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Reflexe und ihre Auswirkung auf Motorik und Wahrnehmung

Einleitung


In den letzten Jahren stieg trotz allen Bemühungen die Anzahl der Kinder mit Verhaltens- und Lernproblemen sowie mit Bewegungs- und Wahrnehmungsstörungen. Den Fachleuten ist der Zusammenhang längst bekannt. Die Zahl der Kinder mit Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität, Aggressivität, Rechen- sowie Lese-/Rechtschreibschwächen wird von ihnen auf bis zu 20% geschätzt. Auch nehmen Essstörungen, Kopfschmerzen und psychosomatische Störungen zu. Bei Untersuchungen stellte man fest, dass ein großer Prozentsatz der 6 - 7 Jährigen nicht mehr die natürlichen Bewegungen Balancieren, Hüpfen und Ballfangen beherrschen.

Eine Folge von zu wenig Bewegung im Kleinkind- und Grundschulalter. Daraus ergibt sich auch, das mittlerweile fast ein Drittel der Kinder übergewichtig ist. Die Tendenz ist leider steigend. Umfragen haben ergeben, dass die Kinder in den Kindergarten und in die Schule (auch wenn sich die Einrichtungen gleich um der nächsten Ecke befinden) gefahren werden. Sie dürfen sich nicht ausprobieren, sie könnten sich ja schmutzig machen und die motorischen Fähigkeiten werden unterbunden weil die Kleinen sich verletzen könnten. Erschwerend kommt noch hinzu, dass durch das lange Sitzen in der Schule und zu Hause es Verspannungen des ganzen Körpers und eine Verkürzung der Oberschenkelmuskulatur nach sich zieht. Die Folgen sind Koordinations- und Konzentrationsstörungen, Einschränkung bei Ausdauersportarten wie Laufen, Springen und Schwimmen und Rückenschmerzen durch Hohlkreuz und Rundrücken.

So leiden z.B. 41% der Mädchen und 35% der Jungen an Allergien. Ein Drittel der Grundschulkinder leiden unter Kopf- und Rückenschmerzen, 7% davon über ständige Rückenschmerzen. Bei älteren Kindern ist der Anteile mit ca. 44% noch höher. 

Einen gewissen Prozentsatz der Kinder und Jugendliche kann man als psychisch auffällig bezeichnen und 10% - 15% sogar als grenzwertig auffällig.

Von ihrer Altersgruppe ausgegrenzt und abgelehnt fühlt sich ein erheblicher Prozentsatz aller Kinder und Jugendlichen und 45% davon äußerten Probleme mit dem Elternhaus. Gelegentliche Konzentrationsschwierigkeiten haben 41% der befragten Kinder, unter dauernden Konzentrationsschwierigkeiten leiden 12%. Auch hier sind die Anteile bei den Viertklässlern höher als bei Schulanfängern. Über gelegentliche Kopfschmerzen klagen 57% aller befragten Kinder. 14% der Schüler gaben an, fast immer Kopfschmerzen zu haben. Zwischen 40% und 60% der Grundschulkindern klagen zumindest gelegentlich, 10% der Kinder klagen dauernd über Beschwerden und Störungen, wie Übelkeit, Zittern, Schweißausbrüche, Müdigkeit, Nervosität, Gereiztheit oder Schlaflosigkeit.

Die Analysen einzelner Motorikbereiche bestätigt die Tendenz, dass sich die motorischen Leistungen und Fähigkeiten in einzelnen Bereichen gegenüber früher zum Teil deutlich verschlechtert hat.

Eine Untersuchung in einer Grundschule im Jahre 2002 ergab eine alarmierende Zahl von auffälligen Kindern. Bei einer Großzahl der 6 - 11 jährigen fanden sich Restsymptome frühkindlicher Bewegungsmuster. Diese Kinder hatten auch Störungen der Wahrnehmung und der Motorik. Die Ausprägung einer Störung ist aber von verschiedenen Faktoren und den Kompensationsleistungen eines Kindes abhängig.

Durch die Auswertung von Fragebögen wurde herausgefunden, dass 15% - 40% der Schüler/innen von den Eltern und Lehrern als auffällig befunden wurden. Diese Kinder, unabhängig ob Jungen oder Mädchen, hatten eine Häufung von Auffälligkeiten des Zusammenspiels von Sinnesorganen und Muskeln.

Bei Tests „Förderdiagnostik zum Schulanfang“ wurden die motorischen Leistungen der Kinder überprüft. Z.B. wurde der Stand auf einem Bein mit geschlossenen Augen vor 35 Jahren im Durchschnitt für 10 Sekunden gehalten. In den neuesten Untersuchungen stellte man fest, dass der größte Teil der Kinder diese Übung im Durchschnitt nur noch 5 Sekunden halten können.

Leider ein erschreckendes Ergebnis, das auf einen erheblichen Bewegungsmangel im Kleinkind- und Vorschulalter hinweist. Dieser Bewegungsmangel und Bewegungsträgheit setzt sich unerfreulicherweise bis in spätere Jahre fort. Deshalb sind selbst bei Jugendlichen und Erwachsenen verstärkt beträchtliche motorische Einschränkungen zu beobachten.

In meiner langjährigen Unterrichtspraxis in Taijiquan, Qigong und Gesundheitssport stelle ich immer wieder fest, das Erwachsene große Probleme mit einfachen motorischen Übungen haben. Diese resultieren nicht nur aus Verletzungen oder Krankheiten. Meistens ergeben sich diese Schwierigkeiten durch den relativ großen Bewegungsmangel oder aus sehr einseitigen, anatomisch schädlichen Bewegungsmustern.

Förderung durch Bewegung


Die Wahrnehmung und die Motorik bilden das ganze Leben lang die wesentliche Grundlagen für das Lernen. Eine sehr effektive Förderung bei Kindern und Erwachsenen ist über die Bewegung möglich. Nach dem Motto, in einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist.

Die Steuerung, Kontrolle und damit verbunden das enge Zusammenspiel von Sinnessystem und motorischen System, macht das Beobachten, Nachahmen, Mitfühlen und Mitleben (Miterleben) erst möglich, z.B. zwischen Auge und Ohr und der gezielten Steuerung von Arm- und Fußbewegungen beim Rad fahren.

Anfangs kann man feststellen, dass Sensorik und Motorik eine enge Einheit bilden. Dann, dass im Laufe der Entwicklung beide sich verselbstständigen. Es kommt aber immer wieder zur Zusammenarbeit beider, die trotzdem zu einer immer größeren Selbstständigkeit von Sensorik und Motorik führt.

Durch ständiges Üben und Wiederholen von Bewegungen werden die Nervenbahnen immer wieder aktiviert, verbunden und die Synapsen verstärkt. Die Systeme werden durch Anregungen weiter ausgebaut und es werden weitere Vernetzungen gebildet (auch in späteren Jahren). Häufig wiederkehrende Reize, Empfindungen und Bewegungen führen zur Verschaltung und Automatisierung. Dadurch werden Informationen schneller übertragen ohne lange nachdenken zu müssen. Das Lernen wird erleichtert und dauerhafter. Daher ist bei Kindern der beste Zugang zum Lernen die Bewegung. Denn die Motorik hat einen entscheidenden Anteil an Wohlbefinden, Selbstbewusstsein, positives Körpergefühl, Zufriedenheit, Koordination, Kondition und Sicherheit.

Durch die Förderung von mehr Bewegung und mehr Bewegungszeiten könnten sich zum Beispiel auch Pausenunfälle verringern.

Die Basis für Bewegungen sind die Reflexe. Die Motorik (Bewegung) wiederum ist Basis für Hörsinn und Gleichgewicht, sie macht durch Vorstellung von Handlungen aufmerksam und kreativ, und beugt Stress vor. Die Motorik ist auch die Grundlage der Kommunikation durch Haltung, Bewegung, Mimik, Sprache und Schrift. Des weiteren tragen differenzierte motorische Erfahrungen zur Entwicklung von Motivation und Neugier bei. Eine intakte Halte- und Stützfunktion ist die Voraussetzung für die Aufrichtung der Wirbelsäule und des Kopfes und die Stabilität und der Rotation des Rumpfes. Die motorische Entwicklung fördert den psychischen, physischen und emotionalen Entwicklungs- und Lernprozess.

Reflexe sind die Grundlage für Bewegung, die Bewegung ist Grundlage für die Wahrnehmung, die Wahrnehmung ist die Grundlage der Emotionen.

Reflexe und Reaktionen


Reflexe sind schnelle, automatische, beliebig wiederholbare, zweckgerichtete Reaktionen auf einen auslösenden inneren oder äußeren Reiz. Man unterscheidet folgende Reflexarten:

Angeborene Reflexe sind entweder bereits mit Geburt eines Lebewesens voll ausgebildet oder entwickeln sich im Verlaufe seiner Entwicklung bis zur Geschlechtsreife und dem Ende des Wachstums.

Eigenreflexe werden Reflexe genannt, bei denen der auslösende Reiz und die Reflexantwort im selben Muskel stattfinden.

Fremdreflexe sind Reflexe, bei denen der reizwahrnehmende Muskel nicht der ist, der die Reflexantwort ausführt.

Erworbene Reflexe sind reflexartige Reaktionsweisen, die nicht angeboren sind, sondern erlernt wurden.

Von koordinierten Reflexbewegungen spricht man, wenn auf einen Reiz eine kleine oder größere Gruppe von Muskeln aktiviert wird.

Frühkindliche oder primitive Reflexe sind typische, reproduzierende Reaktionsmuster auf gezielte äußere Reize. Diese Reflexe laufen ohne Beteiligung des Großhirns ab, dienen der Nahrungssuche und -aufnahme sowie dem Selbstschutz. Sie sind in den ersten Lebenswochen- und Monaten eines Kindes zu beobachten und werden dann nach und nach im Rahmen der Entwicklung des Großhirns durch höhere Funktionen unterdrückt, aufgelöst.

Dann gibt es noch Reflexformen wie die statischen und statokinetischen Muskelreflexe. Zu den statische Muskelreflexen gehören die Steh- und Stellreflexe, die durch eine Körperhaltung ausgelöst werden.

Die Stehreflexe ermöglicht es dem Menschen und den Tieren die Spannung jedes einzelnen Muskels so zu steuern, das die jeweilige Körperhaltung zuverlässig gehalten werden kann z.B. das aufrechte Stehen. Steh- und Stellreflex werden auch als statische Reflexe bezeichnet, da sie von einer Haltung ausgelöst werden.

Die Stellreflexe ermöglichen es dem Menschen und den Tieren aus einer ungewöhnlichen Stellung heraus wieder die normale Körperhaltung einzunehmen. Dabei sind viele Reflexe wie in einer Kette hintereinander geschaltet.

Die statokinetischen Reflexe werden durch eine Körperbewegung ausgelöst. Sie ermöglichen dem Körper bei jeder Bewegung (Laufen, Springen, im Aufzug, beim Radfahren usw.) das Gleichgewicht zu halten und die jeweils entsprechende Körperhaltung zu finden. Sie sind z.B. dafür verantwortlich, dass eine Katze sich im Sprung oder Fall immer so dreht, dass sie immer richtig landet.

Statische und statokinetische Muskelreflexe sind das ganze Leben lang auslösbar.

Auswirkungen bestehender Frühkindlicher Reflexe


Leben und Bewegung, Bewegung und Leben sind untrennbar miteinander verbunden. Ein Mensch (jedes Lebewesen) muss sich schon im Mutterleib bewegen, um sich entwickeln zu können. Dieses Zusammenspiel von bewegen und entwickeln hält ein Leben lang an.

Schon im Mutterleib nehmen Embryos ihre Umwelt über Bewegung wahr. Vom Säugling an erlernen wir über Bewegung soziales Verhalten und bauen unser Selbstwertgefühl auf. Die Bewegung ist eine der ersten Ausdrucksformen des Kleinkindes. Noch bevor es sprechen kann, drückt es damit seinen Gefühlszustand und seine Emotionen aus.

Jeder Mensch wird mit bestimmten frühkindlicher Reflexe geboren. Diese primitiven Reflexe dienen dem Überleben des Kindes.

Ein Baby hat vor und bei der Geburt und in den allerersten Lebensmonaten noch keine Kontrolle über seine Bewegungen. Es reagiert auf Reize und Stimulation der Umgebung durch seine primitiven Reflexe, die sich als automatische immer gleichen Bewegungen äußeren. Sie sind die Basis für die späteren Reaktionen.

Diese primitiven Reflexe (frühkindliche Bewegungsmuster) werden in der Schwangerschaft entwickelt. Es sind einfache integrierte Schaltkreise zwischen zuleitenden und ableitenden Nervenbahnen. Sie sind vernetzt mit Muskelzellen und ermöglichen die Reflexe. Diese Bewegungserfahrungen werden über die Nervenbahnen dem Gehirn zurückgemeldet und gespeichert.

Die frühkindlichen Bewegungsmuster bilden die Zug- und Druckkräfte für das Wachstum, sie verhindern Gewebeverklebungen und trainieren Bewegungsmuster vor und nach der Geburt.

Primitive Reflexe sind für die Muskelspannung und das Mobilisieren der Nerven auch schon vorgeburtlich aktiv. Sie bereiten die Bewegungsmuster vor und sorgen so für ein Repertoire an Bewegungserfahrungen. Durch das ständige Wiederholen von einfachen Bewegungen kann sich das Zusammenschalten von verschiedenen Muskeln zu Muskelketten ausbilden. Aus denen können sich dann automatisierte Bewegungen mit fließenden Bewegungsübergängen entwickeln.

Die Einbindung und Ablösung der primitiven Reflexe erfolgt nach einem genauen Plan. Es ermöglicht nach einer Phase der Einübung, die Herausbildung der Reaktionen und die Entwicklung bewusster Bewegungen. Danach können wir alle Bewegungsmuster und Körperfunktionen mühelos und ohne Überlegung automatisiert durchführen und diese bleiben uns ein Leben lang erhalten.

In den ersten Lebensmonaten beginnt sich auch das zentrale Nervensystem zu entwickeln. Mit fortschreitender Entwicklung der Gehirnreife werden frühkindliche Reflexe gehemmt oder abgelöst und in so genannte Haltungsreflexe umgewandelt.

Die anfänglichen primitiven Reflexe werden also immer mehr von den Halte- und Stellreaktionen (-reflexen), die für die Kontrolle der bewussten Bewegungen zuständig sind, ersetzt. Erst wenn das geschieht beginnt das Kleinkind schnell Kontrolle über seinen Körper und seine Körperbewegungen zu entwickeln. Die Kontrolle über die ursprünglichen Reflexe legen den Grundstein für immer neuere kontrollierte Bewegungen.

Bei Kindern, bei denen einige der primitiven Reflexe erhalten bleiben, sie nicht vollständig integriert oder abgelöst werden, kann es nicht nur zu motorischen Entwicklungsstörungen sondern auch zu Lern- und Verhaltensstörungen kommen, z.B. Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität, Aggressivität, Rechen- sowie Lese- und Rechtschreibschwächen.  

Die primitiven, frühkindlichen Reflexe die am Anfang die Entwicklung vorangetrieben haben, müssen unterdrückt, integriert oder abgelöst werden. Würden sie weiter bestehen bleiben würden sie die weitere Entwicklung der Haltungsreflexe und Stellreaktionen behindern. Denn wenn die Haltungsreflexe und Stellreaktionen sich nicht völlig entwickeln können, haben die Kinder enorme Schwierigkeit mit bewussten Bewegungen. Bleibt also eine Restsymptomatik der frühkindlichen Bewegungsmuster erhalten, werden zum Beispiel die Muskelketten, die zur Aufrichtung und Ausrichtung des Körpers beitragen, nicht ausreichend automatisiert. Es bleiben Übungen im Sitzen schwierig weil das Kind zuviel Aufmerksamkeit in das aufrechte Sitzen lenken muss. Auch wird die Entwicklung des Gleichgewichtssystem gestört.

Diese bestehenden frühkindlichen Reflexe beeinflussen auch die sensorischen, visuelle und auditive Wahrnehmungen des Kindes und beeinträchtigt die Automatisierung bestimmter Bewegungen. Daher ist es nicht überraschend, dass diese Kinder auf außerordentliche Schwierigkeiten in der Schule stoßen, oder das Erwachsene schlecht mit Stress verschiedenster Art fertig werden.

Primitive Reflexe


Wenn das Baby in der Handinnenfläche eine Berührung spürt, schließt es aus einem Reflex heraus die Finger. Dieses Schließen der Finger um einen Gegenstand, der Greifreflex, soll erreichen dass diese fundamental wichtige Bewegung sehr oft geübt wird. Durch das ständige Üben und Wiederholen werden bestimmte Bewegungsabfolgen so einstudiert, dass sie irgendwann einfach vorhanden sind. Das Bewegungsmuster Greifen, wurde im Gehirn gespeichert. Damit man aber bewusst zugreifen kann, muss man auch wieder loslassen können. Erst dann können wir Gegenstände greifen, transportieren und ablegen. Wie alle frühkindliche Reflexe muss auch der Greifreflex wieder aufgelöst werden wenn er seine Bestimmung erfüllt hat.

Zu den wichtigsten frühkindlichen (primitiven) Reflexen zählen der Moro-Reflex (nach seinem Endecker benannt), Asymmetrischer Tonischer Nackenreflex (ATNR) und der Symmetrische Tonische Nackenreflex (STNR).

Der Moro Reflex dient dazu dass das Kind im Mutterleib die Arme breit macht wenn die Nabelschnur zu nahe kommt, um von ihr nicht eingewickelt, umschlungen zu werden. Bei der Geburt ist diese primitive Abwehr/Kampf/Flucht-Reaktion komplett vorhanden und sollte bis zum 4. Lebensmonat durch den Erwachsenen Schreckreflex ersetzt worden sein. Bleibt der Moro Reflex vorhanden weil er nicht abgebaut werden konnte, kann sich das negativ auf das Verhalten des Menschen auswirken z.B. durch Wutanfälle, Gleichgewichtsprobleme, Ängste vor Tieren und Höhen, wenig Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizite (kann sich nicht auf eine Sache konzentrieren).

Betroffene ältere Babys und Kinder biegen sich bei Wut oder Hunger richtig nach hinten durch. Sie zeigen leichte Reizbarkeit, da sie ständig unter Anspannung und innerer Unruhe stehen und können Kritik schwer annehmen. Phasen übermäßiger Aktivität werden abgelöst von Phasen schneller Ermüdung. Spontane Aktionen sind schwierig denn das Kind verlangt nach Ritualen. Seine durch den Reflex geschärften Sinne registrieren alles. Gleichzeitig wird seine Wachsamkeit durch die Stresshormone noch verstärkt. Das Kind steht deshalb so unter Spannung, dass es sich kaum auf ruhige Aufgaben konzentrieren kann. Jedes Geräusch, jede Bewegung, jedes geflüsterte Wort, alles wird sofort registriert immer bereit zur Abwehr/Kampf/Flucht-Reaktion, um der Gefahr zu entgehen. Aber konzentriertes Arbeiten und sich in die Aufgabe vertiefen ist dadurch fast unmöglich.

Der Asymmetrische Tonische Nacken Reflex ATNR wird durch Drehen des Kopfes zu einer Seite ausgelöst. Wenn der Kopf gedreht wird, strecken sich Arme und Bein auf der gleichen Seite mehr, während sich die Gliedmaßen der Gegenseite mehr beugen. Der Reflex sollte im sechsten Lebensmonat im wachen Zustand integriert sein. Wenn er weiter nachweisbar vorhanden ist, können folgende Verhaltensweisen negativ beeinflusst werden z.B. die Koordination von Hand und Arm beim Schreiben, die Entwicklung der Sehmotorik, Augenfolgebewegung (sie ist notwendig für lesen und schreiben), die Aufrichtung gegen die Schwerkraft wird sehr erschwert, fast unmöglich, die Gleichgewichtskontrolle, die Wahrnehmung, Verhindert Symmetrie, Drehen und Stützen.

Der Symmetrische Tonische Nacken Reflex STNR bewirkt das beim Beugen des Kopfes die Arme gebeugt und die Beine gestreckt werden. Beim Strecken des Kopfes werden die Arme total gestreckt und die Beine gebeugt. Es ist die Voraussetzung zum Krabbeln. Er ist bei normaler Entwicklung ungefähr bis zum 11. Monat vorhanden. Wenn er weiterhin präsent ist, kann er folgende Entwicklung negativ beeinflussen: z.B. den Vierfüßlerstand und damit verbunden das Aufrichten zum Sitzen, schlechte Augen Hand Koordination, die Verkrampfungen im Hals-, Nacken- und Schultermuskel Bereich (dadurch verkrampfte Schreibhaltung), den Wechsel zwischen Nah- und Fernsicht.

Fazit ist: Wenn Kinder aber auch Erwachsene ständig gegen den Reflex anarbeiten müssen, müssen sie sich für eine Sache z.B. das Schreiben, etwa drei mal soviel anstrengen.

Primitive Reflexe beim Erwachsenen


Diese neurologischen Entwicklungsverzögerungen sind nicht nur auf Kinder begrenzt. Die frühkindlichen Reflexe bleiben das ganze Leben lang bestehen wenn sie nicht ausreifen, abgelöst und integriert werden können. Es zeigen sich im laufe des Lebens spezifische Probleme wenn Kombinationen von primitiven Reflexen vorhanden sind. Die Folgeerscheinungen von bestehenden frühkindlichen Reflexen, die im Zusammenhang mit Kindern beschrieben werden, sind dann auch unterdrückt bei Erwachsenen zu finden.

Auch Erwachsene können dann ihre Fähigkeiten nicht voll entfalten. Sofern diese Reflexe nur gering ausgeprägt sind, können sie aber meistens ausgeglichen werden. Es vermittelt den Eindruck, das man sich in Schule und Alltag gut damit arrangieren kann. Trotzdem kann der Mensch unter Nachteilen leiden, da der Ausgleich nur durch Einbußen in der emotionalen Entwicklung, dem Selbstbewusstsein und dem Umgang mit Stressfaktoren erreicht wird. So können die Bewegungsmöglichkeiten, die Emotionalität und Kreativität eingeschränkt und mit fortscheitendem Alter können durch ausgleichende Halte- und Bewegungsmuster Verspannungen und/oder Schmerzen im ganzem Körper hervorgerufen werden.

Dr. Lawrence Beuret, der sich auf diesem Gebiet mit Erwachsenen und Studenten befasst, stellte fest, das Menschen oft Probleme bekommen, wenn sie größeren Anforderungen ausgesetzt werden. Das Zusammenspiel, Elternhaus verlassen, neue Freunde suchen und eine große Menge an Unterrichtsstoff durch zu lesen, zu erarbeiten und zu erlernen, bringt die Schwierigkeiten, die bis dahin gut kaschiert werden konnten an die Oberfläche. Nach der Bearbeitung und Korrektur der frühkindlichen Reflexe konnten Studenten ihre berufliche Laufbahn erfolgreich fortsetzen.

Zwischen 1979 - 1980 entdeckten Blythe und Mc Glown, das fast 75% aller Patienten, bei denen Platzangst diagnostiziert wurde, ein Defekt im zentralem Nervensystem aufweisen. Dieser Defekt deutete auf eine Gruppe fortbestehender frühkindliche Reflexe hin, die eng mit Gleichgewichtsproblemen und Ängstlichkeit verknüpft sind.

Das grundlegende menschliche Gefühl Angst, das jeder Mensch ein paar mal in seinem Leben erfährt, ist ein wichtiger und nützlicher Faktor zur Motivation, als Schutz oder zur Anpassung. Übermäßige Angst führt zur Isolation, verhindert ein angemessenes Gefühlsleben und wird als hohes Stresspotenzial empfunden.

Es gibt viele Forschungsergebnisse der Gehirnforschung die zeigen, wie durch Bewegung Gehirnaktivitäten auf andere Gehirnareale verlagert werden können. Wenn zum Beispiel nach einem Schlaganfall ein Gehirnbereich ausfällt, kann ein gezieltes Bewegungstraining die Nervenbahnen und Synapsen wieder aktivieren, verbinden und verstärken. Die Systeme werden dadurch weiter ausgebaut und es werden weitere Vernetzungen gebildet und neue Gehirnareale aktiviert. Diese können dann die Aufgaben der weggefallenen Bereiche übernehmen. Durch das ständige Üben und Wiederholen von gezielte Bewegungsabläufen können nicht ausgereifte und abgelöste primitive Reflexe behandelt und aufgelöst werden. Mittels neuer Nervenverbindungen können Erwachsene (und Kinder) für sich und in sich neues Potential entdecken und entwickeln. Das teilweise Abbauen von Verspannungen und die Erweiterung von Bewegungserfahrungen hat eine sehr positive Auswirkung auf körperlicher, geistiger, emotionaler und seelischer Ebene.

Bewegung und Bewegen hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Organen, Muskeln, Knochen, Nervensystems und auch auf die Gehirnreifung (Entwicklung).

Der Einfluss der Reflexe und Bewegung reicht über die körperliche Entwicklung bis hin zur geistigen und emotionalen Entwicklung. Aber eine gesunde Entwicklung ist nur dann möglich, wenn ein Entwicklungsabschnitt beendet ist und der nächste auf dem abgeschlossenen Entwicklungsabschnitt aufbauen kann.

Im Taijiquan können diese Entwicklungen positiv beeinflusst werden.

Durch das ständige sehr langsame und konzentrierte Wiederholen von Bewegungsabläufen und einzelner Bewegungssequenzen im Taijiquan hat man auch als Jugendlicher und Erwachsener die Möglichkeit, seine Leistungen und Fähigkeiten in einzelnen Bereichen zu steigern.

Die beim Taijiquan verstärkte Zusammenarbeit von Sensorik und Motorik verbessert nach einiger Zeit des Übens die Wahrnehmung, was die unterschiedlichsten psychischen, physischen und emotionalen Entwicklungen und Lernprozesse positiv beeinflussen kann. Die Verspannungen im ganzen Körper nehmen ab und dadurch ergibt sich ein sehr förderlicher Einfluss auf Muskeln, Knochen, Sehnen, innere Organe und auf das ganze Nervensystem. Dadurch nehmen unter anderem Konzentrations- und Koordinationsstörungen, Gereiztheit, Aggressivität, Migräne, Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit und psychosomatische Störungen ab. Die körperliche und emotionale Ausgeglichenheit (Balance) wird verbessert.

Wie schon erwähnt, die Basis jeder Bewegung sind aber die Reflexe. Sie werden durch das Üben von Taijiquan kultiviert, was im Tui Shou und in der Anwendung deutlich zum tragen kommt. Es ist aber kein Einüben von bestimmten Abwehrbewegungen auf einen bestimmten Angriff. Sondern es wird dabei das natürliche Reflexverhalten im Unterbewusstsein angesprochen und geschult. Erst durch diese Schulung wird es uns ermöglicht im Tui Shou und bei der Anwendung erfolgreich zu sein.

In den Taijiquan Formen und Übungen gibt es sehr viele Bewegungsabläufe und Bewegungssequenzen, die das Ablösen und Integrieren von noch vorhandenen und nicht ganz ausgereiften frühkindlichen (primitiven) Reflexen unterstützen.

So kann auch bei Jugendlichen und Erwachsenen durch das regelmäßig wiederholte Üben von ausgesuchten Bewegungsabläufen aus einer Taiji-Form der Moro Reflex, der Asymmetrische Tonische Nacken Reflex usw. korrigiert werden. Das wiederum hat Einfluss auf die Entwicklung von Körper, Geist und Emotionen, was die eigene Lebensqualität und Lebensfreude verbessert.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Reflexe eine entscheidende Rolle in unserem und für unser Leben spielen. Sie sind für die erste Bewegung eines Embryos verantwortlich und für dessen Überleben entscheidend. Erst Reflexe machen jede Art von Entwicklung, auch die eigene Entwicklung, unabhängig ob körperlich, geistig oder emotional möglich. So begleiten und beeinflusse die verschiedensten Reflexe uns und unsere Umwelt ein ganzes Leben lang.

Ohne Reflexe keine Bewegung, ohne Bewegung kein Leben, ohne Leben keine Reflexe.

Robert Waag

Quellenhinweise:

Gudrun Kesper; Klaus Hurrelmann; I. Flehming
Normale Entwicklung d. Säuglings und ihre Abweichungen, Thieme 1987

Prof. Dr. Christa Kleindienst-Cachay; Telse Maria Kähler
Lexikon der Biologie; urn:nbn:de:bvb:473-opus-427