Abstract

One can still hear debates about the value of differentiating between »right« and »wrong« and giving direct correction in Taijiquan. In partner exercises, insufficiencies in posture become immediately evident because one’s body structure is unstable. Jan Silberstorff shows how small corrections of posture and on the level of energy can assist the growth of a strong structure. The changes can only be recognized under close scrutiny, but lead internally to an integrated body alignment that allows force to be absorbed and issued fl exibly. Such »external« input provides a major point of orientation that should be considered during autonomous practice.

Individual correction in Taijiquan

Einer der wesentlichsten Bestandteile des Taijiquan-Trainings sind die individuellen Korrekturen. Diese reichen von simplen äußerlichen Standards bis hin zu sehr tief greifenden inneren Veränderungen. Die anfänglichen äußeren Korrekturen sind noch recht einfach, die weiterführenden inneren Korrekturen, die den Energiefluss im Körper optimieren sollen, dagegen manchmal schwieriger nachzuvollziehen. Sie tragen maßgeblich zur Weiterentwicklung im Taijiquan bei. In diesem Artikel wollen wir anhand eines Beispiels deutlich machen, wie sich von außen her geringfügig erscheinende Veränderungen auf die gesamte Körperstruktur und den energetischen Zusammenhalt auswirken können. Auf den Fotos sehen wir Claudia Richter und Helmut Oberlack in einer für diesen Artikel gestellten Tuishou-Situation.

Auf dem ersten Foto sehen wir Claudia klar im Nachteil.

Während Helmut recht zentriert im Lot steht, ist Claudia viel zu weit nach hinten gebeugt. Würden beide Parteien jetzt gegeneinander schieben, muss Claudia nach hinten ausbrechen, da sie nicht nur Helmuts Kraft nicht standhalten kann, sondern sich ihre eigene Kraft noch dazu gegen sie selbst richten wird. Denn weil sie nicht im Zentrum steht, muss sie aus den Armen schieben. Da sie aber auf größeren Widerstand trifft, als die Arme an Kraft abgeben können, würde sie sich nach hinten wegdrücken.

Wir richten den Oberkörper von Claudia so auf, dass sie wie Helmut im Lot steht, wie auf dem zweiten Foto zu sehen ist.

Aber noch immer behält Helmut die Oberhand, eine weitere Korrektur ist notwendig. Sie ist etwas schwerer zu erkennen, aber sehr wesentlich: Die Schulter ist zu angespannt und dadurch hochgezogen. Nicht nur, dass Helmuts Kraft hier eine Ansatzfläche zum Schieben finden würde, Claudias eigene Kraft würde hier stagnieren. Das dritte Foto zeigt diese Korrektur.

Und ein weiterer Fehler ist offensichtlich: Da Claudias rechter Fuß zu weit nach außen gedreht ist, sind Knie und Hüfte vom Rest des Körpers getrennt. Dadurch ist sie in diesen Bereichen innerlich nicht geschlossen und könnte ihre Kraft nicht einheitlich ausrichten. Claudia stünde also zum Schieben nur ein Teil ihrer Kraft zur Verfügung. Ein zweiter Nachteil ist, dass Helmuts Kraft durch diesen Fehler leichter eindringen kann.

Sehen wir uns das vierte Foto im Vergleich zum ersten an, so erkennen wir, dass Claudia nun nicht mehr im Nachteil steht. Im Gegenteil. Von der Struktur her steht sie nun besser als Helmut.

Es fragt sich jedoch, ob sie diese auch wird halten können, wenn Druck ausgeübt wird. Eine weitere Korrektur ist notwendig, um dieses Ziel zu erreichen: Innen und außen müssen aufeinander abgestimmt werden. Jetzt, wo der äußere Rahmen gegeben ist, können wir zum Eigentlichen des Taijiquan-Unterrichts kommen: der inneren Korrektur. Wir haben quasi den Behälter, den äußeren Körper im Lot und können jetzt über diesen Impulse in den inneren Körper abgeben. So können wir im Innern allmählich jeden einzelnen Bereich und Mikrobereich des Körpers lösen, zueinander führen und auf das Dantian – das jetzt nach der äußeren Korrektur tatsächlich das Körperzentrum bildet – zentrieren. Dann kann der korrigierte äußere mit dem korrigierten inneren Körper zusammenfließen. Körpermitte und Dantian ergeben ein und denselben Bereich und der Körper kann von hier als Einheit gesteuert werden.

Eine weitere innere Korrektur ist bei Claudia möglich, die aber eine direkte Wirkung auf ihr Gegenüber hat: Es wird ein Impuls gegeben, der nicht nur die eigene Energie zentriert und den ganzen Körper miteinander verbindet, sondern, zudem noch das Zentrum des Gegenübers okkupiert. Dies ist keine äußere Bewegung sondern, lediglich eine Erweiterung des Systems auf das des »Gegners«.

Es ergibt sich dadurch folgender Zustand: Jetzt sehen wir einen deutlichen Vorteil auf Claudias Seite. Helmut merkt intuitiv, dass ihm Raum genommen wurde. Intuitiv deshalb, da ja keine äußerliche Bewegung stattgefunden hat. Er versucht dies »unbewusst« im oberen Teil des Rückens wieder auszugleichen, indem er sich dort nach hinten hin Raum verschafft. Dadurch ist er bereits vor Beginn einer äußerlichen Handlung im Ungleichgewicht und auch sein eigenes Schieben würde sich gegen ihn selbst richten. Beide Kräfte, die von Claudia und die von Helmut würden sich daher zu Helmuts Ungunsten entwickeln, das heißt, Claudia gewinnt.

Jan Silberstorff