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Ein allgemeiner Ausblick

  • Training in Chenjiagou
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Taijiquan wird bisher überwiegend als Beschäftigung für Erwachsene gesehen, die einen Ausgleich zu ihrem stressigen Alltag, eine gesundheitsfördernde Bewegungsweise, eine sanfte Kampfkunst suchen. Das ist auch in seinem Ursprungsland China so, dort lernen Kinder in der Schule oder ihrer Freizeit eher andere schnellere Kampfkünste, es sei denn, sie wachsen in einer der traditionellen Hochburgen des Taijiquan auf. Kinder und Jugendliche können jedoch ebenso von dieser Verbindung aus körpergerechter Bewegung, Aufmerksamkeitsschulung, Kampfkunst und innerer Entwicklung profitieren. Die ungewohnten Bewegungsabläufe schulen die Körperwahrnehmung und die Koordinationsfähigkeit. Ohne Leistungsdruck lernen die Kinder ihren Körper besser kennen und verstehen. Sie erfahren Gleichgewicht und Stabilität, um sich auch im Alltag aus ihrer Mitte heraus bewegen zu können.

Abgesehen davon, dass der Alltag vieler Jugendlicher nicht weniger anstrengend ist als der von erwerbstätigen Erwachsenen und Verspannungen, Fehlhaltungen und Bewegungseinschränkungen sowie Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme und andere stressbedingte Funktionsstörungen bereits in der Schulzeit sehr häufig auftreten, ist auch der Wunsch nach einer sinnvollen Übungsweise, einer ganzheitlichen Entwicklung festzustellen. Taijiquan kann ein interessantes Angebot für Kinder und Jugendliche sein, das sie in ihrer Entwicklung fördert und in der schwierigen Zeit des Erwachsenwerdens Halt vermittelt. Allerdings ist es dafür notwendig, den Unterricht der jeweiligen Altersgruppe entsprechend auszurichten. So wird man kleinere Kinder in spielerischer Weise mit den Bewegungsprinzipien des Taijiquan vertraut machen, während Jugendliche häufig ein reges Interesse an den Ursprüngen und philosophischen Bezügen dieser Kunst haben, so dass man mit ihnen auch gut über ihre theoretischen Hintergründe sprechen kann.

In diesem Neuland sind inzwischen vereinzelte Taijiquan-LehrerInnen zu finden, die auch mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Manche, weil sie selbst Kinder haben, die Interesse am Taijiquan zeigen, andere, weil sie von Haus aus Pädagogen sind oder Erfahrungen mit Kindergruppen aus anderen Bereichen haben, einige, weil sie das, was ihnen selbst gut tut, auch Kindern zugänglich machen möchten. Alle entwickeln dabei ihren eigenen Weg, je nach persönlichen Fähigkeiten, der eigenen Auffassung vom Taijiquan, den bisherigen Erfahrungen mit Kindern sowie den äußeren Rahmenbedingungen des Unterrichts. Dieser kann wie die üblichen Erwachsenengruppen in frei organisierten Kursen oder Schulen stattfinden, in Sportvereinen oder Freizeitzentren, mancherorts gibt es auch Schulen, an denen Taijiquan in den Unterrichtsplan einbezogen oder als Neigungskurs angeboten wird. Von der Ausrichtung her können mal Entspannung und Konzentration im Vordergrund stehen, mal Beweglichkeit und Haltungsschulung oder psychomotorische Förderung, anderswo der Kampfkunstaspekt oder die Integration innerhalb der Gruppe.

Dadurch, dass Kinder im Taijiquan ihre Kräfte und körperlichen Möglichkeiten erkunden und untereinander ausprobieren können, lernen sie nicht nur viel über sich selbst, sondern auch über den Umgang mit anderen und die Dynamik von Konflikten. Wie es in der Pädagogik heißt: Sie entwickeln soziale Kompetenz. Dies ist bereits ein wesentlicher Bereich der Selbstverteidigung, denn bekanntlich besteht die beste Verteidigung darin, Konflikte zu lösen, bevor sie gewaltsam ausgetragen werden. Daher wird auch damit experimentiert, Elemente aus dem Taijiquan in der Gewaltprävention einzusetzen.

Die Unterschiede bei den Kinderkursen sind vielleicht noch ausgeprägter als zwischen Kursen für Erwachsene, ohne dass bereits etwas über die Qualität ausgesagt würde. Ausschlaggebend wird letztlich sein, inwieweit das Angebot den Interessen eines Kindes entspricht und wie es mit der Lehrkraft und den anderen Kindern klarkommt. Allerdings sollte man darauf achten, dass es im Kern wirklich um Taijiquan geht und dessen Charakteristiken nicht im Bemühen um „kindgerechten Unterricht“ verloren gehen. Es sollte nicht zu sehr angepasst werden an das, was die Kinder gewohnt sind, denn sein Wert liegt ja gerade darin, dass es sich davon unterscheidet. In einer Zeit, die ein Übermaß an Ablenkung, Aktion und Spannung bietet, kommen die Bedürfnisse nach innerer Ruhe, körpergerechter Bewegung, Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Verbundenheit mit dem Kosmos zu kurz. Kinder und Jugendliche werden oftmals unterschätzt in ihrer Bereitschaft, sich auf ungewohnte Erfahrungen einzulassen, man sollte ihnen daher ruhig die Möglichkeit bieten, etwas Neues kennenzulernen. Junge Menschen merken oft erstaunlich schnell, was ihnen wirklich gut tut – auch wenn es ihnen vielleicht trotzdem schwer fällt konsequent dabeizubleiben.

Artikel aus dem Sonderband „Taijiquan für Einsteiger“ des Taijiquan & Qigong Journals

Almut Schmitz