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Taiji Training mit Blinden, eine Bereicherung

Auch in einem ganz „normalen“ Taiji Kurs mit überwiegend „gesunden“ Teilnehmern ist es möglich Personen mit Handicaps zu integrieren. Z.B. Hannelore, die blind ist und eine richtige Freude am Taiji hat.

Als Hannelore eines Tages anrief und fragte, ob sie bei mir Taiji lernen kann, hatte ich überhaupt keine Zweifel, dass das geht und sagte sofort ja. Warum sollte jemand der blind ist nicht Taiji üben können? Ich schließe auch hin und wieder die Augen beim Formen laufen. Ja, ich weiß, es ist schon etwas Anderes.

Das einzige Problem sah ich bei mir. Bis dahin hatte ich nämlich keinerlei Berührungen irgend einer Art mit Blinden. Der Umgang mit Blinden war für mich etwas ganz Neues. Und wie würde Kimmy, ihr Blindenführhund, der immer und überall mit dabei ist, beim Üben und Korrigieren auf mich reagieren?

Wir verabredeten also ein erstes Treffen zum gegenseitigen Kennen lernen und Üben. Eine neue Herausforderung, ich freute mich darauf. Trotzdem gingen mir so einige Gedanken durch den Kopf. Wie sage ich was, ohne ihr zu nahe zu treten oder sie zu kränken? Z.B. „Augen öffnen und Blick nach außen richten“, „Blick und Schritt“ oder „Blick Richtung Hand“. Kann man das jemanden, der blind ist sagen und wie kommt das an?

Unter lautem Gebelle von Kimmy öffnete mir Hannelores Mann und eine wunderschöne schneeweiße Schäferhündin begrüßte mich stürmisch. Wie meine schwarze Taijihose danach aussah, könnt ihr euch vorstellen. Nach ein paar Worten zur Begrüßung und des Kennen lernens zog sich ihr Mann wieder zum Arbeiten zurück.

Beim gemütlichen Tee, den Hannelore selbst zubereitete und auch einschenkte, erzählte ich ihr wie so ein Taiji Unterricht in etwa abläuft. Ich erwähnte auch meine Ängste sie zu brüskieren und bat sie, mich auf etwaige Bemerkungen oder Erklärungen beim Unterricht, die sie vielleicht kränken, aufmerksam zu machen, damit ich dann andere Worte finden könnte. Meine Bedenken wegen „Augen öffnen und Blick nach außen richten“ amüsierten sie und sie fand es total in Ordnung, dass auch bei ihr so zu sagen. Sie sagte mir, dass auch bei ihr die Aufmerksamkeit nach innen gelenkt wird, wenn sie die Augen schließt und wenn sie die Augen offen hat die Aufmerksamkeit nach außen geht. Kimmy, ihr Blindenführhund lag einstweilen ganz ruhig in seiner Ecke und döste, mit gespitzten Ohren. Als es dann bei der „Stehenden Säule“ ans Korrigieren ging, war Kimmy ganz schnell zur Stelle setzte sich ganz eng an Hannelore, sah mir ganz genau zu und lies mich keine Sekunde aus den Augen. Auch bei den Korrekturen in der Form ließ mich Kimmy am Anfang nicht aus den Augen und kam ganz dicht an mich heran, um zu sehen was ich mache und dass seinem Frauchen auch nichts geschieht. Wir drei kamen von Beginn an sehr gut miteinander zurecht. Es waren und sind natürlich einige Verhaltungsregeln in Bezug auf einen Blindenführhund zu beachten. Wie z.B., dass Kimmy nur auf Kommandos (Befehle) von Hannelore reagieren darf, nur von ihr Leckerlis zur Belohnung erhalten darf oder das Kimmy nicht gestreichelt oder gelockt werden soll, wenn er das Führgeschirr trägt usw. Sogar ihr Mann und die Familie muss sich an diese Regeln halten.

In den ersten paar Unterrichtsstunden stellte sich auch sehr schnell heraus, dass es für Hannelore einfacher und besser ist, wenn ich ihr die einzelnen Bewegungen und Bewegungsabläufe, genau beschrieb. Wie, was, wann, womit (Arm, Bein usw.) und in welcher Reihenfolge sie die Bewegung machen soll. Für mich heißt das, jede einzelne Bewegung bis ins Kleinste auseinander nehmen und genauestens den Bewegungsablauf beschreiben. Was mit sehr viel Reden und Erklären verbunden ist und meine Stimmbänder immer wieder ganz schön ins „Schwitzen“ bringt. So ist der Unterricht mit Hannelore ein interessanter Lernprozess auch für mich. Das Führen der Bewegung, damit Hannelore sie wahrnehmen und sich merken kann, funktionierte am Anfang überhaupt nicht. Sie schaltete dann ab und konzentrierte sich nicht mehr darauf, sondern ließ mich machen. Mittlerweile hat sich das verbessert und bei für sie sehr komplizierten Bewegungen wird eine Mischung aus Erklären und Führen eingesetzt, mit der sie sehr gut zurecht kommt.

Vom ersten Tag an war es Hannelores eigentliches Ziel in eine „ganz normale“ Taiji Gruppe mit Sehenden integriert zu werden. Inzwischen ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen und sie und Kimmy sind ein fester Bestandteil in einer „normalen“ Taiji Gruppe. Die sich natürlich auch erst an die Zwei gewöhnen mussten. Der Umgang mit Kimmy war allen schnell klar und durch meine Vorbereitung der bestehenden Taiji Gruppe war die Eingliederung überhaupt kein Problem. So kommen beide seit geraumer Zeit zum Taiji Unterricht, was Hannelore sichtlich Spaß macht und ihr ein neues Gefühl von Freiheit vermittelt. Es haben sich ihre Verspannungen im Nacken- / Halsbereich und ihre Kopfschmerzen beträchtlich reduziert. Ihre Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit (25 Min. „Stehende Säule“) sowie ihr Gleichgewicht haben sich erheblich verbessert. Durch ihr Handicap kommt Hannelore in der Form zwar nicht so schnell vorwärts wie Sehende, aber es ist immer wieder erstaunlich, dass sie trotz Blindheit, die Richtungsangaben oft präziser umsetzt als andere. Sie muss sich viel mehr konzentrieren und Bewegungsfeinheiten merken und hat es dadurch schwerer als andere Teilnehmer, die zu jeder Zeit „abschauen“ können. Aber durch die tolle und sehr kompetente Unterstützung im Unterricht von Sonja, die eine Aufteilung der Gruppe möglich macht, ist eine individuelle Betreuung aller Teilnehmer möglich. So können wir uns bei der Betreuung von Hannelore abwechseln, was auch Sonja viel Spaß macht und sie äußerst lehrreich findet.

Und Kimmy, die war von der ersten Stunde an, trotz neuer Umgebung und neuen Leuten total locker. Bei den 25 Minuten „Stehenden Säule“ schläft sie erst einmal ganz entspannt eine Runde und den Rest „meditiert“ sie. Nur wenn sich Hannelore zu weit von ihr entfernt steht sie langsam auf, folgt ihr und legt sich wieder ganz entspannt in ihrer Nähe ab.

Natürlich geschieht es beim Unterricht schon mal, dass ich auch zu Hannelore sage: „schau mal“, was mich dann innerlich ein wenig zusammen zucken lässt. Durch ihre aufgeschlossene und unkomplizierte Art ist das für sie kein Problem. Sie lacht amüsiert und meint dann: das macht überhaupt nichts, ihrem Mann rutscht so etwas auch schon mal heraus.

Es ist nicht einfach eine derart „gemischte“ Gruppe zu unterrichten, aber Hannelore ist eine echte Bereicherung für mich und die Taiji Gruppe. Es ist immer wieder eine neue Herausforderung und es macht Spaß mit ihr zu arbeiten.

Für mich ist es immer wieder eine Freude zu sehen, wenn SchülerInnen trotz anfänglichen Schwierigkeiten Taiji als Weg beschreiten und so ihre eigene Mitte, Ruhe und Lebensfreude wieder finden. Besonders die Arbeit mit Handycaps ist zwar anstrengend, aber um so lehrreicher.

Ausbilder Robert Waag, Salzgitter