Taijiquan - "Schütze Dich vor Dir selbst"

Wir leben im Informationszeitalter und da ist es nicht schwer, sich zu einem beliebigen Thema eine Expertenmeinung abzuholen. Ein Experte postet seine Meinung auf YouTube oder einer anderen Plattform und hunderte weitere Experten ergänzen den Beitrag um ihre fachliches Urteil. Darin ist im Grunde erst einmal nichts verkehrtes, nur werden manche Diskussionen doch eher flach und auf zweifelhafte Annahmen gestützt geführt. So auch das Thema Selbstverteidigung. Wagt ein Vertreter traditioneller Kampfkünste, mal etwas zum Thema Anwendung zu veröffentlichen, kommen bei entsprechender Reichweite schnell die pflichtschuldigen Antworten: „Wirkt nicht gegen BJJ“, „den würde ich gern mal im MMA sehen“, „schicke ihm einen guten Boxer und er ist platt“ und so weiter. 

Und tatsächlich haben Kampfsportarten wie BJJ ihre Effektivität in zahllosen Vergleichskämpfen bewiesen. Macht das nun die „traditionellen Kampfkünste“ überflüssig?

Ich denke, dass es sich lohnt, da ein bisschen genauer hinzuschauen. Denn nicht alles im Bereich der Kampfkünste dreht sich um das Oktagon und eine Selbstverteidigungssituation ist nicht unbedingt vergleichbar mit einem Duell oder einem Turnier. Es können Waffen im Spiel sein, Dritte mischen sich ein, auf dem Boden liegen vielleicht Scherben oder man befindet sich in einem beengten Raum. Der Tod des Polizisten Rouven L. in Mannheim ist ein tragisches Beispiel dafür, dass in einer urbanen Umgebung ein Kampf nicht gewonnen ist, wenn man seinen Kontrahenten am Boden kontrolliert – schnell mischen sich Dritte ein und greifen von hinten an. Es kann nur von Vorteil sein, wenn man im Bodenkampf bewandert ist – aber ihn in einer Selbstverteidigungssituation aktiv zu suchen, kann fatale Folgen haben.

Daneben stellt sich beim Thema „Selbstverteidigung“ die Frage, gegen wen man sein Selbst überhaupt verteidigen muss. Es läuft nicht an jeder Straßenecke ein BJJ-Sportler oder Muay-Thai-Kämpfer umher, der ohne jeden Grund auf x-beliebige Passanten losgeht. Ganz im Gegenteil – laut Statista.com gibt es insgesamt ca. 670.000 Mitglieder in deutschen Kampfsport-Verbänden (also alle zusammen) – und einige Kampfsportler, die ich kenne, sind sehr freundliche und gutgelaunte Menschen. Die Gefahr, mich gegen einen gut ausgebildeten Ringer, Judoka oder Boxer auf der Straße verteidigen zu müssen, ist also eher gering. Auf der anderen Seite prügeln sich viele Straßenschläger mit großer Begeisterung, ohne je ein Dojo oder sonst eine Kampfsportschule von innen gesehen zu haben. Tatsächlich ist die Begeisterung dafür, anderen „aufs Maul“ zu hauen und die Bereitschaft, eine Situation schnell eskalieren zu lassen, bereits eine gute Voraussetzung, um einen „Straßenkampf“ zu gewinnen. Vernünftige Menschen sind daher gut darin, eine sich anbahnende Gefahrensituation frühzeitig zu erkennen und es gar nicht erst zu einem Kampf kommen zu lassen. Ich weiß – nicht immer kann man sich das aussuchen.

Manche wird es aber überraschen, dass der Mensch eigentlich die größte Gefahr für sich selbst darstellt, wenn man die Anzahl der Suizide in Deutschland bedenkt. Die Zahl der Suizide ist im Vergleich zu Tötungsdelikten und anderen Formen gewaltsamen Todes nämlich vergleichsweise hoch.

Im Jahr 2024 beendeten 10372 Menschen ihr Leben durch einen Suizid. Das waren 0,7 % mehr Fälle als im Vorjahr und 7,1 % mehr als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Die tendenzielle Verteilung zwischen Männern (71,5 %) und Frauen (28,5 %) ist dabei relativ konstant. (Quelle Statistisches Bundesamt).

Im Jahr 2024 gab es dagegen laut Statista.com in Deutschland insgesamt 2.780 Todesopfer bei Verkehrsunfällen, laut Übersicht des statistischen Bundesamtes waren es 2770 Verkehrsunfalltote. Leichte Abweichungen in den Zahlen erklären sich z.B. durch verschiedene Zählweisen (wie lange „nachträglich“ nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus Verstorbene mitgezählt werden usw.).

Im Vergleich dazu gab es laut polizeilicher Kriminalstatistik im Jahr 2024 insgesamt 2.303 Tötungsdelikte (einschließlich versuchter Tötungsdelikte, die das Opfer überlebt hat), davon wurden 584 vollendet und 668 Opfer verstarben infolge von Tötungsdelikten. Die Zahl der Tötungsdelikte und der Opfer von Tötungsdelikten ist nicht gleich, da es Tötungsdelikte mit mehr als einem Opfer gibt.

Und es gab im Jahr 2024 laut Statista.com 351 tödliche Arbeitsunfälle in Deutschland (laut Deutscher Gesetzlicher Unfallversicherung waren es 345 Fälle).

Zusammengerechnet gab es durch Tötungsdelikte, tödliche Verkehrs- und Arbeitsunfälle insgesamt also rund 3800 Getötete. Selbst wenn man statistische Ungenauigkeiten und ein gewisses Dunkelfeld einrechnet, sterben durch Suizid also deutlich mehr als doppelt so viele Menschen wie durch Tötungsdelikte, Verkehrsunfälle und Arbeitsunfälle zusammen.

Man kann meiner Meinung nach also zu dem Schluss kommen, dass Achtsamkeit und spirituelle Aspekte der traditionellen Kampfkünste einen höheren Selbstverteidigungswert haben, als viele Menschen annehmen. Sind es vielleicht auch nicht die entscheidenden Werkzeuge, um einen Käfigkampf zu gewinnen, so helfen sie doch mit Sicherheit dabei, Stress abzubauen, innere und äußere Konflikte früh aufzuspüren und auch das Unfallrisiko im Straßenverkehr oder auf Arbeit zu senken. 

Natürlich liebe ich trotz dieser Argumente auch die kämpferischen Aspekte des Taijiquan. Die Partnerübungen führen nicht nur spielerisch an das Thema einer kämpferischen Konfrontation heran, sie bieten auch Gelegenheit, ein gesundes Verhältnis zu Aggression zu entwickeln und den Umgang mit Druck körperlich erfahrbar zu machen und in einem sicheren Setting zu üben. Denn Harmonie ist nicht die Abwesenheit von Aggression. Das haben schon die alten Griechen verstanden – nicht ohne Grund ist die Göttin der Eintracht und Harmonie „Harmonia“ in der griechischen Mythologie die gemeinsame Tochter von Ares (dem Kriegsgott) und Aphrodite (der Göttin der Liebe). Harmonie erreicht man eben nicht, indem man sich überall verbiegt und zu allem Ja und Amen sagt. Man erreicht sie aber auch nicht, indem man mit dem Kopf durch die Wand geht. Wer Push-Hands eine Weile praktiziert und ein bisschen darüber nachdenkt, wird erstaunliche Parallelen zwischen körperlich wirkenden Kräften in den Partnerübungen auf der einen Seite und auf das Gemüt wirkende Kräfte (Zeitdruck, Meinungsverschiedenheiten und Zielkonflikte im Berufsleben) auf der anderen Seite feststellen. Und noch erstaunlicher ist, dass die gleichen Konzepte in beiden Fällen wirksam sein können. Ich selbst bin immer wieder erstaunt darüber, dass der körperliche Umgang mit Konflikten bei aller Komplexität im Grunde der einfachere Teil ist.

Alles in allem stellt Taijiquan eine sehr ausgewogene Form der Selbstverteidigung dar, die mit einem sehr geringem Verletzungsrisiko ein breites Spektrum des Themas Selbstverteidigung abdeckt. Man braucht sich also nicht hinter BJJ und MMA zu verstecken – ohne die Effektivität dieser oder auch den Spaß, den man dort haben kann, kleinreden zu wollen. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, welches Training ihm guttut und wo er sich zu Hause fühlt – die Angst, sich nur noch als muskelbepackter Käfigkämpfer auf die Straße trauen zu können, sollte bei dieser Entscheidung aber keine Rolle spielen.

André, WCTAG Taijiquan Schule Schwerin