positive am Anfang eher ein kleiner Pfad, dann ein Weg und schließlich eine Straße, die wiederum zur Datenautobahn wird, auf der das Gehirn sich dann mit der Zeit schneller bewegt.
Dazu brauchte ich aber erstmal eine Methode, um die negative Gedankenflut zu durchbrechen, sie zu stoppen. Und das gelang am Ende mit einer Übung zum „Gedankenstopp“. Da man solche innerlichen Befehle am besten mit einer Geste belegt und sie somit körperlich erfahrbar macht, habe ich den Stopp mit der Geste aus dem Buddhas Wächter belegt. Nun liegt also die Faust bei dem „Stopp“ in der Hand. Danach öffnet sich die Faust und die Hand wischt die „negativen Gedanken“ von der Hand und wird zu einer Art Mudra-Geste, die für mich persönlich Dankbarkeit ausdrückt.
Also belege ich die Geste immer mit einer spezifischen Dankbarkeit. Wofür auch immer. Das entscheide ich immer situativ.
Wenn man also davon ausgeht, das ständige negative Gedanken zu einer negativen Haltung führen und die Gehirnverdrahtungen "synaptische Verbindungen" sich dadurch auch nur noch aufs Negative fokussieren, müsste es doch auch möglich sein, dachte ich mir, genau das Gegenteil mit positiven Gedanken (ob erzwungen oder nicht, scheint dem Gehirn egal zu sein) zu erreichen. Und genau das soll so sein. Man nennt das wohl kognitive Umstrukturierung. Ich habe mir dazu viele Vorträge von Vera Birkenbihl z.B. oder Shi Heng Yi angesehen, und die bestätigen das auf die eine oder andere Weise.
Unsere Gedanken erschaffen die Welt, in der wir leben.
Aber die wichtigste Erkenntnis für mich ist, wir sind unseren Gedanken keinesfalls ausgeliefert, sondern können sie bewusst steuern. Und - es funktioniert!
Und die Stehende Säule ist eine perfekte Übung, das zu unterstützen. Immer wieder diese positive Autobahn zu nehmen. Und dann schafft sie auch noch eine Struktur im Körper, die dafür sorgt, dass man deutlich besser in seiner Mitte steht. Man kann Situationen oder vielleicht auch Menschen besser „ausstehen“. Ich glaube, Jan bezeichnete das auch einmal so, als es um Tuishou und die Struktur im Stand ging.
Nun ist also die Stille innerhalb der Stehende Säule für mich nicht mehr eine Zeit, in der der Kopf Purzelbäume schlägt und macht, was er will und stressig ist und ständig irgendwelchen negativen Mist rausfeuert, sondern eine Zeit, in der ich meine Autosuggestionen zeitlich gerade noch so unterbringe und manchmal lächeln muss, wenn der Gong ertönt, ich aber noch gar nicht 'fertig' bin und die Übung in Richtung Ende steuert.
Und das Tollste ist, dass man, neben diesen Tools, auch das Taijiquan ja immer dabei hat. Das entspannt.
In diesem Sinne, muss man sich nur noch die Zeit nehmen, zu üben. Da muss ich auch noch dran arbeiten.
Gutes Gelingen...
Raimund Burke
























































