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Die Jam-Session des Taijiquan

Sasa Krauter (links) erklärt auf ihrem Workshop die ersten zwei Grundtechniken Peng und Lü

Ruhe und Gelassenheit sind Voraussetzungen, um wahrnehmen zu können, um „Kraft zu hören“ (听劲 ting jin). Die Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt zu richten ist wiederum der erste Schritt, um überhaupt zur Ruhe zu kommen. Dies üben wir, wenn wir uns zurückziehen, Abstand schaffen von der Welt und beständig die Aufmerksamkeit nach innen richten, indem wir alleine unserer täglichen Taiji-Praxis nachgehen. Und bald schon sind die ersten Veränderungen zu spüren: Ruhe und Gelassenheit stellen sich vermehrt ein, ein Gefühl der eigenen Mitte wird spürbar. Es fühlt sich einfach gut an! Einer der Hauptgründe, warum wir regelmäßig üben, ist sehr simpel: Wohlbefinden.

Tuishou (Pushhands) bietet nun die wundervolle Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten. Voraussetzung für einen wirklichen Kontakt ist das eigene Bewusstsein, das Bewusstsein meiner Selbst. Im Taijiquan schaffen wir dieses Bewusstsein beispielsweise durch die Stehmeditation, in der wir zuerst einmal zur Ruhe kommen. Denn Ruhe gibt mir die Chance, den eigenen Raum wahrzunehmen und ihn zu bewahren. In den Taiji-Formen übe ich, diesen Raum in anspruchsvollen Bewegungen zu füllen und zu bewahren, ich übe also die Taiji-Prinzipien in der Bewegung. Durch das Pushen kann ich diese Prinzipien zu zweit umsetzen und überprüfen, inwieweit diese Übersetzung gelingt.

So gesehen ist Pushhands Taiji zu zweit.

Von Konditionierung, Mut und spielerischen Katastrophen – Taiji-Lehrerinnen philosophieren über Pushhands


Cornelia Gruber: „Pushhands ist ein Gespräch mit dem Partner, fragen und antworten, herausfordern und anpassen, zuhören und mitteilen, biegen und gerade stehen. Durch Taijiquan versuche ich Leute zusammenzubringen. Deswegen finde ich Pushhands so wichtig. Formlaufen ist gut, mir selbst zuhören ist auch gut. Aber nur mir selbst zuhören? Ich finde es wichtig, den anderen zuzuhören, sonst bleibt Taijiquan unter Umständen eine egoistische Sache.“

Roberta Polizzi: „Es ist so wie eine Jam-Session unter Musikern. Jeder hat seine Technik gelernt, und nun trifft man sich und spielt gemeinsam. Man kennt die Form und kann in Kontakt gehen, man improvisiert zusammen. Immer geht es aber um die Verfeinerung der Fähigkeit, zu ‚hören‘, zu spüren und zu verstehen.“

Cornelia Gruber: „Ja genau! Pushhands ist das Esperanto des Taiji. Ich hoffe aber, das Pushhands wird erfolgreicher sein.“

Almut Schmitz: „Und das Schöne daran ist, dass diesmal der Kontakt nicht – wie so oft – nur übers Reden stattfindet, sondern ohne Worte auskommt.“

Gabriele Laritz: „Ich finde es schön, über das Pushhands auf unterschiedliche Stile zu treffen, sie zeigen die Vielfalt der Taijiwelt auf, und diese Vielfalt ist bereichernd. Nicht: Der Yangstil ist gut oder der Chenstil. In jedem Stil ist die Essenz enthalten.“

Turnier-Pushhands im festen Stand

Sasa Krauter: „Ihr seid alles sehr erfahrene Referentinnen und Lehrerinnen. Wie findet ihr das stilübergreifende Frauenpushhandstreffen im Vergleich zu anderen Treffen?“

Cornelia Gruber: „Früher fand ich diese Trennung nicht gut: Taiji für Männer, Taiji für Frauen, Taiji für Behinderte usw. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, ich hatte Vorurteile. Jetzt habe ich zwei Mal auf Frauenpushhandstreffen unterrichtet und finde diese Treffen wirklich super.“

Roberta Polizzi: „Das Frauenpushhandstreffen hat eine andere Form des Austausches gefunden, die es von anderen Treffen unterscheidet. Es gibt Raum für Reflektion: Warum machen wir, was wir machen. Nach meiner Erfahrung pushen aber Frauen nicht grundsätzlich anders als Männer.“

Cornelia Gruber: „Ich kann es nicht in Worte fassen – es ist einfach schön, einmal nur unter Frauen zu sein. Für mich gibt es unabhängig vom Geschlecht die Frage: Wie kann ich jemandem absolut neutral gegenüberstehen, wie kann ich die Person so aufnehmen, wie sie ist, und mit ihr spielen? Es gibt sowohl bei Frauen wie auch bei Männern die Problematik von Yin und Yang, von zu wenig und zu viel. Allerdings sind wir von klein auf konditioniert. Konditioniert in unserer Beziehung zum Mann und in unserer Rolle als Frau. Es ist für mich eine zusätzliche Herausforderung, mich im Tuishou über diese Konditionierungen hinwegzusetzen. So ist das Tuishou nur unter Frauen für mich psychisch weniger belastend.“

Almut Schmitz: „Als Sasa und ich damals die Idee des Frauenpushhandstreffens hatten, war es uns auch ein Anliegen, Netzwerke mit Frauen zu bilden, die sich mit dem Thema Taijiquan bzw. Tuishou stilübergreifend beschäftigen möchten. Zusätzlich wollten wir einen Raum schaffen, in dem sich Frauen, die dem Pushhands eher skeptisch gegenüberstehen, treffen können. Und natürlich auch den Austausch unter erfahrenen ‚Pusherinnen‘ und Lehrerinnen ermöglichen.“

Gabriele Laritz: „Aber unabhängig von Mann oder Frau: Was bedeutet Pushhands-Training für euch?“

Cornelia Gruber: „Das Pushhands ist einer der Hauptschlüssel im Taijiquan. Als Weg zur Selbstentwicklung kenne ich keinen direkteren Weg als den, der mich herausfordert, das „Ich“ und das „Du“ mit Aufmerksamkeit zu entschlüsseln.“

Almut Schmitz: „Pushhands bietet die Möglichkeit, dass sich alle Stile begegnen können. Wie ein Tanz.“

Roberta Polizzi: „Sinn und Zweck können sich verändern und sehr unterschiedlich sein, je nachdem, was man gerade üben will. Durch die Partnerübungen werden ja auch Verhaltensmuster klar, die zu erkennen sehr spannend und auch wichtig sein kann. Auch fürs Leben da draußen selbstverständlich. Und es ist möglich, neue oder andere Verhaltensmöglichkeiten auf deren Anwendbarkeit oder Tauglichkeit hin zu überprüfen.“

Sasa Krauter: „Gerade durch das Pushhands können wir den Übertrag in den Alltag erleichtern. Das Taijiquan soll uns doch vor allem helfen, im alltäglichen Stress besser zu entspannen und loszulassen: Wie schaffe ich es im Kontakt, meine Grenzen und die der anderen zu respektieren? Im freien Austausch des Pushens stelle ich fest, wie weit es mir gelingt, auch unter Druck und Stress meine Struktur und Mitte zu bewahren. So gesehen kann das Pushhands dann auch eine Verbindung zur Selbstverteidigung herstellen. “

Almut Schmitz: „Was mich immer wieder erstaunt: Ich bin am meisten bei mir, wenn ich Tuishou mache. Der Kontakt mit jemand anderem konzentriert mich noch einmal ganz anders auf mich selbst.“

Cornelia Gruber: „Der Sinn des Pushhands ist es, Prinzipien auszuprobieren oder noch besser anzuwenden. Unvoreingenommen sich selbst und andere kennenzulernen, seinen Platz einzunehmen, Entscheidungen zu treffen, den Mut zu pflegen, aus sich herauszukommen. Demut zu üben. Spielerische Katastrophen spielerisch zu meistern.“

Sasa Krauter: „Genau! Spielerisch! Weil es Spaß macht und sich gut anfühlt, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und die bunte Vielfalt der unterschiedlichen Taiji-Stile zu erleben.“

 

Sasa Krauter
Dipl. Sportpädagogin
Taijiquan- und Qigong-Lehrerin
Bewegungstherapeutin
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