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Eine Woche Taijiquan statt Schule

  • Projektwoche in einer Grundschule
  • Projektwoche in einer Grundschule

Im Rahmen der Projektwoche einer Grundschule boten zwei Kursleiterinnen der WCTAG (Imke Krüger und Verena Neumann) Chen Taijiquan für Kinder der dritten und vierten Klassen an.

Ein Erfahrungsbericht

Als mich einer meiner Kursteilnehmer fragte, ob Taijiquan für Kinder Sinn machen würde, sagte ich natürlich spontan ja.

Die Schule seines Sohnes, die Helene-Lange-Schule in Pinneberg, mache eine Projektwoche unter dem Motto „Schule in Bewegung“, ob ich nicht ein Taijiprojekt leiten wolle. Die Schüler könnten sich die Projekte an denen sie teilnehmen wollen selbst aussuchen und es würden unter anderem Fußball, Kickboxen, Zirkus und Tennis angeboten. Warum nicht auch Taijiquan? Wir waren gespannt, ob sich genügend Kinder dafür finden würden. Es meldeten sich 11 Schüler verschiedener Nationalitäten, 3 Mädchen und 8 Jungen, das Taijiquan Projekt würde also zu Stande kommen: Vier Tage lang von 8.30 bis 12 Uhr den Kindern Taijiquan näher bringen und am fünften Tag das Gelernte in einer Vorführung präsentieren. Da ich noch keinerlei Erfahrungen mit Taijiquan mit Kindern hatte, wurde mir doch etwas mulmig und ich beschloss, Verena um Unterstützung zu bitten. Zu zweit machten wir uns daran ein Konzept zu entwickeln und merkten schnell, dass wir uns wohl in erster Linie auf Flexibilität und Spontaneität einstellen sollten. Dankbar angenommene Tipps von anderen Lehrkräften, die bereits Erfahrung mit Kinder-Taijiquan hatten, ähnelten sich: Spiele spielen, Hilfsmittel wie Bälle benutzen, nicht erwarten viel „reines“ Taijiquan machen zu können. Nichtsdestotrotz hatten wir dennoch den Ehrgeiz ein möglichst vollständiges Bild vom Taijiquan zu vermitteln - mit der Philosophie, mit dem Erlernen von Bewegungen, mit Partnerroutinen und Anwendungen. Und natürlich wollten wir auch die gesundheitlichen Aspekte mit einbeziehen. Wir sammelten Ideen für Spiele, bestellten Gymnastikbälle, machten einen groben Zeitplan, teilten Schwerpunkte unter uns auf. Plakate mit etwas Theorie, dem Taij-Symbol, chinesischer Kalligraphie wurden vorbereitet, Stoffmaler gekauft. Als kleinen Anreiz für das gemeinsame Gruppenbild bei der Abschlussvorführung sollten die Kinder weiße T-Shirts mitbringen, die sie mit Symbolen oder Schriftzeichen bemalen konnten. Soweit die Vorbereitungen.

Aufgeregt dann der erste Tag. Der Begrüßungskreis zum Kennenlernen verlief ruhig und aufmerksam und erstaunlicherweise fanden wir gleich Gelegenheit zu philosophischen Einführungen, da die Kinder daran sehr interessiert waren und schlaue Fragen stellten. Einige hatten bereits Erfahrung mit Karate oder Aikido, auch bei den anderen war der weite Begriff der asiatischen Kampfkünste durchaus nicht ganz fremd. Wir stellten fest, die Präsenz und Mystifizierung dieses Genres in den Medien (Drachen, Ninja, Kung Fu Panda), die die Kinder allgemein im bestimmten Alter fasziniert, kann man ganz gut nutzen um sie an die Welt das Taijiquan heranzuführen. Was aber wiederum bedeutete, dass, als wir mit den langsamen Bewegungen des Taijiquan begannen, die Kinder erst einmal irritiert waren und nach „action“ verlangten. Dadurch ergab sich praktisch wie von selbst, dass die Erklärung des Taiji Symbols, dass alles in der Welt nach dem Prinzip des Yin und Yang funktioniert, was ja sehr schön logisch mit Beispielen aus der Natur den Kindern verständlich aufgezeigt werden kann, zum roten Faden für die Tage wurde: Wollt ihr „action“, müsst ihr auch ruhig werden können! Da unsere Aufwärm-Spiele erst nur bedingt Zuspruch fanden, ließen wir die Kinder eine Zeit frei spielen, was sie dann auch begeistert mit den Gymnastikbällen taten. Hatten sie sich ausgetobt, begannen wir nach einer kurzen Vorführung der 19er Form die erste Bewegung aus der Laojia zu lernen, wobei der Stößel durchaus mit einem Schrei gestößelt werden durfte. Um eine Klarheit und Disziplin in das Üben zu bringen, wurde eine Aufstellung festgelegt, die dann auch für die Abschlusspräsentation beibehalten werden sollte. Wer „aus der Reihe tanzte“, also das ruhige Üben störte, wurde erst ermahnt, bei wiederholtem Stören für einige Zeit aus dem Raum geschickt. Diese Regelung wurde von den Kindern sehr gut angenommen. Wir selbst lernten, klare Ansagen, Präsenz, liebevolle Strenge, gerechtes Handeln und Humor sind Vorrausetzungen um mit Kindern zu lernen. Wir stellten eine kleine Abfolge von Bewegungen zusammen, die wir dann bei der Abschusspräsentation vorführen wollten: Der Anfang der Laojia , diesen wiederholt mit anschließenden Fauststößen, ein 3. Mal wiederholt mit anschließenden Fußtritten, dann die erste Partnerroutine. Bei den Fauststößen und Fußtritten durfte wieder geschrien werden. Die Kinder merkten, je leiser und ruhiger sie die Bewegungen am Anfang ausführten, je effektvoller und spaßiger wirkten die dynamischen. So wurde das Einüben dieser kleinen „Show“ das Hauptthema des Trainings. Als Anreiz guckten wir zusammen einige Kampfkunst Vorführungen von der Kiai DVD an, worauf alle Kinder motivierter mit machten, denn keiner wollte sich bei ihrer Aufführung blamieren.

Natürlich war es schwierig 11 verschiedene Charaktere täglich für dreieinhalb Stunden gleich aufmerksam und interessiert zu halten. Einige begannen sich mit der Zeit richtig auf das Taijiquan einzulassen, andere fanden es langweilig. Um allen möglichst gerecht zu werden, machten wir immer wieder kleine Wettbewerbe, bei denen es um körperliche Geschicklichkeit ging, ließen die Kinder frei spielen und versuchten ihre Ideen aufzugreifen um wiederholt an Beispielen das Taiji Prinzip zu erklären, praktisch aus der Natürlichkeit heraus. Als wir dann zum Pushhands und zu den Anwendungen kamen und die Kinder die Bedeutung und Wirkung einiger Bewegungstechniken auch spüren konnten, hatten wir das Gefühl, dass einige Taijiquan als Kampfkunst nun wirklich auch ganz "cool" fanden. So vergingen die Tage wie im Fluge. Wir behielten unser Konzept bei, toben, körperlich anstrengende Spiele in Abwechslung mit diszipliniertem Üben der „Show“ und ruhigen Phasen wie T-Shirts bemalen, Entspannungsübungen und Gesprächen. So freuten wir uns sehr bei unserem letzten Gesprächskreis zu hören, dass die Woche „Taijiquan statt Schule“ allen Kinder sehr viel Spaß gemacht hat, auch wenn sich alle einig waren, dass es doch das Beste gewesen war, dass wir sie soviel haben spielen lassen. Da aber die Abschlusspräsentation dann wunderbar klappte und Lehrer und Eltern sehr beeindruckt waren, was die Kinder in der kurzen Zeit zu Stande gebracht hatten, vor allem, dass sie so ruhig und konzentriert sein konnten, waren auch wir glücklich und zufrieden über diese wichtige Erfahrung und überzeugt, dass Taijiquan für Kinder sehr wohl Sinn macht.

Imke Krüger