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Schweigecamp im Kloster St. Honorat

„Was, 13 Tage schweigen? Das können doch nur Männer!“
„Wie bitte? Kein Handy, keine Bücher, kein mp3-Player, das geht doch gar nicht!“
Solche und ähnliche Aussagen erhalte ich, wenn ich erzähle, dass ich schweigen gehe. Die ungläubigen und teils verständnislosen Äußerungen meiner Mitmenschen entlocken mir ein Schmunzeln. Es ist bereits das zweite Mal, dass ich mich für das Schweigen und damit gegen Lärm und Stress meines Alltags entscheide. Für mich ist diese Auszeit ein kostbares Geschenk, das ich mir selber mache. Zweifelsohne die erholsamste Art von "Urlaub", die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Kein Geschwätz - nur Stille; keine Telefonate – Ruhe; kein Arbeitsdruck – Entspannung, im Einklang mit der Natur, im Einklang mit mir selbst. Schlafen, meditieren, essen, Taiji, meditieren, essen, schlafen, Taiji, meditieren, essen.... Stille, so sieht unser Tagesablauf aus und ich kann mir kaum einen schöneren vorstellen.

Bei meiner Ankunft ist der Himmel verhangen, das Wetter regnerisch und sehr windig. Vom Stress der letzten Wochen komme ich kopflastig und etwas ausgelaugt im Kloster an. Es kommt mir so vor, als seien die Wolken um mich herum meine eigenen Gedankenschwaden, der Wind meine eigene Unruhe, der noch in mir braust. Musste ich doch noch so "wichtigen Dingen" vor meiner Abreise gerecht werden und sie erledigt wissen! Dinge, die mir nach dem ersten Tag im Kloster einfach schon so unwichtig und banal erscheinen. Nun darf ich sie fallen lassen, all meine Gedanken, alles, aber auch ALLES loslassen, kann in die Stille eintreten, leer werden – hier ist nun Raum und endlich Zeit dafür.

Dies ist allerdings leichter gesagt als getan. Nachdem alle notwendigen Dinge und der Tagesablauf für die kommenden 13 Tage mit Jan Silberstorff besprochen worden sind, alle bekannten und weniger bekannten Gesichter begrüßt wurden, beginnen wir bereits abends mit dem Schweigen. Wir vermeiden ab nun jegliche Kommunikation, auch den Augenkontakt in unserer ca. 20 Personen großen Gruppe.

Das Wetter auf Mallorca ist am ersten Morgen immer noch viel zu kühl und windig für diese Jahreszeit und die feinen Korrekturen von Jan beim Taiji-Unterricht sind nur schwer durch die ganzen Schichten meiner Shirts und Jacken zu erspüren.

In der ersten Sitzmeditation / Stufe 1 beschäftige ich mich mit der entspannten, stereotypen Bewegung, welche meinen Geist - einem wilden Affen im Käfig gleich - besänftigen kann. Durch das Kurbeln meiner Arme kann ich meine Gedanken beruhigen oder besser gesagt – mein Geist wird eingerichtet und ich bin überrascht, wie gut es mir gelingt, gleich alles loszulassen und mein Affe schon gebändigt ist. Das liegt vielleicht an meiner großen Müdigkeit.

Am Abend ist dann plötzlich alles klar, zumindest schon mal der sternenklare Nachthimmel. Ich erwache einige Male in der Nacht und es bietet sich mir eine uneingeschränkte Sicht auf die südliche Insel Mallorcas und das umliegende Meer. Alles ist so friedlich von hier oben betrachtet! Die Sterne haben sich vor dem südlichen Himmel wie ein Kelch formatiert und wie ein Pfeil durchdringt mich der Gedanke an das Tor des dunklen Weibes. Hatte Jan doch tagsüber im Vortrag vom 6. Vers des Daodejing gesprochen. „Der Geist des Tals stirbt nicht – es heißt das dunkle Weib – Das Tor des dunklen Weibes – das heißt die Wurzel von Himmel und Erde.“

Ich beginne allmählich, das Zeitgefühl zu verlieren und obwohl ich nichts mache in der Zeit des gemeinsamen „Nichtstun“ um zum „Nichtsein“ zu gelangen – so fließt das „Hier und Jetzt“ so schnell in die Vergangenheit hinein.

Eindeutig fällt mir das Meditieren nach dem Taiji-Training viel leichter. Nichts lässt mich besser in meine Mitte kommen und so setze ich mich immer wieder, einer Henne gleich, vor die Pforte zum Wunderbaren und warte! "Völlig losgelöst von der Erde"...die ersten Worte dieses Liedes kommen mir in den Sinn. Welch eine Freiheit dieser gefühlte Zustand durch die Kraft der Vorstellung‚ ‚NICHTS’ um sich herum zu haben. ALLES löst sich auf! Keine Sorgen, keine Probleme nur Leichtigkeit. Vielleicht gelingt es mir ja, diesen Zustand in meinen Alltag zu transportieren, das wäre schön!

Wir haben eine neue Aufgabe bekommen: statt in dem Weitblick-Gruppenraum zu meditieren, soll sich nun jeder einen Platz im Freien suchen. Der Platz, den ich mir zum meditieren ausgesucht habe ist nur durch einige Büsche geschützt, kurz vor dem schwindelerregenden Abgrund und obwohl der Platz auch noch so schön und frei ist, so muss ich feststellen, dass dies kein Garant für eine bessere und tiefere Meditationserfahrung wird. So leicht öffnet sie sich nicht, die Himmelspforte. Im Gegenteil, zu leicht lasse ich mich in der ungewohnten und ungeschützten Umgebung ablenken. Die Sonne, der Wind, Insekten, Vögel, die Klosterkatze.

Der Wechsel der uns verlassenden Teilnehmer nach der ersten Woche und das Kommen der Neuen für die zweite, erfolgt zu meiner freudigen Überraschung fast laut- und reibungslos. Ein gleitender Wechsel in Achtsamkeit und großem Respekt. Immer mehr komme ich zur Ruhe, nicht dass meine Gedanken gänzlich gestoppt wären, aber sie stürzen nicht mehr wie Hornissenschwärme auf mich ein. Ich spüre wie viel Kraft in mir freigesetzt wird, je ruhiger ich werde, je mehr ich meinen Geist leere und nur noch die Gedanken denke, die ich auch denken mag und nicht die Hunderttausend Pfeile die sonst so unaufhaltsam ohne Vorankündigung in meinen Kopf eindringen, um ihn zu füllen. Der Kopf leert sich, wird freier, der Druck löst sich auf. Nur der Nacken wird immer steifer, schmerzt bis zum ‚Davon laufen wollen’. Plötzlich taucht sogar der Gedanke auf, dass es schwachsinnig war für zwei Wochen zu buchen. Mein innerer Schweinehund rät mir, einfach abzubrechen und meine Freundin, die nicht weit vom Kloster entfernt wohnt, zu besuchen, einfach nur noch zu Faulenzen und in der Sonne am Pool zu liegen...

Die Schmerzen werden so stark und ich weiß mich in der Meditation kaum noch zu halten. Das lange Sitzen wird unerträglich, Minuten werden zu Unendlichkeiten, der Entschluss reift, dass ich das Retreat abbrechen werde, der Qual ein Ende setze. So schreibe ich Jan eine kurze Botschaft und während ich schreibe, spüre ich, dass ich nicht wirklich abbrechen möchte und - Jan verspricht Hilfe und vermittelt Massagen. Welch ein Geschenk des Himmels, die Schmerzen weichen und meine darauf folgende Meditation wird zur wundervollen Erfahrung von losgelöster Grenzenlosigkeit. Diesmal löst sich sogar meine Vorstellung auf und es gibt da nichts mehr. Einfach NICHTS!

Kann man Stille hören? Ist es das Summen der Bienen, klingt es wie das Rauschen des Windes in den Feigenbäumen, ist es das Zirpen der Grillen, oder ist Stille die Abwesenheit von Geräuschen? Kann man die Stille sehen? Wie sieht sie aus?

Ist es die Weite, die Tiefe, die Sicht bis zum Horizont? Ist es der Grashalm der sich sanft im Winde wiegt, der Gleitflug einer Möwe oder ist es die wiederkäuende Kuh, das weidende Schaf, das Plätschern eines Baches? Drückt sich nicht auch die Stille in der Bewegung der Taiji-Form aus?

Plötzlich kommt wieder starker Wind auf und in meinem Inneren passiert auch wieder sehr viel, alles wird aufgewirbelt. Innen wie Außen. Täglich verwöhnt Linda (die Küchenfee) uns kulinarisch und mein Dantiangefühl wird nach den köstlichen Mahlzeiten vom gut genährten Bauchgefühl ergänzt. Der Raum ist unendlich und leer und mir wird klar, dass ich selber tagtäglich meine Räume fülle, meinen Geist, meinen Magen, meinen Tag, mein Leben. Ich selber bestimme die Leere meines Raumes, oder die Überfüllung wegen Unachtsamkeit!

Es dämmert und im Tal entzünden sich die Lampen von Llucmajor, kleinen Diamanten gleich – unten im Tal, das Treiben, das irdische Rennen, das Wetteifern, und alles wirkt so weit entfernt. Entrückt, oben auf dem Berg fühle ich mich wie ein Eremit, zurückgezogen, Innenschau haltend, vielleicht sogar ein wenig mehr erkennend, auf dem tugendhaften Weg, im Schutze der Klostermauern... wie lange, wie lange hält dieser gefühlte Zustand an, wenn ich erst mal wieder da unten mitmische?

Das Schweigenbrechen fällt mir wie im Vorjahr schwer. Ich mag noch nicht sprechen, fühle mich noch so geborgen in meiner Stille. Es strengt mich an, muss bewusst meine Lippen formen, um verständliche Worte von mir zu geben! Meine Stimme klingt rau und fremd.

Unser erster Ausflug außerhalb der Klostermauern ist wie ein Spaziergang durch einen Märchenwald. Große alte prächtige botanische Zeitriesen säumen den Weg bis zur Hauptstrasse von wo wir alle andächtig und immer noch schweigend einen wundervollen Blick auf die untergehende Sonne haben. Eine tiefe Andacht umhüllt die Gruppe. Es scheint, als sei es das letzte Mal dass sie für mich dort in diesem Jahr untergehen will. Ein letztes Mal färbt sie den Horizont in malerischen Farben und versinkt. Hinterlässt einen vollkommenen Tag um sich dem Nichts – der Dunkelheit zu überlassen.

‚In der Stille erhebt sich der unendliche Geist Und wortlos kommt die Freude!’
(Taisen Deshimaro Roshi)

In großer Dankbarkeit

Claudia Patzig