SpracheDeutsch

World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany 世界陳小旺太極拳總會

Auszug aus dem "Taijiquan Tu Shuo"

Grundlagenwerk zum Chen-Stil Taijiquan von Chen Xin, 16. Generation der Chen-Familie.
Ins Deutsche übertragen und editiert von Dr. Hermann Bohn, herausgegeben vom Deutschlandvertreter des Kleinen Rahmens und Präsidenten der International Society of Chen Taijiquan, Dietmar Stubenbaum. Im Folgenden ein Ausschnitt der noch 2012 folgenden Gesamtausgabe. Dargestellt zuerst in Originalübersetzung, dann noch einmal in moderner Umgangssprache mit abschliessendem Kommentar:

Graphik des absoluten Nichts (Wuji)

Wuji

„Vorne habe ich einen leeren Kreis gezeichnet und als Graphik des absoluten Nichts bezeichnet. Hier zeichne ich noch einmal einen leeren Kreis, warum wohl? Himmel, Erde und alle Dinge und Angelegenheiten stammen gleichermaßen aus dem Nichts, und nach dem Sein, der Existenz können Dinge und Angelegenheiten nicht mehr gezählt werden. Wie in der Faustkampfkunst, wenn eine Kunst sich entwickelt, so ist sie nicht von Anfang an kunstvoll. Wenn sie aber dann existent ist, wenn sie schadenlos korrekt ist, dann ist sie völlig geschaffen. Wenn sie sich ohne Verstand natürlich entwickelt, keiner formhaften Spur mehr unterliegt, dann wird das Existentielle am Ende wieder ins Nichts zurückkehren. Dies nennt man Form ist Leere, Leere ist Form [1]. Leere, Leere, Form, Form; Form, Form, Leere, Leere; die Ursache, warum ich noch einmal eine Graphik gezeichnet habe, ist eben dieses Prinzip!“

Dieser Ausdruck stammt aus der "Prajnaparamita Hrdaya Sutra", der sogenannten Herz-Sutra, wo es wie folgt heißt: „Als Avalokitesvara Boddhisattva das grundlegende Prajnaparamita praktizierte, erleuchtete er die Fünf Skandhas und erkannte, dass sie alle leer waren. So überwand er alles Leiden und alle Sorgen. Sariputra, Form ist nichts anderes als Leere, und Leere ist nichts anderes als Form. Form selbst ist Leere, Leere selbst ist Form. Wahrnehmung, Vorstellung, Synthese und Unterscheidung sind gleichermaßen so.“ (Siehe "Dazhengcang", 大正藏 [Große Schriftensammlung, Buddhistischer Kanon in Chinesischer Sprache, Anm. d. Ü.], Kap. 8, S. 848). Form steht hier als Sammelbegriff für alle materiellen Objekte. „Form ist nichts anderes als Leere“ verweist daher auf alle Phänomene, physikalischer Natur oder auch psychologischer Herkunft, die allesamt keine unveränderliche, feststehende Form haben, im Buddhismus daher allesamt der Illusion zugerechnet werden und somit alle ohne echte Substanz bleiben. „Leere ist gleich der Form“ verweist auf die Substanzen zwischen den Menschen. Folglich sind die Körper von sich aus substanzlos und leer, bestehen aus einer Verbindung der vier Grundsubstanzen Erde, Wasser, Feuer und Wind. Daher heißt es, dass die Leere identisch ist mit der Form.

Übertragung


Schon ganz vorne hatte ich eine Graphik des Wuji aufgezeichnet und eingefügt; hier zeichne ich nun erneut einen leeren Kreis, warum denn? Weil Himmel und Erde sowie alle Dingen und Angelegenheiten aus dem Nichts heraus entstehen und zum Sein gelangen. Haben sie das Sein erreicht, so sind die Dinge und Angelegenheiten zwischen Himmel und Erde sehr zahlreich, so zahlreich, dass sie unzählbar werden. Das Üben der Faustkampfkunst ist genauso: Am Anfang der Entwicklung ist die Faustkampfkunst aus einer noch nicht existenten Faustkampfkunst entstanden. Sobald sie dann in die Existenz gelangt, korrekt wird und makellos ist, wird sich diese Faustkampfkunst fortlaufend weiter selbst kreieren. Wenn man dann kein Denken mehr darauf verwenden muss, wenn sie das natürliche So-Sein erreicht hat, dann ist sie auf keinerlei Spuren und Phänomene mehr begrenzt und alles Existente wird wieder ins Nichts zurückkehren. Dies entspricht der buddhistischen Aussage von „ Form ist gleich Leere, Leere ist gleich Form“. Leere, Leere, Form, Form; Form, Form, Leere, Leere, dies ist der Grund für mein nochmaliges Aufzeichnen eines runden Kreises, genau wegen diesem Prinzip.

Erläuterungen


Die Wuji-Graphik an dieser Stelle dient der Erläuterung zum Ausführen der Faustkampfkunst, bei der man nicht an den konkreten Figuren, eine nach der anderen, festhalten sollte. Vielmehr muss man einen Zustand erreichen, indem man vom Sein ins Nichts zurückkehrt, in einen völlig unbewussten Zustand gelangt. Die zwischen Himmel und Erde existenten Regelhaftigkeiten entstehen aus dem Nichts, erreichen das Sein, wonach sich alle Dinge und Angelegenheiten zeigen. Die Grundsubstanz dieser Dinge und Angelegenheiten aber wird weiterhin ins Nichts zurückkehren. Die Logik in der Faustkampfkunst ist ganz entsprechend. Am Anfang gibt es ursprünglich keinerlei Faustkampfkunst; wenn sie dann aber entsteht, so kann man durch diese Faustkampfkunst ein Niveau wie in der Schöpfung von Himmel und Erde erreichen. Man muss zwar Figuren und Stellungen der Faustkampfkunst in ihrer existenten Form und Erscheinung betrachten, aber man muss dann eben über diese einzelnen Stellungen und Figuren hinaus gehen und verstehen, dass alle Figuren und Stellungen untereinander wechselweise miteinander verbunden sind, sich gegenseitig in ihren Inhalten beeinflussen. Es verhält sich so, wie es im Buddhismus ausgedrückt wird. Man muss das leere Nichts durchdringen, um die Existenz der Dinge und Angelegenheiten zu erkennen und man muss die Existenz der Dinge und Angelegenheiten durchdringen, um deren Substanz des leeren Nichts zu erkennen. Nur auf diese Weise lässt sich das höchste Niveau der Faustkampfkunst begreifen und verstehen.