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Mit Taiji um die Welt

Wer eine Weile praktisches Taijiquan-Training genossen hat, bekommt vielleicht auch den Wunsch nach China und damit "zurück zu den Quellen" zu reisen, insbesondere nach Chenjiagou, in dem unser Chen-Stil seinen Ursprung hat. Wer wirklich intensiv trainiert und beginnt sich mit der Materie auseinanderzusetzen, verspürt möglicherweise auch den Drang, für eine Weile ganz in eine andere Welt einzutauchen und sich dort ganz dem Training zu widmen – für ein paar Wochen oder sogar Monate. So ging es auch mir…

Als ich 2003 nach einer schweren Rückenverletzung mit dem Taiji-Training begann, dass ich in den 90ern schon einmal kennen gelernt hatte, hätte ich nie gedacht, wie sehr es mein Leben verändern und bereichern würde. Schon 2004 bot sich die Gelegenheit, auf einer WCTAG-Chinareise über die Ahnen der Chen-Familie, die chinesische Kultur und Religion einiges zu lernen, und das so andersartige Land mit fremden Klängen, Gerüchen und Geschmacksrichtungen mit eigenen Sinnen zu erfahren, und zwar mittendrin, aber in guter Obhut. Dieses Erlebnis wollte ich nach einigen Jahren mit Training, Formen, Akademien und Camps sowie Chinesisch-Kursen 2008 (in dem Jahr war eine weitere China-Reise geplant) mit anschließendem Training in Chenjiagou wiederbeleben und meldete ab August 2008 ein Sabbatjahr an. Viele meiner Taiji- und Schulkollegen sagten: "Oh, was hast du vor? Ein Jahr trainieren? Nach China gehen?" und ähnlich. Wie gesagt, China war geplant, Taiji-Training sollte einen Stellenwert haben, aber dann kam doch alles ganz anders und ich finde, es hätte nicht besser für mich sein können.

Die China-Reise wurde aufgrund der Olympiade verschoben, meine trotzdem zunächst aufrecht erhaltenen Reisepläne ins Reich der Mitte von Unruhen und Naturkatastrophen durchkreuzt. Kurzum führte mich meine erste Reise dann alternativ nach Südostasien, wo ich an so herrlichen Orten wie den Bergen um das vietnamesische Dalat oder den Angkor Wat-Tempeln in Kambodscha durchaus mal zum Training inspiriert wurde. Ich kam vielleicht nicht auf tägliches praktisches oder körperliches Training im herkömmlichen Sinne, jedoch hatte ich viel Zeit für meditative Momente und das Erproben von Gelassenheit. Es ist eine befreiende Erfahrung, sich täglich in Ze ran zu Üben, d.h. wie ich es verstehe, den Dingen ihren Lauf zu lassen und mit dem zu arbeiten was ist und nicht was ich evtl. gewünscht oder erwartet hätte. Es stellten sich mit der Zeit ein dauerhaftes Zufriedensein, ein Vertrauen darauf, dass kommt was ich brauche, und eine innere Ruhe ein, wohin ich ohne das gute Training bei meinen Lehrern und die guten Ratschläge nie gekommen wäre.

Erzähle ich von meinen mehrmonatigen Reisen in fernen Ländern, ist die häufigste Reaktion: "Wie, du bist alleine gereist? So lange? So weit weg? Das ist aber mutig!" Ich war zwar immer noch eine fremde Reisende, aber ich fühlte mich nie hilflos oder verzweifelt, ich fühlte mich nie allein gelassen.

Meine zweite lange Reise führte mich ans andere Ende der Welt und insgesamt einmal herum. Mein Hauptziel Neuseeland erlebte ich als unberührt, naturgewaltig und mystisch, und auch hier fand ich neben außergewöhnlichen sportlichen Aktivitäten oft einen ansprechenden Platz zum Trainieren. So geschehen z.B. im Abel Tasman Nationalpark. Auf den Zwischenstopps der Rückreise waren da noch die paradiesischen Fiji-Inseln und im Gegensatz dazu der Central Park in New York geeignete Orte. Aber auch wieder zu Hause, habe ich "meinen Park" mit Lieblingsstätten in der Nähe.

Was ich vor allem mit diesem Bericht zum Ausdruck bringen möchte ist, dass Taiji nicht mehr nur zeitlich begrenztes Training für mich ist, sondern ein fester Bestandteil meines Lebens, meines Denkens und Tuns. Ich möchte auch denen Mut machen, die sich bisher noch nicht einfach mal in der Öffentlichkeit hingestellt und geübt haben, die noch nicht wirklich eine Veränderung bemerkt haben und noch am Anfang stehen. Das Schöne ist ja – und da bin ich nicht die erste, die dies sagt – dass man um praktisch zu trainieren sich selbst genug ist. Wenn dann philosophische oder psychologische Aspekte noch in vielen Situationen stärken und helfen, dann ist das phantastisch.

Mein besonderer Dank gilt unserem Großmeister Chen Xiao Wang, unserem Meister Jan Silberstorff und meinem Lehrer der ersten Stunde Frank Marquardt sowie allen Taiji-Übenden und -Lehrenden mit denen ich trainiert, diskutiert, routiniert, gerungen und geschoben habe. Es ist toll ein Teil des Großen, des Taiji, des höchsten Prinzips zu sein und diesen Weg weiterzugehen.

Sabine Dräger, Dortmund