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Taiji und Krankheit

Zum Thema “Taiji und Gesundheit” gibt es inzwischen zahlreiche Untersuchungen, die positive gesundheitliche Auswirkungen belegen. Als ich vor etlichen Jahren mein Hobby Taiji begann, faszinierten mich in erster Linie die harmonischen Bewegungen. Im Laufe der Zeit erlebte auch ich seine gesundheitsfördernde Wirkung.

Dann kam Krankheit – und neue Erfahrungen mit Taiji.

Die völlig überraschende Diagnose einer sehr ernsthaften Erkrankung und die Therapieempfehlung, eine Operation mit drastischen körperlichen Veränderungen, schockierten mich.

Es folgte eine sehr schwierige Zeit, begleitet von chaotischen Gefühlen: Angst, Trauer, Hoffnung, Verzweiflung. Taiji und Meditation, die mir in anderen Krisen geholfen hatten, verloren zeitweilig ihre Wirkung. Beim Versuch, zu meditieren überfielen mich Angstattacken. Ich wollte die Form laufen und ertappte mich beim völlig mechanischen Ableiern von Bewegungen, während im Kopf wieder alles um das “eine Thema” kreiste. Nur Mittwoch abends in der vertrauten Taiji-Gruppe gelang es mir, für eine Weile in den Bewegungsfluss einzutauchen. Alles war wie „vorher“ und ich konnte jedesmal ein bisschen Kraft mit nach Hause nehmen. Zum Glück gab es auch viel hilfreiche Unterstützung. Durch Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe lernte ich, die Operation mit anderen Augen zu sehen und als Heilungschance für mich anzunehmen.

Zwischendurch konnte ich bei zwei kurzen Krankenhausaufenthalten (die mich körperlich relativ fit ließen) schon mal ausprobieren, dass zwischen Bettkante und Fenster ganz gut die Seidenübungen passen. Außerdem kann man sie so leise machen, dass es die Bettnachbarin nicht stört. Den Vortag der großen Operation verbrachte ich mit diversen Vorbereitungen im Krankenhaus. Gegen Abend konnte ich mich für einige Zeit den Seidenübungen widmen. In einer Meditation nahm ich gedanklich Abschied von den Teilen meines Körpers, die ich am nächsten Tag verlieren würde. Ruhe kehrte ein. Nach erfolgreicher Operation begann ein mühsamer Kampf mit Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Atemnot, Nervenstörungen mit Lähmungserscheinungen der Beine und unsäglicher Erschöpfung. Aus vorangegangenen Erfahrungen (eigene Verletzungen, Arbeit mit körperbehinderten Schülern) wusste ich, wie wichtig bei Nervenstörungen ein frühes und intensives Training ist. Beim Taiji hatte ich außerdem gelernt, Schmerzen differenzierter wahrzunehmen. (“Jammern” die Muskeln und Sehnen jetzt nur wegen ungewohnter Belastung oder warnt mich der Schmerz: Stop, hier nicht weiter?). Also raffte ich mich (angeleitet von einer Physiotherapeutin) trotz Schmerzen immer wieder zu kurzen Übungen auf, die bald auch erste Erfolge brachten. Als ich wieder einmal das Sitzen auf der Bettkante übte - ich durfte es jetzt schon alleine - erinnerte ich mich an die Seidenübungen. Zwar verboten Kanülen in meinen Armen jede größere Bewegung, doch “Kurbeln” wie bei der Meditation musste möglich sein. Ich schloss die Augen, versuchte mich aufzurichten (Aua, der Bauch!), bewegte vorsichtig die Arme und stellte mir intensiv vor, es sei die erste Seidenübung ... Was dann kam war wie ein kleines Wunder! Ich spürte, wie sich Spannungen in Schultern und Nacken lösten, der Atem ging freier. Ich glaubte sogar, ein leises Knistern und Knacken zu hören, so eindrücklich war diese Empfindung. (Wer genauer wissen will, wie sich das anfühlte, kann den Schluss des Märchens vom Froschkönig lesen. Da erlebt es der “treue Heinrich”).

Das war der Beginn meiner neuen Version von Taiji-Training. Im Laufe der Jahre hatte ich gelernt, Bewegungsabläufe genauer zu beobachten. Dies half bei der nächsten Herausforderung: Gestützt von der Therapeutin kam ich auf die Beine (Aua, die Füße!). Eigentlich sollte ich nur stehen, aber ich wollte es gleich probieren: Gewicht auf links (und meine Helferin) - rechtes Bein mit dem schlaff baumelnden Fuß anheben – Fuß vorsichtig absetzen ohne umzuknicken - und jetzt?? Taiji! - Gewicht langsam in den gefühllosen rechten Fuß fließen lassen, ausbalancieren – ein Schrittchen mit dem linken, “besseren” Fuß – geschafft! Ich freute mich zusammen mit der netten Therapeutin, die mich aber doch erst mal wieder ins Bett manövrierte. Einige Tage später hatte sie schon ihre liebe Mühe, gleichzeitig auf mich aufzupassen und den Infusionsständer mit den diversen Beuteln rechtzeitig weiter zu schieben. Pünktlich nach 14 Tagen konnte ich das Krankenhaus verlassen. Langsam, aber auf eigenen Füßen.

Dann kam die Reha-Klinik mit vollem Programm. Nach ein paar Tagen fand sich aber doch Zeit und Ort für mein Taiji-Training. Anfangs waren es die bewährten “Seidenübungen”, einhändig im Stehen. (Wahrscheinlich hätte selbst ein Chen-Stil-Profi Mühe gehabt, zu erkennen, was ich da trieb, aber mir tat es einfach gut!) Als mein immer noch recht schwerfälliges Gehirn sich besser konzentrieren konnte, wagte ich mich an die 1. Form: Stehen – sinken - Seitwärtschritt (ups, das Gleichgewicht!) - Arme heben und wieder senken – ? wie weiter? rechts? links? Die Form war weg! Zwar hatte ich mich beim jahrelangen Erlernen der 1. Form durchaus recht schwer getan, aber diesen Teil war ich doch schon viele hundert Mal gelaufen! Ich probierte verschiedene Bewegungen aus... und plötzlich fühlte sich eine davon vertraut und richtig an. Mein Kopf streikte noch, aber Arme und Beine erinnerten sich! Nach und nach konnte ich mit dieser Methode den Anfang der Form “rekonstruieren” und “laufen”. Langsam, mit unsicheren Schrittchen, aber viel Freude.

Inzwischen verstehe ich besser, warum wir beim Taiji so viel Wert auf Routinen legen, die gleichen Bewegungsabläufe immer wieder aufs Neue üben. Ich erlebte es in der folgenden Zeit. Erst wenn die Bewegung “automatisiert” und gewissermaßen im Körper “abgespeichert” ist, wird der Kopf (die Aufmerksamkeit) frei, sich mit tiefer gehenden Aspekten zu befassen (z.B. Entspannung, Energieverlauf). Nach einigen Tagen schaltete mein Gehirn netterweise bei Bedarf wieder auf “Autopilot” und ich konnte mich endlich der korrekteren Ausführung der Bewegungen widmen. “Es” lief wieder, allerdings erstmal nur bis zum “weißen Kranich”. Danach wurde es zu anstrengend. Noch längere Zeit ließ Buddhas Wächter lediglich ein Ess-Stäbchen fallen, der weiße Kranich brauchte zwei Füße zum Stehen und ähnelte insgesamt eher einem Käfighähnchen. Aber es ging voran.

Ich bemerkte noch einen weiteren Vorteil von bereits erlernten Routinen: Sie sind ein wunderbares “Messinstrument” für Fortschritte, gerade auch in der Rekonvaleszenz. (Letzte Woche konnte ich die Seitwärtsschritte nur ohne Armbewegungen – jetzt geht beides zusammen).

Wieder zu Hause freute ich mich dann sehr auf meine Taiji-Gruppe. Allerdings erschrak ich am ersten Abend doch etwas über die extrem dünne, alte Frau mit den unsicheren Bewegungen, die dort mit den anderen übte...( Spiegelwände sind so ehrlich!) Die “Stehende Säule” machte ich noch längere Zeit im Sitzen. Meine Taiji-Lehrerin verhalf mir mit ihrem guten Unterricht und vielen geduldigen Korrekturen allmählich zu einer besseren Haltung. Auch das spezielle Programm einer Physiotherapie und regelmäßiges Üben zu Hause blieben nicht ohne Erfolg. Nach und nach konnte ich mir dann alle Bereiche des Chen-Stil-Taiji, mit denen ich mich “vorher” schon befasst hatte, “zurück erobern”.

Diesen Bericht schreibe ich noch ganz erfüllt von den Eindrücken eines Taiji-Camps mit Jan Silberstorff in St. Honorat, Mallorca. “Stehende Säule” vor dem Frühstück. Die 1. Form in der großen Gruppe laufen auf der Terrasse im Sonnenschein ... Und als Jan dann den “goldenen Hahn” im Stand korrigiert, warte ich wie alle auf einem Bein stehend, bis ich an der Reihe bin. (Ok, zweimal habe ich den rechten Fuß kurz zum Ausruhen abgesetzt – ganz so wie “früher”.)