Teil 3 - Die Abwesenheit des Egos

Herzlich willkommen. Dies ist der dritte Vortrag über die Praxis der Leerheit im Zusammenhang mit der Stehenden Säule …wie wir Wuwei kultivieren und uns allmählich aus einer geistigen Perspektive … Wuji nähern.

In den ersten beiden Schritten haben wir zunächst unsere Erfahrungen von Materialität auf den Raum reduziert und dann unsere Erfahrung von Objekten nur auf das Subjekt.

Ihr könntet euch jetzt also fragen ... nach dem Loslassen von Materialität.und dem Loslassen von Objekten ... gibt es da noch etwas anderes loszulassen? Was ist das nächste loszulassen? Das ist das Loslassen des Subjekts. Das Loslassen des Subjekts im Sinne des Loslassens der Identifikation ... des Gefühls des Egos … die Eitelkeit loslassen. Um nun zu demonstrieren, wovon ich spreche, möchte ich euch gerne ein Bild zeigen … es ist aus einem Buch zum Erlernen der chinesischen Sprache. Es hilft uns, das Bild zu verstehen, das hinter dem chinesischen Zeichen für ICH steht.

Ob das nun wirklich so stimmt oder nicht, ist jetzt nicht so wichtig … aber wenn wir die beiden Krieger sehen … jeder von den beiden so voll von sich selbst … und wir können uns vorstellen, dass sie sehr leicht in einen Kampf geraten werden … wegen des großen Egos. Diese Art von EGO ist das, was wir loslassen wollen. Die Idee hier ist nicht so zu tun, als gäbe es keine Subjektivität mehr … dass ich dann gar nicht mehr weiss, ob diese Kleidung jetzt zu mir gehört oder nicht.

Die Aufgabe ist einfach nur, diese von der Selbstbezogenheit, dieser Egoismus, diese übersteigerte Eingebildetheit … das loszulassen … und davon ist eigentlich immer etwas in unserer normalen Erfahrung dabei. Und das ist genau das, warum wir immer wieder in Konflikt geraten, warum wir einfach nicht immer mit den 10000 Dingen mitgehen können … mit dem DAO mitfließen können … das geht nicht, solange das EGO da im Wege ist. Wir wollen also diese Selbstreferentialität verringern, das Gefühl der Besitzer … der Chef der Erfahrung zu sein … der Kontrolleur …

Und wir beginnen wieder mit der stehenden Haltung … Dantien entspannen … Wirbelsäule, Brustkorb, verbinden Schultern und Hüften, Ellbogen und Knie und Hände und Füße. Der Körper ist entspannt und Dantien ist voll. Und wenn wir fühlen, dass es jetzt so weit ist, dass wir in die Praxis gehen können, die Praxis der Leerheit, fangen wir mit der Raumwahrnehmung an … vorne, rechts, hinten, links … alle vier Richtungen nach oben … auf den Kopf herunter … durch den Körper … und den Boden auflösen. Und wir stehen im grenzenlosen Raum … wir stehen selbst ist Raum … überall nur noch Raum.

Und nachdem wir nun eine Zeit als Raum im Raum gestanden haben, wenden wir uns dem zu, was weiss, was kennt, was sich bewusst ist ... der Geist … der grenzenlose Geist … das grenzenlose Bewusstsein … nur noch Geist …

Und nachdem wir in der Erfahrung des grenzenlosen Bewusstseins, des grenzenlosen Geistes solange verweilt haben, wie es uns angemessen erscheint … erkennen wir das Gefühl des Besitzens … mein Bewusstsein … meine Erfahrung. Diese Identifikation ICH stehe, ICH meditiere …und wir lassen es los. Es besteht keine Notwendigkeit, die Erfahrung zu besitzen, keine Notwendigkeit ein Gefühl der Identifikation zu haben. Das Leben ist so viel einfacher … ohne das … ohne diese ständige Tendenz zur Selbstbezogenheit, ohne diese Last des EGOs. Wir lassen einfach los. Wir legen diese Last einfach ab. Und manchmal spüren wir, wie sich die Schultern vielleicht etwas mehr entspannen, der Brustkorb sich entspannt … noch entspannter als vorher … durch das Ablegen der Last des EGOs … einfach fallenlassen ... loslassen.

Das ist sehr nützlich für das tägliche Leben … in jeder Situation … bei Problemen, Konflikten. Wenn ich das angehen kann, ohne dass mir dabei mein EGO in die Quere kommt, kann ich damit so viel besser umgehen ... Oder die Form zu praktizieren, durch die Form gehen ohne das Gefühl … “ich bin derjenige, der hier übt“ … so ein Unterschied, so ein Unterschied. Und wenn ein Gedanke im Geist hochkommt … den könnte man fragen: Wer denkt denn da? ... Wer denkt? ... oder nur „Wer“? Wer ist das?

Wir schauen nach innen. Wenn wir auf diese Weise nachfragen ... wer gerade denkt? ... werden die Gedanken einfach nur still und verschwinden.

Eine der Hauptfunktion der Gedanken ist uns stets zu versichern, dass dieses ICH-Gefühl eine solide Grundlage hat. Doch wenn wir es wirklich betrachten … ist es völlig leer. Das selbst ist ein Konstrukt. Und auch dies ist eine Erkenntnis in Übereinstimmung mit der modernen Wissenschaft. Die Psychologie hat herausgefunden, dass die Idee einer festen Identität, als ein Selbst nur ein Konstrukt ist. Es ist eine Erfindung des Geistes. Das bedeutet nicht, die Subjektivität zu leugnen. Das heißt jetzt nicht, dass ich nicht mehr Ich oder mein sagen kann … Das ist kein Problem. Es geht nur um das Festhalten am MEIN … die Einbildung, den Egoismus, die Selbstbezogenheit, die oft mit dem Gefühl ICH BIN einhergehen kann.

Und je weiter wir üben, uns mit dieser Erfahrung vertraut machen … der Abwesenheit von Anhaftung und Selbstbezogenheit … um so mehr stellen wir immer wieder fest, dass wir so viel besser funktionieren. Ob es um das Stehen oder die Form geht, ob es um den Umgang mit den Dingen in dem täglichen Leben geht … ohne das EGO funktionieren wir soviel besser. Und wir sind viel mehr in der Lage, mit den 10000 Dingen mitzufließen.

Das ist eine ganz zentrale Einsicht, ein zentrales Werkzeug für Wuwei, für das Mitgehen mit dem DAO … das Abwerfen der Last des EGOs. Was für eine Erleichterung.

Und wann immer wir finden, dass es an der Zeit ist, die Übung abzuschließen, gehen wir wieder zurück zum grenzenlosen Bewusstsein … die ganze Welt in unserem Geist … und dann zum grenzenlosen Raum … Raum in allen Richtungen … überall nur Raum … Und dann die verkörperte Präsenz im Körper, das Schwerkraftgefühl, Stehen, Dantien … und unsere abschließende Praktiken.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit