World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany 世界陳小旺太極拳總會

Wie der Vater, so der Sohn

Eine Seminarwoche mit Chen Yingjun

„Der mittlere Sohn von GM Chen Xiaowang, vielen bekannt vom DAO-Camp, ist im Juli 2010 erstmals auf Seminarbesuch in Deutschland.“
So wurde er auf der WCTAG Homepage angekündigt. Im Klartext bedeutete das sieben Tage Seminar mit einem der direktesten und nahesten Schüler des Großmeisters. Die Themen erstreckten sich vom obligatorischen Stehen und Seidenübungen über die 19er-Form und Laojia Yilu bis hin zur 38er-Form, Laojia Erlu (Paochui) und Anwendungen.

Als „Parkbewohner“ (wie ich von manch einem gerne scherzhaft tituliert werde) konnte ich mir dieses Spektakel natürlich nicht entgehen lassen. Da Yingjun keinen späteren Flug nach Deutschland mehr bekommen hatte, war er (glücklicherweise) bereits ein paar Tage vor den Seminaren in Hamburg. Dies verschaffte mir die Möglichkeit sogar eine Privatstunde beim mittleren Sohn des Großmeisters zu nehmen.... und ich war begeistert!

Yingjun ist ein kleiner, massiv gebauter Chinese mit dicken Oberschenkeln, der einem direkt durch seine freundliche und sehr humorvolle Art ungemein sympathisch ist. Seine Standkorrekturen waren teilweise so fein aber gleichzeitig so wirkungsvoll, dass ich mir vorkam als wäre ich bei einem Osteopathen. Mein gesamter Körper öffnete sich – vom Scheitel bis zur Sohle, wie es so schön heißt – und ich konnte das erste mal nachvollziehen, dass man die stehende Säule wirklich „genießen“ kann. War sie zuvor eher ein Kraftakt im Kampf gegen einen sich zunehmend verkrampfenden Rücken oder schmerzende Knie gewesen, so erfüllte mich nach der Korrektur ein sehr wohliges Gefühl und mein Geist kam das erste mal dabei zur Ruhe.

Als es dann allerdings um Seidenübungen und Form ging, war es mit dem wohligen Gefühl und der geistigen Ruhe schnell wieder vorbei. Yingjun legte sehr viel Wert auf eine eindeutige Gewichtsverteilung. „I want you to have your weight totally on one leg!“ war sein Motto – und das während der gesamten Form. Ich glaube, man kann sich ungefähr vorstellen, wie höllisch anstrengend das ist und wie viele (oder eher wenige) Positionen man in Folge ausführen kann bevor einem dabei die Beine versagen. Aber trotz (oder vielleicht gerade wegen) der enormen Anstrengung durch das extreme Gewichten eröffnete sich mir ein ganz neuer Einblick in die Bewegungen, der mir ein neues Puzzleteil für mein großes „Chen Taijiquan-Puzzle“ und einen großen Motivationsschub bescherte.

Und genau wie in der Einzelstunde überzeugte Yingjun auch während der Seminare durch sein tiefes Taiji-Verständnis und seine umgängliche Art. Er gab viele Korrekturen und die dazugehörigen theoretisch Erklärungen. Neben intensiven Trainingseinheiten blieb stets noch Zeit für Fragen, die Yingjun sich zwar sehr präzise ausformulieren lies, im Anschluss aber auch (meist nach einer kurzen Denkpause) ebenso präzise beantwortete. Dabei lag ihm viel daran, dass seine Antwort auch wirklich den Kern der Frage traf und für die Seminarteilnehmer verständlich war. Yingjuns Demonstrationen, seien es nun Formen oder „nur“ Seidenübungen gewesen, haben mich persönlich sehr beeindruckt. Selbst bei den Seidenübungen sah man förmlich die enorme Kraft, die hinter den Bewegungen steckt. Und zwischen all dem konzentrierten Arbeiten und seriösem Fachgespräch fand er immer noch Zeit für das ein oder andere Späßchen – insgesamt eine sehr gelungen Mischung.

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass mir die Seminarwoche mit Yingjun ungemein viel Inspiration und Verständnis gebracht hat. Und ich kann es allen Interessierten nur empfehlen, einmal ein Seminar mit ihm zu besuchen. Wer meinen Ausführungen nicht glaubt, weil er meint, sie seien durchweg zu positiv, der macht sich am besten selbst ein Bild von ihm.

Fabian Ochs